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Zivilgesellschaft in Ägypten

Neuer Raum für den Tahrir

Feature
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»Tahrir Lounge« Gründerin und -Leiterin Mona Shahien
»Wir müssen geduldig und kreativ sein«, sagt die »Tahrir Lounge« Gründerin und -Leiterin Mona Shahien über die Arbeitsumstände in Ägypten. Foto: Tahrir Lounge@Goethe / Beshoy Fayez

Die »Tahrir Lounge@Goethe« will Ägyptens Bürgertugenden stärken und dem zivilgesellschaftlichen Engagement eine neue Richtung geben.

Mona Shahien, die Gründerin und Leiterin der »Tahrir Lounge@Goethe«, war seit ihrem Eintritt in die liberale Reform- und Entwicklungspartei im Jahr 2008 politisch aktiv, unter anderem als Ministerin im Schattenkabinett ihrer Partei. Die Revolution bewegte sie dazu, eine eigene Organisation zu gründen. Die erste Versammlung der »Revolutionären Jugendvereinigung« fand Anfang Februar 2011 statt, noch vor dem Rücktritt von Langzeit-Präsident Hosni Mubarak. Shahien empfand diese Versammlung als »Katastrophe«. »Den Leuten fehlte der Anstand. Wenn ich als Frau aufgestanden bin, um zu sprechen, wollte niemand zuhören. Jeder wollte einfach nur das Meeting dominieren.«

 

Es war eine frühe Lektion für die bevorstehenden Schwierigkeiten ägyptischer NGOs auf dem Weg zur Demokratie. Nur wenige zivilgesellschaftliche Aktivistinnen und Aktivisten – und selbst die politische Elite – waren erfahrene Kommunikatoren, die wussten, wie man einen Konsens erzielt oder Strategien effektiv erläutert.

 

Shahien beschloss, ein Projekt zu schaffen, das Transparenz fördern und die Kluft zwischen politischer Elite, Aktivistinnen und Aktivisten sowie einfachen Bürgerinnen und Bürgern überbrücken sollte. So entstand die »Tahrir Lounge@Goethe« im Goethe-Institut im Zentrum von Kairo, nur wenige Blocks vom Tahrir-Platz entfernt. In den Räumen des Gebäudes haben mittlerweile zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, Gespräche, Filmvorführungen und Workshops stattgefunden. Neben den Räumlichkeiten bietet das Goethe-Institut auch Beratung und Unterstützung an. Viele der Weiterbildungsmaßnahmen entsprechen den Standards, die auch anderen zivilgesellschaftlichen Projekten des Instituts zugrunde liegen.

 

»Bei dem Programm ›Dialog und Wandel‹ geht es nicht um die Umsetzung fester Konzepte, sondern darum, Interessenvertreterinnen und Interessenvertreter vor Ort zu stärken, indem ihnen Instrumente an die Hand gegeben werden, um eigene Ideen zu entwickeln«, sagt Julian Fuchs, Leiter der Projekte »Dialog und Wandel« am Goethe-Institut in Kairo. 2011 sei »das goldene Jahr« des Projekts gewesen, erinnert sich Shahien. Damals sei der Optimismus für den demokratischen Wandel in Ägypten besonders groß gewesen.

 

»Es war der richtige Ort zum Reden. Salafistinnen und Salafisten, Liberale, Linke – alle kamen dort zusammen.« Die Stimmung kippte 2012«

 

Die Lounge war bekannt für ihr politisches Engagement und ihren Aktivismus. »Es war der richtige Ort zum Reden. Salafistinnen und Salafisten, Liberale, Linke – alle kamen dort zusammen.« Die Stimmung kippte 2012, als Muhammad Mursi zum Präsidenten gewählt wurde. Angehörige der Muslimbruderschaft waren nicht an einem Dialog oder einem Austausch mit Aktivistinnen und Aktivisten oder einfachen Bürgerinnen und Bürgern interessiert, sagt Shahien. »Sie hielten sich für die Herrscher des Landes und es war ihnen völlig egal, was vor sich ging.«

 

Als sich die politische Lage in Ägypten verschlechterte und Bedenken in Bezug auf die Sicherheit der Teilnehmenden und des Personals aufkamen, richtete die »Tahrir Lounge@ Goethe« ihren Fokus neu aus. Sie konzentriert sich nun auf den Kapazitätsaufbau für Einzelpersonen, fördert soziale Kompetenzen und die Vernetzung von gesellschaftlichen Gruppen wie Studentinnen und Studenten. So sollen Synergien mit anderen Projekten geschaffen werden, sagt Shahien. »Wir müssen sehr viel Geduld haben und sehr kreativ sein.« Die Workshops der »Tahrir Lounge@Goethe« erfreuen sich weiter großer Beliebtheit: Teilweise bewerben sich 700, 800 oder sogar 1.000 Anwärterinnen und Anwärter auf nur zwölf Plätze. Die Lounge überträgt nun ihre Schulungsmethoden auf andere NGOs. Und selbst staatliche Stellen erhalten neuerdings Unterstützung beim Kapazitätsaufbau, so etwa das Kulturministerium.

 

Auch vom Ministerium für Jugend und Sport liegt eine Anfrage an die »Tahrir Lounge@Goethe« für Schulungen in den Bereichen Kommunikation, soziale Medien, Führungsqualitäten und Entscheidungsfindung vor. Die Weiterbildung soll den Beamtinnen und Beamten helfen, besser mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten und effektiver auf Bedürfnisse einzugehen. Aufgrund der Finanzierung des Projekts durch das Auswärtige Amt in Deutschland musste Shahien gegen die Wahrnehmung ankämpfen, dass es sich bei der »Tahrir Lounge@Goethe« in irgendeiner Weise um eine fremdgesteuerte Organisation handelt. Sie merkt an, dass die einzige Bedingung für die Annahme der Finanzierung darin bestand, dass sich niemand inhaltlich einmischt. Alle Mitglieder des Projektteams sind Ägypterinnen und Ägypter. »Es wird von Deutschland aus finanziert, aber der Geist, die Seele sind komplett ägyptisch. Es ist ein ägyptisches Projekt.«

 

Dieser Beitrag wurde unter redaktioneller Aufsicht des Magazins zenith für das Goethe-Institut betreut. Die Projekte des Goethe-Instituts im Rahmen der Transformationspartnerschaft werden durch das Auswärtige Amt gefördert.

Von: 
zenith-Redaktion

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