Israelische Politiker und Aktivisten kämpfen seit Jahren für die Auflösung des UN-Palästinenserhilfswerks und stehen womöglich kurz vor dem Ziel. Ein deutsch-israelischer Dokumentarfilm zeigt exemplarisch, wie man sich zum Teil dieser Kampagne macht.
Am 28. Januar 2025, einem sonnigen Dienstag, übt Israels UN-Botschafter Danny Danon an einem hölzernen Loungetisch in der Lobby des Hauptquartiers der Vereinten Nationen in New York eine Rede. Danon, Likud-Politiker und laut Jerusalem Post »Schwergewicht« seiner Partei, ist bekannt für aggressives Auftreten in New York: Seit Jahren befürwortet er die Annexion großer Teile des Westjordanlands. Einmal verkündete er aus Verärgerung über einen UN-Bericht zu Israel den »Kontaktabbruch« mit Generalsekretär Antonio Guterres. In einer Sondersitzung zum Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten schrie Danon jüngst die UN-Sonderberichterstatterin und Sitzungsleiterin nieder. An diesem Wintertag in der Lobby wirkt er jedoch nahbar, unsicher, fast sympathisch. Der 55-Jährige lässt sich von einem Mitarbeiter die englische Aussprache korrigieren und stolpert mehrmals über zwei entscheidende Worte: »must cease«. Später an diesem Tag wird Danon vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erklären: »UNRWA muss den Betrieb einstellen und alle Räumlichkeiten in Jerusalem räumen.«
Danach hat Israel das UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge, kurz UNRWA, aus dem Land geworfen. Eine der ältesten, 1949 mit Mandat Nummer 302 gegründeten UN-Einrichtungen, welche seither neben humanitärer Versorgung für die Flüchtlinge quasi-staatliche Aufgaben wahrnimmt, soll nicht länger in Gebieten unter israelischer Kontrolle operieren: Ost-Jerusalem, dem Westjordanland und dem Gazastreifen. Vergangenen Januar haben von israelischen Behörden angewiesene Bulldozer zu diesem Zweck das Hauptquartier des Hilfswerks in Ost-Jerusalem demoliert.
Danon verlässt die Lobby, fährt eine Rolltreppe hoch. Sein Schritt ist langsam, sein Blick wach, aufmerksam, suchend. Dann betritt er den Saal des UN-Sicherheitsrats.
Diese Details kennt jeder Zuschauer des Dokumentarfilms »Unraveling UNRWA« – eine Koproduktion der israelischen Zygote Films mit der deutschen Firma Beetz Brothers. Die Kamera des israelischen Regisseurs Duki Dror saß mit am Tisch und konnte sogar Danons Manuskript mitlesen. Ein glücklicher Zufall, so nennt das Dror im Gespräch mit zenith. Eine Kollegin in New York habe den Dreh koordiniert.
»UNraveling UNRWA« erzählt die Geschichte des Flüchtlingswerks aus Drors Sicht. Es steht nicht als Teil der Lösung oder Linderung des Nahostkonflikts da, sondern als Teil des Problems. In Drors eigenen Worten zieht UNRWA »eine Generation nach der nächsten an palästinensischen Flüchtlingen groß, die an der Fiktion der Rückkehr festhalten.« Was für die Palästinenser eine Utopie sei, sei für ihn, Dror, eher ein Albtraum: »Solange UNRWA existiert, halten sie an dem Plan fest, zurückzukehren. Und der 7. Oktober ist dieser Plan in Aktion.«
In Deutschland, dem derzeit größten staatlichen Geber für das Hilfswerk, trifft der Film auf eine von Unsicherheit und Polemik geprägte Debatte über UNRWA. Vor dem Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 hatte Deutschland das Hilfswerk mit mehr als 200 Millionen Euro jährlich unterstützt. Nachdem Israels Regierung den Vorwurf erhoben hatte, dass sich UNRWA-Mitarbeiter am Überfall beteiligt hätten, setzte die Bundesregierung die Gelder über Monate aus, nahm die Zahlungen aber später wieder mit einer reduzierten Summe von 142 Millionen jährlich auf.
