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Künstlerin Lara Baladi und das Archiv der Revolution
Künstlerin Lara Baladi und das Archiv der Revolution

zenith: Wie haben Sie persönlich die ägyptische Revolution von 2011 erlebt?

Lara Baladi: Ich hatte damals gerade eine Kunstserie zum Tod meines Vaters abgeschlossen und war gedanklich schon auf dem Weg nach Mexiko für ein Kunststipendium – in Ägypten veränderte sich einfach nichts, und ich brauchte Veränderung. Doch dann kam der 25. Januar – der »Polizeitag« mit reduziertem Polizeiaufgebot – und wie jedes Jahr protestierten die Menschen auf dem Tahrir. Doch 2011 kamen zum ersten Mal mehr Demonstranten als Polizisten.

 

In dieser Nacht sah ich das Video eines jungen Mannes, der einen Wasserwerfer der Polizei stoppte – genauso wie sich damals der »Tank Man« 1989 auf dem Tiananmen-Platz der chinesischen Armee entgegenstellte. Dieses Video hat mich tief berührt. Ich erinnerte mich, wie ich mehr als 20 Jahre zuvor die Bilder aus China im Fernsehen gesehen hatte, und spürte, dass eine neue, eine unsichere Ära in Ägypten begann. Am 28. Januar, dem »Tag des Zorns«, schloss ich mich den Demonstranten an.

 

In dieser Zeit begannen Sie, Bild- und Videomaterial vom Tahrir-Platz zu sammeln.

Das Video das »Watercanon Man« aus Kairo ging viral. Zur gleichen Zeit sah ich auf Facebook eine 40 Jahre alte Rede von Jean-Paul Sa tre vor streikenden Arbeitern in Frankreich. Ich bekam das Gefühl, Geschichte würde sich wiederholen. Daher begann ich, den kreativen Tsunami der Bilder und Videos einzufangen, der das Internet über- schwemmte und all die Geschehnisse dokumentierte. Es entstand eine unendlich lange Linkliste voller Materialien, die sich vor allem um die Ikonographie und Bildsprache der Revolution drehte – vieles aus Ägypten, aber auch Elemente aus anderen Ländern oder Zeiten.

 

Warum sammelten Sie all diese Dinge?

Archivierung gehört zum Handwerk der Künstlerin. Anfangs war das Sammeln schlicht reflexartig, es war mein Versuch, diese außergewöhnlichen Entwicklungen festzuhalten. Alles geschah so schnell, ich war überwältigt und brauchte einen Weg, diesen historischen Moment zu begreifen. Irgendwann wurde meine Liste mit all den Fotos und Videos so umfangreich, dass ich begriff: Es wird ein Archiv. Ab diesem Moment begann ich, alles aktiv zu organisieren und methodisch weiter zu sammeln. Später nannte ich mein Archiv »Vox Populi – Tahrir Archives«, es entstand eine Sammlung der Kreativität und Ausdruckskraft des Volkes.

 

»Jeden Abend zeigten wir Bilder der Revolution, auch libysche Aktivisten aus Benghazi besuchten uns und brachten Videos mit«

 

Wie sind Sie mit dem entstehenden Archiv umgegangen?

Im April 2011 hielt ich einen Vortrag in New York, bei dem ich einige der Eindrücke aus meinem Archiv teilte. Obwohl das Publikum voller Menschen war, die Ägypten gut kannten, schien niemand diese Bilder zu kennen. Da habe ich verstanden, wie wichtig meine Arbeit eigentlich war. Der standortabhängige Google-Algorithmus sowie ganz unterschiedliche Interessen gaben uns allen sehr verschiedene Bilder derselben Ereignisse. Ich wollte nicht mehr nur sammeln, ich wollte auch meine Geschichte erzählen, als eine von vielen Geschichten über den Tahrir.

 

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Soziale Ungleichheit in der arabischen Welt
Tunesien, Freihandel mit der EU und Osteuropa

Vor einem Jahrzehnt erklangen die Stimmen der jungen Generation in den Straßen von Tunesien, Ägypten, Libyen, Jemen, Syrien und Bahrain: Sie forderten Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit. Sie sehnten sich nach anständigen Jobs und waren bereit, hart zu arbeiten. Sie gingen auf die Straße, weil sie den alten, unsozialen Gesellschaftsvertrag ablehnten. Denn der vermochte es, anders als in vorherigen Jahrzehnten, nicht mehr, Arbeitsplätze, Bildung und Gesundheitsversorgung zu gewährleisten.

