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Die afghanischen Taliban und der schiitische Milizenführer Mawlawi Mahdi
Maulana Mahdi arbeitet und kämpft nun für die Taliban.

Was ist passiert?

Die afghanischen Taliban haben die Ernennung von Maulana Mahdi zum Gouverneur des Distrikts Balkhab in der nordafghanischen Provinz Sar-i Pul bekanntgegeben. Die Besonderheit: Der Milizenführer Mahdi ist der erste schiitische Hazara, der ein solches Amt bei den Taliban bekleidet. Eine am 24. April auf der Taliban-Plattform Al-Amara veröffentlichte Videobotschaft des erstmalig prominent in Erscheinung tretenden Gouverneurs sorgte in den sozialen Medien für einige Aufmerksamkeit.

 

Denn obwohl schon unter dem 2013 verstorbenen Taliban-Führer Mullah Mansur einige Tadschiken und Usbeken in die Führungsriege der Gruppe aufgestiegen waren, wird sie von sunnitische Paschtunen dominiert – Hazara wie Mahdi wurden während der Taliban-Herrschaft bis 2001 zumeist unterdrückt, mehrere Massaker an der mehrheitlich schiitischen Ethnie sind dokumentiert. Auch die Zerstörung der weltberühmten Buddha-Statuen in der Provinz Bamyian fand im kompakten Siedlungsgebiet der Hazara in Nord- und Zentralafghanistan statt, zu dem auch der Distrikt Balkhab gehört, den Maulana Mahdi nun für die Islamisten verwalten soll.

 

Aktuell wird der Bevölkerungsanteil der Hazara mit etwa neun Prozent der afghanischen Bevölkerung von etwa 37 Millionen angegeben. In dem von sunnitischen Paschtunen geprägten Vielvölkerstaat standen die Hazara über Jahrhunderte am unteren Ende der Hierarchie und sind erst seit der Verabschiedung der afghanischen Verfassung von 2004 rechtlich gleichgestellt. In Mahdis Videobotschaft werden nun laut der Nachrichtenseite The National versöhnliche Töne angeschlagen: Die Taliban seien »allen Menschen gegenüber aufgeschlossen (...) und Schiiten sind (..) Teil ihrer göttlichen Strategie«, so Mahdi laut einem Bericht der Website.

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Interview mit palästinensischem Politiker Mustafa Barghuthi
Interview mit palästinensischem Politiker Mustafa Barghuthi

zenith: Halten Sie es für wahrscheinlich, dass in Palästina in naher Zukunft Wahlen abgehalten werden?

Mustafa Barghuthi: Wir drängen schon seit langer Zeit auf Wahlen. Es ist völlig inakzeptabel, dass die Bevölkerung seit nunmehr fast zehn Jahren ihres Wahlrechts beraubt wird. Die interne Spaltung wurde lange Zeit als Ausrede dafür benutzt, keine Wahlen abzuhalten. Doch nicht nur innerhalb Palästinas, sondern auch weltweit wird gefordert, dass die Palästinenser ihr demokratisches System wieder einführen. Wir als »Palästinensische Nationale Initiative« (PNI) haben versucht, die Frage der internen Spaltung zu lösen, indem wir mit der Zentralen Wahlkommission (ZWK) zusammengearbeitet und Vorschläge erarbeitet haben, um die Differenzen beizulegen. Es ist ein Elf-Punkte-Plan, der von den meisten politischen Parteien beinahe akzeptiert wurde. Und sie ebnete den Weg für die Lösung von Problemen wie die Einführung eines vollständig proportionalen Systems, das die Hamas ursprünglich abgelehnt hatte. Wir haben dafür auch separat abgehaltene Legislativrats- und Präsidentschaftswahlen akzeptiert – auch wenn das nicht dem Gesetzestext entspricht.

 

Wer hat die Trennung zwischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen gefordert?

Präsident Abbas und die Fatah. Wir hätten es vorgezogen, dem Gesetz zu folgen, das besagt, dass sie am selben Tag stattfinden sollten. Wir akzeptierten schließlich diese Trennung unter der Bedingung, dass zwischen den beiden Wahlterminen ein Zeitraum von drei Monaten liegt.

 

Was steht dann der Abhaltung von Wahlen noch im Weg?

Ich sehe drei große Hindernisse. Erstens, dass Israel versuchen könnte, uns daran zu hindern, freie Wahlen in Jerusalem und in einigen anderen Teilen des Westjordanlandes abzuhalten. In diesem Fall lautet unsere Antwort als PNI, dass wir der israelischen Besatzung dieses Recht nicht einräumen und trotzdem Wahlen auf die Beine stellen sollten.