Deutschland ist ein Zielland für Lobbyarbeit und strategische Kommunikation. Für diejenigen, die das Werk erhalten wollen. Und diejenigen, die die Absicht haben, es zu zerstören
Die CDU sprach sich auf ihrem letzten Bundesparteitag im Februar 2026 für ein vollständiges Ende der deutschen Zahlungen aus. Im vergangenen November hat die Bundesrepublik erstmals nicht zugestimmt, das Mandat für UNRWA zu verlängern. Die Enthaltung stellte einen Kompromiss der Koalitionsparteien SPD und Union dar und wurde in New York, wo die Bundesrepublik traditionell als Unterstützer der UN und ihrer Organe gilt, mit Sorge aufgenommen. Deutschland ist ein Zielland für Lobbyarbeit und strategische Kommunikation. Für diejenigen, die das Werk erhalten wollen. Und diejenigen, die die Absicht haben, es zu zerstören.
Auf dem Filmfest Haifa wurde »UNraveling UNRWA« vergangenen Oktober für seine »investigativen Einblicke« und »historische Weitsicht« prämiert. In Deutschland erregte Drors Film weniger wegen seines Inhalts Aufsehen, als wegen der Umstände seiner Veröffentlichung – oder besser, seiner Nichtveröffentlichung. Die Produktionsfirma der Brüder Beetz, die bislang mehrere Fernsehdokus mit Dror für die Öffentlich-Rechtlichen Sender produziert hat, erhielt eine Absage von ZDF und arte. Als Abnehmer des Films fand sich stattdessen bild.de – das Boulevardblatt aus dem Hause Axel Springer nutzte ihn, um nicht nur Stimmung gegen UNRWA, sondern auch gegen das ZDF zu machen, etwa mit der Überschrift: »Diese Nahost-Doku durften Sie bislang nicht sehen!« Bild ließ die Doku – ohne Paywall – 14 Tage auf seiner Homepage stehen.
Bild zitierte den Koproduzenten des Films, Reinhardt Beetz, mit der Behauptung, die Sender hätten »das Vorhaben entgegen allen Vorbesprechungen nicht genehmigt«. Das ZDF wies öffentlich zurück, »UNraveling UNRWA« jemals in Auftrag gegeben zu haben oder finanziell beteiligt gewesen zu sein; arte strahlte wenige Wochen später eine andere Dokumentation über das Hilfswerk aus. Beetz möchte sich zu dem Zerwürfnis und der Zusammenarbeit mit Bild nicht mehr öffentlich äußern.
Machart, Erzählung, die Auswahl der Interviewpartner, aber auch der ungewöhnliche Weg, über den Drors 75-minütige Doku an die deutsche Öffentlichkeit fand, machen »UNraveling UNRWA« zu einem Teil dessen, was die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einer Recherche über die deutsche UNRWA-Debatte eine »politik-propagandistische Verwertungskette« nennt – ungeachtet dessen, ob die Macher des Films sich dessen bewusst waren oder nicht. Eine Studie des israelischen Journalisten Alon Sahar vom Juli zählt 15 individuelle Akteure, deutsch-israelische Interessensverbände und zum Teil weltweit vernetzte Vereine auf, die seit Jahren im politischen Berlin gegen UNRWA lobbyieren. In der israelischen Zeitung Haaretz über das Thema mit deutschen Bundestagsabgeordneten (und Politikwissenschaftlern) gesprochen hat, redet der Politikwissenschaftler Ilyas Saliba von einer »Delegitimierungsmaschinerie«.
So nah wie der Film dem israelischen UN-Botschafter Danon im Prolog gekommen ist, so sehr dominieren in ihm Narrative, die genau diese Kampagne gegen das UN-Werk in der deutschen Politik verbreiten.