 

Immer weniger gesellschaftliche Schichten hatten Zugang zu Absicherungen des Staates – dessen Legitimität durch mangelnde ökonomische Chancen, steigende Ungleichheit und dreiste Vetternwirtschaft ausgehöhlt war.

 

Wie sieht es ein Jahrzehnt später aus? Brodeln die Kräfte, die den Arabischen Frühling zum Leben erweckten, noch immer? Wie steht es um Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit? Der immense, stets wachsende informelle Sektor in vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas beweist die anhaltende Brisanz sozioökonomischer Ungleichheit. In Ägypten und Marokko arbeiten mehr als 70 Prozent aller Beschäftigten in der Schattenwirtschaft. In Tunesien liegt die Quote mit 63 Prozent nur geringfügig niedriger.

 

Was trieb diese Entwicklung voran? In vielen Ländern der Region gehörten Markteintrittsschranken zu den bevorzugten Instrumenten, um verfilzte Wirtschaftszweige vom Wettbewerb abzuschotten: Das verhinderte eine Entwicklung des Privatsektors, während privilegierte Unterstützer der Regime klangen die Stimmen der exzessiv Profite anhäuften. In Marokko rekrutierte sich dieser Klüngel hauptsächlich aus Politikern und Personen, die über enge Kontakte zur Königsfamilie sowie deren weitverzweigten Holdings und Firmengruppen verfügten.

 

Die Armen können sich die Arbeitslosigkeit nicht leisten und landen daher in der Schattenwirtschaft.

 

In Tunesien profitierten vor allem Unternehmen, die Angehörigen von Präsident Zine El-Abidine Ben Ali und dessen Frau gehörten. In Ägypten wiederum waren es Firmen mit direkten Kontakten zur Regierung und Angehörigen der Mubarak-Partei NDP -diejenigen, die Gesetze verabschiedeten, wurden mit Sitzen in Aufsichtsräten bedacht.

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Tunesische Unternehmerin Amel Karboul im Interview
Tunesische Unternehmerin Amel Karboul

zenith: Wann haben Sie in den Jahren 2010 und 2011 das erste Mal gedacht, dass in Tunesien etwas Großes passiert, dass wirklich Veränderung bevorsteht?

Amel Karboul: Ziemlich früh, ich weiß gar nicht warum. Der 17. Dezember 2010, als Muhammad Bouazizi sich selbst verbrannte, war ein seltsamer Tag. Ich sollte eigentlich von Deutschland aus nach Südafrika fliegen, aber wegen eines Schneesturms verpasste ich den Flieger. Als ich sah, was in den Sozialen Medien geteilt wurde, hatte ich sehr schnell das Gefühl, dass hier etwas Großes geschieht.

 

Hatten Sie erwartet, dass Präsident Ben Ali gestürzt werden könnte?

Zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Klarer wurde es mir, als in Sfax im Januar Polizisten auf Demonstranten schossen und die Menschen einfach weitermarschierten. Da habe ich mir gedacht, Wow, wenn man die Angst vor dem Tod verliert, dann ist man unbesiegbar. Als Ben Ali das Land verließ, haben viele Tunesier das auch als eine Art Verrat an Tunesien empfunden. Sie hatten Angst vor einem Vakuum. Anfangs hatten wir eher gehofft, dass er Verständnis für die Proteste zeigen und größere Reformen anstoßen würde oder zurücktritt und den Weg für eine Übergangsregierung freimacht. Aber einfach so abzuhauen, das war schon ziemlich feige. Doch natürlich war das auch ein tolles Gefühl, und zwar überall im Land. Und es hat positiv überrascht, wie gut alle Institutionen auch weiter funktionierten. Selbst die Wasser- und Stromversorgung.

 

Hatten Sie keine Angst, das Land würde im Chaos versinken? Das war ja immer Ben Alis Argument gegenüber westlichen Regierungen: Nur ich kann für Sicherheit sorgen.

