Gelingt es Ahmad Al-Scharaa, Ordnung in Recht zu übersetzen – und gelingt es Deutschland, Aufbau mit Geduld, Expertise und klaren Standards zu begleiten –, kann aus dem Neuanfang in Syrien ein belastbarer Neustart werden.
Ein Jahr nach dem Sturz der Assad-Diktatur in Syrien vollzieht sich eine behutsame Annäherung zwischen Berlin und Damaskus. Erstmals seit über einem Jahrzehnt hat Deutschland wieder diplomatisches Personal in Syrien: Die Botschaft in Damaskus, 2012 wegen des Bürgerkriegs geschlossen, wurde 2025 in aller Eile neu eröffnet und steht seither unter Leitung von Clemens Hach als Geschäftsträger. Wenige Monate nach der Machtübernahme einer syrischen Übergangsregierung reiste am 31. Oktober 2025 Johann Wadephul nach Damaskus – ein Besuch von großer symbolischer Bedeutung. »Mit der Überwindung der Assad-Diktatur sind die Menschen in Syrien in eine neue Zeit aufgebrochen. Wir wollen sie jetzt dabei unterstützen, die Zukunft ihres Landes selbst in die Hand zu nehmen«, erklärte der deutsche Außenminister vor seiner Weiterreise in die syrische Hauptstadt.
Er traf dort den Übergangspräsidenten Ahmad Al-Scharaa sowie dessen Außenminister und signalisierte deutliche Unterstützung. Deutschland habe sich »auf europäischer Ebene früh und maßgeblich« für die Aufhebung aller Wirtschaftssanktionen gegen Syrien eingesetzt – mit Erfolg: Bereits im Mai 2025 hatte die EU sämtliche Syrien-Sanktionen gestrichen, um den Weg für wirtschaftliche Erholung freizumachen. Begleitet wurde Wadephul von Vertretern deutscher Unternehmen, die interessiert sind, beim Wiederaufbau zu helfen. Denn Berlin ist überzeugt: »Ein stabiles Syrien liegt im deutschen Interesse.«
Über Jahre war westliche Unterstützung für Syriens Wiederaufbau an einen politischen Wandel geknüpft – nun, nach dem Regimewechsel, öffnen sich die Geldschleusen. Auf einer internationalen Geberkonferenz in Brüssel im März 2025 sagte die Staatengemeinschaft insgesamt rund 5,8 Milliarden Euro für Syrien zu, davon 4,2 Milliarden als Zuschüsse und 1,6 Milliarden als Kredite. Die EU trägt davon etwa 2,5 Milliarden Euro für 2025/26. Deutschland steuert 300 Millionen Euro bei – weniger als in früheren Jahren, was Diplomaten auf die Regierungskrise in Berlin Ende 2024 zurückführen.
Da eine offizielle Zusammenarbeit wieder möglich ist, kann die GIZ direkt mit syrischen Behörden kooperieren
Dennoch bleibt die Bundesrepublik einer der größten Unterstützer Syriens: Seit 2011 hat Deutschland mehr als 13 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe und Stabilisierung in Syrien bereitgestellt. Diese Hilfe kommt nun verstärkt auch dem Wiederaufbau zugute. So stellte Außenminister Wadephul bei seinem Besuch in Damaskus zusätzliche 52,6 Millionen Euro Finanzhilfe in Aussicht – unter anderem für humanitäre Zwecke, Minenräumung und den raschen Aufbau einer voll funktionsfähigen Botschaft.
