Der Krieg zwang Millionen Iraner, sich in Sicherheit zu bringen. Im osttürkischen Van blicken sie mit gemischten Gefühlen auf den Krieg und die Zukunftsaussichten in ihrem Heimatland.
Der 25-jährige Azad überquert, wie Hunderttausende jedes Jahr, die iranische Grenze von Razi in die Türkei bei Kapıköy. »Überraschenderweise sind seit Kriegsbeginn nicht mehr Menschen in die Türkei ausgereist als sonst üblich«, sagt ein Grenzbeamter. Für viele geht es von dort weiter nach Van. Die osttürkische Großstadt mit ihren Malls, Starbucks-Filialen und Burger-Kings-Restaurants verspricht iranischen Reisenden ein paar Tage westlichen Konsums. Auch Azad will einkaufen, bei LC Waikiki vorbeischauen und am Boulevard durch die Geschäfte ziehen. Solche Kurztrips macht er seit Jahren. Doch die vergangenen beiden Fahrten von Teheran nach Razi hatten mit Routine nichts zu tun.
Seine vorige Reise fiel in die Protestwelle des Vormonats. Nun, Mitte März, ist er erneut hier, diesmal floh er mit Beginn der amerikanisch-israelischen Offensive aus Teheran. Die Bomben fielen, sagt er, »immer und überall«. Er schätzt, aus der Metropolregion sind in den vergangenen Wochen wohl die Hälfte der Einwohner geflohen. Auch auf dem Land, wo seine Mutter lebt, schlagen Raketen ein, Fenster zerspringen und Menschen werden getötet. Ein wirklich sicheres Refugium gibt es innerhalb Irans nicht mehr. Seiner Familie geht es immerhin gut, erzählt er.
Die enormen Summen, die das Regime Jahr für Jahr im Militärapparat versenkt, dienen nicht dem Schutz der eigenen Bevölkerung, sagt Azad. In der Hauptstadt gebe es weder wirksame Flugabwehr noch ein Warnsystem. »Es wird kein Cent für das Wohl der Bevölkerung ausgegeben. Der Ölreichtum des Landes versickert seit Jahrzehnten vor den Augen der Menschen. Selbst wenn Trump sich nach dem Krieg die Öleinnahmen aneignet, würde das an der Lebensrealität der Bevölkerung kaum etwas ändern.«
»Alles, was danach kommt, kann nur besser sein«
Auch andere Ressourcen sind in politische Abhängigkeiten überführt worden. In den Bereichen Wasser, Häfen, Fischerei, Automobil, Stahl, Lebensmittelproduktion sowie Gas, Sicherheit und Militär rückt Teheran seit Jahren eng an die Seite Xi Jinpings. Besonders deutlich wird das im digitalen Raum. Azad spricht von Irans Abhängigkeit von Chinas »Großer Firewall«. Das System, das China über Jahrzehnte aufgebaut hat, ermöglicht nicht nur die technische Abschottung vom globalen Netz, sondern auch nahezu lückenlose digitale Überwachung. Iran kauft diese Systeme ein, sagt er, ohne dass die Bevölkerung davon irgendeinen Nutzen hat. Im Gegenteil: Sie dienen nicht dem Zivilschutz, sondern der Kontrolle.
Seit Wochen ist Iran faktisch ohne Internet. Das Rückgrat des Netzes ist gekappt. Azads Instagram-Stories, sonst gefüllt mit den Posts von Freunden aus Teheran und anderen Städten, sind leer. Niemand postet mehr. Niemand erreicht verlässlich irgendwen. Auch deshalb ist er nach Van gekommen. Als Softwareentwickler kann er unter diesen Bedingungen in Iran nicht arbeiten.
»Ich habe von diesem Moment geträumt«, sagt er und lächelt, als ich ihn frage, was er von den amerikanisch-israelischen-Angriffen hält. Es sind Sätze, die sich nur aussprechen lassen, wenn das Bestehende als restlos unerträglich empfunden wird. »Alles, was danach kommt, kann nur besser sein.« Er habe mir ja geschildert, wie das Regime seine Bevölkerung unterdrücke. »Aber natürlich profitieren davon auch viele.«
Das persische Wort Estehlal bezeichnet die Suche nach der Neumondsichel, anhand derer bestimmt wird, wann ein neuer islamischer Mondmonat beginnt, etwa Ramadan, Shawwal oder Eid al-Fitr. Die Beobachtungsstellen dafür wurden per Dekret Ali Khameneis eingerichtet. Dass Hunderte, womöglich Tausende Menschen, deren Aufgabe im Kern in der Mondbeobachtung besteht, mit Geld und technischem Equipment direkt aus dem Machtapparat des Obersten Führers ausgestattet werden, sage viel über dessen Prioritäten aus. Es überrasche daher kaum, dass für solche Positionen nur die Regimetreue zähle.
Je länger die Gespräche dauern, desto deutlicher wird, dass dieser Konsens brüchig ist
Azad selbst arbeitet unter falschem Namen für einen IT-Sicherheitsdienstleister im Silicon Valley. Wegen der Restriktionen des Regimes, sagt er, bleibe ihm nichts anderes übrig. Zugleich sieht er in der ungleichen Verteilung von Bildung eine weitere Stütze der Herrschaft. Er selbst habe eine gute Ausbildung genossen. Viele andere nicht. »So sind viele Regimetreue einfach Marionetten. Seit 1979 sehen Iraner ihre Autoritäten beten, das Internationale hassen und die permanente Revolution im eigenen Land beschwören, stets verbunden mit dem Appell zur Wachsamkeit gegenüber äußeren wie inneren Feinden.« Fast fünfzig Jahre lang sei diese Ordnung nicht grundsätzlich hinterfragt worden.
