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Iran und die Sanktionen

Was haben Sanktionen gegen Iran bewirkt?

Analyse
von Lisa Neal
Iran und die Sanktionen

Sanktionen werden als vermeintlich friedliche Alternative zu Krieg verstanden und eingesetzt. Aber wie ist es eigentlich, unter Sanktionen zu leben?

Wie lebt es sich mit Sanktionen? Über drei Jahre hinweg spreche ich darüber mit Iranerinnen und Iranern. Wegen der Sicherheitslage kann ich das nicht im Land selbst machen, sondern treffe die Menschen im Exil – denn vor Ort könnte ich weder meine Gesprächspartner, noch mich selbst schützen. Falls ich jemals wieder ein Visum bekäme, würde es mir Stand jetzt nur erlauben, unter Aufsicht und für kurze Zeit in Teheran zu forschen. Also stelle ich meine Fragen jenen Menschen, die das Land in den letzten Jahren verlassen haben.

 

Auslöser für die ersten Sanktionen der Amerikaner gegen Iran war die Geiselnahme von US-Botschaftsmitarbeitern im Jahr 1979. Die internationalen Sanktionen, über die heute gesprochen wird, gehen hingegen auf das Jahr 2006 zurück. Sie waren eine Reaktion auf das Atomprogramm des iranischen Regimes. Zwischen 2009 und 2015 wurden sie schrittweise verschärft, während Iran parallel mit den USA, Russland, China, der EU und den E3 (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) verhandelte. Ziel war, die Urananreicherung einzuschränken, im Gegenzug sollten die Sanktionen schrittweise über zehn Jahre aufgehoben werden. Die Sanktionen aufgrund von Menschenrechtsverletzungen des Regimes waren davon ausgenommen.

 

Das Atomabkommen von 2015 führte schließlich zur Lockerung der Sanktionen. Für einen kurzen Moment, zwischen 2016 und 2018, gab es Hoffnung auf vielen Seiten: dass sich Iran öffnen würde, dass Investitionen ins Land fließen, dass sich die wirtschaftliche Lage verbessert. Doch der Aufschwung blieb aus. Als den deutlichsten Einschnitt beschreiben viele meiner Gesprächspartner hingegen die erste Amtszeit von US-Präsident Donald Trump ab 2017. Seine Strategie: maximaler Druck durch neue und härtere Sanktionen.

 

Die USA verhängten nun nicht mehr nur Sanktionen gegen Iran, sondern auch gegen Dritte. Beispielweise müssen Unternehmen, die weiterhin iranisches Öl kaufen, befürchten, von den USA wegen ihrer Geschäfte mit Iran bestraft zu werden. Die Folgen: Währungsverfall und steigende Inflation. Doch weder führte das zu einem von Trump erhofften Regimewechsel, noch zu einem neuen oder gar vorteilhafteren Abkommen für die USA.

 

Maximale Sanktionen führten nicht zum Regimewechsel

 

2022 brechen mit der Forderung »Frau, Leben, Freiheit« die größten Protesten seit 2009 aus. Für einen kurzen Moment hoffen viele Menschen im Land und in der Diaspora, dass sich etwas ändert, dass Reformen möglich sind. Doch das Regime schlägt die Proteste brutal nieder, wie schon so oft. Die strukturelle Gewalt der Sanktionen erschwert das Leben der Menschen in Iran zusätzlich. Viele Menschen gehen. Das Tragische dabei ist, dass die verarmende und abwandernde Mittelschicht eigentlich zu den Trägern gesellschaftlicher Veränderungen gehört.

 

In den vergangenen Jahrzehnten ist eine weit verzweigte Diaspora entstanden. In den USA, in Kanada, in Deutschland, der Türkei und Armenien. Wie ein Mosaik fügen sich die Geschichten der Geflohenen zu einem Bild vom Leben unter Sanktionen zusammen. Die Nachbarschaft zu Iran zeigt sich in Armenien in vielen Details: Schilder in persischer Schrift, Reiseangebote von Busunternehmen, Fliesen mit der Aufschrift »Made in Iran«. Auf den Serpentinen im bergigen Grenzgebiet sind Lastwagen mit iranischen Nummernschildern unterwegs. Denn ein Weg, Sanktionen zu umgehen, sind Tauschgeschäfte mit Dritten. Und so tauschen Armenien und Iran Gas gegen Strom, ein Kubikmeter Gas für drei Kilowattstunden Elektrizität.

