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Interview mit Mohammed Soliman zu Geopolitik, KI und den Iran-Krieg

»Am Golf denkt man in Jahrzehnten, nicht in Quartalsberichten«

Interview
Interview mit Mohammed Soliman zu Geopolitik, KI und den Iran-Krieg

Mohammed Soliman forscht an der Schnittstelle von Geopolitik, Technologie und Geostrategie. In seinem neuen Buch entwirft er eine neue Vision für Bündnis- und Investitionspolitik – und erklärt, warum Rechenzentren am Golf ins Visier iranischer Drohnen rücken.

zenith: In Ihrem Buch fordern Sie eine neue Karte für den Nahen Osten. Was stimmt mit der alten nicht?

Mohammed Soliman: Der Begriff »Naher Osten« beschreibt eine Region, die so nicht mehr existiert. An ihre Stelle ist ein System getreten, das vom Mittelmeer bis zum Indischen Ozean reicht – mit organisch gewachsenen Verbindungen durch Handel, Kapital und Demografie. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabien sind inzwischen der dritt- und viertwichtigste Handelspartner Indiens. Das Handelsvolumen zwischen Indien und den Emiraten liegt bei fast 100 Milliarden US-Dollar. Diese Verflechtungen bestanden in ähnlicher Weise schon vor dem Zeitalter der europäischen Kolonialmächte – etwa unter den Mamluken, den Moguln, den italienischen Stadtstaaten. Das System kehrt zurück.

 

Warum ist das aus Ihrer Sicht besonders für die USA so bedeutsam?

Ich plädiere dafür, dass die USA klüger handeln. Die US-amerikanischen Ressourcen sind endlich. Der strategische Schwerpunkt muss in den Indo-Pazifik verlagert werden, wo zwei Drittel der Weltwirtschaft und der Weltbevölkerung liegen. Das bedeutet: die USA müssen Ressourcen in Westasien freimachen. Nicht durch Rückzug, sondern durch eine neue Art von Präsenz – weniger Militärbasen, mehr Konnektivität. Die Last muss nicht geteilt, sondern umverteilt werden.

 

»Die USA müssen Ressourcen freimachen – nicht durch Rückzug, sondern durch eine andere Art von Präsenz«

 

Misst die Trump-Regierung zum Beispiel dem India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC) noch eine gehobene Bedeutung bei?

Auf jeden Fall. Zumal Trump mit den Abraham-Abkommen selbst die Grundlage dafür geschaffen hat. Alles, was wir heute als Rahmen für regionale Konnektivität sehen, baut auf diesem Fundament auf. IMEC wird von dieser Administration weiterverfolgt. Allerdings: Eine Vision zu haben bedeutet nicht, sie zu verwirklichen. Die Routen zwischen dem Golf und Indien sind sehr aktiv, der Levante-Abschnitt hingegen ist wegen des israelisch-palästinensischen Konflikts blockiert. Saudi-Arabien zieht gerade ernsthaft Syrien als Verbindungspunkt zwischen dem Golf und Europa über Jordanien in Erwägung. Als Rahmenplan lebt IMEC weiter.

 

Kann IMEC als Anreiz für die Zweistaatenlösung dienen?

IMEC ist keine Neuerfindung, sondern fügt sich in bestehende Ansätze ein: Saudi-Arabien lancierte 2002 die arabische Friedensinitiative. Sie stellte Israel regionale Integration als Gegenleistung für einen palästinensischen Staat in Aussicht. Ich glaube, dass Handelsflüsse, Kapital und geteilte Infrastruktur genau jene Anreizstrukturen erzeugen können, die politische Entscheidungen beeinflussen. Israel hat Handlungsspielraum. Die Frage ist, ob die Führung ihn nutzen will.

 

Warum weisen Sie dem Bereich Künstliche Intelligenz Ihrem Buch eine zentrale Rolle zu?

Alle Regenten am Golf kommen mit einer Vision an die Macht. Was sind wir, wenn wir kein Öl mehr exportieren? Die Antwort der jetzigen Herrschergeneration lautet Künstliche Intelligenz (KI). Nicht als Technologie für sich, sondern als Teil einer technoindustriellen Revolution. Und genau da wird es für die USA interessant: Mit neuen, technologischen Allianzen kann Amerika eine neue Außenpolitik gelingen: Weg vom Nation Building in Afghanistan, hin zum Aufbau von Ordnungssystemen, in deren Rahmen man Interessen über Ländergrenzen hinaus wahrnehmen kann.

 

»Jedes Gigawatt Rechenleistung kostet etwa 30 Milliarden US-Dollar. Der Golf schafft die Infrastruktur, die Europa hätte bauen sollen«

 

Eine teure Vision.

KI fußt auf drei Säulen: Rechenleistung, das heißt die Chips an sich, Energie und Kapital. Die Golfstaaten verfügen über alle drei Voraussetzungen und sind bereit, auch etwas daraus zu machen. Jedes Gigawatt Rechenleistung kostet etwa 30 Milliarden US-Dollar. Wer soll das zahlen? Während in Europa niemand diese Infrastruktur baut, gründen die Golfstaaten eigene KI-Firmen: Humain in Saudi-Arabien, G42 in den VAE und Qatar AI in Katar. Das sind keine Seitenprojekte. US-Firmen wie OpenAI und xAI bekommen am Golf, was Europa hätte liefern sollen: Infrastruktur und Datenzentren.

