Die jüngste Protestwelle in Iran markiert einen deutlichen Wendepunkt: Koordinierte Schließungen des Großen Basars in Teheran rücken die Händler an die Spitze und begünstigen die rasche Ausbreitung. Wie sich dieses Momentum aufrechterhalten lässt – und was das für das Regime bedeutet.
Am 28. Dezember brach die jüngste Protestwelle in Iran aus – Ausgangspunkt war der Große Basar und die umliegenden Geschäftsviertel in Teheran, Auslöser eine schwere Wirtschaftskrise, die durch Währungsverfall, Wechselkursschwankungen und galoppierende Inflation gekennzeichnet war. Die rasante Abwertung des Geldwerts – der Kurs stürzte auf etwa 1,4 Millionen Rial pro US-Dollar ab – veranlasste Ladenbesitzer, Basarhändler, Kaufleute und Handelsverbände, ihre Geschäfte zu schließen und Protestkundgebungen zu organisieren. Im Mittelpunkt standen zunächst die existenziellen Sorgen um instabile Preise, steigende Verluste und die zunehmenden Kosten für Lebensmittel und Importwaren.
Diese Protestwelle zeichnete sich dadurch aus, dass sie aus dem traditionell konservativen Basarsektor hervorging, der lange als mit dem politischen Establishment verbandelt galt. Obwohl die Proteste zunächst wirtschaftlicher Natur waren, entwickelten sie sich schnell zu einer offen politischen Mobilisierung. Anti-Regierungs-Slogans signalisierten einen Wandel von materiellen Missständen hin zu Systemkritik. Die Schließung von Läden in wichtigen Geschäftszentren Teherans beschleunigte die Ausbreitung der Proteste in der Hauptstadt und darüber hinaus und erregte großes Aufsehen in den nationalen und internationalen Medien.
Die Proteste überschnitten sich bald mit studentischen Mobilisierungen und verbanden den Basar mit Universitäten, die traditionell mit der städtischen Mittelschicht Irans assoziiert werden. Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen gingen von bedeutenden Institutionen in Teheran aus, darunter die Universität Teheran, die Amir-Kabir-Universität und die Shahid-Beheshti-Universität, sowie von Hochschulen in anderen Städten wie der Universität Kurdistan in Sanandaj und der Ferdowsi-Universität in Maschhad. Diese Annäherung trug zu einer klassenübergreifenden Dynamik bei, die die gesellschaftliche Basis der Proteste verbreiterte.
Die Islamische Republik begann, den Basar durch staatsnahe Zünfte, Verbände und Sicherheitsstrukturen zu integrieren und zu regulieren
Anders als frühere Protestwellen nach 1979 – die oft von Jugendlichen, Studierenden oder marginalisierten Bevölkerungsgruppen initiiert wurden – zeichneten sich die Proteste im Dezember 2025 dadurch aus, dass sie von Basarhändlern und Ladenbesitzern ausgelöst wurden. Ihre Beteiligung wandelte die anfängliche wirtschaftliche Reaktion auf den Marktzusammenbruch in eine umfassendere gesellschaftliche und politische Herausforderung um und unterstrich die symbolische und mobilisierende Bedeutung des Basars in der iranischen Protestlandschaft.
Irans traditionelle Basare – allen voran der Große Basar in Teheran und die Basare historischer Zentren wie Isfahan und Täbris – waren lange Zeit mehr als nur Handelsplätze. Sie bildeten dichte soziale, kulturelle und wirtschaftliche Netzwerke, die historisch gesehen Solidarität, Informationsaustausch und kollektives Handeln ermöglichten und sie so zu wichtigen Schauplätzen öffentlichen Protests machten. Vor 1979 spielten Basare in mehreren kritischen Momenten eine entscheidende Rolle, darunter im Zuge der Tabakproteste 1891/92 und der Konstitutionellen Revolution (1905–1911). Streiks und Ladenschließungen, oft im Bündnis mit dem Klerus, trugen dazu bei, die staatliche Autorität in Frage zu stellen und politische Institutionen umzugestalten.
In der späten Pahlavi-Ära zielte staatliche Modernisierungs- und Entwicklungspolitik darauf ab, den Basar wirtschaftlich und gesellschaftlich zu marginalisieren. Paradoxerweise stärkten diese Bemühungen jedoch den internen Zusammenhalt, die Autonomie und die Organisationsfähigkeit des Basars und ermöglichten ihm so eine effektive Mobilisierung während der Revolutionszeit. Ende der 1970er-Jahre kontrollierte der Basar einen beträchtlichen Anteil des Großhandels und der Importe und fungierte als zentrale Drehscheibe informeller Wirtschaftstätigkeit und politischer Kommunikation. Basarstreiks führten zu erheblichen Einbußen bei den Staatseinnahmen und trugen maßgeblich zum Zusammenbruch des Regimes von Mohammad Reza Schah Pahlavi bei.