 

Besonders seit die USA 2018 aus dem Atomabkommen ausstiegen und härtere Sanktionen verhängten, zieht es Iraner nach Armenien – denn das Leben wurde spürbar schwieriger. »Was man sich an einem Tag leisten kann, ist am nächsten unerschwinglich«, erzählt Ani, eine iranische Armenierin (die Namen aller Personen wurden zu ihrem Schutz geändert). Viele Iraner haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Durch die Sanktionen verliert der iranische Rial beinahe täglich an Wert. »Anfangs habe ich umgerechnet rund tausend US-Dollar verdient. Als ich eineinhalb Jahre später den Job kündigte, war derselbe Betrag nicht einmal mehr 150 US-Dollar wert«, erzählt Ani. Mit dem Wertverlust steigen die Preise, besonders auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt in den Städten.

 

Die Corona-Pandemie verschärft die wirtschaftliche Lage, die Mittelschicht gerät zunehmend unter Druck. »Meine Eltern haben immer hart gearbeitet und können sich ihr Leben kaum noch leisten«, sagt Reza, ein anderer Exil-Iraner. Mit der Wirtschaftskrise wächst auch das Gefühl von Unsicherheit im Alltag. In der Straße, in der er seine Wohnung untervermietet, sei systematisch in fast jedes Haus eingebrochen worden. Sakineh, eine weitere Gesprächspartnerin, erzählt, sie sei davor gewarnt worden, ihr Handy in der Öffentlichkeit zu benutzen. Diebe würden es einem aus der Hand reißen. »Sanktionen bringen das Schlechteste im Menschen hervor«, glaubt Sakineh.

 

»Sanktionen bringen das Schlechteste im Menschen hervor«

 

Sanktionen erschweren das, was anderswo selbstverständlich ist. Stück für Stück greifen sie in den Alltag ein. Das Fleisch, das man sich nicht mehr leisten kann, das Sparen, das sich nicht mehr lohnt, Onlinezahlungen, die nicht funktionieren, Bankkarten die im Ausland wertlos sind. Weil Streamingdienste wie Netflix unerreichbar sind, bleibt nur der Weg über illegale Webseiten oder Freunde im Ausland, die den Zugang ermöglichen. Doch selbst dann braucht es spezielle Programme, die verschleiern, dass der User in Iran sitzt. Die Nutzung dieser VPN-Verbindungen aber ist in Iran inzwischen strafbar.

 

»Man fühlt sich wie hinter einer Scheibe«, sagt Maryam. All die über Jahre angehäuften Einschränkungen hätten sie schließlich dazu bewegt, auszuwandern. Seit sie nach Istanbul gezogen ist, habe sich ihr Alltag spürbar verbessert. Erst jetzt verstehe sie, wie viel Kraft ihr Leben in Iran gekostet hat. So viel, dass für alles andere keine Energie mehr blieb, schon gar nicht für Widerstand. »Nur mit Überleben beschäftigt zu sein, hat mich depressiv werden lassen«, erzählt sie, die Iran verlassen hat, obwohl sie überzeugt ist, dass Veränderungen nur von innen möglich sind.

 

Wie Maryam zieht es viele Iraner ins Nachbarland Türkei. Im November und Dezember 2024 spreche ich in Istanbul mit einigen. Die meisten kommen, um zu studieren, Arbeit zu finden oder sie wollen investieren, etwa in Immobilien. Eine Gesprächspartnerin erzählt, dass sie für eine internationale Organisation arbeitet, ihr Gehalt aber nicht auf ein in Iran zugängliches Konto überwiesen werden kann – sie muss deshalb hierher reisen. Die Folgen der Sanktionen enden nicht an der Grenze. Auch in Istanbul warten Hürden für Iraner, etwa bei der Eröffnung eines Kontos. »Ich fühlte mich wie ein Krimineller, weil ich mein Geld unter einer Matratze lagern musste. Ich konnte wegen der Sanktionen einfach kein Konto eröffnen«, erzählt ein Iraner.

 

In Gesprächen wird deutlich, dass die Sanktionen auch das Privatleben in Mitleidenschaft ziehen. Beziehungen zerbrechen, wenn eine Person ins Ausland geht und die andere nicht folgen kann oder will. Familien werden auseinandergerissen, eine Gesellschaft verändert sich, wenn so viele vor der Frage stehen: Gehen oder bleiben?

