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USA, Israel, Iran und die kommende Wirtschaftskrise

Der Preis des Kriegs

Analyse
USA, Israel, Iran und die kommende Wirtschaftskrise

Die Strategie der Operation »Epic Fury« geht nicht auf. Warum ein Ausweg aus dem Krieg dennoch so schwierig bleibt – und auf welchen Ebenen der Waffengang bereits jetzt irreversiblen Schaden angerichtet hat.

Der Krieg mit Iran dauert nun schon über drei Wochen an, weiterhin herrscht Verwirrung über seine Ziele und die Kriterien für einen Sieg der USA und Israels. Nach anfänglichen Forderungen nach bedingungsloser Kapitulation haben jüngste Erklärungen von Donald Trump womöglich den Weg für Verhandlungen geebnet. Mohamed Bagher Ghalibaf, selbst hochrangiger Kommandeur der Revolutionsgarde sowie amtierender Parlamentssprecher, soll Gerüchten zufolge als führender Unterhändler Irans in einer neuen Verhandlungsrunde mit Jared Kushner und Steve Witkoff im pakistanischen Karatschi agieren. Das Ultimatum an Teheran, den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus freizugeben, wurde für fünf Tage ausgesetzt, was direkte Kontakte auf hoher Ebene ermöglicht.

 

Die Finanzmärkte reagierten mit Euphorie auf Trumps Äußerungen: Aktienkurse stiegen, während die Öl- und Gaspreise fielen. Iranische Offizielle dementierten umgehend die Meldungen über neue Verhandlungen und warfen dem US-Präsidenten vor, mit Desinformationen die Märkte zu manipulieren. So ist weiter völlig offen, ob diese diplomatischen Annäherungsversuche zu einem Ende des Konflikts führen werden. Klar ist jedoch, dass Trump den Schlüssel zu dieser neuen Weltlage in Händen hält, deren Regeln noch geschrieben werden müssen.

 

Derweil setzt Israel unvermindert auf die Tötung hochrangiger Offizieller. Doch die Ermordung von Ali Larijani, Ismail Kattib und weiterer wichtiger Vertreter des Sicherheits- und Politikapparats führte nicht zum Zusammenbruch des Regimes, sondern bewirkte das Gegenteil. Der Übergang zu einer Militärdiktatur unter der Führung der Revolutionsgarde hat sich beschleunigt, da sowohl das unpopuläre Kleriker-Establishment als auch die politischen Kräfte des Systems geschwächt wurden. Diese neue Führung scheint entschlossen, bis zum bitteren Ende zu kämpfen – ein Szenario, auf das Trump offenbar nicht vorbereitet ist und von dem sich die Weltwirtschaft nur schwer erholen wird.

 

Die iranische Reaktion war vorhersehbar und folgte den erklärten strategischen Zielen, die Teheran in der Vergangenheit offen gegenüber Freund und Feind kommuniziert hatte

 

Die Ziele Washingtons und Israels weichen offensichtlich voneinander ab. Die iranische Reaktion war vorhersehbar und folgte den erklärten strategischen Zielen, die Teheran in der Vergangenheit offen gegenüber Freund und Feind kommuniziert hatte: wechselseitig gesicherte Vernichtung auf regionaler Ebene. Es ist weniger klar, was Trump mit einem vermeintlichen Sieg erreichen will und inwieweit Benjamin Netanyahu die USA in einen weiteren endlosen Krieg führt. Der Rest der westlichen Welt beobachtet das Geschehen fassungslos und machtlos, den Lauf der Dinge zu beeinflussen, aber stets vor Augen, dessen Kosten zu tragen.

 

Die Ernennung von Mojtaba Khamenei zum Obersten Führer belegt, dass Iran sich von einer Theokratie, die durch eine republikanische Zivilstruktur und einen militärischen Revolutionsarm im Gleichgewicht gehalten wurde, zu einer Militärdiktatur entwickelt hat. Obwohl er ein Geistlicher ist, fehlen ihm die für eine solche Position erforderlichen religiösen Qualifikationen, und seine Ernennung scheint von der Revolutionsgarde gegen starken Widerstand der pragmatischeren Führung unter Ali Larijani selbst durchgesetzt worden zu sein. Diese dynastische Entscheidung widerspricht Ali Khameneis eigenem Willen, den Prinzipien der Islamischen Revolution und der schiitischen Tradition, die auf dem System der Marjaʿiyya basiert und die Unterstützung einer möglichst großen Gefolgschaft erfordert.

 

Der Schlüssel zum Überleben der Islamischen Republik in den 47 Jahren unter Sanktionen und allerlei internen und externen Krisen lag im hybriden Charakter ihres politischen Systems, das im Allgemeinen in der Lage war, die Differenzen zwischen den rivalisierenden Fraktionen zu überbrücken. Die systematische Ermordung der iranischen Führung durch Israel ist ein Wendepunkt, nicht nur aufgrund der Strategie selbst, sondern auch aufgrund ihres scheinbar blindwütigen Ausmaßes. Die ungeschriebenen Gesetze der modernen Kriegsführung, die sich stark von denen nach dem Zweiten Weltkrieg unterscheiden, haben sich mit der technologischen Revolution der letzten Jahre stillschweigend verändert und sich von juristischen Präzedenzfällen entfernt.

