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Medienprojekt Syrian Direct

Einblicke in das Syrien der Syrer

Feature
Medienprojekt »Syrian Direct«
Im Unterrichtsraum der Trainees stehen die Laptops dicht gedrängt, an der Wand hängen Schilder mit den wichtigsten Journalistenfragen auf Arabisch: Wer? Wann? Warum? Wo? Foto: Thore Schröder

Wenn der Bürgerkrieg endet, könnte die Welt das Interesse an dem Land verlieren. Umso wichtiger wird die Arbeit des Teams von Syria Direct in Amman.

Ja, Wasser und Strom gebe es jetzt schon wieder in Ost-Ghouta, erzählt Yasser*. Dennoch bleiben Verhaftungen an der Tagesordnung. Erst vor kurzem wurde sein Freund Ahmed* mitgenommen, er hatte für die Zivilverwaltung gearbeitet, zur Zeit der Belagerung. »Keiner weiß, wo er nun ist, auch nicht seine Familie«, erzählt Yasser. Der 34-Jährige stammt selbst aus der ehemaligen Rebellenhochburg, der Enklave der Revolution, die nach schweren Kämpfen vor sechs Monaten wieder in die Hände von Baschar Al-Assad gefallen ist. In Zeiten ständig neuer Katastrophen und Großnachrichtenlagen ist ein halbes Jahr fast schon eine Ewigkeit, so lang jedenfalls, dass Ost-Ghouta aus der Berichterstattung der großen Zeitungen und Websites verschwunden ist. Die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz.

 

Nicht so bei Syria Direct. Dem Online-Projekt geht es um Nahaufnahmen und Langzeitbetrachtung, um den Alltag der Syrer, so wie sie ihn selber erleben. »Wir sind nicht CNN, wir sind nicht die BBC. Unsere Berichterstattung richtet sich an Menschen, die sich tiefergehend für das Land interessieren«, sagt Tom Rollins. Der Brite – 29 Jahre alt, Cambridge-Absolvent mit jahrelanger Erfahrung als freier Journalist im Nahen Osten – ist seit diesem Sommer Chefredakteur der Website mit Redaktionssitz in Amman. »Viele Leute wollen für die Syrer sprechen, deshalb ist es so wichtig und wertvoll, dass wir hier ein Team haben, in dem Syrer gleichberechtigt mitarbeiten«, sagt Rollins.

 

In der Morgenkonferenz, die aus Platzmangel im engen Büro der geschäftsführenden Redakteurin Dana* stattfinden muss, werden auf Arabisch Themen verhandelt. Kollegen mit Stift und Notizblock tragen ihre Vorschläge vor, darunter: die Auswirkungen von Trumps UNRWA-Entscheidung, Demonstrationen in Idlib, die Rückkehr von Vertriebenen über den Euphrat nach Deir ez-Zour. Rollins schreibt die Ideen und den Stand der Recherchen mit einem Filzstift auf eine abwischbare weiße Tafel.

 

 

Medienprojekt »Syrian Direct«
Die Räume im vierten Stock eines für Amman typischen schmucklosen Bürogebäudes sind mit Tischen vollgestellt. Im Hochsommer verschafft die Klimaanlage kaum ausreichende Kühlung, deshalb sind die Fenster zum Teil mit brauner Folie abgeklebt.Foto: Thore Schröder

 

Die Geschichten von Syria Direct, publiziert jeweils auf Englisch und auf Arabisch, kommen aus ganz Syrien, aus allen Provinzen. Das liegt vor allem daran, dass die Organisation seit ihrer Gründung vor über vier Jahren einen großen Stamm an Quellen und freien Mitarbeitern aufgebaut hat. Denn Syria Direct ist zugleich eine Art Journalistenschule. 201 junge Syrer haben das dreimonatige Trainingsprogramm bereits durchlaufen, der 13. Kurs wird bald starten.

