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Interview zu religiösem Nationalismus in Israel

»Ich fürchte, dass Israel eine Theokratie wird«

Interview
Interview zu religiösem Nationalismus in Israel

Nationalreligiöse marschieren nach Gaza, tägliche Übergriffe mit Toten im Westjordanland: Die Siedlergewalt in Israel ist auf einem Höhepunkt. Politikwissenschaftler Eran Tzidkiyahu erklärt, welche ideologischen Wurzeln der Bewegung im Mittelalter liegen und warum sie nicht nur eine Gefahr für Palästinenser darstellt.

zenith: Am 19. Juli 2026 marschierten 5.000 Aktivisten und mehrere Dutzend Politiker nach Gaza, um die jüdische Besiedlung des Küstenstreifens zu einzufordern. Innenminister Itamar Ben-Gvir tönte dabei in Bezug auf die Teilbesatzung: »Hätte jemand vor drei Jahren gesagt, dass wir 70 Prozent von Gaza kontrollieren... Ich hätte mich das nicht glauben lassen.« Er hoffe, dass sein Premier Benyamin Netanyahu zivile Siedlungen folgen ließe. Sind wir an einem Wendepunkt, an dem Siedler- zu Staatsgewalt wird?

Eran Tzidkiyahu: Einen Wendepunkt kann man ja erst erkennen, wenn er schon wieder vorbei ist. Diese Logik der Siedler, ein Gebiet erst militärisch zu erobern und später darauf zivile Siedlungen zu bauen, ist nicht neu, sondern entstand in den besetzten Gebieten schon nach dem Sechstagekrieg 1967. Ich weiß nicht, ob sie dieses Vorhaben jetzt in die Tat umsetzen werden. Aber was ich derzeit als Veränderung ausmache, ist die schiere Häufigkeit und die rohe Brutalität der Angriffe gegenüber Palästinensern im Westjordanland. Im Gazastreifen versuchen dieselben Siedlerorganisationen, ihren Feldzug fortzuführen. Und sie werden dabei von ihrer Regierung unterstützt.

 

Auch Verteidigungsminister Israel Katz von der Likud-Partei unterstützt den Plan, drei Siedlungen in Gaza zu errichten. Im Juli hat die Regierung 400 Millionen US-Dollar für den Ausbau von Siedlungen im Westjordanland freigegeben. Im laufenden Jahr sind mindestens 18 Palästinenser durch Siedlergewalt gestorben – mehr als im gesamten Jahr 2025.

Dabei berufen sich Siedler und ihre Unterstützer aber auf eine Ideologie, die schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts besteht.

 

Worin besteht der Kern dieser Ideologie?

Die Siedlerbewegung in ihrer heutigen Form beruht auf der Überzeugung einer jüdischen Vorherrschaft und eines vermeintlich natürlichen jüdischen Rechts auf territoriale Expansion. Dabei bewegten sich die Aktivisten schon immer in einem Spannungsfeld: Einerseits in Konfrontation mit dem israelischen Staat und seinem Rechtssystem, andererseits bemüht, sich dessen Institutionen, Ressourcen und Machtmittel anzueignen. Heute dominiert eindeutig letzteres.

 

»Heute sind die verschiedenen ideologischen Strömungen weitgehend miteinander verschmolzen«

 

Was genau meinen Sie mit »jüdischer Vorherrschaft«?

Jüdische Vorherrschaft bezeichnet eine Weltanschauung, die Juden gegenüber Nichtjuden, insbesondere gegenüber den Palästinensern, einen übergeordneten kollektiven Status zuschreibt. Die Befürworter dieser Vorherrschaft stützen sich auf religiöse Schriften, in denen vom »auserwählten Volk« die Rede ist. Die Vorstellung, nicht nur einzigartig, sondern überlegen zu sein, gewann innerhalb jüdischer Gemeinschaften im Mittelalter an Bedeutung – auch als Reaktion auf die weitverbreitete Diskriminierung, der sie weltweit ausgesetzt waren. In Europa war das etwa zur Zeit des Ersten Kreuzzugs der Fall.

 

Als Abwehr gegen Antisemitismus?

Ja, die extremen Ausprägungen jüdischer Vorherrschaftsideologien lassen sich verstehen wie eine spiegelbildliche Reaktion auf Jahrhunderte der Abwertung, des Judenhasses und der Verfolgung.

 

Und mit diesem Selbstverständnis versuchen Politiker im heutigen Israel, Wähler zu überzeugen und Siedlergewalt zu rechtfertigen?