Nach der Revolution von 1979 nahm der Basar jedoch zunehmend eine konservative und systemkonforme Position ein. Die Islamische Republik, geprägt durch ihre Erfahrungen mit der revolutionären Macht des Basars, begann, ihn durch staatsnahe Zünfte, Verbände und Sicherheitsstrukturen zu integrieren und zu regulieren, während wichtige Wirtschaftssektoren unter die Kontrolle von Akteuren gerieten, die mit der herrschenden Elite verbunden waren. Infolgedessen wurde die Fähigkeit des Basars zur autonomen politischen Mobilisierung erheblich eingeschränkt.
Diese Abhängigkeit erklärt, warum der Basar bei den Protesten 2009, 2018 und 2019 keine entscheidende Rolle spielte
Dennoch blieb der Basar eine einflussreiche Symbol- und Bezugsgruppe innerhalb der iranischen Gesellschaft. Seine historische Rolle als Knotenpunkt wirtschaftlicher Aktivität, gesellschaftlichen Vertrauens und politischer Kommunikation bedeutet, dass Basarhändler, wenn sie ihre Läden schließen oder sich an kollektiven Aktionen beteiligen, weiterhin ein starkes öffentliches Signal aussenden, das weit über den Bereich des Handels hinausreicht und das Potenzial besitzt, breitere gesellschaftliche Mobilisierungen anzustoßen.
Seit der Gründung der Islamischen Republik hat sich der Basar im Allgemeinen dem herrschenden System angeschlossen und wichtige finanzielle und soziale Unterstützung geleistet. Obwohl der Staat den Basar symbolisch als revolutionären Verbündeten anerkannt hat, haben staatliche Institutionen und revolutionäre Stiftungen in der Praxis seine politische Autonomie geschwächt und seine Fähigkeit zur unabhängigen Mobilisierung eingeschränkt. Wie Ayatollah Ruhollah Khomeini in den frühen Jahren der Islamischen Republik betonte, war das Verhältnis zwischen Staat und Basar als wechselseitige Abhängigkeit konzipiert: Das Überleben des einen war an den Erhalt des anderen geknüpft. Folglich blieb der politische Einfluss des Basars von seinem Verhältnis zum Staat abhängig – einem Verhältnis, das im Laufe der Zeit Schwankungen unterlag und Proteste entweder ermöglichen oder unterdrücken konnte.
Diese Abhängigkeit erklärt, warum der Basar bei den Protesten 2009, 2018 und 2019 keine entscheidende Rolle spielte und während der »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung von 2022 lediglich eine weitgehend symbolische. In diesen Fällen ging die Mobilisierung primär von einkommensschwachen Stadtvierteln, marginalisierten Bevölkerungsgruppen und breiten gesellschaftlichen Bündnissen aus, nicht von organisierten Basargilden.
Anders als frühere Protestwellen begannen die Demonstrationen von 2025 mit Streiks statt mit Straßenprotesten und wurden durch akuten wirtschaftlichen Druck ausgelöst. Im Gegensatz zu den Protesten von 2022, deren Dynamik zunächst in kurdischen Regionen wurzelte und sich später landesweit ausbreitete, war die Beteiligung in Grenzprovinzen wie Kurdistan und Sistan-Belutschistan anfangs geringer. Dieses Verhältnis kann sich jedoch im Zuge der weiteren Entwicklung der Proteste noch ändern.
Bemerkenswerterweise riefen die kurdischen Parteien auch die Basarhändler in den kurdischen Gebieten zur Teilnahme an einem landesweiten Streik am 8. Januar auf
In den ethnisch vielfältigen Randgebieten Irans spielten lokale religiöse und kommunale Führungspersönlichkeiten während der jüngsten Proteste eine zwar zurückhaltende, aber dennoch sichtbare Rolle. Persönlichkeiten wie Maulana Abdolhamid in Sistan-Belutschistan und sunnitische Geistliche (allgemein als Mamusta bezeichnet) in Kurdistan riefen sowohl Demonstranten als auch Sicherheitskräfte dazu auf, eine weitere Eskalation und Gewalt zu vermeiden und unterstützen öffentlich die Anliegen der Demonstranten. Anders als 2022, als die Proteste in diesen Regionen eine ausgeprägte ethnische und kommunale Dimension hatten, setzten diese Führungspersönlichkeiten ihre Positionen jedoch nicht in organisierte, koordinierte Mobilisierung um. Ihr Eingreifen blieb weitgehend diskursiv und vermittelnd.