Es gab schon Momente der Angst, Dörfer und Nachbarschaften verbarrikadierten sich. Aber die Angst war möglicherweise größer als die tatsächliche Gefahr. Wir erlebten eine unglaubliche Solidarisierung – viele kamen zusammen und lernten zum ersten Mal ihre Nachbarn wirklich kennen – ein bisschen wie zurzeit in England während der Covid-Pandemie, wenn donnerstags immer alle für die Krankenpflegerinnen und Ärzte klatschen.

 

»Zum ersten Mal in der arabischen Welt hat eine frei gewählte Regierung die Macht friedlich übernommen«

 

Aber dann kamen doch auch immer wieder Momente, in denen nicht ganz klar war, wie es mit dem Land weitergeht, etwa nach der Ermordung des linken Oppositionspolitikers Chokri Belaid im Februar 2013 ...

Ja, aber ich denke, da hat man sehr schnell gesehen, wie ungewöhnlich das für viele Tunesier war. Tunesien ist anders als manch anderes arabische Land, in denen politische Morde weit häufiger vorkommen. Vor allem die Frauen haben sich erhoben, um zu zeigen, dass sie nicht in eine andere Art von Gesellschaft rutschen wollten. 2011, nach der anfänglichen Euphorie, war die Enttäuschung bei vielen groß, dass die Islamisten von Ennahda die Wahl zur verfassunggebenden Versammlung gewannen, aber die Zivilgesellschaft hat immer für ausreichend demokratische Kontrolle gesorgt.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: 10 Jahre Arabischer Frühling
Künsterlin Aya Tarek

Als ich gestern ein Interview zum 10. Jahrestag der Selbstverbrennung Mohammed Bouazizis und dem damit verbundenen Beginn des Arabischen Frühlings beendet hatte, verspürte ich ein Unbehagen. Nicht nur hatte ich mich dabei ertappt, in die eine oder andere Phrase abgeglitten zu sein – in Wendungen und Formulierungen, die ich nun schon seit Jahren in der einen oder anderen Variante zum besten gebe, wenn das Thema auf eine Bilanz des Arabischen Frühlings kommt. Schlimmer noch, fragte ich mich: Hatte ich gegenüber dem Interviewer und damit den Rundfunkhörern etwa enerviert geklungen? So als könnte ich die immer wiederkehrende Frage, ob der Arabische Frühling eigentlich gescheitert sei, einfach nicht mehr hören?

 

Der Redakteur beruhigte mich nach dem Gespräch: Gerade im Öffentlich-Rechtlichen Kulturrundfunk seien sie Schlimmeres gewohnt – eine diplomatische Bestätigung des schlechten Eindrucks, den ich von mir selbst hatte an diesem Tag.

 

Man sollte sich nicht triggern lassen. Schließlich versuchen alle nur, ihren Job zu machen. Aber wahrscheinlich bin ich nicht der einzige da draußen, der sich von Berufs wegen mit den Umbrüchen der letzten zehn Jahre auseinandersetzt und auf die Frage nach dem Scheitern des Arabischen Frühlings ganz unwillkürlich ablehnend, mitunter auch apologetisch, reagiert.

 

Wie Nahost-Expertinnen und -Experten über den Nahen Osten reden, sagt manchmal mehr aus über deren Persönlichkeiten und Gemütszustände als über den Nahen Osten selbst. Ich habe mich an anderer Stelle damit ausführlich beschäftigt. Und das tritt insbesondere zum Jubiläum dieses denkwürdigen, epochalen Umbruchs zutage, der im Dezember 2010 von Tunesien seinen Ausgang nahm.

 

Seit Jahren dominiert in der Berichterstattung – zumindest gefühlt – das Narrativ vom großen Scheitern einer Illusion. Überall nur Chaos, Terror, Elend und Massenmigration. Wo Staaten nicht zusammengebrochen sind, haben sich Regime etabliert, die noch repressiver sind als vor 2011. Man hätte es doch besser wissen sollen damals und nicht zu große Hoffnungen in die arabische Jugend setzen sollen!