Eine Veränderung oder Aufhebung dieses Rechts läge im Fall der Palästinaflüchtlinge bei der Generalversammlung der UN, nicht bei UNRWA als humanitärem Hilfswerk ohne politisches Mandat
Die Politologin Muriel Asseburg von der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik, Autorin mehrerer einschlägiger Werke über den israelisch-palästinensischen Konflikt, hat »UNraveling UNRWA« gesehen und begutachtet. Sie sieht kein Problem darin, dass der Film einen kritischen Blick auf ein Hilfswerk hat, das sich aus Steuereinnahmen der Geberländer finanziert. Anders sehe es aus, wenn Vorwürfe, die Gesprächspartner erheben, »im Raum stehen gelassen werden, die nicht belegt, veraltet oder schlicht inkorrekt sind.«
Schlicht inkorrekt: Ein in Drors Film als ehemaliger Leiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) vorgestellter Zlatko Zigic, der tatsächlich seit 2017 selbstständig ist und laut seinem LinkedIn-Profil unter anderem UN WATCH berät, erklärt: UNRWA halte »den Flüchtlingsstatus am Leben«, weil es diesen an die Kinder der Vertriebenen weitervererbe. Das sei nirgends sonst auf der Welt gestattet und bei UNRWA nur möglich, weil dahinter »eine politische Agenda« stecke. Das Vererben des Flüchtlingsstatus entspricht jedoch der UN-Kinderrechtkonvention, dem Grundsatz der Familieneinheit und ist, etwa in Deutschland, über das sogenannte Familienasyl all denjenigen Geflüchteten gestattet, in deren Heimat sich ein Konflikt über mehrere Generationen zieht. Deshalb haben etwa auch in Afghanistan und Somalia Kinder von Geflüchteten und Staatenlosen – auch mangels Alternativen – den Flüchtlingsstatus erhalten. Eine Veränderung oder Aufhebung dieses Rechts läge im Fall der Palästinaflüchtlinge bei der Generalversammlung der UN, nicht bei UNRWA als humanitärem Hilfswerk ohne politisches Mandat.
Nicht belegt: Hillel Neuer von der Lobbygruppe UN WATCH behauptet als einer von Drors zentralen Interviewpartnern, dass UNRWA-Geberländer seit langem gewusst hätten, dass sie »Terror unterstützen«, und »aktiv an der Vertuschung dieser Tatsache beteiligt« gewesen seien. Belege dafür fordert Dror keine, genauso wie er dem Publikum den Sprecher nicht angemessen vorstellt: UN WATCH ist eine NGO mit Sitz in Genf, die den wenigen öffentlichen Angaben zufolge früher vom American Jewish Committee finanziert wurde und seit 2013 fast ausschließlich von privaten Spenden aus Nordamerika abhängt. Seit ihrer Gründung 1993 diskreditiert die NGO immer wieder mit Israel befasste Resolutionen und Beschlüsse der UN als antiisraelisch und antisemitisch.
Veraltet: Als vermeintlichen Beleg der strukturellen Unterwanderung von UNRWA durch die Hamas, die Neuer sieht, führt die Dokumentation die mutmaßliche Beteiligung mehrerer Mitarbeiter am Überfall vom 7. Oktober 2023 an. Der Film erzählt dafür das Schicksal einer israelischen Geisel, die auf dem Nova-Festivals im Süden Israels verschleppt wurde. Die Mutter des jungen Manns berichtet in »UNraveling UNRWA« unter Tränen, wie die Washington Post sie eines Tages angerufen und eine Journalistin gefragt haben soll: »Was sagen Sie dazu, dass die UNRWA Ihren Sohn entführt hat?« Der Kontext, in dem die Washington Post im Januar 2024 diese Frage stellt – nämlich dass Israel nur wenige Tage zuvor Vorwürfe gegen UNRWA erhoben hatte, denen die Post nun auf den Grund zu gehen versucht – erwähnt die Doku nicht. Die Ergebnisse der Recherche, die sich bis heute online lesen lässt, sind mittlerweile weitgehend veraltet, da die Journalisten zu diesem Zeitpunkt zu keiner unabhängigen Prüfung der Vorwürfe in der Lage waren.
