Abdallah Al-Khatib gewann auf der Berlinale den Preis für das beste Debutwerk. Im Interview spricht der Filmemacher und Menschenrechtsaktivist über die Erwartungshaltung an Künstler wie ihn und warum er jede Gelegenheit nutzt, um über Palästina zu reden.
zenith: Auf der Berlinale haben Sie Ihren Debut-Spielfilm »Chronicles from the Siege« vorgestellt. Ihr Einstieg in die Filmbranche war aber im Feld Dokumentarfilm, korrekt?
Abdallah Al-Khatib: Es war nicht wirklich mein Traum, Filmemacher zu werden und ich habe eigentlich durch Zufall damit angefangen. Zwischen 2013 und 2015, während des Krieges in Syrien, benutzte ich in Jarmuk das erste Mal in meinem Leben eine Kamera und dokumentierte, was dort während der Belagerung durch das Assad-Regime passierte. Nachdem ich 2019 Syrien verließ, überredete mich ein Freund, das Material aus meinem Archiv zu einem Film zu verarbeiten. Ich hatte vorher nie etwas mit Kino zu tun gehabt und keinerlei Erfahrung, doch fühlte ich mich in der Verantwortung, die Geschichte der Belagerung von Jarmuk zu erzählen. So entstand mein erster Dokumentarfilm »Little Palestine, Diary of a Siege« (2021).
Und wie kamen Sie zum Spielfilm?
Meine Mutter lebte in einer kleinen Flüchtlingsunterkunft zusammen mit einer ukrainischen Familie, die nach dem Krieg zu ihnen gezogen war. Aus dieser Begegnung – zwei Familien mit völlig unterschiedlichen Vorurteilen übereinander – ist 2023 mein erster (Kurz)-Spielfilm »Sokrania 59« entstanden. Von da an habe ich einfach weitergemacht.
Was alle Ihre Filme gemeinsam haben: Sie drehen mit sehr kleinem Budget.
»Chronicles from the Siege« hatte ein sehr niedriges Gesamtbudget. Das möchte ich bei meinen nächsten Filmen auch so beibehalten. Je mehr Geld, desto mehr Kompromisse. Wenn ich etwas drehen will, das wirklich meinen Gedanken und meiner Haltung entspricht, muss ich so unabhängig wie möglich bleiben.
Sie haben auf der Berlinale gesagt, Kino sei Ihr Mittel zum Kampf. Was meinen Sie damit genau?
Kino ist Widerstand – für mich klingt das wie ein Klischee. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob das Kino irgendetwas in der Welt verändern kann. Denn wenn das eigene Land unter Besatzung steht, gibt es nur einen Weg, es zu befreien – und zwar nicht durch Filme. Aber die Leinwand kann andere Narrative von Widerstand transportieren, die die menschliche Seite davon zeigen. Das ist sehr wichtig, denn wir müssen überall dort präsent sein, wo versucht wird, unsere Geschichte zu verzerren und zu zerstören. Deshalb müssen wir Filme über unsere Geschichten drehen.
Der erste Satz in Ihrem neuen Film lautet: »Ich lebe immer noch unter Belagerung.« Welche Rolle spielt das Motiv für Sie?
Die Belagerung lässt uns nicht los, weil sie unsere Körper kontrolliert. Acht Jahre, einen großen Teil meines Lebens, habe ich unter Belagerung verbracht. Aus dieser Zeit habe ich sehr viele Geschichten, die ich erzählen möchte. Wir als Palästinenser haben viele Erfahrungen mit Belagerungen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten gemacht – nicht nur im Lager Jarmuk in Syrien, sondern auch in Beirut, Jenin, Kafr Qasim, Gaza und Za'atari. Diesen Teil unseres Lebens geben wir in Form von Geschichten von Generation zu Generation weiter. Deshalb spielt »Chronicles from the Siege« nicht an einem bestimmten Schauplatz, sondern überall dort, wo Palästinenser bisher mit einer Belagerung konfrontiert waren, oder es in Zukunft sein werden.
»So viele Filme zeigen uns würdelos – als Opfer, als hilflose Figuren ohne Handlungsmacht. Das macht mich wütend«
Mit Ihrem Film erreichen Sie ein Publikum, das nicht das erlebt hat, was Sie und viele andere Palästinenser erlebt haben. Welche Emotionen möchten Sie bei den Kinobesuchern wecken?
Ich habe keine Erwartungen an mein Publikum, aber ich weiß sehr genau, welche Emotionen ich bei wem hervorrufen möchte. Bei manchen Zuschauern ist es mir sehr wichtig, dass sie Scham empfinden, denn sind sie Teil dessen, was uns widerfahren ist. Bei propalästinensischen Personen möchte ich noch mehr Solidarität und kein Mitleid wecken, ich habe ein Problem mit dieser Art von Gefühl. Und gegenüber den Menschen, von denen meine Filme handeln, meinem Volk, möchte ich meine Zuneigung zum Ausdruck bringen. Meine Filme sind Liebesbriefe an sie.
Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Generell suche ich für meine Filme immer Geschichten, die von Würde erzählen. Denn so viele Filme zeigen uns würdelos – als Opfer, als hilflose Figuren ohne Handlungsmacht. Das macht mich wütend.
Letztes Jahr haben Sie die Berlinale boykottiert. Dieses Jahr sind Sie dann doch angereist. Warum?