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Journalismus in Syrien
Journalismus in Syrien

Als Journalist in einem Land wie Syrien ist es schwierig, am eigenen Beruf und dessen Grundsätzen festzuhalten. Es gibt genau eine Erzählung: die Erzählung des Regimes. Egal, ob man selbst von dieser überzeugt ist oder nicht, man muss sich ihr unterordnen. Journalisten stehen in der ersten Reihe, wenn es darum geht, die Erzählung der Herrschenden zu vermitteln.

 

Während meiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit als Reporter für die Zeitung Al-Hayat in Damaskus bemühte ich mich stets, die Erzählung der Regierung in aller Genauigkeit wiederzugeben. Gleichzeitig versuchte ich, die Vielfältigkeit der syrischen Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur darzustellen. Es war gefährlich, die Buntheit Syriens aufzuzeigen – in diesem Land gibt es nur eine Farbe, nur eine Geschichte, nur eine Partei, nur einen Herrscher.

 

Meine Versuche kosteten mich viel: Ich saß sechs Monate in Gefängnissen ein, stand weitere sechs Monate unter Hausarrest. Sieben Mal entzog mir die Regierung meine journalistische Lizenz. All dies, obwohl ich nicht einmal zur Opposition gehörte. Im Laufe dieser zwanzig Jahre baute ich professionelle und persönliche Beziehungen zu den meisten syrischen Offiziellen auf, führte mehrere Interviews mit Präsident Baschar Al-Assad und reiste mit ihm nach Europa sowie in die Nachbarländer – ich wollte diese Besuche möglichst farbenfroh erklären.

 

Wenn ich zu Pressekonferenzen des Regimes ging, wich ich den Kameras aus und stellte auch keine Fragen.

 

In diesen zwanzig Jahren lernte ich sowohl den Palast als auch das Gefängnis kennen. 2011 bekam meine Geschichte eine neue Dimension. Erst dann wurde mir klar, wie komplex die Aufgabe eines objektiven Journalisten ist, der täglich über die Geschehnisse im Land berichtet. Auch ein Journalist ist nichts anderes als ein verletzlicher Mensch voller Emotionen, ein Wesen, das im Wettlauf gegen die Zeit täglich eine Geschichte erzählt.

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Stadtplanung im Libanon
Stadtplanung im Libanon

Manche Erinnerungen sind so fantastisch, dass sie fast wie Science-Fiction klingen. So ist es mit dem, was Leon Telvesian in seiner Beiruter Kindheit erlebte: »Ich bin in Mar Mikhael aufgewachsen. Damals konnten wir ganz einfach durch die kleine Straßen zum Meer laufen und in einer der Buchten von Karantina schwimmen gehen.« Telvesian ist heute 70 Jahre alt und trägt einen schlohweißen Bart.

 

Wenn der Architekt und Stadtplaner von der Möglichkeit spricht, Beiruts Wohnviertel und das Meer wieder miteinander zu verbinden, klingt das nach Utopie. Denn die Hauptstadt des Libanons ist durch und durch zubetoniert, eingemauert und der Osten der Metropole durch eine Schnellstraße vom Mittelmeer abgeschnitten. Um Achsen für Fußgänger oder Radfahrer neu oder wieder entstehen zu lassen, müsste man erst mal die Abrissbirne schwingen.

 

Doch vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Am 4. August hat eine gewaltige Explosion im Hafen weite Teile der Stadt schwer verwüstet. Die Katastrophe, die wie so viele Tragödien im Zedernland auf kriminelle Nachlässigkeit und Korruption zurückzuführen ist, hatte zumindest einen positiven Nebeneffekt: In den besonders stark betroffenen Stadtvierteln – neben Mar Mikhael und Karantina auch Gemmayze, Aschrafiye und Geitawi – kamen Freiwillige zusammen.

 

Organisationen vernetzten sich, darunter viele NGOs, die erst im Herbst 2019, bei der Thawra, dem libanesischen Massenaufstand gegen die politische Kaste, entstanden waren. Nicht nur die Libanesen schauen nun mitfühlend und mit wachsendem Interesse auf den Wiederaufbau.