Gleichzeitig nahmen nicht-religiöse ethnische und politische Akteure in Kurdistan und Belutschistan eine konfrontativere Haltung ein. Verschiedene ethnische Aktivistennetzwerke und Oppositionsgruppen erklärten sich offen solidarisch mit den Protestierenden und warnten die staatlichen Behörden, dass anhaltende Repressionen direkte Reaktionen hervorrufen könnten. Diese Signale waren besonders in den kurdischen Regionen sichtbar, wo etablierte politische Organisationen eine beispiellose Koordination anstrebten.
In diesem Kontext beriefen mehrere bedeutende kurdische Oppositionsparteien ein hochrangiges Koordinierungstreffen ein. Den Vorsitz führte Mostafa Hijri, Generalsekretär der Demokratischen Partei Iranisch-Kurdistans (PDKI), in seiner Funktion als rotierender Koordinator des Dialogzentrums für Zusammenarbeit der kurdischen Parteien Irans. Die Parteien bezeichneten die neue Welle von Protesten, Streiks und Demonstrationen ausdrücklich als Folge jahrelanger Korruption, Misswirtschaft und systematischer volksfeindlicher Politik. Sie verurteilten zudem die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Kermanschah, Ilam und Lorestan.
Angesichts der historisch bedingten Zersplitterung und der Rivalität zwischen den kurdischen politischen Bewegungen stellt selbst eine lose Koordinierung im Rahmen einer Art »Operationszentrale« eine bedeutende Veränderung in der internen Struktur der Oppositionspolitik in Iran dar. Bemerkenswerterweise riefen diese kurdischen Parteien auch die Basarhändler in den kurdischen Gebieten zur Teilnahme an einem landesweiten Streik am 8. Januar auf.
Neben Kurdistan und Belutschistan weiteten sich die jüngsten Proteste auch auf Gebiete aus, die überwiegend von den Lor- und Bachtiari-Gemeinschaften bewohnt werden
Parallel zu diesen politischen Entwicklungen radikalisierte sich die Proteststimmung in Belutschistan. Am 7. Januar veröffentlichte eine Gruppe namens »Volkskämpferfront« (Jebhe-ye Mobarezin-e Mardomi) eine kurze Erklärung, in der sie die Verantwortung für die Tötung des Kommandanten des Polizeipostens Shahredraz in Iranshahr übernahm. Laut der Erklärung erfolgte das Attentat »als Reaktion auf das Massaker und die Unterdrückung von Demonstranten im ganzen Land und mit dem Ziel, das System der Velayat-e Faqih für die gegen das iranische Volk begangenen Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen«. Die Gruppe behauptete, der Kommandant habe sich persönlich an der Tötung belutschischer Bürger beteiligt und sei daher »in einer gezielten Operation eliminiert« worden.
Obwohl es sich um Einzelfälle handelte, unterstrichen solche Aktionen die anhaltende Gefahr der Militarisierung und Instrumentalisierung von Protesten in den Randgebieten Irans. Neben Kurdistan und Belutschistan – wo ethnische Mobilisierung traditionell stärker ausgeprägt ist – weiteten sich die jüngsten Proteste auch auf kleinere Orte wie Malekshahi in der Provinz Kermanschah und Abdanan in der Provinz Ilam aus, Gebiete, die überwiegend von den Lor- und Bachtiari-Gemeinschaften bewohnt werden. Diese Regionen, die bei den letzten Wahlen ebenfalls eine geringe Wahlbeteiligung aufwiesen, spiegeln langjährige Muster politischer und wirtschaftlicher Marginalisierung wider.
Ihre Beteiligung verdeutlicht einen der zentralen Widersprüche der iranischen Politik: Obwohl der Staat die ethnische Vielfalt formell anerkennt, bleibt ihre praktische Umsetzung höchst selektiv und ausgrenzend. Ethnische Anerkennung und Integration priorisieren tendenziell bestimmte Gruppen – allen voran Aserbaidschaner und in geringerem Maße Kurden und Belutschen, insbesondere unter den jüngsten reformorientierten oder teilreformorientierten Regierungen –, während andere Gemeinschaften wie die Luren und Bachtiari weiterhin strukturell vernachlässigt werden. Das Auftreten dieser Gruppen in der Protestlandschaft signalisiert daher nicht nur sporadischen Widerstand, sondern tiefer liegende, ungelöste Spannungen, die in Irans ungleichem und hierarchischem Umgang mit ethnischen Minderheiten verankert sind.