 

Unklar bleibt auch, ob Ghalibaf die Unterstützung der Revolutionsgarde für die Aushandlung eines glaubwürdigen Abkommens genießt

 

Nahezu jeder Regimevertreter mit Macht oder Glaubwürdigkeit wurde inzwischen ausgeschaltet, was eine Verhandlungslösung erheblich erschwert. Die Eliminierung von Ali Larijani ist ein klares Zeichen dafür, dass Israel dem US-Präsidenten keine Verhandlungsoptionen lassen will. Trump selbst räumte ein, dass die meisten der von den USA als mögliche Gesprächspartner in Betracht gezogenen Personen tot sind. Die oft als »reformistisch« bezeichnete Fraktion ist traditionell verhandlungsbereit gegenüber den Vereinigten Staaten, aber durch die wiederholten Vertrauensbrüche seitens westlichen Gesprächspartner völlig diskreditiert.

 

Man kann daher schlussfolgern, dass Iran in eine neue Phase der »Revolution innerhalb der Revolution« eintritt, die durch die vollständige Machtkonzentration in den Händen einer jüngeren Generation von Revolutionsgardisten gekennzeichnet ist. Die Wahl von Mojtaba Khamenei ist ein deutliches Zeichen dafür, dass diese radikalen Elemente in der Revolutionsgarde dem Klerus diese Entschlossenheit nicht zutrauen. Der neue Oberste Führer ist seit seiner Ernennung nicht öffentlich aufgetreten, was zu allerlei Spekulationen über seinen Gesundheitszustand geführt hat.

 

Unklar bleibt auch, ob Ghalibaf die Unterstützung der Revolutionsgarde für die Aushandlung eines glaubwürdigen Abkommens genießt. Netanyahu hat bereits erklärt, dass ein Regimewechsel Bodentruppen erfordert und versucht, Trump tiefer in den Konflikt zu drängen. Der Rücktritt von Joe Kent, dem Direktor des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung, hat die intensive Debatte innerhalb der US-Führung über das weitere Vorgehen offengelegt.

 

Die Militäroperationen haben zweifellos beachtliche Erfolge erzielt und einen Großteil der iranischen Militärinfrastruktur zerstört. Seit Kriegsbeginn wurde Irans Fähigkeit zum Abschuss von Langstreckenraketen Berichten zufolge um 90 Prozent reduziert, und die mit der Raketenproduktion verbundene Industrie wird systematisch unter Feuer genommen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Iran keine strategischen Optionen mehr hat. Stattdessen hat das Land seine Angriffe auf seine Nachbarn am Golf, die weitaus verwundbarer sind, sowie auf den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus verlagert. Irans Strategie scheint auf einer Form strategischer Abschreckung zu beruhen, die darauf abzielt, eine Verhandlungslösung zu erzwingen, die das Überleben des Regimes garantiert. Die Entschlossenheit zum Widerstand um jeden Preis ist offensichtlich, und es erscheint unwahrscheinlich, dass in naher Zukunft ein weiterer Volksaufstand ausbricht oder ein Militärputsch von innen heraus diesen Kurs ändert.

 

Das fragile politische Gleichgewicht im Irak hält die Stabilität der gesamten Region am seidenen Faden

 

Vorschläge, ethnische Minderheiten zu instrumentalisieren, um das Regime zu destabilisieren, hatten zudem den gegenteiligen Effekt und provozierten eine nationalistische Reaktion. Die Eskalation der Angriffe Israels und Irans auf Energieanlagen in der Region hat die Lage verschärft und treibt die weltweiten Gas- und Ölpreise in die Höhe. Die Frage, wie lange Iran die Fähigkeit besitzt, die Energieanlagen seiner Golfnachbarn weiter anzugreifen und die Straße von Hormus geschlossen zu halten, wird den Ausgang des Krieges bestimmen. Tausende von Shahed-Drohnen, Kurzstreckenraketen und schnelle Torpedoboote können monatelang Chaos im Golf stiften und die Resilienz der Finanzmärkte übersteigen.

 

Diesen Krieg derart zu führen, erfordert einen langen Atem – und Trump hat sich durch seine eigene Strategie eines schnellen und entscheidenden Sieges in eine Sackgasse manövriert. Seine Optionen scheinen begrenzt, denn ein umfassenderes militärisches Engagement, einschließlich des Einsatzes von Bodentruppen, steht nun zur Debatte – doch für dieses Szenario wurden keine klaren Vorbereitungen getroffen.

