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Der Iran-Krieg, die Hizbullah und Israel

Ein Riss geht durch den Libanon

Feature
Der Iran-Krieg, die Hizbullah und Israel

Das Übergreifen des Kriegs auf den Libanon droht die Gesellschaft auseinanderzureißen. Die Bewertung der Hizbullah auf der einen und der libanesischen Regierung auf der anderen Seite könnten weiter kaum auseinanderliegen. Ein Ortsbesuch im Südlibanon.

Am 1. März 2026 feuerte die Hizbullah in Reaktion auf den Tod von Ayatollah Ali Khamenei Raketen auf Haifa ab. Seitdem hat das libanesische Gesundheitsministerium den Tod von 72 Menschen und die gewaltsame Vertreibung von mehr als 80.000 Menschen bestätigt. Wenige Stunden vor dem Kriegseintritt der Miliz trafen wir eine schiitische Familie aus dem Südlibanon. »Badna nem – Wir wollen schlafen!«, ruft Abbas und lacht herzlich. Es ist ein bitterer Insiderwitz unter ihnen. Hier macht man sich über das ständige Surren der israelischen Drohnen am Nachthimmel lustig, das die Familie um den Schlaf bringt. Wir befinden uns in Jbaa, einem schiitischen Dorf im Bezirk Nabatiyeh.

 

Dass Abbas uns in seiner Wohnung zum Iftar empfängt, liegt daran, dass sein altes Haus nur noch ein Trümmerhaufen ist, nur eine der vielen Folgen des letzten Krieges mit Israel. Die israelische Armee (IDF) hat seitdem nicht aufgehört, den geltenden Waffenstillstand zu verletzen und Wohnhäuser sowie Geschäfte zu bombardieren. Die Luftangriffe werden stets damit gerechtfertigt, dass Hizbullah-Mitglieder diese Orte als Treffpunkte nutzen.

 

Trotz des Traumas ist die Unterstützung für die Miliz in dieser Familie stark. »Heute haben wir eine gelbe Linsensuppe gemacht, die Farben der Partei Gottes, deshalb schmeckt sie besser«, scherzt Abbas' ältester Sohn, bevor er ernster hinzufügt: »Ich bin bereit, ich will kämpfen.« Doch innerhalb der Familie gehen die Meinungen auseinander. Der jüngste Sohn fleht: »Nein! Keine Einmischung, ich will keinen Krieg.«

 

Dennoch steht der Krieg an diesem Tag im Mittelpunkt der Gespräche. Die Familie debattiert über den anhaltenden Konflikt zwischen den US-amerikanischen-israelischen Koalition und Iran, dem langjährigen Verbündeten der Hizbullah-Miliz. Auf libanesischer Seite lautet die Position der Hizbullah vorerst noch: »Vorläufig ist keine Einmischung geplant.« Doch um 22 Uhr zerreißt eine Detonation die Nachtruhe. Über unseren Köpfen fliegen iranische Raketen in Richtung Jerusalem. Später in der Nacht schreibt Abbas uns eine kurze Nachricht: »Iran hat den Tod des Ayatollahs bestätigt, wir verlassen Jbaa.«

 

Der Morgen danach: Der Krieg kennt keine roten Linien mehr

 

Die Flucht der Familie war nur der Auftakt einer beispiellosen Krise. Am frühen Morgen des 2. März trat die Hizbullah offiziell in den Krieg ein und feuerte Drohnen auf eine Luftabwehranlage südlich von Haifa ab. Die Gruppe erklärte explizit, dass es sich um Rache für Khamenei handele. Israel reagierte mit massiver Härte und mobilisierte umgehend rund 100.000 Reservisten an seiner Nordgrenze.

