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Die Golanhöhen im Konflikt zwischen Israel und Iran

Russland muss sich entscheiden

Analyse
مرتفعات الجولان في الصراع بين إسرائيل وإيران
محطات الاستماع الإسرائيلية في مرتفعات الجولان آدم جونز / ويكيميديا كومنز

Das Assad-Regime und seine Partner setzen zur nächsten Offensive an. Zehntausende sind auf der Flucht aus Dar’aa. Ein paar Kilometer westlich steht die kalte Front zwischen Israel und Syrien plötzlich im Fokus – und Russland steht vor einem Dilemma.

Bis vor kurzem war es vor allem die militärische Konfrontation zwischen der libanesischen Hizbullah und Israel, die Beobachter eine regionale Eskalation der Gewalt befürchten ließ. Dabei waren es iranische Streitkräfte, die im Mai den Raketenbeschuss auf die von Israel besetzten Golanhöhen anordneten. Israel reagierte daraufhin mit einer Luftoffensive – der größten israelischen Militäroperation auf syrischem Staatsgebiet seit 1974. Eine Konfrontation, die internationale Beobachter überraschte; dabei ist es alles andere als ein Zufall, dass die Golanhöhen plötzlich wieder der Fokus der regionalen Auseinandersetzung werden.

 

Die Golanhöhen – von Israel und Syrien in den Kriegen 1967 und 1973 heftig umkämpft – sind Gegenstand intensiver diplomatischer Verhandlungen zwischen beiden Ländern. Denn der Landstrich zeichnet sich nicht nur durch seine strategische Lage, Wasservorkommen sowie seine ideologische Relevanz für die Geschichte beider Staaten aus. Vielmehr verkörpert er das alles entscheidende Element im israelisch-syrischen Friedensprozess.

 

Doch der Krieg in Syrien sowie die Abwesenheit eines Konfliktmediators haben die Position Israels auf eine nie dagewesene Art und Weise gestärkt. Und so forderte Israels Premierminister Benyamin Netanyahu bereits 2014 in einer wöchentlichen Sitzung des Ministerrates – der erstmals seit 1967 wieder in den Golanhöhen stattfand –, dass »die internationale Gemeinschaft die Realität anerkennt und nach 50 Jahren endlich bezeugt, dass die Golanhöhen für immer unter israelischer Hoheit stehen werden«.

 

Auf zahllosen Reisen nach Moskau brachte Benyamin Netanyahu die Angst vor dem geopolitischen Albtraum zum Ausdruck.

 

Seither nahm der rechte Flügel der israelischen Regierung die wachsende Ansammlung von Hizbullah-Kämpfern und anderen schiitischen, Iran gegenüber loyalen Milizen auf syrischem Territorium als Anlass, den Ton zu verschärfen. Das Ziel: das Sicherheitsrisiko an der Nordostgrenze in das Gedächtnis der israelischen Bevölkerung zu rufen, als auch die Kontrolle über ein Gebiet abzusichern, dessen Einverleibung die internationale Gemeinschaft keineswegs anerkennt. In der eigenen Bevölkerung bedarf die Annektierung der Golanhöhen keiner großen Überzeugungsarbeit – Umfragen bestätigten, dass rund 60 bis 70 Prozent der Israelis die Rückgabe der Golanhöhen an Syrien ablehnen, auch wenn ein solches Abkommen langfristigen Frieden mit Damaskus schaffen würde. Der Krieg in Syrien scheint diese Haltung zu bestärken.

 

Israel verfolgte die ersten Jahre des Syrien-Krieges als neutraler Beobachter. Das Land schaute zu, wie sich seine Feinde gegenseitig bekämpften und schwächten – ganz ohne einen eigenen Militäreinsatz. Inzwischen flog Israel mehr als hundert Luftangriffe auf Lagerhallen und iranische Konvois, die russische Waffen zu Stützpunkten der Hizbullah oder der Assad treuen syrischen Armee lieferten. Israel führt damit einen militärischen »Präventivkrieg«, und die Zeiten der Unbekümmertheit innerhalb des israelischen Generalstabs sind vorbei.