Letztes Jahr hatte ich keine Bühne, also habe ich abgesagt. Dieses Jahr wusste ich, dass ich ein Panel bekommen würde, auf dem ich vor Publikum sprechen kann. Das macht einen großen Unterschied. Es gibt vielleicht zehn, fünfzehn palästinensische Filmemacher, die regelmäßig Filme machen. Wenn wir die Berlinale, die Filmfestspiele in Cannes oder Venedig boykottieren, schneiden wir uns selbst von den wichtigsten Bühnen des Weltkinos ab. Ich gehe lieber hin und versuche von innen zu kämpfen. Diesmal waren wir mit Palästina-Flaggen überall präsent und haben bei jedem Medientermin über Palästina gesprochen.
Hätten Sie den Film auch auf anderen Festivals vorstellen können?
Ich hatte einige Einladungen von großen Festivals, habe diese aber abgelehnt. Denn ich will nicht dorthin gehen, wo alle ohnehin schon propalästinensisch sind. Was bringt das? Ich muss zu den Menschen gehen, die nichts über Palästina hören wollen. Also bin ich zur Berlinale gereist.
»Hinter den Kulissen haben sie mich unterstützt – während des Festivals, danach, jeden Tag. Das weiß ich sehr zu schätzen«
Sie haben in Ihrer Dankesrede auf der Berlinale trotz Warnungen klar Stellung bezogen.
Ich bin palästinensisch-syrischer Filmemacher – daraus erwächst eine Verpflichtung. Ich wusste, dass ich zur Zielscheibe werden würde. Ich kenne die deutschen Medien und wie sie funktionieren. Ich war vorbereitet.
Was haben Sie konkret erwartet?
Ich habe erwartet, dass mein Film nicht in den deutschen Kinos läuft, dass mein Aufenthaltsstatus gefährdet sein würde, auch körperliche Übergriffe habe ich erwartet. Und dass man mir Antisemitismus vorwirft – obwohl alle wissen, dass das nicht stimmt. Öffentlich werde ich mich dazu nicht äußern. Sonst sieht es so aus, als würde ich diesen Leuten damit implizit recht geben. Niemand hat das Recht, jemanden ohne Grundlage als Antisemiten zu beschimpfen.
Hat die Berlinale auf Ihre Rede reagiert?
Offiziell haben die Organisatoren gesagt, meine Äußerungen würden von der Meinungsfreiheit gedeckt. Verurteilt haben sie nicht. Und hinter den Kulissen haben sie mich unterstützt – während des Festivals, danach, jeden Tag. Das weiß ich sehr zu schätzen.
Was hat Ihre Rede konkret verändert – in Ihrem Leben, in Ihrer Arbeit?
Eine geplante Kooperation, die ich vor der Berlinale ausgemacht hatte, wurde danach aufgekündigt. Und wir haben bisher keinen Verleih für »Chronicles from the Siege« in Deutschland gefunden, wodurch er hier wahrscheinlich nicht ins Kino kommt. Ich erwarte auch keine Zusagen von der Filmförderung mehr.
»Wer schweigt, ist der nette, perfekte Flüchtling – den liebt man, den unterstützt man, den lässt man ins Land«
Das klingt, als hätten Sie das bewusst in Kauf genommen.
Eine Haltung zu haben, hat eben seinen Preis. Man tritt niemanden auf den Schlips, wenn man einfach nur an die Menschlichkeit appelliert und sich für einen Waffenstillstand ausspricht. Ich verurteile diese Menschen nicht, aber eine wirklich politische Haltung sieht anders aus.
Sie haben während der Film-Premiere gesagt, dass Sie nicht über Kino sprechen wollen. Warum?
Wenn ich eine Plattform habe, nutze ich sie, um über Palästina zu sprechen – nicht über Filmsprache oder Regie. Wer über Kino reden will, kann mir danach eine Nachricht schicken. Ich habe ein Problem damit, dass viele Filmemacher ihre Bühne nicht nutzen. Wer denkt, in Gaza findet ein Genozid statt, muss auch sagen: Ich fordere, dass Israel den Genozid in Gaza beendet. Wer über das, was Israel in Gaza und im Westjordanland tut, den Mund aufmacht, ist nicht mehr tragbar. Wenn man schweigt, ist man der nette, perfekte Flüchtling – den liebt man, den unterstützt man, den lässt man ins Land. Aber ich bin kein Flüchtling mehr. Ich zahle seit Jahren Steuern und habe nie staatliche Unterstützung in Anspruch genommen – außer im ersten Jahr. Ich lebe von meiner eigenen Arbeit und verbringe vielleicht eine Woche im Jahr in Deutschland.
Woran arbeiten Sie gerade?
An drei Projekten: ein Dokumentarfilm und zwei Spielfilme. Alle drei basieren auf wahren Begebenheiten. Einer spielt in Deutschland, einer in fünf verschiedenen Ländern, und der Dokumentarfilm folgt meiner eigenen Geschichte – von hier über die Türkei bis nach Deutschland. Zwei Filme sind schon in der Vorproduktion.
Sie blicken positiv in die Zukunft?
Seit 15 Jahren rede ich nicht mehr über die Zukunft. Ich lebe von Tag zu Tag. Heute werde ich etwas leckeres Essen gehen und abends mit Freunden Karten spielen, darauf freue ich mich. Was morgen kommt, gehört dem Morgen.
Abdallah Al-Khatib, geboren 1989 im Flüchtlingslager Jarmuk bei Damaskus, ist palästinensisch-syrischer Filmemacher. Sein Debüt »Little Palestine – Tagebuch einer Belagerung« lief auf über 50 internationalen Festivals. Sein Spielfilm »Chronicles from the Siege« gewann 2026 auf der Berlinale den Preis für den besten Erstlingsfilm. Bevor er zum Film kam, studierte er Soziologie und arbeitete für die UNRWA.




