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Humanitäre Krise und Kriegswirtschaft im Jemen

Wie der Jemen langsam stirbt

Analyse
Humanitäre Krise und Kriegswirtschaft im Jemen

Die politische Aufteilung des Jemens befeuert die Verarmung des Landes – nicht zuletzt, weil die beiden rivalisierenden Regierungen ihren eigenen Vorteil über das Wohl der Bevölkerung stellen.

Ein Video zeigt einen Mann, der ganz ohne Sicherung an der steilen Wand des Vulkankraters Hardah Dam in der südjemenitischen Provinz Dhale hängt. Er lässt eine Hand los und schwingt sich ein paarmal hin und her. Doch bevor er wieder Halt finden kann, rutscht seine andere Hand ab und er stürzt 120 Meter in die Tiefe. Der junge Mann war Al-Qaqa Ibn Antar, auch bekannt als der »Spiderman des Jemens«. Antar war Freeclimber und im Internet für seine waghalsigen Stunts und Verrenkungskünste bekannt.

 

Diese gefährlichen Kletteraktionen dienten nicht nur dem Adrenalinkick und der Freude am Klettern. Das Nachrichtenportal Yemen Online berichtet, dass Antar erklärte, dass Armut der Grund für diese Aktionen ist. Auf dem schicksalhaften Video sieht man, das die Wand des Kraters mit weißen Schriftzügen verziert ist. Antar kletterte in den Krater, um die Namen seiner Kundinnen und Kunden an die Wände zu schreiben. Mit dem Geld, das er durch diese Aktionen und durch die Aufrufe seiner Social-Media-Videos verdiente, sicherte er seinen Lebensunterhalt. Antars Schicksal steht exemplarisch für die Folgen der ökonomischen Kriegsführung der rivalisierenden Regierungen im Jemen, die die Menschen dazu zwingt, wortwörtlich ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um ihr wirtschaftliche Überleben zu sichern.

 

Wegen der Instabilität des Landes nach dem Arabischen Frühling konnte die Huthi-Miliz große Teile im Norden des Landes unter seine Kontrolle bringen, darunter auch die Hauptstadt Sanaa. Aus dem Norden vertrieben zog sich die international anerkannte Regierung in den Süden des Landes zurück und ernannte Aden als Interims-Hauptstadt. Die Teilung des Landes setzte den Startschuss für eine bis heute anhaltende Krise.

 

Die Teilung Jemens in zwei Gebiete mit zwei Hauptstädten ging einher mit einer Doppelung staatlicher Institutionen

 

Bis 2015 generierten Öleinnahmen das Gros des Staatshaushalts. Doch mit Beginn des Krieges brachen die Exporte ein. Der Staat musste auf Währungsreserven zurückgreifen, um die öffentlichen Ausgaben zu finanzieren. Devisen wurden wiederum eingesetzt, um Importe zu finanzieren. Als Konsequenz daraus schränkten die Banken im Land den Devisenmarkt ein und limitierten die Bargeldauszahlung. Jemen wurde nach und nach von der Außenwelt abgeschnitten und das Misstrauen der Bevölkerung in das Bankwesen wuchs. Innerhalb eines halben Jahres zogen die Anleger 300 Milliarden Rial, umgerechnet knapp über eine Milliarde Euro, von ihren Konten ab – und Jemens Banken standen ohne Einlagen da.

 

Die zeitgleich eskalierende politische Lage im Jemen verhinderte, das neue Geldscheine gedruckt wurden. Die international anerkannte Regierung verwehrte der Zentralbank mit Sitz in Sanaa den Zugang zu ausländischen Druckereien. Über diesen Weg versuchte die Adener Regierung, den von den kontrollierten Norden finanziell auszuhungern. Die fehlenden Reserven führten zur nächsten Krise. 2016 konnte die Zentralbank kein Gehalt für 1,2 Millionen Staatsangestellte auszahlen. In den von den Huthi kontrollierten Gebieten besteht dieser Zustand bis heute fort.  Laut Oxfam liegen die Durchschnittsgehälter in manchen Regionen bei gerade mal 30-70 US-Dollar im Monat. Angesichts von Preissteigerungen von 50 Prozent für Grundnahrungsmittel rutschen immer mehr Familien in die Armut ab. In den Gebieten unter Kontrolle der Adener Regierung werden zwar Gehälter im Öffentlichen Dienst gezahlt, allerdings selten pünktlich und dazu in einer Währung, die seit Jahren stetig an Wert verliert.