Parallel dazu wurden entwicklungspolitische Programme hochgefahren. Die bundeseigene KfW-Entwicklungsbank etwa hat Mitte November 2025 zwei Finanzierungsverträge über insgesamt 46,5 Millionen Euro mit dem UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) abgeschlossen. Ziel des ersten Projekts mit einem Volumen von 20 Millionen Euro ist die Wiederbelebung von Märkten und Produktionsstätten, darunter Mühlen, Getreidesilos, Schlachthöfen und Textilfabriken – stets unter Einsatz energieeffizienter Bauweisen und erneuerbarer Energien. Millionen Syrer sollen davon profitieren, sei es durch bessere Versorgung oder neue Arbeitsplätze vor Ort. Das zweite Vorhaben über 26,5 Millionen Euro dient der Sicherung von Lebensgrundlagen für Binnenvertriebene, Rückkehrer und aufnehmende Gemeinden.
Geplant sind unter anderem die Reparatur von Schulen, Berufsbildungszentren und Gesundheitsstationen sowie 3.300 »Cash-for-Work«-Stellen, die Förderung von 1.650 Kleinbetrieben und berufliche Trainings für 1.600 Menschen. »Seit dem Regierungswechsel vor fast einem Jahr starten wir neue Initiativen, um wirtschaftliche Strukturen aufzubauen und den Menschen Perspektiven zu bieten«, betont KfW-Vorständin Christiane Laibach. Bereits seit 2013 verwaltet die KfW zudem den internationalen »Syria Recovery Trust Fund«, der von zwölf Gebern insgesamt rund 370 Millionen Euro eingesammelt hat und nun sein Büro nach Damaskus verlegt. Diese Mittel fließen in die Grundversorgung – Trinkwasser, Strom, Gesundheitsdienste und Ernährungssicherheit – vor allem in zuvor benachteiligten Gebieten.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) weitet ihr Engagement aus. Die GIZ ist seit 1976 in Syrien aktiv und hat trotz Kriegswirren durch Projekte mit lokalen Partnern die Lebensbedingungen von über 1,2 Millionen Syrern verbessert. Unter schwierigsten Bedingungen wurden etwa beschädigte Kliniken betriebsfähig gehalten, was seit 2017 über 210.000 Operationen ermöglicht hat. Über 885.000 Menschen erhielten Zugang zu sauberem Trinkwasser, 155.000 zu Sanitäranlagen. Nun, da eine offizielle Zusammenarbeit wieder möglich ist, kann die GIZ direkt mit syrischen Behörden kooperieren. »Die GIZ wird ihre Arbeit in Syrien ausweiten und den Fokus auf den Aufbau staatlicher Kapazitäten legen«, heißt es aus Bonn. Priorität hätten der Aufbau bürgernaher Kommunalverwaltungen, Wirtschaftsförderung, Zugang zum Rechtswesen und eine unabhängige Justiz – kurz: Kernbereiche einer nachhaltigen Erneuerung des syrischen Staates.
Ein Leuchtturmprojekt ist die im Februar 2025 gestartete Initiative deutsch-syrischer Klinikpartnerschaften
Ein Leuchtturmprojekt ist die im Februar 2025 gestartete Initiative deutsch-syrischer Klinikpartnerschaften. Hierbei tun sich Krankenhäuser und Mediziner beider Länder zusammen, um Syriens kollabiertes Gesundheitssystem wieder aufzurichten. »Nach 14 Jahren brutalem Bürgerkrieg ist das Gesundheitssystem in einem desolaten Zustand – ein Drittel der Krankenhäuser liegt brach, über die Hälfte des medizinischen Personals wurde vertrieben«, erklärte Entwicklungsministerin Svenja Schulze bei einem Fachtreffen in Berlin. Viele der etwa 6.000 in Deutschland lebenden Ärztinnen und Ärzte syrischer Herkunft seien hochmotiviert zu helfen. Allein Deutschland hat ein eigenes Interesse daran, diese Fachkräfte nicht ganz zu verlieren – also wurde ein Weg gesucht, ihr Know-how für Syrien nutzbar zu machen, ohne sie dem hiesigen Gesundheitssystem zu entziehen.