 

Israel möchte die Bildung eines strategischen Bündnisses zwischen Teheran, Damaskus und Beirut mit allen Mitteln verhindern. Auf zahllosen Reisen nach Moskau brachte Benyamin Netanyahu die Angst vor solch einem geopolitischen Albtraum zum Ausdruck. In einer Rede an den russischen Präsidenten Wladimir Putin beteuerte er: »Mit Hilfe der syrischen Armee versucht [die Islamische Republik Iran], eine zweite Terrorfront gegen uns auf den Golanhöhen zu errichten«, außerdem hätten »Iran und Syrien eine islamische Terrororganisation, Hizbullah, mit modernen Waffen ausgestattet.«

 

Unter russischer Schirmherrschaft entstand in der syrischen Provinz Quneitra entlang der israelischen Grenze eine rund 20 Kilometer breite Pufferzone. Auch Jordanien könnte in der Region Dar’a eine solche Zone einrichten.

 

Netanyahus Strategie, Hilfe bei Russland zu suchen, könnte aufgehen. Allerdings wird auch Russland davon profitieren wollen, zumal Moskau seit 2013 viel in den Einsatz im Syrienkrieg investiert. Keines der in Syrien involvierten Länder hat Interesse an einem offenen Krieg zwischen Israel und Iran. Eine derartige Katastrophe würde Russlands Bemühungen, Assads Machtposition zu sichern, unglaubwürdig erscheinen lassen. Gleichzeitig wird die enge Bande zwischen Moskau und Teheran dem Ende auf die Probe gestellt: Durch Isolation auf internationalem Parkett verliert Iran seine strategische Relevanz als Partner Russlands und entwickelt sich zunehmend zur Bürde.

 

Unter russischer Schirmherrschaft entstand in der syrischen Provinz Quneitra entlang der israelischen Grenze eine rund 20 Kilometer breite Pufferzone. Auch Jordanien könnte in der Region Dar’a eine solche Zone einrichten. So soll die Kontrolle Russlands über die Situation in Syrien gewahrt, andererseits die iranische Angriffslust im Zaum gehalten werden. Ein Balanceakt, den der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman auf einem Moskaubesuch nebst seinem russischen Amtskollegen Sergei Shoigu in hohem Maße lobte: »Der Staat Israel schätzt Russlands Verständnis für unsere Sicherheitsbedenken, insbesondere bezüglich der Situation an unserer Nordgrenze. Es bleibt abzuwarten, ob Iran die neuen Umstände akzeptieren wird, nachdem es einen so hohen Preis im Konflikt gezahlt hat«.

 

Russland setzt alles daran, auch weiterhin Handlungsfreiheit in Syrien genießen zu können. Wladimir Putin verheimlicht weder Russlands starke historische Bindung zu Israel, noch lässt er außer Acht, dass Israel eine der wenigen Verbindungspunkte zwischen dem Nahen Osten und der US-Regierung unter Trump darstellt. Washington nimmt bezüglich der Annektierung der Golanhöhen durch Israel kein Blatt mehr vor den Mund. Eine Anerkennung des israelischen Anspruchs wäre ein Novum US-amerikanischer Nahostpolitik, die einerseits Iran und seinen syrischen Verbündeten schwächen, andererseits auch die US-amerikanische Vormachtstellung in der Region ausbauen könnte.

 

Die Anerkennung der Golanhöhen als Teil Israels bleibt jedoch vorerst der Unbeständigkeit US-amerikanischer Innenpolitik ausgesetzt. Erst die Zwischenwahlen zum US-Kongress im Herbst 2018 werden Gewissheit schaffen – und doch gleichzeitig das Schicksal der syrischen Bevölkerung auf den Golanhöhen übergehen, die immer noch nahezu geschlossen die israelische Staatsbürgerschaft ablehnt.


Der Pariser Politikwissenschaftler Clyde Vachez spezialisiert sich auf das Verhältnis zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn.

Von: 
Clyde Vachez

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