»Man forciert einerseits Kritik und unterbindet andererseits Möglichkeiten für uns, darauf zu reagieren«
Der deutsche UNRWA-Sprecher Johannes Gunesch bestätigt zenith, dass das israelische Außenministerium im Januar 2024 den Generalkommissar des Hilfswerks, Philippe Lazzarini, kontaktiert und den Vorwurf geäußert hat, dass 12 UNRWA-Mitglieder an dem Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 beteiligt gewesen sein könnten. Unmittelbar danach habe der Schweizer UN-Funktionär diese zwölf Personen vorsorglich fristlos entlassen, so Gunesch. Die Beschreibung dieses Vorgangs deckt sich mit Recherchen internationaler Medien wie BBC, CNN und Spiegel.
Wenige Tage später hatte das zuständige Prüfbüro für interne Aufsichtsdienste der Vereinten Nationen Ermittlungen zu den Verdachtsfällen aufgenommen, deren Zahl im Laufe der Untersuchungen nach israelischen Anklagen auf 19 anstieg. Das Ergebnis, das sich im Internet einsehen lässt: Ein Verdächtiger ist bewiesenermaßen unschuldig, in neun Fällen hat Israel die Anschuldigungen nicht belegt, für die übrigen neun Personen ist eine Beteiligung am Angriff möglich. Um von einer gesicherten Tatsache zu sprechen, fehlten aber auch hier Beweise, die Israel weder an das Prüfbüro, noch an UNRWA geliefert hat. Oder wie Gunesch es ausdrückt: »Man forciert einerseits Kritik und unterbindet andererseits Möglichkeiten für uns, darauf zu reagieren.«
Eine bei Dror unerwähnte UN-Kommission unter der ehemaligen französischen Außenministerin Catherine Colonna aus dem Frühjahr 2024 attestiert UNRWA robuste Maßnahmen zur Prävention von Radikalisierung unter Mitarbeitern. Ihr Abschlussbericht, der sich öffentlich einsehen lässt, weist darauf hin, dass die UNRWA jedes Jahr Personalverzeichnisse an Israel weiterleitet und dass es in der Verantwortung Israels liegt, UNRWA über »alle Informationen zu unterrichten, die einen Mitarbeiter als der diplomatischen Immunität unwürdig erscheinen lassen könnten.«
Zugleich schlägt der Bericht 50 konkrete Verbesserungsmaßnahmen zur Gewährleistung von Neutralität an das Hilfswerk vor. Auch Muriel Asseburg sieht in dem Bezug Verbesserungspotential bei UNRWA, das fast ausschließlich palästinensische Mitarbeiter beschäftigt: »Die Menschen, die da arbeiten, sind natürlich nicht neutral, weil sie Teil des Konflikts sind. Neutralität ist sehr schwer mit lokalen Angestellten umzusetzen.«
Kann allein eine handwerkliche Schwäche erklären, dass in Drors Film gar keine aktuellen Mitarbeiter von UNRWA oder UN-Diplomaten mit den Vorwürfen konfrontiert werden?
Man kann Dror zugutehalten, dass sein Werk ohne Kommentartext auskommen soll. Es gilt als hohe Kunst des Dokumentarfilms, seine Interviewpartner selbst sprechen und den Zuschauer urteilen zu lassen, anstatt einen allwissenden, einordnenden Erzähler einzusetzen. Der 62-jährige Dror, ein erfahrener Filmemacher und seit 2024 Preisträger des deutschen Fernsehpreises, wählt einen Ansatz, der allerdings ein besonderes Maß an Vorwissen und inhaltlicher Durchdringung des Themas erfordert. Wenn er denn verhindern will, dass der Zuschauer selbst der Erzählung seiner »Experten« auf den Leim geht.
Kann allein eine handwerkliche Schwäche erklären, dass in Drors Film kaum die Narrative der Anti-UNRWA-Advokaten hinterfragt werden – und dass gar keine aktuellen Mitarbeiter von UNRWA oder UN-Diplomaten mit den Vorwürfen konfrontiert werden? Nach Eigenaussage des Regisseurs sei diese Leerstelle deshalb entstanden, weil das UNRWA-Presseteam seine Anfragen zu Interviews abgeblockt habe. Stattdessen bleibt es dem ehemaligen UNRWA-Generalkommissar Peter Hansen, mittlerweile 85-jährig, überlassen, Vorwürfe zu entkräften. Hansen ging 2005, noch bevor die Hamas die Macht in Gaza übernahm, in Rente. Nach der Unterstellung, Geberländer hätten eine Infiltration der UNRWA durch die Hamas vertuscht, erscheint Hansen im Film und antwortet nur perplex: »That’s crazy as can be« – verrückter gehe es nicht.
