Ali Khameneis Tötung und die Ernennung seines Sohnes haben die politische Landschaft und die gesellschaftliche Psyche Irans grundlegend verändert. Was die Nachfolgeregelung vom Sohn auf den Vater dem Selbstverständnis der Islamischen Republik zu tun hat – und wie Irans neuer Oberster Führer Antlitz und Handeln des Regimes prägen wird.
Jahrzehntelang war Mojtaba Khamenei eine der mächtigsten, aber gleichzeitig unauffälligsten Figuren innerhalb der Islamischen Republik. Anders als die meisten iranischen Politiker machte er nie Karriere qua öffentliches Amt oder als Kandidat bei Wahlen. Sein Einfluss wuchs vielmehr durch seine Nähe zum Machtzentrum des Landes: dem Büro des Obersten Führers.
Im inneren Zirkel des Regimes – bekannt als Beyt-e Rahbari (»Haus des Führers«) – entwickelte sich Mojtaba allmählich zu einem wichtigen Vermittler zwischen der geistlichen Führung und dem Sicherheitsapparat. Analysten beschrieben ihn häufig als den Türsteher seines Vaters, Ayatollah Ali Khamenei. Er koordinierte den politischen Zugang, steuerte sensible Kommunikation und pflegte enge Beziehungen zu den iranischen Sicherheits- und Geheimdiensten, insbesondere zur Revolutionsgarde (IRGC).
Sein Aufstieg spiegelt den Wandel der Islamischen Republik selbst wider: von einem revolutionären Klerikerstaat zu einem hybriden System, in dem religiöse Autoritäten, Geheimdienstnetzwerke und die IRGC eng zusammenarbeiten und einen nur teilweise funktionsfähigen Staat kontrollieren, der sich in einem permanenten Ausnahmezustand befindet.
Die iranischen Staatsmedien betonen zunehmend Mojtaba Khameneis Teilnahme am Iran-Irak-Krieg in den 1980er-Jahren als Jugendlicher, um seine Verbindung zur Kriegsgeneration aufzuzeigen. Seine Kriegserfahrung als Basij wird oft mit der von IRGC-Brigadegeneral Nur-Ali Schuschtari in Verbindung gebracht. Schuschtari diente als stellvertretender Kommandeur der IRGC-Bodentruppen und spielte eine wichtige Rolle sowohl bei den Kriegseinsätzen als auch später bei der Aufstandsbekämpfung in den östlichen Provinzen Irans. Im Oktober 2009 wurde er bei einem Selbstmordanschlag in Pishin in Sistan-Belutschistan getötet. Das Attentat, das der militanten Gruppe Jundullah zugeschrieben wird, forderte auch das Leben mehrerer hochrangiger Offiziere.
Seine Position ähnelte derjenigen Ahmad Khomeinis, des Sohnes des Gründers der Islamischen Republik
In der iranischen Politik gilt Schuschtari als einer der »Märtyrer« der Revolutionsgarde. Die Medien des Regimes heben Mojtabas Verbindung zu ihm hervor, um den neuen Führer fest in die Tradition revolutionärer Kommandeure und der Opfer des Krieges zu verordnen. Diese Symbolik hat in den letzten Monaten noch mehr an Gewicht gewonnen: Iranische Berichte legen nahe, dass auch Shushtaris Sohn während der Proteste im Januar 2026 getötet wurde, was die Darstellung des Regimes bestärkt, der aktuelle politische Kampf sei auch im Innern eine Fortsetzung der Opferbereitschaft aus Kriegszeiten.
Nach dem Iran-Irak-Krieg zog Mojtaba zum Studium nach Qom, dem Zentrum der schiitischen Theologie in Iran. Iranische Medien betonen jedoch häufig, dass seine Interessen über die klassische Theologie hinausgehen. Er wird oft als interessiert an Wissenschaft, Technologie und modernem Wissen dargestellt – eine ungewöhnliche Betonung in der Biografie eines Geistlichen der Islamischen Republik.
Mehrere Medien behaupten zudem, er habe weitere Studiengänge in Psychologie absolviert und präsentieren ihn als jemanden, der soziale Dynamiken und kollektives Verhalten aufmerksam beobachtet – eine wichtige Eigenschaft in einem Staat, der wiederholt mit massiven gesellschaftlichen Problemen konfrontiert ist. Mojtaba soll außerdem Arabisch und Englisch sprechen, Fähigkeiten, die in iranischen Narrativen oft hervorgehoben werden, um ihn als kompetent zu präsentieren, mit der breiteren islamischen Welt in Kontakt zu treten.