 

Dabei ist auch diese Krise Folge und Symptom einer weiteren kriegsbedingten Schieflage. Die Teilung Jemens in zwei Gebiete mit zwei Hauptstädten ging einher mit einer Doppelung staatlicher Institutionen. Unter anderem öffneten auch in Aden ein Wirtschafts-, ein Finanzministerium und eine Steuerbehörde. Auch ein Teil der Zentralbank wurde 2016 nach Aden verlegt. So entstanden zwei Finanzzentren, die miteinander konkurrieren und sich gegenseitig in ihrer Arbeit blockieren.

 

Über die letzten Jahre verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage durch Preisschwankungen, schwindende Kaufkraft und ausbleibende Gehälter weiter. Was im Land fehlt, muss von außen eingeführt werden. 2024 machten Rücküberweisungen etwa 38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Viele Familien im Jemen sind auf diese verbliebene Einkommensquelle angewiesen. Doch die Überweisungen sind anfällig für Kursschwankungen und damit Wertverlust. Nicht nur die Diaspora schickt aus dem Ausland Geld, auch Binnenvertriebene versuchen, ihre Angehörige in anderen Landesteilen finanziell zu unterstützen. Das Volumen der Rücküberweisungen entspricht mittlerweile fast 40 Prozent des BIP und zeugt von einer fast vollständig ausgehöhlten Binnenwirtschaft. Der Grund dafür ist die unterschiedliche Kriegsführung der Konfliktparteien.

 

Saudi-Arabien verfolgt alte und neue wirtschaftliche Interessen, etwa den Zugang zum Roten Meer zu sichern, um sich eine alternative Route zur Straße von Hormuz zu erschließen

 

Die Huthis betreiben im Jemen eine Kriegsökonomie. Das bedeutet, dass die gesamte Wirtschaftsordnung des Landes sich an den Bedürfnissen der Kriegsführung orientiert. Der Fokus liegt auf der strategischen Schwächung Adens, um das Vertrauen in die Regierung im Süden zu untergraben. Das ermöglicht es den Huthis, sich als widerstandsfähige Alternative zu präsentieren, obwohl sich die Lebensbedingungen in den Gebieten unter ihrer Kontrolle verschlechtern.

 

Die Huthis kontrollieren zum Beispiel die Transportrouten internationaler Hilfslieferungen. Güter können nur noch über den Hafen von Hodeida am Roten Meer, den Flughafen in Sanaa und einen Landübergang zwischen Jemen und dem Oman ins Land gelangen und werden doppelt besteuert, um Aden die Einnahmen zu entziehen. Solch ein Vorgehen zeigt, dass die Huthis die Untergrabung der Adener Gegenregierung über eine effiziente Versorgung und damit das Wohl der eigenen Bevölkerung stellt.

 

Die Kriegsführung der Administration in Aden ist hingegen von Dysfunktionalität geprägt – vor allem, weil die beteiligten Parteien teils sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. 2022 übernahm der Präsidiale Führungsrat (PLC) die Macht mit dem Ziel, den Frieden im Land wiederherzustellen. Zu dem Gremium gehört auch der Südliche Übergangsrat (STC), unterstützt von den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der STC verfolgt als übergeordnetes Ziel die Unabhängigkeit des Südjemens in den Grenzen der früheren Demokratischen Volksrepublik.