 

Sanktionen sind aber nur ein Teil dessen, was das Leben in Iran schwierig macht. Die meisten, mit denen ich spreche, halten das Regime für das eigentliche Problem – auch wenn es versucht, die Schuld für die Härten des Alltags auf die Sanktionen zu schieben. »Wir hören ständig, dass sie schuld an allem sind«, berichtet Maryam. Das Regime nutze sie als Sündenbock für Misswirtschaft und Korruption. »Dabei profitiert es selbst am meisten von den Sanktionen und ist an einer Aufhebung nicht wirklich interessiert.« Studien stützen diese Einschätzung. Das Regime profitiert von Schwarzmärkten und der »Widerstandsökonomie«, die durch eingeschränkte Märkte entsteht.

 

»Wie hinter einer Scheibe sieht man der Welt draußen zu«

 

Bereits während des Iran-Irak-Kriegs (1980–1988) begann es, eine Unabhängigkeit von außen aufzubauen und dabei bestimmte Gruppen zu bevorzugen. Aus dieser Logik ist das Land bis heute nicht herausgekommen. Das begünstigte die Entstehung von Monopolen über wichtige Güter und Ressourcen. Teil dieser Strategie war auch, dass vom Regime ausgewählte Organisationen und Personen Zugang zu einem stabilen Währungskurs hatten. So entstand eine große Kluft zwischen denen, die von den Sanktionen profitieren, und denen, die die Kosten tragen müssen. Besonders die Revolutionsgarde zieht heute Nutzen daraus, da sie viele dieser Monopole kontrolliert, etwa in der Baubranche.

 

Dabei sollen Sanktionen die Bevölkerung eigentlich nicht treffen – soweit die Theorie. Denn die sogenannten gezielten Sanktionen haben Forschung und Politik entwickelt, um das zu verhindern. Nach den umfassenden Sanktionen gegen den Irak 1990 war deutlich geworden, welche Folgen pauschale Maßnahmen haben: Nämlich, dass es vor allem die Bevölkerung trifft, wenn ein Land wirtschaftlich, sozial und politisch vollständig von der Welt abgeschnitten wird. Die irakische Wirtschaft hing am Öl, und die Sanktionen führten zu einer Art Belagerungszustand. Durch den Krieg brach das Gesundheitssystem zusammen, es fehlten Lebensmittel und sauberes Trinkwasser. Durch die alles umfassenden Sanktionen konnte die Infrastruktur nicht wieder aufgebaut werden und die Handelsbeschränkungen ließen die Menschen verarmen. Ein UNICEF-Bericht dokumentierte den Tod Hunderttausender Menschen, darunter mindestens 500.000 Kinder.

 

Es folgten Reformprozesse, um mit gezielten Sanktionen nur noch die Verantwortlichen in Politik, Militär und Wirtschaft zu treffen. Die neu zugeschnittenen Maßnahmen reichen allerdings von der Listung einzelner Personen bis hin zu umfassenden Finanzsanktionen, etwa dem Ausschluss aus der weltweiten Finanztelekommunikation (SWIFT). Heute werden offiziell nur noch diese gezielte Sanktionen verhängt, um die humanitären Folgen zu minimieren. Doch nicht nur das Beispiel Iran zeigt, dass dies in der Praxis oft nicht gelingt. Was mir Iraner im Exil berichten, höre ich in ähnlicher Form von Menschen aus Syrien, aus dem Jemen und aus Russland. Die Zivilbevölkerung ist immer betroffen.

 

Theoretisch gedacht sollen gezielte Sanktionen die Bevölkerung stärken, weil sie autoritäre Regime zu Reformen bewegen. Handelssanktionen sollen sozialen und wirtschaftlichen Druck auf Entscheidungsträger erzeugen, um sie dazu zu bringen, im Sinne der verhängenden Staaten zu handeln. Doch meine Forschung zeigt: Das Regime wälzt den Druck so weit wie möglich auf die Bevölkerung ab. Ein weiteres Problem ist, dass sanktionierende Akteure wie die EU die tatsächlichen Folgen oft nicht genau im Blick behalten. Brüssel konzentriert sich mehr auf die rechtliche Umsetzung von Sanktionen als auf die Folgen in dem Zielland.