Die Lösung sind zeitlich befristete Partnerschaften: Über 300 syrische und deutsche Mediziner kamen zusammen, um mehr als 20 Krankenhaus-Partnerschaften auf den Weg zu bringen. Der Bundestag stellte dafür 15 Millionen Euro bereit. GIZ und BMZ unterstützen mit organisatorischer und finanzieller Hilfe – etwa indem Visiten in Syrien, Schulungen und die Ausstattung mit Medikamenten und Geräten kofinanziert werden. Jede Partnerschaft kann pro Jahr bis zu 500.000 Euro Förderung erhalten und soll »allen Landesteilen Syriens und alle Bevölkerungsgruppen – auch Minderheiten, Frauen und Kinder – zugutekommen«. Dieses Programm zeigt bereits, dass Wiederaufbau mehr bedeutet als Beton und Ziegel: Es geht ebenso um Wissenstransfer, den Aufbau von Fachpersonal und die Reaktivierung sozialer Dienstleistungen.
Während Deutschland und Europa finanzielle Mittel mobilisieren, hat sich in Damaskus das politische Machtgefüge grundlegend geändert. Übergangspräsident Ahmed Al-Scharaa – bislang in westlichen Hauptstädten eine unbekannte Größe – bemüht sich um internationale Anerkennung. Er unterzeichnete eine vorläufige Verfassung für eine auf fünf Jahre angesetzte Übergangsphase und versprach, das Land auf einen demokratischeren Kurs zu führen. »Wir wollen die staatlichen Institutionen auf der Grundlage von Verantwortung und Transparenz neu errichten«, erklärte Scharaa zur Vorstellung seines Kabinetts. Seine Regierung vom März 2025 umfasst 22 Minister und gilt als vorsichtiger Schritt zu mehr Inklusion: Erstmals gehört eine Frau der syrischen Regierung an – die Christin Hind Kabawat übernahm das Ressort Soziales und Arbeit.
Zudem berief Scharaa Vertreter verschiedener Volksgruppen und der Zivilgesellschaft in Führungspositionen. So wurde Raed Al-Saleh, der prominente Leiter der Weißhelm-Hilfsorganisation, Minister für Notfall- und Katastrophenmanagement. Angehörige bisher marginalisierter Minderheiten bekleiden nun Schlüsselposten: Ein alawitischer Technokrat (Jarub Badr) leitet das Verkehrsministerium, ein Druse (Amgad Badr) das Landwirtschaftsministerium. Sogar ehemals verfeindete Rebellenfraktionen fanden Platz: Außenminister Asaad Al-Shaibani und Verteidigungsminister Marhaf Abu Kasra, beide Veteranen der Aufstandsallianz, blieben im Amt. Auf einen Ministerpräsidenten wurde verzichtet – der Präsident führt die Regierung selbst.
Der Abstand zwischen politischem Anspruch und Gewalt auf lokaler Ebene wurde damit zum ersten Lackmustest der neuen Ordnung
Die internationale Wahrnehmung Al-Scharaas bleibt gleichwohl stark von seiner Biografie geprägt. Unter seinem früheren Kampfnamen Abu Muhammad Al-Jaulani stand er lange an der Spitze der Rebellengruppe Hayat Tahrir Al-Scham (HTS). Noch vor wenigen Jahren galt er im Westen als politisch nicht anschlussfähig; erst im November 2025 strich der UN-Sicherheitsrat seinen Namen von der Sanktionsliste – ein sichtbares Zeichen dafür, wie sehr sich die Lage nach dem Sturz des Assad-Regimes verschoben hat. Ohne Scharaa und die von ihm geführte Allianz wäre der Machtwechsel kaum so rasch erfolgt: Seine Kräfte trugen maßgeblich zur Offensive im Dezember 2024 bei, die in die Einnahme von Damaskus und die Flucht Assads nach Moskau mündete.