Trotz dieser persönlichen Eigenschaften lag Mojtabas wahre Macht stets im politischen Bereich. In den 2000er- und 2010er-Jahren gewann er im Büro des Obersten Führers zunehmend an Einfluss, wo er Berichten zufolge die Beziehungen zur Revolutionsgarde, der Basij-Miliz und Teilen des iranischen Sicherheitsapparats koordinierte. Seine Position ähnelte derjenigen Ahmad Khomeinis, des Sohnes des Gründers der Islamischen Republik, der ebenfalls als wichtiger Vermittler zwischen der geistlichen Führung und dem Sicherheitsapparat des Regimes fungierte. Auch im Westen blieb sein Aufstieg nicht unbemerkt. 2019 verhängten die USA etwa Sanktionen gegen Mojtaba Khamenei mit der Begründung, er übe faktisch Autorität im Namen des Obersten Führers aus, obwohl er kein formelles Amt bekleide.
Die Befürworter der Nachfolgeregelung verweisen auf die historische Linie der schiitischen Imame, deren Führung ebenfalls innerhalb einer Familie weitergegeben wurde
Der Vorstoß, Mojtaba zum neuen Obersten Führer des Landes zu küren, wurde Berichten zufolge von Hossein Taeb angeführt, dem ehemaligen Chef des Geheimdienstes der Revolutionsgarde und langjährigem Vertrauten Mojtabas. Taebs Einfluss in der Machtdynamik des Staatsapparats war immer dann am stärksten, wenn sich die Islamische Republik existenziell bedroht sah.
Dennoch bleibt die Nominierung von Mojtaba Khomeini gerade aus klerikaler Sicht durchaus umstritten. Die Kontroverse ist teilweise auf seine fehlenden traditionellen Qualifikationen zurückzuführen. Der 56-Jährige erfüllt mehrere Kriterien nicht, die sein Vater zuvor für zukünftige Führungskräfte formuliert hatte – allen voran jene, zuvor bereits ein gewähltes Amt bekleidet zu haben. Dieselbe Hürde wurde bereits 2016 ins Feld geführt, um Hassan Khomeini, den Enkel des Gründers der Islamischen Republik, von der Kandidatur bei den Wahlen zum Expertenrat auszuschließen.
Mojtabas Aufstieg führt somit faktisch zu einer Form dynastischer Nachfolge – eine Entwicklung, die ideologisch heikel ist für eine selbsternannte Revolution, die sich ursprünglich in expliziter Opposition zur Erbmonarchie definierte. Befürworter der aktuellen Konstellation argumentieren jedoch, dass die Nachfolge nicht als dynastische Herrschaft interpretiert werden sollte. Stattdessen deuten sie sie aus religiöser Perspektive und verweisen auf die historische Linie der schiitischen Imame, deren Führung ebenfalls innerhalb einer Familie weitergegeben wurde.
Mojtabas politischer Aufstieg wurde von äußeren Ereignissen beeinflusst. Kurz vor der offiziellen Bekanntgabe kursierten in israelischen Medien Berichte, wonach er bereits zum Obersten Führer ernannt worden sei. Das Thema gewann zusätzlich an Brisanz, als US-Präsident Donald Trump die Möglichkeit einer Nachfolge Mojtabas seines Vaters öffentlich kritisierte.
Mojtaba Khameneis Ernennung schafft paradoxerweise auch die Voraussetzungen für einen Ausstieg aus dem Konflikt über Verhandlungen schaffen
Unterdessen löste die spontane Entschuldigung des iranischen Präsidenten Masoud Pezeshkian bei den Nachbarländern am Golf für die iranischen Militärschläge während des Krieges Empörung im politischen Establishment aus. Die Gegenreaktion verstärkte die Forderungen nach einer entschlossenen Führung und erhöhte den Druck auf den Expertenrat, die Nachfolgeregelung schnell zu klären.
