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Lernt arabisch!

Lernt arabisch!

Kommentar

Die deutsche Israel-Forschung profitiert vom 50-jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen – aber warum sollte man sich mit einem winzigen Staat in Nahost beschäftigen? Eine Standortbestimmung und ein Plädoyer von Johannes Becke.

Das Heilige Land ist reich gesegnet an Forschungsstätten zur deutschen und deutsch-jüdischen Geschichte – innerhalb Israels kann man allein sieben derartige Institute aufzählen, häufig finanziert durch Zuwendungen der deutschen Minerva-Stiftung (einer Tochter der Max-Planck-Gesellschaft).

 

Diesseits des Mittelmeers galt dagegen bis noch vor kurzem: Eine systematische Forschung zum Staat Israel findet nicht statt. Die beiden wichtigsten regionalwissenschaftlichen Forschungsinstitute in Deutschland etwa, also die regierungsnahe Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin und das GIGA German Institute of Global and Area Studies (Hamburg) beschäftigen ausschließlich arabisch-, türkisch- und persisch sprechende Islam- und Politikwissenschaftler, um die Konflikte des Vorderen Orients wissenschaftlich zu erschließen.

 

Aber während viele Studierende durch Israel-Besuche zum Studium der Judaistik oder der Jüdischen Geschichte finden, so werden sie auch dort nur in den seltensten Fällen mit der wissenschaftlichen Erschließung des jüdischen Nationalismus sowie der israelischen Staatlichkeit in Berührung kommen. Die Gründe für diese Forschungslücke sind vielfältig: Zum einen versteht die deutsche Islamwissenschaft den Vorderen Orient (in der Tradition ihres Gründungsvaters Carl Heinrich Becker)  immer noch als »die Welt des Islam«; für nicht-muslimische Minderheiten der Region fühlt man sich hier (jenseits der Forschungsnische des »Christlichen Orients«) schlicht nicht zuständig.

 

Es dürfte daher kein Zufall sein, dass die Deutsche Morgenländische Gesellschaft renommierte Forschungszentren in Beirut und Istanbul begründete, aber (im Gegensatz zu britischen und französischen Vorbildern) keines in Jerusalem. Zum anderen haben aber ausgerechnet die Jüdischen Studien (also die kulturwissenschaftliche Ergänzung zur klassischen Judaistik) bisweilen ein auffälliges Faible für das Historisch-Unpolitische:

 

An die Stelle der judaistischen Erschließung von Bibelauslegung, Philosophie und Philologie rücken hier allzu bemühte Formen der Identitätspolitik, meist irgendwo zwischen regionalgeschichtlicher Trauerarbeit um ausgelöschte deutsch-jüdische Gemeinden und dem etwas mühevollen Versuch, die vermeintliche deutsch-jüdische Symbiose anhand ihrer Vertreter wie Walter Benjamin, Hannah Ahrendt und Martin Buber neu zu begründen.

 

Der verständlichen Sorge vor »Hasbara«-Studien begegnen

 

Wer sich also in der Vergangenheit wissenschaftlich mit dem zeitgenössischen Staat Israel auseinandersetzen wollte, dem blieb (ähnlich wie vielen, die sich mit der zeitgenössischen arabischen Welt beschäftigen wollen) eigentlich nur eine einzige Wahl: Der Weg ins Ausland.

 

Abgesehen von den Veröffentlichungen verdienstvoller deutsch-israelischer Einzelkämpfer (insbesondere Michael Wolffsohn wäre hier zu nennen) wurden eine substantielle Lehre und Forschung zum modernen Staat Israel eigentlich nur zu DDR-Zeiten an der Humboldt-Universität aufgebaut, auch wenn dieser Lehrstuhl (unter der Leitung von Prof. Angelika Timm) bedauerlicherweise 1998 abgewickelt wurde – übrigens ohne dass ostdeutsche Arabisten ein ähnliches Schicksal ereilt hätte.

 

Soweit die unrühmliche Geschichte der deutschen Israel-Studien in aller Kürze. Nach dem Vorbild der angelsächsischen Welt, wo vor allem in den letzten zehn Jahren (häufig auf Initiative jüdischer Institutionen) das Fach »Israel Studies« als Gegenentwurf zur tatsächlichen und imaginierten antizionistischen Polarisierung der Nahost-Studien etabliert wurde, bemühen sich deutsche Bildungsinstitutionen aber seit einiger Zeit um das Fach »Israel-Studien«, häufig mit dem Zusatz »Israel- und Nahoststudien«.