 

Stadtplanung im Libanon
Der Baubetrieb von Mohammed Ghotmeh hilft pro bono beim Wiederaufbau der zerstörten Stadtviertel.Foto: Thore Schröder

 

»Dabei zu helfen, ist eine Verpflichtung für uns«, sagt Mohammed Ghotmeh. Der 31-Jährige ist Ingenieur, Bruder der berühmten Architektin Lina Ghotmeh und führt seit einigen Jahren den väterlichen Baubetrieb mit 70 Angestellten. Der Traum eines Beiruts von morgen handelt auch davon, die reiche Vergangenheit zu bewahren – wo es noch geht. Ghotmeh ist Teil einer Nachbarschaftsinitiative der »American University of Beirut« (AUB), die mit der NGO Nusaned kooperiert.

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Lina Al-Hathloul über ihre in Saudi-Arabien inhaftierte Schwester Loujain
Interview mit der Schwester von Loujain Al-Hathloul

zenith: Mitte November wurde bekannt, dass der Fall Ihrer Schwester Loujain Al-Hathloul an das saudische Sondertribunal für Terrorismusbekämpfung überwiesen wird. Welche Folgen hat das für den Prozess?

Lina Al-Hathloul: Das Gericht ist für seine harten Urteile bekannt. An den Anklagepunkten selber hat sich aber nichts geändert: Meine Schwester wird beschuldigt, an internationalen Konferenzen teilgenommen und mit Journalisten und Amnesty International über die Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien gesprochen zu haben. Im ersten Prozess beantragte der Staatsanwalt die Höchststrafe, das waren ein paar Millionen Riyal und fünf Jahre Haft. Solange es bei diesen Anschuldigungen bleibt, wird es wohl nicht zu einem höheren Strafmaß kommen. Was nun genau passieren wird, ist aber schwer abzusehen. Wir hoffen natürlich, dass der Prozess beschleunigt wird, damit die Anklage endlich zugeben muss, dass es schlicht keine rechtliche Grundlage für die Anschuldigungen gibt; und meine Schwester bald freigelassen werden muss.

 

Wofür setzt sich Ihre Schwester genau ein?

Loujain war eine Anführerinnen der »Women Who Drive«-Kampagne. Da ging es um das saudische Fahrverbot für Frauen. Sie wurde 2014 zum ersten Mal in einem so genannten Pflegeheim interniert, im Grunde ein Gefängnis mit anderem Namen. Auch Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt sind, werden dorthin geschickt sowie diejenigen, die von ihrem männlichen Vormund dorthin abgeschoben werden. In diesem Heim wurde meiner Schwester klar, dass das Problem nicht nur darin besteht, dass Frauen nicht Auto fahren können, sondern in der strukturellen Gewalt gegen sie. Als Loujain herauskam, weitete sie 2015 ihren Aktivismus aus. Sie gehört zu den Wortführerinnen einer an den König gerichteten Petition, die das Ende des Systems der männlichen Vormundschaft fordert. Außerdem versuchte sie, ein Frauenhaus für Opfer häuslicher Gewalt zu gründen.

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Revolution und Krieg im Jemen
Revolution und Krieg im Jemen

Wir sangen von Freiheit und Widerstand. Wir waren Revolutionäre. Mit Musik und Kunst wollten wir den Jemen be- freien. Unsere Bühne war der »Platz des Wandels«, wie wir den Bereich vor der Universität von Sana’a kurzerhand tauften. Zwischen all den Zelten, politischen Debatten und kreativen Workshops spielten wir kostenlose Reggae-Konzerte. Von hier aus zogen wir los, um zu protestieren – zum Präsidentenpalast, zum Justizministerium und wieder zurück. Es war eine aufregende Zeit. Der Weg war weit, was danach folgte, schmerzhaft.

 

Aber vielleicht erzähle ich von Anfang an: Im Jahr 1994, als ich neun Jahre alt war, mündete der Nord-Süd-Konflikt im Jemen in einen Bürgerkrieg – Tausende verloren ihr Leben. Danach versprach die Regierung mal wieder Frieden und Wohlstand. Aber die Realität sah anders aus: Korruption, Selbstbereicherung und Wahlmanipulation gehörten ebenso zur politischen Normalität wie die Unterdrückung, Inhaftierung und Folter von Aktivisten, Journalisten und politischen Gegnern.