Hinzu komme eine Logik, die Azad mit dem Begriff Taqiyya beschreibt. Ursprünglich dient das religiöse Konzept dem Schutz der Identität und erlaubt in Gefahrensituationen die Notlüge, etwa das Verbergen der eigenen Glaubensrichtung. In der Praxis des Regimes, ist Azad überzeugt, ist daraus jedoch ein Herrschaftsprinzip geworden. Ein System, das lügt und diese Lügen zugleich mit dem Hinweis rechtfertigt, sie dienten dem Schutz des Gottesstaates. Aus struktureller Misswirtschaft, Gewalt und systematischer Lüge speist sich seine Hoffnung auf das Danach. Azad sieht drei mögliche Szenarien. Im ersten bleibt das Regime an der Macht. Der Status quo hält, nichts verbessert sich. Im zweiten brechen nach dem Ende der Bombardierungen Massenproteste aus, heftiger noch als jene Anfang des Jahres. Das Regime stürzt, Reza Pahlavi kehrt zurück und führt das Land zunächst autoritär. Ob daraus wirklich Demokratie erwächst, sei ihm fast gleich, sagt Azad. Schon das Ende dieses Regimes wäre für ihn ein Fortschritt.
Am wahrscheinlichsten hält er jedoch ein drittes Szenario. Das Regime fällt, Pahlavi kehrt zurück, aber sein Rückhalt reicht nicht aus, um das Land zusammenzuhalten. Ethnische, regionale und politische Konflikte brechen aus. Azad hofft auf föderale Verwaltungsstrukturen, die den vielen Ethnien des Landes Autonomie ermöglichen. Zugleich rechnet er damit, dass zunächst ein langer Bürgerkrieg bevorstehen könnte. Pahlavi habe Anhänger im In- und Ausland. Kurden und andere Minderheiten würden für ihre Rechte eintreten. Und auch das zerschlagene Regime bliebe ein Faktor. Die Basij-Miliz und Hunderttausende Regimetreue würden, davon ist Azad überzeugt, auch ohne Obersten Führer weiterkämpfen. »Darauf sind sie trainiert.«
Für den Zustand totaler Erschöpfung kennt das Persische ein Wort: Estisaal. Es beschreibt eine Lage äußerster politischer Sackgasse, psychischer Auszehrung und tiefer Hoffnungslosigkeit, in der die Gegenwart unerträglich und die Zukunft verschlossen erscheint. In Van treffe ich weitere Iranerinnen, die genau in diesem Zustand zu leben scheinen. Die Lehrerin Nika sagt, die Bomben auf Teheran, die Toten, der toxische Regen seit dem Angriff auf das Öllager der Hauptstadt und die allgegenwärtige Angst sind »ein Übel, durch das Iran jetzt durchmuss«. Nach außen wirken diese Gruppen geschlossen. Sie sitzen zusammen, reden zusammen, vertreten gegenüber Außenstehenden eine gemeinsame Haltung. Doch je länger die Gespräche dauern, desto deutlicher wird, dass dieser Konsens brüchig ist.
Die Visa der Iraner sind befristet. In wenigen Wochen müssen viele weiterziehen, nach Georgien oder in andere Nachbarländer
In einer Gruppe von sechs Iranerinnen sind auch zwei Kurdinnen. Gemeinsam sagen sie, was jetzt komme, sei besser für Iran. Die Bevölkerung werde geeint auf die Straße gehen. Dass in Iran unterschiedliche Ethnien mit teils gegensätzlichen Interessen leben und auf die Kriegswochen ein innerer Konflikt folgen könnte, weisen sie zunächst zurück.
Später jedoch kommen die beiden Kurdinnen noch einmal allein auf mich zu. Vor ihren Freundinnen, sagen sie, könnten sie nicht offen sprechen. Für ein Gespräch seien sie aber bereit. Bahar und Henar stammen aus einer kurdisch geprägten Stadt. Sie fürchten, dass die Kämpfe nicht so bald enden, wie ihre Freunde es beschwören. Das Mobilisierungspotenzial kurdischer Interessen in ihrer Heimat sei groß. Iran nähmen sie keineswegs als geeinte politische Gemeinschaft wahr. Und auch eine mögliche Protestbewegung sehen sie nicht automatisch als geschlossen.
Trotzdem sind die Sechs froh, gemeinsam nach Van gekommen zu sein. Eine von ihnen sagt nebenbei einen Satz, der viel über die psychische Verfassung dieser Tage erzählt: »Wir wollen zusammenbleiben. Andernfalls würde ich mir das Leben nehmen.« »Der Alltag in Van ist ein Schwebezustand. Wir sitzen die meiste Zeit in den Malls, trinken Kaffee am Boulevard oder gehen abends in Clubs und Bars«, sagt Nika. »Einen Plan für danach haben wir nicht.«
Die Visa der Iraner sind befristet. In wenigen Wochen müssen viele weiterziehen, nach Georgien oder in andere Nachbarländer, die mit iranischem Pass noch erreichbar sind. Ohne Internet, ohne verlässlichen Kontakt zu ihren Familien in Iran und ohne Aussicht auf ein baldiges Ende der Angriffe vergeht die Zeit in kleinen Einheiten: Tee für Tee, Zigarette für Zigarette, Tag für Tag. Große Pläne entstehen daraus nicht. Es bleibt nur die Hoffnung, dass alles, was kommt, besser sein möge.