Al-Scharaa übernahm in einer Übergangslage, die von tief sitzender Vergeltungslogik geprägt war: Hunderttausende gelten bis heute als verschwunden, viele sollen in Haft und unter Folter gestorben sein. In zahllosen Familien wurde Verlust zur politischen Triebkraft – und die Versuchung, kollektive Schuld in der alawitischen Gemeinschaft zu verorten, die vielfach mit Geheimdienst- und Repressionsapparaten assoziiert wird, war real. Nach Darstellung aus dem Umfeld der Übergangsführung habe Al-Scharaa deshalb früh interveniert, um Racheakte zu unterbinden – aus nüchterner Staatsräson: Ein konfessionell aufgeladener Vergeltungszug hätte das Land sofort in eine zweite Gewaltspirale geführt. Und doch blieb die Wirklichkeit widerspenstig.
Trotz dieser De-Eskalationslinie folgten in den Monaten danach schwere Übergriffe gegen frühere Regime-Anhänger und Minderheiten. Der Abstand zwischen politischem Anspruch und Gewalt auf lokaler Ebene wurde damit zum ersten Lackmustest der neuen Ordnung – und zum Gradmesser, ob Syrien den Sprung von Vergeltung zu rechtsstaatlicher Aufarbeitung tatsächlich vollziehen kann.
Auch die Ereignisse im Raum Aleppo unterstreichen, wie fragil die Ordnung bleibt. Anfang Januar 2026 eskalierte der Konflikt um kurdisch geprägte Viertel; binnen kurzer Zeit wurden zahlreiche Menschen vertrieben, bevor internationale Vermittlung einen Waffenstillstand ermöglichte und kurdische Kräfte aus Aleppo sowie aus mehreren Orten westlich des Euphrat abgezogen wurden. Für manche der schärfsten Schuldzuweisungen – bis hin zu Massaker-Vorwürfen – liegen öffentlich bislang keine belastbaren, unabhängig überprüfbaren Belege vor. Gleichzeitig dokumentieren Menschenrechtsorganisationen seit Jahren auch in SDF-Gebieten Fälle willkürlicher Festnahmen und Entführungen, darunter von Frauen und Minderjährigen – ein Hinweis darauf, dass die Frage von Haft, Rechten und Kontrolle bewaffneter Strukturen nicht nur Damaskus betrifft.
Beispielhaft brachte das BMZ im Oktober 2025 syrischstämmige Unternehmer in einer virtuellen Konferenz mit deutschen Gründungsberatern zusammen
Politisch brisanter als der Frontverlauf ist die anschließende Auseinandersetzung um Verantwortung: Während kurdische Akteure der Zentralmacht schwere Übergriffe vorwerfen, verweist Damaskus auf Angriffe aus SDF-kontrollierten Strukturen. So berichteten syrische Stellen von Drohnenangriffen auf staatliche Gebäude in Aleppo während öffentlicher Auftritte; die SDF wiesen eine Beteiligung zurück. In solchen Übergangskonstellationen ist Information selbst ein Machtfeld: Jede Seite produziert Evidenz, jede Seite bestreitet Evidenz. Für Berlin folgt daraus eine nüchterne Maxime: Unterstützung darf nicht an Narrative gekoppelt werden, sondern an überprüfbare Fortschritte bei der Einhegung bewaffneter Akteure, beim Schutz der Zivilbevölkerung und beim Aufbau rechtsstaatlicher Verfahren.