Gegen Ende des Films unterstreicht Dror den von seinen Interviewpartnern insinuierten Zusammenhang zwischen UNRWA und terroristischer Ideologie, indem er Hamas-Propaganda in Wort und Bild darstellt. Seinem eigenen Anspruch folgend, »alle Seiten zu Wort kommen zu lassen«, lässt Dror dieser Stelle auch zwei Palästinenser sprechen: Mohammed Daoudi und der Anti-Hamas-Aktivist Hamza Howidy relativieren allerdings nicht das negative Bild, das die anderen Interviewpartner von dem Hilfswerk zeichnen. Sondern sie bestätigen vor allem die Gefahr palästinensischen Terrors für Israel und die Problematik des Rückkehrrechts palästinensischer Flüchtlinge.
Dabei müsste man weder selbst Palästinenser sein, noch auf ihrer Seite stehen, um UNRWA anders zu bewerten: Vor allem nach dem Sieg im Sechstagekrieg 1967, etwa bis zum gescheiterten Friedensgipfel von Camp David 2000 und der darauf folgenden Zweiten Intifada, tolerierten oder ermutigten israelische Regierungen den Einsatz von UNRWA für Palästinaflüchtlinge in den Besetzten Gebieten – eine Aufgabe, die Israel ohne internationale Hilfe selbst zugefallen wäre. Kurz nach Kriegsende 1967 brachte Verteidigungsminister Moshe Dayan diese Haltung in einer Kabinettssitzung auf den Punkt: »800.000 Flüchtlinge fallen nun in unseren Zuständigkeitsbereich«. Israel solle, so Dayan damals, »dankbar dafür sein, dass sich UNRWA um sie kümmert.«
Der Film wirft die Frage auf, ob es beim Kampf gegen UNRWA nicht um etwas ganz anderes geht als um Terrorismus und den 7. Oktober 2023
Diese Politik ist einer Einstellung gewichen, welche die ehemalige Knesset-Abgeordnete Einat Wilf in Drors Dokumentarfilm vertritt: »Alle Probleme, die wir heute haben, existieren wegen UNRWA«, erklärt Wilf. Dass UNRWA der »Brandstifter« des Nahostkonflikts sei, begründet Wilf unter anderem mit dem Beispiel der palästinensischen Attentäter auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972. Diese hätten sich seinerzeit in einem Flüchtlingscamp kennengelernt, dort eine UNRWA-Schule besucht. Aus diesen beiden nebeneinander bestehenden Umständen formuliert Wilf eine Kausalkette: »UNRWA garantiert durch das Bildungssystem die Existenz von Generationen an terroristischen Organisationen« – ein Schluss, der keiner der existierenden unabhängigen Untersuchungen von Lehrplänen und Unterricht in UNRWA-Schulen standhält.
Duki Dror ist stolz auf »Unraveling UNRWA«, den er »viel besser findet, als ich mir hätte erträumen können.« Er wolle Fragen stellen, eine Debatte anregen. Das tut er in der Tat – er wirft nämlich die Frage auf, ob es beim Kampf gegen UNRWA nicht um etwas ganz anderes geht als um Terrorismus und den 7. Oktober 2023.
2018 veröffentlichte Wilf gemeinsam mit Adi Schwartz, der bei Dror ebenfalls zu Wort kommt, das Buch »Der Kampf um Rückkehr: Wie westliche Nachsicht für den palästinensischen Traum den Frieden behindert«. Die Kernthese: Ohne UNRWA hätten palästinensische Flüchtlingskinder ihre Identität verloren und sich in den Nachbarländern assimiliert. UNRWA, das neben den Besetzten Gebieten auch die 1948 und 1967 vertriebenen Palästinaflüchtlinge und deren Nachfahren in Jordanien, Libanon und Syrien betreut, halte den palästinensischen Nationalismus künstlich am Leben. Und damit auch das Rückkehrrecht, an dem unter anderem Friedensgespräche scheiterten, und das Wilf ablehnt.