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Die EU, Wahlen und Sicherheit in Palästina
Die EU, Wahlen und Sicherheit in Palästina

Im September 2019 kündigte Mahmud Abbas vor der UN-Generalversammlung an, dass er nach seiner Rückkehr nach Ramallah ein Datum für die Abhaltung von Wahlen in Palästina bekannt geben werde – es wären die ersten seit 2006. Damals war die Hamas siegreich aus dem Urnengang hervorgegangen, die Regierungsbildung stieß auf internationale Ablehnung. Ein Jahr später putschte sich die Hamas in Gaza an die Macht. Seit 2007 hat die De-Facto-Teilung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) Bestand.

 

Die Erklärung in New York löste eine Flut von Spekulationen darüber aus, wer die Nachfolge des 84-jährigen Präsidenten der PA antreten würde, einer Körperschaft, die nominell nur 17,7 Palästinas, auch bekannt als A-Gebiete, regiert, während der Rest entweder unter gemeinsamer oder direkter israelischer Kontrolle steht.

 

Die Tatsache, dass Abbas seit dem Auslaufen seines Mandats im Jahr 2009 per Dekret regiert, ist insbesondere für Berlin und Brüssel ein peinlicher Umstand. Nachdem sich die USA zurückgezogen haben, ist Deutschland der wichtigste internationale Geber für die PA. Demensprechend hatte Angela Merkel »gute Regierungsführung, demokratische Legitimierung bestehender Institutionen und die Stärkung der Zivilgesellschaft« als Prioritäten der deutschen und europäischen Palästina-Politik betont, als Abbas einen Monat vor der Wahlankündigung in New York im August bei der Bundeskanzlerin vorstellig geworden war.

 

2016 schuf Abbas mit dem Obersten Palästinensischen Verfassungsgericht ein neues Gremium, das er mit Fatah-Loyalisten besetzte.

 

Doch es bestehen Zweifel, ob Abbas sich diesen Zielen wirklich verpflichtet fühlt, oder nicht eher Pfründe sichern will. Im April 2016 schuf Abbas mit dem Obersten Palästinensischen Verfassungsgericht ein neues Gremium, das er mit Fatah-Loyalisten besetzte. Nathan Brown, Professor für Politikwissenschaft an der George-Washington-Universität, sieht darin im Gespräch mit zenith »einen sehr transparenten Versuch des Präsidenten, die Kontrolle über die verbliebenen Strukturen zu übernehmen«.

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Interview mit dem jemenitischen Parlamentspräsidenten Sultan Al-Barkani
Interview mit dem jemenitischen Parlamentspräsidenten Sultan Al-Barkani

zenith: Laut den Vereinten Nationen sind etwa 14 Millionen Menschen, die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung, auf humanitäre Hilfe angewiesen, zusätzlich befinden sich ungefähr 4 Millionen Jemeniten als Binnenvertriebene auf der Flucht. Welche Schritte hat Ihre Regierung unternommen, um den Menschen in dieser Situation zu helfen?

Sultan Said Al-Burkani: Zuallererst möchte ich betonen, dass diese tragische Situation ein Resultat des Krieges ist, den die Huthis über das Land gebracht haben. Das iranische Projekt hat diese verheerende Katastrophe für die Menschen verursacht. Die Regierung tut alles in ihrer Macht Stehende und ruft ihre Brüder und Freunde in aller Welt dazu auf, sich um Hilfe für die Menschen im Jemen zu bemühen. Unsere Brüder im Königreich Saudi-Arabien, allen voran das »King Salman Humanitarian Aid and Relief Center«, sind uns als erste zu Hilfe geeilt. Nun ist die gesamte Welt gefordert, diese furchtbaren Umstände nicht links liegen zu lassen. Die humanitäre Situation im Jemen steht in direkter Verbindung zur militärischen und politischen Situation im Land – das gesamte jemenitische Volk durchlebt momentan eine Tragödie. Und ich appelliere an die Welt, sie möge an der Seite der jemenitischen Regierung und an der Seite unserer saudischen Partner handeln, um das Leben dieser Menschen zu retten.

 

Wo steht der politische Prozess im Jemen und welche Rolle spielt dabei die Ausarbeitung einer neuen Verfassung?

