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Interview mit der türkischen Anwältin Fethiye Çetin

»Die armenische Frage geht uns alle an«

Interview

Vor Gericht vertritt Fethiye Çetin die Hinterbliebenen des armenischen Journalisten Hrant Dink. Dabei entdeckte die türkische Anwältin armenische Wurzeln in ihrer eigenen Familie. Ein Fakt, der die türkische Identität in Frage stellt.

zenith: Ihr Buch »Meine Großmutter« enthält traurige, auch sehr brutale Schilderungen, aber auch idyllische Passagen – etwa wenn Sie die Kindheit Ihrer Großmutter Heranusch beschreiben. Wenn es nach Ihnen geht: Welcher Eindruck sollte beim Leser hängen bleiben?

Fethiye Çetin: Ich wollte mit dem Buch mehrere Dinge erreichen: Zum einen eine Enttabuisierung. Ich wollte, dass das Schweigen gebrochen wird, das Frauen wie meine Großmutter umhüllt ...

 

... eine Armenierin, die 1915 während des Völkermords von einem türkischen Offizier von ihrer Familie getrennt worden ist und so dem Tod entkam ...

Es gibt viele solcher Frauen, die als Kinder oder junge Mädchen adoptiert und islamisiert worden sind – und die dadurch ihrer Identität beraubt wurden. Die sogenannte »armenische Frage« geht nicht nur die Armenier an, sondern uns alle. Zum Zweiten wollte ich vermitteln, dass die offizielle Geschichtserzählung in der Türkei nicht stimmt. Eigentlich gilt für uns alle eine ganz andere Geschichte, die aber verschwiegen wird. Und schließlich wollte ich, dass die Diskussion um die Vergangenheit, die bisher vor allem mit der kalten Sprache der Zahlen geführt worden ist, durch etwas anderes ersetzt wird: durch Geschichten von Menschen. Denn diese Geschichten trennen uns nicht. Im Gegenteil, sie können uns verbinden.


Fethiye Çetin

setzt sich seit Jahrzehnten insbesondere für Menschen- und Minderheitenrechte ein. In mehreren Verfahren war die Anwältin Verteidigerin des bekannten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, dessen Familie sie nach seiner Ermordung im Januar 2007 vor Gericht vertrat. Im September dieses Jahres wurde der Fall neu aufgerollt. 

 

Welche Reaktion folgte auf das Erscheinen Ihres Buches?

Das Buch hat das Schweigen gebrochen. Eigentlich erinnerte sich jeder an etwas, aber diese Erinnerungen waren in die hintersten Ecken unseres Gedächtnisses verbannt worden. Auf einmal begannen viele, sich wieder zu erinnern – und das aufzuschreiben. Nach der Veröffentlichung von »Meine Großmutter« bekam ich viele Anrufe und E-Mails von Leuten, die sich mit mir treffen und mir ihre eigenen, ganz ähnlichen Geschichten erzählen wollten.

 

Das Tabu um den Völkermord an den Armeniern in der Türkei ist – gerade von offizieller Seite – bis heute noch sehr stark. Warum ist das so?

Das habe ich mich auch oft gefragt. Es ist ja nichts, was einem nur von offizieller Seite auferlegt wird – das Tabu herrscht auch im privaten Bereich. Wenn man überhaupt über den Völkermord spricht, dann nur im Flüsterton. Der Grund ist, dass die Republik Türkei auf einer ethnischen Säuberung begründet worden ist. Dieselben Kader, die damals am Völkermord beteiligt waren, sind später bei der Gründung der Republik aktiv gewesen. Deswegen mussten sie ihn verleugnen. Aus der Verleugnung wurde eine Politik der Verneinung und der Dämonisierung. Sie haben der Bevölkerung damit einen großen Schrecken eingejagt; diese fühlte zugleich aber auch große Scham. Ich glaube, dass im privaten Bereich vor allem diese Scham ausschlaggebend gewesen ist für die Entstehung des Tabus.

 

Es gab ein Tabu – gleichzeitig hat der Staat aber sehr genau Buch geführt über die Familien, die armenische Kinder adoptiert hatten. In Ihrem Buch berichten Sie von einem Verwandten, der nicht auf die Kadettenschule gehen konnte, weil es einen Eintrag in den Akten gab, dass er armenischer Abstammung war ...

Der Staat versucht einerseits, 1915 vergessen zu machen. Wenn es um diskriminierende Politik gegenüber Minderheiten geht, vergisst er aber selbst nicht. Da ist der Staat sehr genau.

 

Im akademischen Bereich, beispielsweise an der privaten Bilgi-Universität in Istanbul, gibt es inzwischen Wissenschaftler, die sich mit dem Völkermord beschäftigen. Ist dieser Diskurs auf die Eliten beschränkt? Oder gibt es inzwischen auch in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein, was den Völkermord betrifft?

Inzwischen gibt es eine breite Basis, die darüber diskutiert. Zahlreiche Bücher sind zu dem Thema erschienen, hauptsächlich nicht-wissenschaftliche Bücher und Erinnerungen. Und es wird viel »oral history« betrieben. Auch die jungen Leute sind neugierig geworden und fangen an, ihre eigenen Familiengeschichten zu erforschen: »Meine Großmutter hat auch keine Verwandten – warum ist das wohl so?« Seit die Menschen angefangen haben, darüber nachzudenken, ob es nicht auch in der eigenen Familie einen Armenier gab, ist der offizielle Nationalismus nicht mehr so ungebrochen wie zuvor. Wir sind mit der Ideologie aufgewachsen, dass wir ein türkisches Volk seien. Wenn sich nun herausstellt, dass die eine Assyrerin ist und der andere Armenier, dann ist das nicht mehr haltbar. Die Ideologie löst sich auf.