 

Und Gewalt war kein Monopol der Regierung: In Moscheen wurden gewaltverherrlichende islamistische Ideologien gepredigt, die Erziehung in Schulen und Familien legte Wert auf militärischen Drill. Wer sich Veränderung wünschte, hatte es schwer – politisch und privat. 2008 wollte ich Gitarre spielen lernen. Meine Eltern, bei denen ich damals lebte, wollten nichts davon wissen – noch nicht einmal den Wunsch durfte ich aussprechen.

 

Also kaufte ich mir heimlich eine Gitarre und versteckte sie im Kleiderschrank. Natürlich fanden sie das heraus. Es dauerte nicht lange. Vor meinen Augen schlugen sie das Instrument in Stücke. Aber 2011, als wir sahen, was in Tunesien und Ägypten passierte, war der Wandel plötzlich greifbar. Zu Tausenden gingen wir auf die Straße, um für Frieden und unsere Rechte zu demonstrieren. Auf dem »Platz des Wandels« lernte ich unzählige Menschen kennen: Musiker, Aktivisten, Menschenrechtler. Mit einigen von ihnen gründete ich die Künstlergruppe 3 Meters Away.

 

Die anfängliche Revolutionsromantik traf aber schnell auf die harte Realität der Repression.

 

Unser Kollektiv bestand aus Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten: Fotografen waren dabei, Musiker, Schriftsteller, aber auch ein Zahnarzt. Uns alle vereinte der Wunsch nach Veränderung. Viele meiner ausländischen Freunde verließen damals aus Sicherheitsgründen das Land. Einer von ihnen bat mich, auf sein Haus aufzupassen, bis sich die Situation wieder beruhigt.

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Organisierte Kriminalität in der Türkei
Organisierte Kriminalität in der Türkei

Die letzten 16 Jahre verbrachte der Mafiaboss Alaattin Çakıcı in unterschiedlichen türkischen Hochsicherheitsgefängnissen. Dort errichtete er stets seine eigene Parallelherrschaft – immer wieder ließ er Wächter verprügeln; angezeigt wurde er deshalb nie. Stattdessen genoss er eine ausgedehnte Besuchszeit von elf Stunden pro Tag.

 

Doch Mitte April 2020 wurde Çakıcı aus dem Sincan-Gefängnis in Ankara entlassen – im Zuge der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie befreite die Türkei Zehntausende aus ihren überfüllten Gefängnissen. Während Journalisten, Oppositionspolitiker, Intellektuelle oder Künstler explizit nicht in den Genuss dieser Amnestie kamen, entließ die türkische Justiz damit nicht nur einen mehrfach verurteilten Schwerkriminellen, sondern auch eine der wichtigsten Figuren der türkischen Unterwelt.

 

Die im Volksmund mafya genannten kriminellen Netzwerke sind aus der türkischen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nicht wegzudenken. Die Geschichte der organisierten Kriminalität in der Türkei reicht bis ins Osmanische Reich zurück. Die kabadayı (»Rüpel, Schurken«) waren stadtbekannte Verbrecher, oftmals Klein- oder Gelegenheitskriminelle, hielten sich an einen gewissen Ehrenkodex und waren fester Bestandteil der Gesellschaft.

 

Sie spielten eine bedeutende Rolle bei der Organisation von Mobs und wurden von politischen Eliten immer wieder instrumentalisiert – beispielsweise im Zuge der Unruhen gegen die Griechen im Jahr 1955.

 

Im Rahmen solcher krimineller Netzwerke florierte der Drogenhandel. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde in der Türkei vor allem Opium produziert – in ländlichen Regionen noch bis in die 1970er Jahre. Ein von den USA verlangtes Anbauverbot in den kurdischen Provinzen trug allerdings maßgeblich zur Verarmung und Verbitterung der Opiumbauern bei und erleichterte die Aktivitäten linksradikaler bewaffneter Gruppen in der Region.

 

Organisierte Kriminalität in der Türkei
Behçet »Beco« Cantürk: Baumäzen mit linker Schlagseite

 

Seit dem Zweiten Weltkrieg sind für den Großraum Istanbul allerdings auch die Produktion und der Schmuggel von Heroin nachgewiesen. Türkisches Heroin fand über armenische und griechische Verbindungen zur korsischen Mafia seinen Weg über Marseille in die USA (die »French Connection«, die auch Pate für den gleichnamigen Hollywood-Thriller von 1971 stand).