Nachdem Mojtaba Khamenei nun formell das höchste Amt in Iran übernommen hat, scheint seine Wahl zwei strategischen Zwecken zu dienen. Erstens signalisiert sie Kontinuität und Trotz. Die Ernennung des Sohnes des vorherigen Obersten Führers sendet die Botschaft, dass die Kernstruktur der Islamischen Republik trotz Kriegsverlusten und externem Druck intakt bleibt. Zweitens könnte seine Ernennung paradoxerweise auch die Voraussetzungen für einen Ausstieg aus dem Konflikt über Verhandlungen schaffen. Die iranische Strategie definiert Sieg traditionell nicht als militärische Dominanz, sondern als Überleben. Ein Kriegsende, bei dem die Islamische Republik weiterhin intakt ist – und weiterhin von einem Khamenei geführt wird –, könnte Teherans strategische Widerstandsfähigkeit demonstrieren.
Gleichzeitig ist Mojtabas persönliche Sicherheit zu einem strategischen Faktor im Konflikt selbst geworden. Israel hat Berichten zufolge gedroht, jeden ins Visier zu nehmen, der das Amt des Obersten Führers übernimmt, während US-Beamte gewarnt haben, dass die neue Führung internationalen Forderungen nachkommen müsse, sonst drohe ihr dasselbe Schicksal wie Ali Khamenei.
Ein weiterer Faktor, der Mojtaba Khameneis Herrschaft prägen könnte, ist der breitere soziale und psychologische Kontext, in dem er die Macht übernommen hat. Seit Kriegsausbruch haben sich mehrere Religionsgemeinschaften im Land – insbesondere Teile der sunnitischen Bevölkerung – öffentlich vom Konflikt und der zentralen Führung in Teheran distanziert.
All das könnte einen Entscheidungsstil festigen, der Abschreckung, Widerstandsfähigkeit und Rache an äußeren Gegnern priorisiert
Diese Distanzierung spiegelt langjährige Missstände wider und wirft Fragen nach dem Ausmaß des landesweiten religiösen Zusammenhalts hinter dem Staat in einer Zeit existenzieller Konfrontation auf. Zugleich musste Mojtaba ungewöhnlich viele Verluste im engsten Umfeld hinnehmen. Innerhalb kurzer Zeit sind mehrere ihm nahestehende Personen getötet worden, neben seinem Vater etwa auch seine Mutter und seine Ehefrau sowie zahlreiche Kommandeure der Revolutionsgarde, zu denen er über Jahre hinweg ein enges Verhältnis aufgebaut hatte.
Viele Beobachter gehen davon aus, dass solche Erfahrungen seine politische Psychologie und seine strategische Ausrichtung beeinflussen könnten. Manche Analysten argumentieren, dass diese kumulierten Verluste eine Weltanschauung bestärken könnten, die von den tief in der politischen Kultur der Islamischen Republik verwurzelten Narrativen von Opferbereitschaft und Märtyrertum geprägt ist. All das könnte einen Entscheidungsstil festigen, der Abschreckung, Widerstandsfähigkeit und – in den Augen von Kritikern – Rache an äußeren Gegnern priorisiert.
Ungeachtet dessen, wie lange die Herrschaft Mojtaba Khameneis unter diesen außergewöhnlichen Kriegsbedingungen letztlich andauern wird, stellt seine Ernennung bereits eine der gravierendsten politischen Folgen des andauernden Krieges zwischen Iran, den Vereinigten Staaten und Israel dar. Die Ermordung des amtierenden Obersten Führers und die rasche Ernennung seines Sohnes inmitten eines aktiven militärischen Konflikts haben die politische Landschaft und die gesellschaftliche Psyche Irans grundlegend verändert. Sie haben die internen Spaltungen vertieft, den Sicherheitsstaat verhärtet und die zentrale Rolle der Revolutionsgarde bei der Gestaltung der Zukunft des Landes gestärkt.
Zugleich dürfte dieser Machtwechsel in Kriegszeiten die iranische Gesellschaft nachhaltig prägen und die Wahrnehmung von Macht, Legitimität und Widerstand in einem Moment nationalen Traumas neu definieren. In diesem Sinne ist der Aufstieg Mujtaba Khameneis nicht bloß ein Führungswechsel – er ist eine strukturelle Folge des Krieges, deren politische, institutionelle und psychologische Auswirkungen Iran und seine Bevölkerung über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, prägen werden.
Hessam Habibi Doroh ist Forscher am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) an der Landesverteidigungsakademie in Wien.