 

»Die Geschichte trennt uns nicht, sie verbindet«

 

Inwiefern markierte die Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink im Jahr 2007 einen Wendepunkt?

Das hat eine sehr große Rolle gespielt. Große Bereiche der Bevölkerung, vor allem politisch links orientierte Leute, haben angefangen, die Geschichte zu hinterfragen. Der Mord an Hrant Dink ist zu einer Gewissensangelegenheit geworden: Er hat zu einer Hinterfragung der Reinheit des eigenen Gewissens geführt.

 

Die linken Kräfte spielen in der türkischen Politik derzeit aber keine große Rolle. Die Islamisten der AKP sind an der Regierung; zugleich gibt es einen Trend des »Neo-Osmanismus«, der die Großmacht-Vergangenheit wieder positiver sieht ...

Das stimmt, aber gerade bei diesen Bevölkerungsschichten – den Neo-Osmanisten und unter vielen stärker islamisch gesonnenen Menschen – werden die Ereignisse von 1915 intensiv diskutiert. Denn diese Leute heißen nicht gut, was das »Komitee für Einheit und Fortschritt« damals getan hat. Im Grunde sehen sie sich ebenfalls als Opfer der damaligen Politik. So entsteht eine Nähe zu den Armeniern.

 

Was für Reaktionen haben Ihre Bücher denn auf armenischer Seite ausgelöst?

Während des Schreibens ist mir bewusst geworden, dass verschleppte Frauen wie meine Großmutter auch unter den Armeniern – sowohl in Armenien als auch in der Diaspora – bis dato kein Thema gewesen waren. Sie wurden von beiden Seiten ignoriert. Mein Buch hat Neugier bei den Armeniern geweckt, nach den »anderen Armeniern«, den islamisierten Armeniern, zu suchen und ihre Geschichten zu erforschen.

 

Wie sehen Sie Initiativen wie diejenige des französischen Parlaments, die das Ziel haben, Druck auf die Türkei auszuüben, um eine Anerkennung des Völkermords zu erreichen?

Ich habe da Verständnis. Denn diese Reaktionen sind bedingt durch eine hundertjährige Ignoranz von Seiten der Republik Türkei. Wenn die Armenier nun Gerechtigkeit anstreben, kann ich sie dafür nicht kritisieren. Dennoch halte ich Ansätze wie den der Franzosen nicht für den richtigen Weg – auch wenn ich, das betone ich, das Verhalten der Türkei damit nicht relativieren will; ich kritisiere diese Politik mit aller Deutlichkeit. Aber Initiativen wie die in Frankreich führen dazu, dass das nationalistische Lager in der Türkei Kraft schöpft. Deswegen sehe ich das kritisch.

 

»Uns fehlen Räume der Erinnerung«

 

In Ihrem »Brunnen-Projekt« haben Sie mit Hilfe von Freiwilligen zwei alte armenische Brunnen im ehemaligen Dorf Ihrer Großmutter wiederaufgebaut. Damit versuchen Sie selbst ja einen anderen Weg zu gehen, an die Vergangenheit zu erinnern ...

Ich habe beobachtet, dass die Spuren der Armenier in Anatolien derzeit ganz schnell verschwinden. Ich glaube, das ist staatlich gesteuert, ebenso wie die Legenden über den »Schatz der Armenier«, der irgendwo vergraben sei. Diese Geschichten haben in den letzten dreißig Jahren stark zugenommen, was zur Folge hat, dass nun überall Schatzsucher unterwegs sind. Sie zerstören die Spuren der Armenier, die der Staat selbst nicht zerstören kann.

 

Das wollen Sie mit Ihrem Projekt verhindern?

Ich will solche Orte zu Räumen der Erinnerung machen. Zu Räumen, an denen wir über die Armenier – beziehungsweise über die Geschichten, die wir von unseren Großeltern gehört haben – sprechen können, ohne miteinander zu streiten; auch wenn wir verschiedenen politischen Lagern angehören. Ich finde, das ist eine gute Möglichkeit, über Geschichte zu sprechen. Während der Arbeiten an den Brunnen hatte ich das Gefühl, dass wir durch den Wiederaufbau zerstörter Geschichte symbolisch auch unsere Zukunft neu errichten.

 

... eine Zukunft, in der auch der Völkermord an den Armeniern einen Platz hat?

Mir ist es wichtig, dass die Menschen einander nicht mehr als Feinde empfinden. Bei der Restaurierung haben türkische, kurdische und armenische Freiwillige zusammengearbeitet. Sie haben sich kennengelernt, miteinander gesprochen, gemeinsam etwas zustande gebracht. Das war eine positive Erfahrung. Damals, 1915, kam das Wasser für die Brunnen zum Versiegen, und wir haben es nun wieder zum Fließen gebracht.


Meine Großmutter

Ende der 1970er Jahre nahm Çetins Leben eine folgenreiche Wendung, als ihre Großmutter ihr eröffnete, dass sie in Wahrheit Armenierin sei und als Kind während eines Todesmarschs von einem türkischen Gendarmen mitgenommen wurde. Erst Jahre später schrieb Çetin ihre Geschichte auf. Ihr 2004 erschienenes Buch löste in der Türkei starke Emotionen aus und führte dazu, dass das heikle Thema zum Islam konvertierter Armenier überhaupt wahrgenommen wurde. Das Buch wurde in neun Sprachen übersetzt, die deutsche Fassung erschien 2011. 

Von: 
Christian Meier

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