Nationalreligiöse Politiker leiten daraus das Recht auf das gesamte biblische Israel ab – dessen Grenzen ja weit über die heutigen Staatsgrenzen hinaus reichen. Diese Vorstellung liest sich auch aus dem Nationalstaatsgesetz heraus, das 2018 während Netanyahus zweiter Amtszeit verabschiedet wurde: Es verankert den Vorrang der hebräischen Sprache, des jüdischen Kalenders und allgemein des jüdischen Charakters des Staates gegenüber dem Prinzip vollständiger staatsbürgerlicher Gleichheit.

 

Das macht Israel zu einem jüdischen, aber nicht einem demokratischen Staat.

Dieses Spannungsverhältnis, sowohl jüdischer als auch demokratischer Staat zu sein, tritt immer deutlicher zutage, weil es inzwischen auf Regierungsebene verhandelt wird. Im 20. Jahrhundert beschränkte sich der religiöse Nationalismus in Israel größtenteils auf außerstaatliche Bewegungen wie Gusch Emunim (»Block der Getreuen«), die 1974, nach dem Jom-Kippur-Krieg, gegründet wurde. Sie entstammte der Jeschiwa von Rabbi Abraham Isaac Kook in Jerusalem. Noch radikaler trat Meir Kahane auf, der zu den wichtigsten Vertretern eines jüdisch-rassistischen Denkens zählt. Heute sind die verschiedenen ideologischen Strömungen weitgehend miteinander verschmolzen und so eng verflochten, dass sie kaum noch voneinander zu trennen sind.

 

»Bis vor wenigen Jahren hatte Ben-Gvir ein Porträtfoto des jüdischen Massenmörders Baruch Goldstein in seinem Wohnzimmer hängen«

 

Extremistische Randgruppen gibt es in vielen Ländern – was macht das Beispiel Israel so besonders?

Erst einmal muss man anerkennen, dass der Zionismus grundsätzlich ein Element in sich trägt, das sich nationalreligiös ausdeuten lässt: die Annahme, dass jüdische Menschen vor allen Anderen Recht auf dieses Territorium haben. In den Jahrzehnten nach der Gründung Israels fand diese Interpretation deutlich weniger gesellschaftliche Unterstützung als das Verständnis des Zionismus als säkulare und liberale Befreiungsbewegung. An die Stelle der Koexistenz dieser Ausdeutungen trat bei den Nationalreligiösen die Forderung, ihr Weltbild zur vorherrschenden politischen Leitidee zu machen.

 

Haben sie dieses Ziel erreicht?

Nach dem Aufstieg von Gush Emunim haben sich Splittergruppen militarisiert, radikalisiert, zu Parteien organisiert und so ihren Weg in die Knesset gefunden. Oft feierten sie Erfolg nach versuchten Kompromissen der Regierung mit den Palästinensern oder den Nachbarländern. Das begann mit dem Friedensprozess mit Ägypten in den 1970er-Jahren und setzte sich mit den Oslo-Abkommen in den 1990er-Jahren fort. Dann kam der Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 sowie der aus Gaza im Jahr 2005. Heute bekleidet mit Itamar Ben-Gvir ein glühender Anhänger von Rabbi Kahane ein Ministeramt. Bis vor wenigen Jahren hatte er ein Porträtfoto des jüdischen Massenmörders Baruch Goldstein in seinem Wohnzimmer hängen – jetzt hält er die Verantwortung über Polizei und für die innere Sicherheit im Land inne...

 

...und Ben-Gvir ist kein radikaler Ausreißer im Kabinett, sondern Teil der rechtesten und religiösesten Regierung, die Israel bislang hatte.

Die religiöseste Regierung ist sie aber auch deshalb, weil die Ultraorthodoxen bis 2025 Teil von ihr waren. Die darf man nicht gleichsetzen mit denen, die der Siedlerbewegung angehören: Ultraorthodoxe Parteien verfolgen vor allem ihre eigenen sektoralen Interessen zum Wohle ihrer Gemeinschaften. Zu den großen nationalen Fragen positionieren sie sich nicht unbedingt. Was ihre Vertreter aber gemeinsam haben mit denen der nationalreligiösen Siedler: Sie leben demokratische Werte weder nach innen, noch tragen sie sie nach außen.