 

Die Folgen von Sanktionen hören nicht an der Grenze auf

 

Sanktionen treffen in Iran auf eine Gesellschaft, in der Rechte und Ressourcen ohnehin ungleich verteilt sind – und verschärfen etwa Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern weiter. Masi, eine Iranerin in Toronto, erzählt mir im Herbst 2025: »Wegen der Sanktionen gelangen keine Frauenprodukte nach Iran.« Zwar gebe es einheimische Erzeugnisse, aber »die Pillen wirken nicht richtig, die Binden sind von schlechter Qualität.« Ihre Erfahrungen decken sich mit dem, was mir andere Frauen erzählen. »Auf dem Schwarzmarkt findet man alles, aber viel teurer«, sagt Masi. Medikamente sind zwar offiziell von Sanktionen ausgenommen, werden in der Praxis aber vor allem über den Schwarzmarkt gehandelt. Sanktionen verschieben einen Teil der wirtschaftlichen Aktivität vom legalen in den illegalen Bereich, weil sie Knappheit erzeugen, Preise verzerren und Handelswege blockieren. »Jeder weiß, an welcher Straßenecke in Teheran man an die Medikamente aus dem Ausland kommt«, sagt Masi.

 

Die Forschung zu den genderspezifischen Folgen gezielter Sanktionen ist noch lückenhaft. Bekannt ist jedoch, dass Sanktionen Frauen oft zuerst treffen, sie in ungesicherte Arbeitsbereiche drängen, weil Jobs knapper werden und häufig Männern vorbehalten bleiben. Das Regime löst das Problem nicht, sondern präsentiert es kurzerhand als Erfolg: Man habe Frauen ermutigt, sich selbstständig zu machen. Für kurze Zeit ging der Hashtag #FrauengegenSanktionen viral, und auf einmal klangen die Kleriker wie neoliberale Pragmatiker.

 

Sanktionen erzeugen häufig einen mehrfachen Druck. Sie verschärfen die wirtschaftliche Lage, während sich Gesellschaften in Krisenzeiten stärker an konservativen Rollenverteilungen orientieren. Viele Haushalte können es sich jedoch nicht leisten, dass der Mann klassischerweise der alleinige Verdiener ist. Frauen tragen daher nicht nur die Hauptverantwortung für Care-Arbeit, sondern müssen zugleich einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Für viele Menschen ist dies bereits Realität – auch über Iran hinaus. Unter Sanktionen verschärft sich die Situation: Ein Job reicht oft nicht mehr aus, die Arbeit verliert an Wert, und viele Menschen müssen mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausüben.

 

Frauen arbeiten dabei besonders häufig in nicht abgesicherten Jobs oder sind selbstständig tätig, ohne jeglichen Schutz. So berichten viele Frauen, dass sie von Iran aus online für ausländische Firmen arbeiten. Da sie aufgrund der Sanktionen keine rechtlich abgesicherten Arbeitsverträge abschließen können, sind sie auf das Wort ihrer Arbeitgeber angewiesen – ihr Gehalt wird oft über Kryptowährungen, auf ausländische Konten oder über Dritte ausgezahlt. In meinen Gesprächen wird außerdem deutlich, dass das Ausmaß der Betroffenheit von Sanktionen nicht nur vom Geschlecht, sondern auch von Ethnie und sozioökonomischer Stellung abhängt.

 

Das Leben unter Sanktionen ist kein Friedenszustand

 

Lassen sich Sanktionen rechtfertigen, wenn sie nicht nur die Bevölkerung treffen, sondern auch noch jene am härtesten, die ohnehin am wenigsten haben? Die theoretische Antwort lautet, dass das wohl auch auf die Alternativen zu Sanktionen zutrifft: Untätigkeit gegenüber einem autoritären Regime oder ein Krieg. Der Schaden, den Sanktionen verursachen, so Befürworter, sei immerhin besser kontrollierbar.

 

Aber vielleicht ist die ehrlichere Antwort, dass Sanktionen nicht mehr als Alternative zu einem Krieg diskutiert werden sollten – sondern als eine Form von strukturellem Krieg, nur eben ohne militärische Mittel. Denn das Leben unter Sanktionen ist kein Leben im Frieden, auch wenn die Opfer oft unsichtbar bleiben. Wenn man Sanktionen als das benennt, was sie sind, wächst vielleicht auch der Druck, ihre Auswirkungen genauer im Blick zu behalten. Nur dann können sie verbessert und gezielter ausgestaltet werden.

 

Dabei braucht es heute mehr denn je eine echte, wirksame Alternative zu militärischer Gewalt. Denn obwohl Israel und die USA mit ihren Angriffen auf Iran den Obersten Führer Ali Khamenei getötet haben, bleibt der Regimewechsel weiter aus. Zurück bleibt stattdessen ein Regime, von dem zu befürchten ist, dass es nun härter denn je im Inneren durchgreifen wird – und erneut die Bevölkerung am meisten leidet.


Lisa Neal ist Konfliktforscherin und Journalistin. Sie promoviert zu den Folgen gezielter Sanktionen am Beispiel Iran.

Von: 
Lisa Neal

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