 

»Als die Revolution begann, stellten wir erfahrenen Journalisten fest, dass wir eine unabhängige Nachrichten-Organisation brauchen, um die Wahrheit aus Syrien zu erfahren«, sagt Amjad Tadros. Der langjährige Nahost-Produzent der US-Nachrichtenshow »60 Minutes« hat Syria Direct in seiner Heimatstadt Amman gegründet. Das Geld kam zunächst vom »Global Peace and Development Trust«, einer US-amerikanischen NGO; heute wird die Arbeit durch das amerikanische Außenministerium, die kanadische Botschaft und die Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt. »Die meisten syrischen Journalisten damals waren bereits ideologisiert, auf Seiten der Regierung, aber auch auf der Opposition«, sagt Tadros. »Wir wollten jungen Syrern erst mal zeigen, wie unabhängiger Journalismus überhaupt funktioniert.«

 

Im Unterrichtsraum der Trainees stehen die Laptops dicht gedrängt, an der Wand hängen Schilder mit den wichtigsten Journalistenfragen auf Arabisch: Wer? Wann? Warum? Wo? Woher? Teil der Ausbildung ist die Mitarbeit an der Website. Die Vorschläge in der Morgenkonferenz kommen zum Teil von den Schülern, die Geschichten werden anschließend im Team produziert. Fünf Syrer – alle ehemalige Absolventen des Lehrgangs – und sechs junge Journalisten aus westlichen Ländern – neben vier Amerikanern sind darunter nun auch eine Dänin und ein Brite – bilden die Stammredaktion.

 

Dana hofft, dass zumindest der neu entstandene Bürger-Journalismus den Krieg überlebt

 

Die Räume in der Nähe des siebten Kreisverkehrs, im vierten Stock eines für Amman typischen schmucklosen Bürogebäudes sind mit Tischen vollgestellt. Im Hochsommer verschafft die Klimaanlage kaum ausreichende Kühlung, deshalb sind die Fenster zum Teil mit brauner Folie abgeklebt. Diese Arbeitsumgebung, das niedrige Durchschnittsalter der Kollegen und die flachen Hierarchien erinnern Besucher vielleicht an eine Schülerzeitung, doch Syria Direct ist eine ernste Angelegenheit.

 

Das ist natürlich durch die Inhalte bedingt und die eigenen Mitarbeiter, deren Familien und vor allem durch die Mitarbeiter und Informanten in Syrien selbst. »Wir tun alles, um unsere Partner und Quellen zu schützen«, sagt Chefredakteur Rollins. Dazu gehören auch Schulungen in digitaler Sicherheit, die das Bewusstsein schärfen sollen, welche Kommunikationswege gefahrlos genutzt werden können. »Wichtig ist es, zu wissen, mit wem wir es auf der anderen Seite zu tun haben und was die können«, sagt Rollins. Zwar hatte Syria Direct immer Quellen in allen Landesteilen – also sowohl solchen unter der Herrschaft Assads als auch bei oppositionellen Gruppen – doch durch die schrittweise Rückeroberung des Landes durch das Regime sind es weniger geworden. Und sie sind in Gefahr.

 

Dana, die geschäftsführende Redakteurin, studierte einst in ihrer Heimatstadt Latakia Englisch. Bei Syria Direct durchlief sie den ersten Ausbildungslehrgang. Seitdem weiß sie auch, wie man Quellen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft: »Wir versuchen immer, mit mehreren Personen zu sprechen, wir gleichen die Infos ab. Dazu arbeiten wir viel mit Fotos. Und natürlich verlassen wir uns auf die Menschen, die wir persönlich aus der Zeit vor dem Krieg kennen.« Danas Schwestern leben mittlerweile in Kanada. Ob sie selbst einmal in ihr Zuhause zurückkehren wird? »Hoffentlich«, sagt die 37-Jährige und setzt darauf, dass zumindest der Bürgerjournalismus, der sich während des Konflikts entwickelt hat, überleben wird. »Vor der Revolution hatten wir überhaupt keine freie Berichterstattung.«

 

Es geht um grundsätzliche Fragen: Ob es zu einer Aussöhnung oder einfach einer ewigen Verlängerung der Regimeherrschaft kommt, ob Binnenflüchtlinge und Emigranten in ihre Häuser zurückkehren können, ob der Wiederaufbau losgeht und vorankommt und vieles mehr. Und es geht um das Leben der Syrer im andauernden Konflikt: um Flüchtlingskinder in behelfsmäßigen Schulen im Wüstencamp Rukban oder um die Versuche von Menschen in Ost-Ghouta, mithilfe von Codewörtern das Vokabular der Revolution zu verbergen, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. So hat der Horror in Syrien zumindest einen positiven Nebeneffekt: Dass die Welt weiterhin erfahren kann, was in dem Land vorgeht. Unabhängig davon, wer im Krieg die Oberhand behält.

 

*Der Name auf Wunsch der Beteiligten geändert.

Von: 
Thore Schröder

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