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Interview zum Völkermord an den Jesiden

»Der IS hat eine ganze Generation zerstört«

Interview
Interview zum Völkermord an den Jesiden
Bis heute zeugen menschliche Überreste von den Verbrechen des IS im Nordirak – und die meisten Jesiden trauen sich nicht zurück in ihre Heimatdörfer. Foto: Gohdar Alkaidy

Zwölf Jahre nach dem Völkermord an den Jesiden im Irak geht ein neues Buch der Frage nach, wie es um Aufarbeitung, Entschädigung und Deradikalisierung steht. Im Interview berichtet einer der Autoren, Gohdar Alkaidy, warum der »Islamische Staat« ungeniert wüten konnte – und was aus den Kindersoldaten von damals wurde.

zenith: Ihr Buchtitel bezeichnet nicht nur den organisatorischen Rahmen der Kindersoldaten des IS, sondern auch Mittel und Ziele der Indoktrination.

Gohdar Alkaidy: Alles begann damit, die Kinder zu brechen. Ihre Väter wurden ermordet – zum Teil vor ihren Augen, sie selber zwangskonvertiert. Wer sich dem verwehrte, erlitt Folter: Brandmale, Schläge oder an den Füssen aufgehängt zu werden. Danach wurde den Kindern beigebracht zu töten. Erst an Teddybären, dann Schafe, später Menschen. Der IS kombinierte die Gewalt mit zwei Versprechen. Zu den »Junglöwen des Kalifats« zu gehören, versprach nicht nur religiöse Erlösung, sondern eröffnete zugleich die Aussicht, als Herrscher der nächsten Generation aufzusteigen. Dieses Versprechen machte diese grenzenlose Gewalt in den Kinderlagern erst möglich.

 

Im Irak selber setzte eine partielle Diskussion über die Aufarbeitung ein, als Meilenstein gilt das »Gesetz für jesidische Hinterbliebene«, das das irakische Parlament 2021 verabschiedete und eine Art Reparationszahlung möglich macht. Was ist seither geschehen?

Wenig bis gar nichts. Nicht nur handelt es sich um lächerlich geringe Summen: Nicht mehr als monatlich 600 US-Dollar stehen einem anerkannten Überlebenden des Völkermordes zu. Dass eine Person aber überhaupt als Überlebender anerkannt wird, ist ein komplizierter, oft absichtlich erschwerter Prozess. Auch die Umsetzung stockt erheblich. Von einem Diskurs kann keine Rede zu sein, vielmehr scheint der Völkermord an den Jesiden vergessen zu sein, oder eher: unter den Tisch gekehrt.

 

Wo haben Sie diese heutigen Erwachsenen genau interviewt, und welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Die Interviews wurden 2019 im Irak gemacht, in den Flüchtlingslagern. Dabei handelte es sich nicht wirklich um übliche Interviews, sondern einfach um aktives Zuhören. Oft waren das Menschen, die ihre Geschichte zum ersten Mal erzählen. Jede dieser Geschichten ist einzigartig, und ehemalige Kindersoldaten schauen oft ganz anders auf ihr Schicksal und ihre Zukunft.

 

Inwiefern?

Beispielsweise ein heute vierzehnjähriger Junge, der bis heute stolz darauf ist, Anhänger des IS gewesen zu sein. Er stellte sich mit seinem IS-Kampfnamen Abd al-Wali vor. Seine jesidische Herkunft leugnet er, und hält die Jesiden für Ungläubige. Was die Menschen in den Flüchtlingslagern normalerweise eint, ist der Wille, dort rauszukommen. Viele wollen Irak und Syrien gänzlich verlassen, und nicht dahin zurückkehren, wo ihre Angehörigen getötet und vergewaltigt wurden. Doch Abd al-Wali will vor allem eins: Zurück auf das Schlachtfeld, und sich rächen. Der IS hat eine ganze Generation zerstört.

 

Warum kehren die Jesiden nicht in ihre Heimatdörfer zurück?

Viele Jesiden wollen eigentlich zurückkehren in ihre Heimatdörfer, aber dazu fehlt im Irak die Perspektive. Seit zwölf Jahren leben diese Menschen in Flüchtlingslagern – und zwar in jenen Gegenden, in denen der Völkermord verübt wurde. Dort werden zwar Dörfer zum Teil wieder aufgebaut, aber zum größten Teil nur arabische und nicht die der jesidischen Opfer. Die Jesiden können in diesem Zustand dort nicht leben. Auch, weil das Vertrauen der Jesiden in die irakische Gesellschaft völlig erschüttert ist. Schließlich haben die dort stationierten Polizeikräfte, der Sicherheitsapparat und das Militär ihre eigene Haut gerettet und die Jesiden damals im Stich gelassen. Das Problem ist allerdings bis heute auch gesamtgesellschaftlicher Natur…

 

Was genau meinen Sie damit?

Bis heute predigen islamistische, arabische wie kurdische Mullahs immer wieder Hass gegen Jesiden. Immerhin darauf hat die Kurdische Autonomieregierung reagiert, und einige von ihnen strafrechtlich verfolgt. Aber Vertrauen und Perspektive bietet der Irak den Jesiden nicht mehr. Die meisten wollen deshalb nach Europa.

 

Ihr Buch ist in einfacher, schlichter Sprache gefasst, an wen richtet sich »Junglöwen des Kalifats«?

Unser Buch ist Aufarbeitung und Aufruf zugleich: Nicht nur richten wir uns an alle Interessierten, sondern auch an heutige Erwachsene, die als Kinder dem IS dienen mussten und versklavt wurden. Ihnen muss geholfen werden, gerade auch im Irak: Noch immer leben die Überlebenden des jesidischen Völkermordes ohne Zukunftsperspektive in Flüchtlingslagern. Unser Buch ist auch eine Kritik an Deutschland. Nachdem die Bundesregierung die Ereignisse im Irak zwischen 2014–2017 als Völkermord anerkannt hat, wurden viele Versprechen gemacht.

 

Beispielsweise?

Eine Dokumentationsstelle einzurichten, die diese Verbrechen dokumentiert. Beim Wiederaufbau jesidischer Siedlungen zu unterstützen und den knapp 300.000 jesidischen Binnenflüchtlingen bei ihrer Rückkehr zu helfen. Doch die Jesiden und ihr Schicksal scheinen in den deutsch-irakischen Beziehungen kaum mehr eine Rolle zu spielen. Stattdessen begann die Regierung noch unter Bundeskanzler Olaf Scholz, Jesiden wieder in den Irak abzuschieben. Auch wenn das die Politik hier in Deutschland behauptet: Ohne Wiederaufbau ihrer Heimatregionen und Stärkung von Schutzmaßnahmen für jesidisches Leben vor Ort ist der Irak für die Jesiden nicht sicher. Umso wichtiger war es uns, die Erfahrungen der Kinder für eine breite Leserschaft zugänglich zu machen.


Interview zum Völkermord an den Jesiden

Gohdar Alkaidy ist Co-Vorsitzender und Mitgründer der Stelle für Jesidische Angelegenheiten und ist Hauptinitiator der Petition an den Bundestag, der die Verbrechen des Islamischen Staates gegen die Jesiden 2023 einstimmig als Völkermord anerkannt hat.


Interview zum Völkermord an den Jesiden

Junglöwen des Kalifats

Gohdar Alkaidy und S.R. Seido

Westend Verlag, Juli 2026

192 Seiten 20 Euro

Von: 
Pascal Bernhard

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