 

Die IDF startete eine beispiellose Luftoffensive, die weit über bloße Vergeltung hinausging. Die Strategie zielt auf die systematische Zerstörung der Führungs- und Informationsstrukturen der Miliz ab. In den südlichen Vororten Beiruts wurden die Gebäude des Hizbullah-Senders Al-Manar dem Erdboden gleichgemacht, und der Geheimdienstchef der Miliz, Hussein Makled, wurde gezielt getötet. Mehr noch: Durch die gezielte Tötung hochrangiger iranischer Quds-Offiziere im Libanon und in Teheran, darunter Reza Khazaei und Davoud Ali-Zadeh, durchtrennte Israel präzise die Kommando- und Logistikkette zwischen der Hizbullah und ihrem iranischen Patron.

 

Am 3. März machte die IDF ernst. Unter dem Codenamen »Brüllender Löwe« startete Israel eine Bodenoffensive im Südlibanon. Panzereinheiten überquerten die Blaue Linie, drangen in Gebiete wie Kfar Kila ein und begannen, eine Pufferzone auf libanesischem Territorium zu errichten.

 

Der Druck auf die Bevölkerung wächst, ebenso wie die Zahl der Evakuierungsbefehle. Am Mittwoch, dem 4. März, forderte die israelische Armee die Bewohner »südlich des Litani-Flusses« auf, das Gebiet umgehend zu verlassen. Diese Region umfasst unter anderem die Stadt Tyros mit ihren 40.000 Einwohnern. Die Bevölkerung im Südlibanon, in der Bekaa-Ebene und in den südlichen Vororten Beiruts wird zur Flucht gezwungen, insgesamt über 300.000 Menschen. Gleichzeitig erweiterte Israel seine Evakuierungsbefehle auf eine Weise, die der Zivilbevölkerung den letzten Rest Hoffnung nahm: Erstmals wurde auch für die Küstenstadt Saida, die sonst als sicherer Hafen galt, ein Räumungsbefehl ausgegeben.

 

In Orten wie Jezzine, einer christlichen Stadt östlich von Saida, säumten Flüchtende die Straßen und schliefen in ihren Autos, da es an verfügbarem Wohnraum mangelte. Wo noch Unterkünfte existierten, explodierten die Preise: Bei möblierten Mietwohnungen wurde ein Anstieg von 169 Prozent verzeichnet. Auch die Jahresmieten stiegen drastisch an, oft einhergehend mit der Forderung nach mehrmonatigen Vorauszahlungen. Die Hauptstadt Beirut ist völlig überlastet und bringt die vertriebenen Familien in improvisierten Behelfslagern unter. Dutzende städtische Schulen werden zur Verfügung gestellt. Aus Platzmangel sind Dutzende Familien gezwungen, auf der Straße oder in ihren Autos zu schlafen.

 

In ihrer absoluten Verzweiflung sehen viele libanesische Familien keinen anderen Ausweg mehr, als das Land komplett zu verlassen und in ein vom Krieg verwüstetes Syrien zu fliehen. Allein am 2. März fertigten die Behörden am Grenzübergang Jdeidet Yabous rund 11.000 Reisende ab. Doch auch dieser Fluchtweg ist streng reglementiert. Die syrischen Behörden verlangen von libanesischen Staatsbürgern die Einhaltung strenger bürokratischer Auflagen, wie etwa gültige syrische Aufenthaltsdokumente oder Vorabgenehmigungen des syrischen Innenministeriums. Berichten zufolge wurden bereits libanesische Reisende an der Grenze abgewiesen. »Die einzigen Hilfen kommen aus privaten Spenden, von politischen Parteien wie der Hizbullah oder Amal sowie von humanitären Organisationen. Der Staat tut nichts, die Bevölkerung ist sich selbst überlassen«, beklagt etwa die NGO Raj3een.

 

Ein historischer Verrat? Der Staat und die Armee greifen durch

 

Die politische Isolation der Schiiten gipfelte am Nachmittag des 2. März in einem historischen Ereignis. Das libanesische Kabinett erließ ein absolutes Verbot aller militärischen Aktivitäten der Hizbullah. Dieser Konsens war politisch nur deshalb möglich, weil die Regierung das Verbot nicht als Anti-Terror-Kampf, sondern als Verteidigung der verfassungsmäßigen staatlichen Souveränität präsentierte. Diese diplomatische Finesse ermöglichte es den schiitischen Ministern und sogar Parlamentspräsident Nabih Berri, der Resolution zuzustimmen, ohne offiziell den »Widerstand« als solchen zu »verraten«.