 

Viele Experten warnen, dass Akteure im KI-Sektor wie Nvidia, Open-AI und Oracle an der Börse überbewertet sind – und sich genau deshalb an die Golfstaaten wenden, um mehr Finanzmittel zu erhalten. Wie werden diese Risiken am Golf eingeschätzt?

Wer denkt, die Fonds der Golfstaaten würden nur dem neuesten Hype hinterherlaufen, könnte nicht falscher liegen. Diese Leute denken in Jahrzehnten, nicht in Quartalsberichten. Sie kennen den Unterschied zwischen einem überhöhten Aktienkurs und einem echten strategischen Vermögenswert. Wenn Abu Dhabi, Riad oder Doha diese riesigen Schecks ausstellen, kaufen sie sich damit einen Platz am Tisch. Sie erwerben Rechenkapazitäten und bauen damit im Grunde genommen das Rückgrat der Weltwirtschaft für die nächsten dreißig Jahre auf. Sie haben nicht darauf gewartet, dass das Silicon Valley an ihre Tür klopft, sondern haben schon lange bevor die meisten Regierungen weltweit überhaupt einen Plan hatten erkannt, dass KI die Zukunft nach dem Öl ist.

 

Und dennoch werden die Golfstaaten so auch in den Sog der globalen Rivalitäten hineingezogen.

Im Bereich KI ist die Welt längst bipolar. Die USA hat den besten KI-Stack auf dem Markt, China wiederum dominiert den Open-Source-Bereich. Dass die US-amerikanische Strategie durchaus Erfolge verbuchen kann, zeigt die Geschichte des emiratischen KI-Unternehmens G42. Die Firmenleitung setzte zu Beginn stark auf Huawei, was zu Reibungen mit Washington führte. Am Ende der Verhandlungen mit der US-Regierung ersetzte G42 schließlich Huawei und begann mit Microsoft zusammenzuarbeiten – und wurde damit zum Ankerpartner amerikanischer KI-Expansion im Golf.

 

»Das Quad-Bündnis begann als humanitäre Initiative und ist heute eine sicherheitspolitsche Allianz. So etwas brauchen wir für Westasien«

 

Durch die iranischen Vergeltungsmaßnahmen im Golf wurden mehrere Rechenzentren von Raketentrümmern beschädigt. Wie anfällig ist die KI-Infrastruktur und hat der Krieg diese Investitionen bereits gefährdet?

Ehrlich gesagt hat Teheran seine Karten falsch gespielt. Die Iraner haben damit eigentlich nur bewiesen, dass die KI-Investitionen richtig waren und haben bestätigt, was die Golfstaaten bereits wussten: Diese Technologie ist das neue Kronjuwel. Wenn sich ein Angriff lohnt, lohnt sich auch eine Verteidigung und es wird noch mehr investiert. Außerdem haben sich die drei wichtigsten Gründe für den Bau von Rechenzentren nicht geändert: Die Golfstaaten verfügen nach wie vor über Kapital, den günstigsten Strom der Welt und einen perfekten geografischen Standort für geringe globale Latenzzeiten. Ein paar Drohnen ändern daran nichts, sondern bringen die Betreiber lediglich dazu, ihre Systeme robuster zu gestalten.

 

Kein strategisches Risiko also, sondern eine vertiefte gegenseitige Abhängigkeit in Form von Technologietransfer und Direktinvestitionen?

So kann man es vereinfacht sagen. Die USA streben eine Re-Industrialisierung an – das ist parteiübergreifender Konsens. Trump nutzt dafür Zölle und bilaterale Investitionsabkommen. Man benötigt Energiekapazität und Kapitalzuflüsse und liefert im Gegenzug hochmoderne Halbleiter, wodurch sich die Position der VAE in der globalen KI-Wertschöpfungskette verbessert. Bereits in Trumps erster Amtszeit begannen Verhandlungen mit dem taiwanesischen Chiphersteller über eine Produktionsanlage in Arizona.

 

zenith: Die Region ist Ihrer Meinung nach »unterinstitutionalisiert«. Was schlagen Sie vor?

Soliman: Im Vergleich zur Europäischen Union, ASEAN oder Mercosur verfügt die Region kaum über Institutionen, die Nationen verbinden. Welche Art der Bündnisse sind also realistisch? Als Beispiel erwähne ich gerne das Quad-Bündnis im Indo-Pazifik: Es begann als humanitäre Initiative nach dem Tsunami im Jahr 2004 und ist heute eine der zentralen sicherheitspolitischen Allianzen in der Region. So etwas brauchen wir für Westasien: minilaterale, flexible und zweckgebundene Koalitionen aus acht oder neun Ländern, zwischen den USA, Westasien und Europa. Kleine Bündnisse mit großem Potential.


Mohammed Soliman ist Senior Fellow und Direktor des Strategic Technologies and Cyber Security Program am Middle East Institute in Washington D.C. Als Berater arbeitet er für Regierungen und Unternehmen in der MENA-Region. Sein neues Buch »West Asia: A New American Grand Strategy in the Middle East« erscheint 2026.

Von: 
Pascal Bernhard und Thomas Bente

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