 

Auch Saudi-Arabien mischt weiterhin im Jemen mit, hat seinen Fokus aber eigentlich verlagert und steht einem Arrangement mit den Huthis grundlegend aufgeschlossen gegenüber. Das Königreich verfolgt dadurch alte und neue wirtschaftliche Interessen, etwa den Zugang zum Roten Meer zu sichern, um sich eine alternative Route zur Straße von Hormuz zu erschließen. Die widerlaufenden und oft opportunistisch verfolgten Interessen dieser Akteure – innerhalb der Adener Koalition, aber auch zwischen ihren Förderern am Golf – verstärken ohnehin endemische Korruption.

 

Zuletzt schliefen die Menschen in Aden auf der Straße, um gegen die schlechte Energieversorgung und die stundenlangen Stromausfälle zu demonstrieren

 

Laut jüngsten Angaben der Weltbank leben 75 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Durch die schwache Wirtschaftsleistung und zuwiderlaufende Prioritäten der rivalisierenden Regierungen ist das Land extrem abhängig von internationalen Geldgebern, um die Krise im Land in den Griff zu bekommen. Doch selbst dieses Minimum an Aufrechterhaltung der Versorgung droht zu kollabieren. So ließ die Trump-Regierung im vergangenen Jahr 80 Prozent der Hilfsprojekte der Entwicklungsagentur USAID streichen. Die Beiträge der Agentur machten zuvor die Hälfte der Hilfezahlungen an den Jemen aus und galten als Rückgrat der humanitären Hilfsmaßnahmen im Land. Die Hilfsleistungen konnten zudem teilweise die ausbleibenden Gehälter von Angestellten im Gesundheitssektor ersetzen. Nach der Streichung mussten im letzten Jahr 435 Gesundheitseinrichtungen im Jemen schließen. Damit bleiben nur noch 60 Prozent in Betrieb.

 

Bereits 2019 hatte das World Food Programme (WFP) seine Zahlungen an den Jemen eigestellt, weil die Huthis 10 Prozent der monatlichen 175 Millionen US-Dollar zugunsten der eigenen Kriegsführung abzweigten. Hilfsorganisationen stehen vor einem Dilemma: helfen und dadurch den Krieg finanzieren, oder nicht helfen und Menschen sterben lassen. Die Einstufung der Huthis als Terrororganisation durch die USA im vergangenen Jahr bedeutete eine zusätzliche Einschränkung der humanitären Hilfsarbeit. Banken agieren aus Angst vor Verstößen gegen Sanktionsauflagen bei Überweisungen in den Jemen sehr viel restriktiver und erschweren so die Arbeit von NGOs und Hilfsorganisationen zusätzlich.

 

Mindestens 75 Prozent der Bevölkerung ist Schätzungen zufolge mittlerweile im informellen Sektor beschäftigt. Dazu gehören etwa Kinderarbeit oder der Verkauf und das Betteln auf der Straße. Wenn der Hunger Menschen trotz erheblicher Risiken dazu zwingt auf diese Wege zurückzugreifen, zeigt das, dass selbst das Netz gegenseitiger Unterstützung langsam zusammenbricht. Der Ärger der Bevölkerung über die sich stetig verschlechternde Lage im Jemen bricht sich immer häufiger Bahn – vor allem in den von der Adener Regierung kontrollierten Gebieten. Zuletzt schliefen die Menschen in der Hafenstadt auf der Straße, um gegen die schlechte Energieversorgung und die stundenlangen Stromausfälle zu demonstrieren.

 

Proteste in Sanaa sind seltener, und zwar nicht nur, weil die Huthis nicht zögern, sie gewaltsam niederzuschlagen. Einerseits werden einzelne Gruppen mit punktuellen (Gehalts)auszahlungen ruhiggestellt. Andererseits versuchen die Huthis auch, den Unmut als vom Ausland gesteuerten Protest zu delegitimieren. Patronagepolitik ist oft ein Grundpfeiler von Kriegsökonomien. Durch die sporadischen Zahlungen wird Loyalität gekauft, aber eben kein Wohlstand geschaffen.

Von: 
Habibe Holzkamp

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