 

Und welche Rolle kommt dem Premierminister zu? Bislang hat Netanyahu die Forderungen zur Neubesiedlung von Gaza abgelehnt – aktiv widersprochen hat er dem jüngsten Marsch auf Gaza aber auch nicht. Die Soldaten und Polizisten, die die Marschroute blockieren sollten, ließen schlussendlich zu, dass mehrere hundert Teilnehmer unbehelligt den Grenzzaun hochklettern konnten.

Netanyahu ist ein Politiker der Rechten. Eines lässt sich ihm nicht absprechen: Sein Bemühen um die Zerschlagung des Friedensprozesses und die nachhaltige Schwächung der palästinensischen Nationalbewegung. Aber das Siedlerprojekt ist nicht seines, er toleriert es nur. Und zwar aus pragmatischen Gründen: Er will an der Macht bleiben, auch um seinem Strafprozess zu entkommen, der seit 2020 andauert. Vor den Wahlen im darauffolgenden Jahr standen seine Chancen schlecht, also hat er kalkuliert: Wenn er Ben-Gvirs rechtsextreme Partei von unterhalb der 3,25-Prozent-Hürde für den Einzug in die Knesset herauszieht, indem er ihre Ideologie aufwertet, salonfähig macht – dann kann er mit ihr und anderen Kleinparteien eine Mehrheit bilden.

 

»Das hat in der israelischen Bevölkerung Urängste geweckt, die sich ihre Politiker, auch von der Likud-Partei, wiederum zu Nutze machten«

 

Er hat ihre Ideologie in Kauf genommen, um Wahlen zu gewinnen?

Für Netanyahu spielte es letztlich keine Rolle, ob seine Koalition mit arabischen Muslimen oder mit den radikalsten jüdischen Kräften zustande kam. Er ist schon seine gesamte politische Laufbahn über geübt darin, gesellschaftliche Konfliktlinien zu so konstruieren oder zu vertiefen, dass er sie für seine politische Profilierung nutzbar machen kann: Er bringt Rechte und Linke gegeneinander auf, Säkulare gegen Religiöse, Juden gegen Araber, sogar die Hamas in Gaza gegen die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland. Diese Polarisierung erreichte ihren Höhepunkt nach dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023...

 

...nach dem auch die Gewalt seitens der Siedler im Westjordanland massiv angestiegen ist.

Ich glaube, zwischen den extremistischen Kräften auf beiden Seiten des Konflikts besteht eine Art Wechselwirkung. Sie geben sich gegenseitig eine Daseinsberechtigung für ihre Weltbilder: Wie die Hamas damals die brutalen Videos ihres Massakers verbreitet hat... Das hat in der israelischen Bevölkerung Urängste geweckt, die sich ihre Politiker, auch von der Likud-Partei, wiederum zu Nutze machten.

 

Finanzminister Bezalel Smotrich warnte auf dem Marsch davor, dass ein Wahlsieg für die Opposition im Oktober die »zionistische Siedlerrevolution« der vergangenen vier Jahre »kaputt machen könnte«. Kann man im heutigen Israel mit solchen Aussagen Wahlen gewinnen?

Ich habe mir politische Prognosen abgewöhnt, mein Land und seine Politik sind zu unberechenbar geworden. Aber ich beobachte einen wachsenden Widerstand von Teilen der Bevölkerung gegen die Regierung und auch gegen Siedlergewalt. Zumindest in den Milieus, in denen ich mich bewege. Dieses Land ist mein Zuhause, deshalb kehre ich jetzt, vor den Wahlen, aus Frankreich zurück, statt auf die Ergebnisse zu warten. Aber Angst habe ich schon. Auch davor, dass sich die Aggression der Nationalreligiösen nicht nur gegen Palästinenser, sondern außerdem gegen liberale Israelis wie mich selbst richtet.

 

Worin besteht Ihre größte Sorge in Bezug auf Israel?

Wer soll mir mehr Sorge bereiten als die Extremisten im eigenen Land? Ich fürchte, dass sie meine Heimat in eine isolierte Theokratie verwandeln wollen, die der internationalen Gemeinschaft zur Bürde wird. Dann hätte ich dort nichts mehr zu suchen.



Interview zu religiösem Nationalismus in Israel

Der Politikwissenschaftler Eran Tzidkiyayhu (45) ist Experte für jüdisch-arabische Beziehungen und lehrt unter anderem an der Hebrew University in Jerusalem. Er ist geopolitischer Stadtführer in Israel und den palästinensischen Gebieten und Autor mehrerer Bücher über religiösen Nationalismus.

Von: 
Pauline Graf

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