Die Beteiligung der Basarhändler an den Protesten hat eine Bedeutung, die weit über ihre unmittelbaren wirtschaftlichen Nöte hinausgeht. Als traditionell systemgebundene und relativ stabile Wirtschaftsklasse signalisiert ihre Teilnahme, dass der wirtschaftliche Druck ein Ausmaß erreicht hat, bei dem selbst etablierte und vergleichsweise geschützte Zünfte ihren normalen Betrieb nicht mehr aufrechterhalten können. Diese Entwicklung vermittelt eine starke politische und gesellschaftliche Botschaft: Die Wirtschaftskrise beschränkt sich nicht länger auf marginalisierte oder prekäre Gruppen, sondern untergräbt zunehmend die Grundlagen jener, die historisch in die Gesellschaftsordnung des Regimes integriert waren.
Eine solche Konvergenz würde einen qualitativen Wandel von sporadischen Unruhen hin zu einer anhaltenden politischen Herausforderung markieren
In diesem Sinne unterscheidet sich die Protestwelle Ende 2025 grundlegend von früheren Protesten. Anders als die Proteste von 2018 und 2019, die vorwiegend von einkommensschwachen und marginalisierten Bevölkerungsschichten ausgingen, und anders als die Proteste von 2022, die primär von gesellschaftlichen, kulturellen und auf Menschenrechten basierenden Forderungen getragen wurden, gingen die jüngsten Proteste aus den Reihen einer Art wirtschaftlichen Elite hervor – dem Basar – und formulierten gleichzeitig eine breit angelegte politische Botschaft. Von dort aus begannen sich die Proteste mit der Mobilisierung von Studierenden und anderen gesellschaftlichen Gruppen in großen Metropolen und kleineren Städten zu überschneiden, wodurch eine vielschichtigere und klassenübergreifende Dynamik entstand.
Diese Entwicklung ist angesichts des breiteren institutionellen Kontextes der Islamischen Republik besonders bedeutsam. In Ermangelung wirksamer rechtlicher Beteiligungsmöglichkeiten und in einem politischen System, in dem zivilgesellschaftliche Organisationen und autonome Institutionen systematisch geschwächt oder zerschlagen wurden, verfügt der Basar über ein besonderes Potenzial für kollektives Handeln. Trotz seines relativen Niedergangs seit der Revolution von 1979 funktioniert der Basar weiterhin durch formalisierte Zünfte, Gewerkschaften und Räte. Dadurch kann er Protestsignale organisierter und koordinierter verbreiten als viele informelle oder spontan agierende gesellschaftliche Gruppen.
Gleichzeitig sollte man diese Fähigkeit nicht überschätzen. Die staatliche Politik der letzten Jahrzehnte hat den Basar weder wesentlich gestärkt noch seine traditionellen sozialen Netzwerke bewahrt; im Gegenteil, sie hat zu seiner Schwächung beigetragen und seine langfristige Mobilisierungskraft verringert. Dennoch zeigen die jüngsten Proteste, dass der Basar weiterhin als wichtige Plattform für breitere gesellschaftliche Mobilisierungen dienen kann, wenn wirtschaftlicher Druck auf politische Unzufriedenheit trifft.
Die zentrale Frage für die Zukunft lautet, ob Basarhändler, Studierende, ethnische Gruppen und Teile der Diaspora ihre Anliegen in einem gemeinsamen Rahmen artikulieren können, der vielschichtigen Druck auf den Staat ausübt. Eine solche Konvergenz würde einen qualitativen Wandel von sporadischen Unruhen hin zu einer anhaltenden politischen Herausforderung markieren. Ebenso ungewiss ist, wie der Staat auf die zunehmenden soziopolitischen Spannungen reagieren wird, insbesondere angesichts des starken externen Drucks, einschließlich der Möglichkeit einer militärischen Konfrontation mit Israel und den Vereinigten Staaten. Wichtig wird zu beobachten, ob die Entscheidungsträger in Teheran erneut versuchen werden, einen externen Konflikt zu instrumentalisieren, wie er während des sogenannten Zwölf-Tage-Krieges zu beobachten war, oder ob eine solche Strategie stattdessen die innenpolitische Konfrontation zwischen den Sicherheitskräften und einer zunehmend desillusionierten Bevölkerung verschärfen würde.
Hessam Habibi Doroh ist Forscher am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) am Landesverteidigungsakademie in Wien. Javad Heiran-Nia ist Direktor der Persian Gulf Studies Group am Center for Scientific Research and Middle East Strategic Studies in Iran.