 

Seit diesem Jahr wurde eine entsprechende Stiftungsprofessur des Landes Baden-Württemberg an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg von einer Gastprofessur in eine Juniorprofessur umgewandelt; Anfang Juni eröffnete die Ludwig-Maximilians-Universität in München ein Zentrum für Israel-Studien unter der Leitung von Prof. Michael Brenner; auch die Universität Mainz kündigte schließlich vor kurzem die Umwandlung der bisherigen »Studienstelle Israel« in eine W2-Professur für Israel- und Nahoststudien an.

 

In der deutschen Nahostforschung mag die berechtigte Sorge umgehen, dass hier mit staatlichen Mitteln Propaganda-Lehrstühle geschaffen werden, um die Studierenden auf die Nibelungentreue zum Staat Israel einzuschwören – also, um das hebräische Wort für »Propaganda« aufzugreifen, Israel-Studien als Hasbara-Studien. Dieser verständlichen Sorge kann innerhalb der deutschen Israel-Studien nur begegnet werden durch die bewusste Reflexion der eigenen hermeneutischen Voraussetzungen, ein intensives Quellenstudium der grundlegenden Texte in der Originalsprache sowie eine theoriegeleitete und idealerweise vergleichend ausgerichtete Herangehensweise.

 

In vielen geisteswissenschaftlichen Disziplinen gilt es als offenes Geheimnis, dass die Mehrzahl der Forscher ihrem Forschungsobjekt keine »Neutralität des Herzens« (Willy Brandt) entgegenbringt – den deutschen Israel-Studien kann dagegen (in ihrem eigenen Interesse) nur dringend geraten werden, sich streng aus der israelischen Tagespolitik herauszuhalten.

 

Den Staat Israel in seiner regionalen Verankerung im Vorderen Orient verstehen

 

Künstliche Tabus darf es dabei ebenso wenig geben wie Solidaritätsklauseln in den Arbeitsverträgen oder die mangelnde Reflexion der klassisch deutschen Epistemologie des verdrängten und projizierten Schuldgefühls: Während von Osmanisten und Türkeikundlern selbstverständlich erwartet werden kann, sich mit dem Völkermord an den Armeniern auseinanderzusetzen, so darf es für die deutschen Israel-Studien keine Denkverbote geben, wenn es um Folgen des zionistischen Projekts für die arabisch-palästinensische Bevölkerung des Landes Israel/Palästina geht – angefangen von den ethnischen Säuberungen des Unabhängigkeitskrieges bis zum gegenwärtigen Siedlungsbau in den besetzten Gebieten.

 

Umgekehrt muss von Islamwissenschaftlern verlangt werden dürfen, sich mit der ethnischen Säuberung der orientalischen Juden (»Mizrahim«) aus beinahe der gesamten arabischen Welt zu befassen – und mit Jahrzehnten der Hass-Propaganda gegen den jüdischen Nationalstaat. Jenseits der Klischees von verlogener »Israelkritik« und unbedingter »Israelsolidarität« könnten die deutschen Israel-Studien so dazu beitragen, einen kritischen Blick über das Mittelmeer zu werfen.

 

Am Beispiel des zionistischen Projekts können beispielhaft tiefgreifende Probleme des Vorderen Orients diskutiert werden – angefangen vom Umgang mit ethno-religiösen Minderheiten bis hin zum irredentistischen Volkstumskampf um besetzte Gebiete, in dem sich das Westjordanland und die Westsahara ähnlicher sein dürften als Israelis und Marokkaner bereit sind zuzugeben. Dazu gehört aber auch die Frage nach der nationalstaatlichen Selbstbestimmung für staatenlose Völker – die zionistische Option eines wehrhaften Ethno-Separatismus dürfte nicht nur die kurdische (und zuvor die maronitische) Nationalbewegung beeinflusst haben, sondern könnte angesichts des syrischen Bürgerkrieges in naher Zukunft für Drusen und Alawiten zum schicksalshaften Vorzeichen werden.

 

Eine intensive Ausbildung im modernen Hebräisch gehört heute bereits zu den Grundvoraussetzungen der deutschen Israel-Studien – und man könnte sich nur schwerlich Lehrstühle für Israel- und Nahoststudien vorstellen, die nicht in einer gründlichen Sprachausbildung verankert sind. Um den Staat Israel in seiner regionalen Verankerung im Vorderen Orient zu verstehen, wird es in Zukunft aber wohl nicht ausreichen, modernes Hebräisch auf hohem Niveau zu beherrschen. Für die deutschen Israel-Studien gilt daher die Devise: Lernt arabisch!


Johannes Becke ist Juniorprofessor am Ben-Gurion-Lehrstuhl für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

Von: 
Johannes Becke

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