Über eine Million Syrerinnen und Syrer leben heute in Deutschland – sie sind nicht nur Opfer des Konflikts, sondern potenziell auch Akteure beim Wiederaufbau ihrer alten Heimat. Dieses riesige Diaspora-Potenzial will die Bundesregierung nutzen. »Wir haben über eine Million Brücken zwischen unseren Ländern«, lautet das vielzitierte Motto des deutschen Syrien-Beauftragten. Tatsächlich sind die gesellschaftlichen Verflechtungen inzwischen eng: Viele der Geflüchteten haben in Deutschland Ausbildung und Arbeit gefunden, sprechen Deutsch und sind integriert. »Sie sind fester Teil unserer Gesellschaft«, betonte Außenminister Wadephul bei einer Rede in Damaskus. Er zeigte sich erfreut, dass »einige von Ihnen in Deutschland gelebt und gearbeitet haben und nun ihre dortigen Erfahrungen beim Wiederaufbau Syriens einbringen«. Damit spielte er auf jene Rückkehrer an, die inzwischen im Regierungsapparat in Damaskus mitwirken – aber auch generell auf die Idee, Know-how-Transfer über die Diaspora zu fördern.
Das Entwicklungsministerium (BMZ) hat eigens die Plattform »Neuanfang für Syrien« ins Leben gerufen. Sie vernetzt seit 2025 über 1.200 engagierte Akteure der syrischen Diaspora – von Ingenieuren und Ärzten über Unternehmer bis zu Kommunalpolitikern – die beim Wiederaufbau helfen wollen. In Online-Konferenzen und Arbeitsgruppen tauschen sie sich mit BMZ-Experten aus; Themen reichen von Startup-Förderung über kommunale Partnerschaften bis zur beruflichen Bildung in Syrien. Zwar vergibt die Plattform selbst keine Mittel, aber sie dient als Informationsdrehscheibe zu laufenden Förderprogrammen und erleichtert die Kontaktanbahnung. Beispielhaft brachte das BMZ im Oktober 2025 syrischstämmige Unternehmer in einer virtuellen Konferenz mit deutschen Gründungsberatern zusammen, um Existenzgründungen in Syrien zu diskutieren. Solche Initiativen sollen den privaten Sektor ankurbeln – ein wichtiger Baustein, damit Syrien wirtschaftlich wieder auf die Beine kommt.
Über ein Jahr nach Kriegsende zeichnet sich ab, dass die neue syrisch-deutsche Annäherung kein Nebenprojekt, sondern strategische Notwendigkeit ist
Gleichzeitig bleibt das Thema Rückkehr von Geflüchteten ein politischer Balanceakt. Noch ist Syrien weit davon entfernt, seinen Vertriebenen wieder ein sicheres Auskommen zu bieten. »Hier können wirklich kaum Menschen würdig leben«, zeigte sich Außenminister Wadephul nach dem Anblick der Ruinen von Harasta schockiert. »Eine Rückkehr ist zum jetzigen Zeitpunkt nur sehr eingeschränkt möglich«, konstatierte er bei seinem Besuch in Damaskus. Anstatt auf rasche Rückführungen zu drängen, hebt Wadephul die Freiwilligkeit hervor: Die syrische Übergangsregierung schätze die gut ausgebildeten Syrerinnen und Syrer in Deutschland, aber »diese könnten selbst entscheiden, welchen Weg sie einschlagen möchten«.
»Jeder, der bei uns bleibt und sich in unsere Gesellschaft einbringt, ist weiterhin willkommen«, so der Außenminister. Gleichwohl laufen bereits Gespräche »mit dem syrischen Außenministerium« darüber, einzelne Schwerkriminelle aus Deutschland nach Syrien abzuschieben. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) drängt offen darauf, Abschiebungen nach Syrien zügig wieder aufzunehmen – beginnend mit Gefährdern und verurteilten Straftätern. Im Januar 2026 erfolgten entsprechend die ersten drei Abschiebungen seit Kriegsende (darunter ein Straftäter aus Deutschland), begleitet von viel medialer Aufmerksamkeit.
Die Frage einer möglichen Rückkehr größerer Flüchtlingsgruppen bleibt dagegen vorerst hypothetisch. Zu groß sind noch die Zerstörungen vor Ort, zu unsicher die Lage in Teilen des Landes. Deutschlands Signal an die hier lebenden Syrer lautet daher: Ihr seid willkommen, egal ob ihr bleibt oder eines Tages zurückkehrt. Ein erzwungenes Zurückschicken auf breiter Front ist politisch wie praktisch nicht in Sicht – im Mittelpunkt steht vielmehr, die Voraussetzungen zu schaffen, dass jene, die freiwillig heimkehren wollen, auch eine Perspektive in Syrien vorfinden.