 

Doch die Realität auf dem Schlachtfeld scherte sich wenig um die Politiker. Die Hizbullah ignorierte das Verbot, rief den »offenen Krieg« aus und feuerte Kamikaze-Drohnen auf israelische Militärbasen wie Ramat David ab. Das Kalkül der Miliz ist simpel: Sie will beweisen, dass der Staat auf dem Schlachtfeld keinerlei Kontrolle über sie hat.

 

Die libanesische Armee (LAF) befindet sich in einem unmöglichen Dilemma. An der Südgrenze räumte sie hastig ihre vorgeschobenen Posten, um nicht in das israelische Kreuzfeuer zu geraten. Gleichzeitig setzte sie im Landesinneren erstmals den Kabinettsbeschluss um und verhaftete an einem Checkpoint zwölf bewaffnete Hizbullah-Mitglieder. Für viele Schiiten fühlte sich diese Verhaftung wie der ultimative Verrat an: Ihr eigener Staat wendet sich gegen sie, während feindliche Truppen in das Land eindringen.

 

Eine beispiellose gesellschaftiche Spaltung

 

Anders als in vergangenen Konflikten bröckelt die nationale Einheit im Libanon dieses Mal massiv. Der Riss zeigt sich physisch in der Geografie: In einigen mehrheitlich christlichen Gemeinden im Distrikt Metn blockierten Anwohner und Behörden den Zugang für Vertriebene, bis deren Identitäten streng überprüft waren – aus Angst, Hizbullah-Mitglieder aufzunehmen.

 

Diese Ablehnung der Miliz hallt in der Gesellschaft und in den sozialen Netzwerken wider. Öffentliche Persönlichkeiten wie die berühmte libanesische Sängerin Elissa bezeichneten die Hizbullah als »terroristische Partei par excellence«. In der sunnitischen Gemeinschaft besagt der vorherrschende Diskurs, dass die Hizbullah den Libanon ohne jegliches staatliche Mandat in einen verheerenden Krieg gezogen hat. Der sunnitische Kommentator Ahmad Al-Ayoubi warf der Regierung in einem Leitartikel der Zeitung Nida al-Watan insbesondere vor, eine Partei zu schützen, die den Staat von innen heraus zerstöre. »Wir wollten diesen Krieg nicht, die Hizbullah hat uns wieder hineingestürzt, wir sind müde«, erklärte eine Bewohnerin des Beiruter Stadtteils Achrafieh. Ein allgemeines Gefühl von Verrat und Ungerechtigkeit bemächtigt sich eines Teils der Bevölkerung.

 

Die vertriebene schiitische Bevölkerung hat oft eine andere Sichtweise. »Sie sind die Einzigen, die uns immer beschützt haben, militärisch und finanziell, wir werden sie bis zum Ende unterstützen«, erklärt Fahra, eine Franko-Libanesin, die ursprünglich aus dem Süden stammt. Auch in den Flüchtlingslagern bleibt man treu: »Der Krieg hat nicht erst vor fünf Tagen begonnen, wir werden jeden Tag auf unserem Land bombardiert. Der Widerstand kämpft für unsere Würde.«

 

In einem Land, das bereits durch jahrelange wirtschaftliche und politische Krisen geschwächt ist, zeichnet dieser neue Krieg die Bruchlinien neu. Zwischen der Unterstützung für »den Widerstand«, der Wut auf die Hizbullah und dem Gefühl, vom Staat im Stich gelassen zu werden, erscheint der Libanon gespaltener denn je.

 

Und während die Debatten in den Wohnzimmern von Beirut und den Fernsehstudios weitergehen, drängt sich im Süden eine andere Realität auf: die einer Bevölkerung, die einmal mehr vor dem Krieg flieht. Die Familie von Abbas weiß, wie Tausende andere Menschen auch, nicht, wann sie in ihr Dorf zurückkehren kann.

Von: 
Mauricio Durán Kaddatz und Eline Roussel

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