Seit der Publikation dieses Buchs, noch häufiger aber seit dem Hamas-Angriff von 2023, reist Wilf durch UNRWA-Geberländer, um für einen Finanzierungsstopp zu werben. Auch in Deutschland tritt Wilf bei Briefings für Abgeordnete auf – als Gast der Deutsch-Israelischen Gesellschaft oder der Lobbygruppe »European Leadership Network« (ELNET). Dabei wird deutlich: Der Terrorvorwurf gegenüber UNRWA ist nachrangig, aber er schafft die Grundstimmung aus Empörung und Unsicherheit auf Seiten deutscher Entscheidungsträger.
Der Film hätte womöglich eine Gelegenheit geboten, nicht nur kritisch über den Sinn und Unsinn der UNRWA nachzudenken, sondern auch über die mit teilweise unlauteren, manipulativen Mitteln geführte Kampagne ihrer Gegner
Wer Duki Dror auf X folgt, weiß, dass er kein Fan der aktuellen Regierung seines Landes ist. Auch die Kriegführung Israels in Gaza kommentiert er dort wie im Gespräch mit zenith kritisch. Die Forderung nach der Auflösung von UNRWA macht er sich jedoch mit seinem Film zu eigen – und vertritt damit die offizielle Linie Jerusalems.
Vor diesem Hintergrund erscheint es problematisch, dass laut Angaben der Produktion der israelische New Fund for Cinema and TV (NFCT) rund 80.000 Euro Förderung beigesteuert hat, was etwa einem Viertel des Gesamtbudgets von »Unraveling UNRWA« entspricht. Die Mittel des Fonds kommen größtenteils aus dem israelischen Kulturministerium, welches derzeit vom rechtsgerichteten Likud-Politiker Miky Zohar geleitet wird. Der NFCT gilt keineswegs als Propagandaorgan der Regierung und hat zahlreiche Produktionen gefördert, die nicht nur künstlerisch hochwertig, sondern auch politisch kritisch waren. De jure nach dem Filmgesetz von 1999 entscheiden über Förderungsbeiträge wie dem des NFCT Gremien ohne politische Klauseln und Vorgaben.
De facto hält mit Zohar aber ein Politiker seine Hand auf die Kasse dieser Förderungsanstalt, der seit Amtsantritt 2022 schwört, das Filmgesetz abzuschaffen, und der regierungskritische Produktionen wie »The Sea« (Regie: Shai Carmeli-Pollak) oder »Yes« (Regie: Nadav Lapid) »linksradikal« und eine »Schande für Israels unbefleckte Soldaten« nennt. Und der im Frühjahr 2025, zur Zeit der Produktion von »UNraveling UNRWA«, Reformen in der Knesset durchgedrückt hat, wonach weniger qualitativ hochwertiges oder politisches Arthouse als kommerziell erfolgreicher Mainstream gefördert soll. Warum der NFCT in dieser Stimmungslage mit Drors Film eine Produktion zu einem Thema förderte, welches ohnehin von der Regierung dauerhaft bespielt wird, bleibt einstweilen sein Geheimnis.
Was von einem politischen Dokumentarfilm wie »Unraveling UNRWA« bleibt, ist nicht nur die Wirklichkeit, die sie abbilden will. Sondern auch die Leerstellen, die sie hinterlässt. Der Film hätte womöglich eine Gelegenheit geboten, nicht nur kritisch über den Sinn und Unsinn der UNRWA nachzudenken, sondern auch über die mit teilweise unlauteren, manipulativen Mitteln geführte Kampagne ihrer Gegner. Das versäumen Dror und seine Produzenten und machen sich damit zu deren Teil. Dror sagt, der Zuschauer sei der Richter, der das Dargestellte selbst einordnen müsse. Erwartet er, dass dieser die Rolle der Protagonisten in der »politisch-propagandistischen Verwertungskette« selbst durchschaut? Und verlangt er damit mehr von ihm als von sich selbst?