 

Bodenoperationen in der Straße von Hormus, auf der Insel Kharq oder in den Atomanlagen in Fordow oder Natanz bergen enorme Risiken und ungewissen Ausgang für die US-Truppen. Zudem ist Israel den USA bei der Festlegung der nächsten militärischen Entscheidung um einige Schritte voraus, was ein Nullsummenspiel unausweichlich macht. Für Iran ist die Strategie einfacher: ausharren und so hohe wirtschaftliche und geopolitische Kosten verursachen, dass Washington schließlich gezwungen sein wird, Bedingungen zu akzeptieren, um eine globale Finanzkrise zu vermeiden. Israel mag es schaffen, seinen letzten großen regionalen militärischen Rivalen auszuschalten, aber zu einem Preis, der das Ergebnis in einen Pyrrhussieg verwandeln könnte und bereits den Boden für eines langwierigen und dauerhaften Konflikt bereitet.

 

Auch wenn das Szenario eines Bürgerkrieg in Iran derzeit unwahrscheinlich erscheint, kann es nicht völlig ausgeschlossen werden, sollte sich der Konflikt zu einem langen und blutigen Regionalkrieg ausweiten. Die nächste Phase könnte im Irak und im Jemen ausgetragen werden und die geopolitischen Risiken exponentiell erhöhen. Iran würde den Irak nur als letztes Mittel destabilisieren, doch dieses Szenario rückt mit jedem Tag näher. Das fragile politische Gleichgewicht im Irak hält die Stabilität der gesamten Region am seidenen Faden, da sowohl die Autonomieregierung in Erbil als auch die schiitischen Institutionen versuchen, ein Übergreifen des Krieges auf andere Länder zu verhindern. Iraks höchste schiitische Autorität, Ayatollah Ali Sistani, hat am Samstag eine Erklärung zur Unterstützung Irans und des Libanon veröffentlicht, die den Krieg verurteilt und die internationalen Mächte auffordert, ihn zu beenden.

 

Donald Trumps Operation »Epic Fury« könnte letztlich dem Ausgang des Afghanistan-Krieges ähneln

 

Das nächste besorgniserregende Szenario wäre der Eintritt der Huthis im Jemen in den Konflikt und die Blockade von Bab Al-Mandab in Abstimmung mit der iranischen Blockade von Hormus. Die Huthis sind bekannt dafür, ihre eigene politische Agenda voranzutreiben. Allerdings haben sie in den vergangenen Jahren auch nicht vor zurückgeschreckt, Israel ins Visier zu nehmen.

 

Iran könnte den Persischen Golf noch monatelang destabilisieren und damit einen wirtschaftlichen und politischen Schock mit globalen Auswirkungen auslösen. Die mit Teheran verbündeten schiitischen Milizen und die Huthi-Rebellen im Jemen bleiben mächtige Akteure, die das geopolitische Risiko eines regionalen Krieges exponentiell steigern könnten. Russland und China haben sich bisher nicht direkt in den Konflikt eingemischt, doch im Verlauf des Krieges werden sie sich unweigerlich auf die eine oder andere Weise engagieren, da ihre strategischen Interessen auf dem Spiel stehen.

 

Donald Trumps Operation »Epic Fury« könnte letztlich dem Ausgang des Afghanistan-Krieges ähneln, der mit der Ablösung der Taliban durch andere Taliban endete – allerdings mit weitaus katastrophaleren geopolitischen Folgen. Selbst wenn die laufenden Verhandlungen den Krieg beenden, bleibt unklar, welches Sicherheitssystem die Stabilität in der Region gewährleisten kann. Das Vertrauen zwischen den meisten regionalen Akteuren ist zerstört, und keine Garantien bieten hier einen Ersatz.

 

Manche Analysten spekulieren, dass die neue iranische Führung ein geheimes militärisches Atomprogramm als einzig glaubwürdige Abschreckungsmaßnahme betrachten könnte, da Ali Khameneis Fatwa zur grundlegenden Ablehnung von Nuklearwaffen nach seinem Tod ihre Gültigkeit verliert. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Nahe Osten in eine Phase der Instabilität mit unvorhersehbaren Folgen eintritt, und die Weltwirtschaft könnte einen hohen Preis dafür zahlen. Iran hat angekündigt, seine Operationen in der Straße von Hormus fortzusetzen, und die Ölpreise könnten auf 200 US-Dollar pro Barrel steigen. Entscheidend wird sein, ob Iran dieser Herausforderung standhalten kann. Es ist jedoch durchaus wahrscheinlich, dass der Konflikt im schlimmsten Fall mehrere Monate andauern und die globalen Finanzmärkte zum nächsten Schlachtfeld machen könnte.


Ramon Blecua ist ein spanischer Diplomat, ehemaliger EU-Botschafter im Irak und ehemaliger Sonderbotschafter für Mediation und interkulturellen Dialog. Die Meinungen in diesem Artikel sind die des Autors.

Von: 
Ramon Blecua

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