Über ein Jahr nach Kriegsende zeichnet sich ab, dass die neue syrisch-deutsche Annäherung kein Nebenprojekt, sondern strategische Notwendigkeit ist. Zu stark waren die Rückwirkungen des Krieges auf Europa – sicherheitspolitisch, wirtschaftlich, migrationspolitisch. Entsprechend verschiebt sich Deutschlands Rolle: vom reinen Krisenhelfer hin zum Partner, der Wiederaufbau als Staats- und Gesellschaftsprojekt denkt. KfW- und GIZ-Programme, zusätzliche Zusagen aus Berlin und die systematische Einbindung der Diaspora folgen dabei einer Logik: Stabilisierung durch Institutionen – nicht durch Symbolpolitik.
Entscheidend ist nicht, ob Berlin Damaskus vertraut, sondern ob beide Seiten die gleiche Währung akzeptieren: Institutionen, Verantwortung und überprüfbare Ergebnisse
In dieser Übergangsphase entscheidet weniger die große Rhetorik als die Fähigkeit, aus Fragmenten wieder Staat zu machen. Al-Scharaas zentrale Aufgabe ist die Kunst der Sequenzierung: Gewalt entprivatisieren, Kernverwaltung reaktivieren, öffentliche Dienste stabilisieren, Regeln verallgemeinern. Wer diese Reihenfolge verkennt, verwechselt moralische Erwartungen mit politischer Machbarkeit. In dieser Lesart ist Al-Scharaa der Architekt eines Minimalstaats, der Schritt für Schritt zur Normalität zurückfinden soll – und gerade deshalb auf Disziplin, Ordnung und administrative Berechenbarkeit setzen muss.
Die westliche Forderung nach Gewaltenteilung ist in diesem Kontext weniger Misstrauensvotum als Vertrauensinstrument. Unterstützung wird zur Architektur: Sie soll Verlässlichkeit erzeugen, Anreize für Minderheitenschutz und Rechtsgarantien setzen und zugleich die nationale Integration fördern. Praktisch heißt das: Je stärker Damaskus transparente Verfahren, überprüfbare Rechenschaft und funktionsfähige Institutionen etabliert, desto mehr kann Kooperation in die Fläche gehen – als eine Art Treuhandmodell für Stabilität.
Hinzu kommt eine zweite Front des Übergangs: die Informationsökonomie. In Transformationsstaaten wird Zurechenbarkeit von Gewalt selbst zum Machtfeld; Narrative konkurrieren um internationale Legitimität, Evidenz wird produziert, bestritten, instrumentalisiert. Für Berlin folgt daraus eine nüchterne Maxime: Unterstützung darf nicht an Erzählungen gekoppelt werden, sondern an messbare institutionelle Fortschritte – rechtsstaatliche Verfahren, Sicherheit für Zivilisten, administrative Leistung, wirtschaftliche Erholung.
Gerade darin liegt die Chance dieser ungewöhnlichen Liaison: klug konditionierte Hilfe als Hebel für Selbsttragfähigkeit, nicht als Dauerabhängigkeit. Die Alternative, ein erneut scheiternder Staat Syrien, wäre für die Region und Europa ungleich kostspieliger. Entscheidend ist daher nicht, ob Berlin Damaskus vertraut, sondern ob beide Seiten die gleiche Währung akzeptieren: Institutionen, Verantwortung und überprüfbare Ergebnisse.
Ghiath Bilal ist Vizepräsident des Syrisch-Deutschen Wirtschaftsrats und Gründer sowie Geschäftsführer von Frankly Solutions.