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Die EU und der Arabische Frühling
Europa und der Arabische Frühling

Algier 1988: Gemeinsam mit einem jungen Journalistenkollegen bin ich auf dem Rückweg vom Fußballstadion. In Kürze sollen die ersten freien Parlamentswahlen des Landes stattfinden. »Wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera«, kommentiert mein Begleiter. Mit den Krankheiten meint er – in beliebiger Zuordnung – die oppositionellen Islamisten und die mit dem Militär regierende nationalistische Einheitspartei FLN. Die demokratischen und säkularen Parteien in der Mitte seien desorganisiert und hätten bereits im ersten Wahlgang keine wirkliche Chance.

 

Wir waren gerade von der Wahlkampfveranstaltung einer islamistischen Partei zurückgekehrt, die den Muslimbrüdern nahestand – Zehntausende hatten sich in dem Stadion versammelt. Sie wollten die Wahlen nutzen, um an die Macht zu kommen. Demokratie verurteilten sie jedoch – auf Pamphleten stand, sie sei das »Gift der Orientalisten«. Der Wahl war eine Protestwelle der verzweifelten Jugend vorausgegangen, die staatliche Einrichtungen sowie Polizeiwachen zerstört und in Brand gesetzt hatte. Die Gründe: Arbeitslosigkeit, Mangel an Wohnraum, Perspektivlosigkeit, Korruption.

 

Die seit der Unabhängigkeit regierende FLN und die Militärs bekamen die Revolte nicht unter Kontrolle. Sie mussten Zugeständnisse machen: Daher die Wahlen und dieser kurze Moment der Meinungsfreiheit, in dem mein Kollege schreiben und kritisieren konnte, wen er wollte. Mit seiner Einschätzung der Lage hatte er jedoch unrecht – es kam schlimmer: Pest und Cholera fielen zusammen.

 

Als sich am Wahlabend ein haushoher Sieg der Islamisten abzeichnete, setzten die Militärs den Wahlprozess aus. Sie übernahmen mit Strohmännern die Macht, die Wahlergebnisse wurden nie bekannt gegeben. Es folgte eine Gewaltspirale, die in einem Bürgerkrieg kulminierte. Extremistische Islamisten ermordeten alle, die sie als Feinde betrachteten – Militärs und Polizisten, aber auch Vertreter der demokratischen Mitte: Uniprofessoren, Künstler und Journalisten.

 

In den Bürgerkriegen in Libyen und im Jemen bekämpfen sich vor allem bestehende Eliten gegenseitig.

 

Die Militärs ihrerseits antworteten mit schonungsloser Repression. Geschichte wiederholt sich nicht, kann aber eine Mahnung sein. Damals forderten die jungen Algerier bereits, was ab 2010 unter dem Slogan »Brot, Freiheit und Gerechtigkeit« und dem Ruf nach Würde in vielen arabischen Ländern widerhallte. Dabei fallen mindestens drei Parallelen auf, die uns nachdenklich stimmen sollten.

 

Erstens, in den meisten Ländern gelang den regierenden Eliten und Herrscherhäusern der Machterhalt. So etwa in Marokko, Ägypten, Jordanien, dem Libanon, Syrien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Oman, Saudi-Arabien – ohne wirkliche Reformen und viel zu oft ohne Rücksicht auf Menschenleben. Die Despoten Ägyptens, Bahrains und vor allem Syriens scheuten nicht vor der »algerischen Lösung« zurück: massive Repression und Bürgerkrieg.

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Medienlandschaft in Algerien
Medienlandschaft in Algerien

Am 10. August 2020 verurteilte ein Gericht in Sidi M’Hamed in der Hauptstadt Algier den Journalisten Khaled Drarni zu drei Jahren Haft – dem 40-Jährigen Leiter der Website Casbah Tribune wurden »Anstiftung zu einer unbewaffneten Versammlung« und »Angriff auf die nationale Einheit« vorgeworfen. Es war die höchste Strafe, die jemals gegen einen Journalisten in Algerien ausgesprochen wurde – auch wenn die Haftzeit in der Berufung im September auf zwei Jahre gemindert wurde.

 

Das Urteil löste Aufruhr und Bestürzung aus. Drarni hatte gerade über eine Demonstration gegen die Regierung berichtet, als er im März 2020 festgenommen wurde. Eigentlich rechtfertigte nichts seine Verurteilung. Warum also wurde er so hart bestraft?

 

Drarni hat mehr als 100.000 Follower auf Twitter und gibt viel auf seine Unabhängigkeit. Dissidenten wie ihn juristisch zu verfolgen, steht sinnbildlich für die Strategie des Regimes, die Berichterstattung über die zweiwöchentlichen Großdemonstrationen einzuhegen.

 

Seit April sind die Proteste wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt. Die meisten algerischen Medien ignorierten sie aber schon viel länger – weit bevor Abdelmadjid Tebboune aus den umstrittenen Wahlen vom 12. Dezembers 2019 als neuer Präsident hervorging.

 

Mit Hilfe staatlicher Subventionen (und ihrem möglichen Entzug) nahm der Staat die Medien an die kurze Leine. Den Aufstand im Februar 2019, der das Ende der Herrschaft von Langzeitpräsident Abdelaziz Bouteflika einläutete, sahen sie daher nicht kommen. Sie waren zu beschäftigt, die offiziellen Sprachregelungen wiederzugeben – fast einstimmig feierten sie den einschläfernden Diskurs, mit dem die staatlichen Stellen Bouteflikas fünfte Amtszeit vorbereiteten.

 

Der Niedergang der algerischen Presse hat handfeste Gründe: Sinkende Werbeeinnahmen und die gezielte Steuerung staatlicher Subventionen.

 

Der Niedergang der algerischen Presse hat handfeste Gründe: Sinkende Werbeeinnahmen und die gezielte Steuerung staatlicher Subventionen ließen die klassischen Medien seit gut einem Jahrzehnt verarmen. Einige Zeitungen mit Meinungsmacht wie Le Soir d’Algérie, El Watan, Liberté oder auch El Khabar verpassten daher den digitalen Turn.

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Schiitischer Scheich Subhi Al-Tufayli im Libanon
Der schiitische Scheich Subhi Al-Tufayli im Libanon

Zweiundsiebzig Jahre sind in der Bekaa-Ebene mit ihren Olivenbäumen und fruchtbaren Gemüsegärten kein besonders hohes Alter. Gleichwohl muss es als nicht selbstverständlich gelten, dass Scheich Subhi Al-Tufayli noch lebt. Der schiitische Gelehrte, der dort sein Hauptquartier betreibt, hat sich nämlich schon mit vielen Mächtigen im Nahen Osten angelegt.

 

Erst im August 2020 wandte er sich auf Youtube direkt an den Generalsekretär der schiitischen Hizbullah, Hassan Nasrallah. Dieser sei ein Pate des korrupten Systems geworden und lasse dem libanesischen Volk nur die Wahl »zwischen Hunger oder Bürgerkrieg«. Tufayli sagte dies im Nachklang der verheerenden Explosion im Beiruter Hafen, aber auch anlässlich des Aschura-Feiertags, der von Schiiten in aller Welt im Gedenken an ihren gemordeten Imam Hussein und die Opfer von Tyrannei insgesamt begangen wird.

 

Tufayli ist einer der wenigen schiitischen Gelehrten, deren Videos auch regelmäßig von Medien aus dem wahhabitischen Saudi-Arabien verbreitet und retweetet werden: Er beschimpft dann entweder die Hizbullah oder das Regime Irans, das sich nach seinem Dafürhalten die arabische Welt untertan machen will, die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten ausnutzt, Terror fördert und die »unrechtmäßige« Herrschaft des Klerus exportiert.

 

Als 1982 israelische Panzer in den Libanon einrückten, reiste Tufayli angeblich gerade über Damaskus zu einer Konferenz der iranischen Revolutionsgarde in Teheran.

 

Die »Partei Gottes« mag nun für verdeckte Sprengstoffeinsätze bekannt sein, allerdings nicht für ihre Toleranz gegenüber Kritikern und Dissidenten. Hält die Hizbullah-Führung Tufayli nur für einen ungefährlichen Schwätzer? Ein stures Landei im Ornat? Vermutlich möchte die Hizbullah in Baalbek keinen Ärger, denn dort ist ihre Macht lange nicht so groß wie in Teilen Beiruts oder des Südlibanon.

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