Die Verfassung wurde bereits ausgearbeitet. Nun sprechen wir über den politischen Prozess, wobei die Vereinten Nationen in Form des Sonderbeauftragten für Jemen gefordert sind. Martin Griffiths erarbeitet momentan ein Dokument, das die endgültige militärische und politische Lösung für die Jemen-Krise skizzieren soll. Und vielleicht wird innerhalb der nächsten beiden Monate ein allgemeiner Rahmen für einen Friedensprozess vorgestellt, in dem sich die Konfliktparteien zusammenfinden. Diesbezüglich haben wir drei Referenzpunkte: Die Golf-Initiative, die Beschlüsse des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und die Ergebnisse des »nationalen Dialogs« im Jemen.

 

Die jemenitische Regierung sieht sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, im Krieg gegen die Huthis Milizen der Terrororganisation Al-Qaida anzuheuern oder zu kooperieren. Was ist an diesem Vorwurf dran?

Al-Qaida agiert im Jemen, das können wir nicht abstreiten. Wir haben große Sorge vor einer Zersplitterung des Jemens oder einer Fortsetzung des Krieges, weshalb wir mit großer Beunruhigung beobachten, dass Al-Qaida Fuß fassen und Landesteile unter ihre Gewalt bringen konnte. Wir bemühen uns um den Frieden im Land, damit wir Al-Qaida oder dem iranischen Projekt nicht die Möglichkeit geben, sich im Jemen auszubreiten und dort dauerhaft niederzulassen.

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Bewegung des Südens und der Krieg im Jemen
Bewegung des Südens und der Krieg im Jemen

An einem Kreisverkehr in der Hafenstadt Aden im Süden des Jemen, unweit der Küste mit Blick auf den Golf von Aden, sitzt der 55-jährige Hatem Salih in einem Kiosk und verkauft Zigaretten und kalte Getränke. Er trägt eine Weste, auf deren Rückseite groß die Flagge des Süd-Jemen prangt, der ehemaligen »Demokratischen Volksrepublik Jemen«.

 

An der Wand seines bescheidenen Ladens hängen Fotos, auf denen er gemeinsam mit anderen Aktivisten der südlichen Separatistenbewegung posiert. Im Jahr 2007 schloss Salih sich der im selben Jahr gegründeten »Bewegung des Südens« an, die die Unabhängigkeit in den Grenzen von 1994 anstrebt. »Vor der Vereinigung war es viel besser in Aden«, erinnert er sich. »Wir werden kämpfen. Bis zum Tag meines Todes werde ich für den Süd-Jemen kämpfen.«

 

Bewegung des Südens und der Krieg im Jemen
Ein Verkaufsstand für Qat in AdenFoto: Asmaa Waguih

 

Der Hafen von Aden, das Tor zur Außenwelt, liegt im Schatten eines ruhenden Vulkans. Einst rühmte sich Aden seiner offenen Gesellschaft – hier lebten jahrhundertelang Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen Tür an Tür. Inzwischen sind die kosmopolitischen Tage Adens sind längst gezählt.

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Kurz Erklärt: Regierungsbildung im Irak
Kurz Erklärt: Regierungsbildung im Irak

Was ist geschehen?

Bis zum 25. April wolle er dem Parlament einen Vorschlag für die Kabinettsbildung vorlegen – zwei Wochen vor Ablauf der 30-Tage-Frist, die die irakische Verfassung vorgibt. Es ist eine Mammutaufgabe für den designierten Premierminister Mustafa Kadhimi – doch auch die konkurrierenden Machtblöcke im Irak sowie die politische Führung in Iran stehen unter Druck.

 

Kadhimi ist bereits der dritte Kandidat, der von Präsident Barham Salih in diesem Jahr mit der Regierungsbildung beauftrag wurde, nachdem Adil Abdul Mahdi im Zuge der landesweiten Demonstrationen dem Druck der Straße gewichen war und am 29. November 2019 seinen Rücktritt eingereicht hatte.

 

Doch weder Kommunikationsminister Muhammad Allawi, noch Adnan Al-Zurfi, der Gouverneur der Provinz Nadschaf, waren überhaupt soweit gekommen, potenzielle Mitglieder einer neuen Konsensregierung vorzuschlagen – vor allem ob des vehementen Widerstands aus Teheran und der verschiedenen mit Iran affiliierten politischen Blöcke, die im Parlament die Mehrheit innehaben.

 

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Zentralasien und der Islamische Staat
Zentralasien und der IS

Am Mittwochmorgen nahmen deutsche Sicherheitskräfte vier Tadschiken in Nordrhein-Westfalen mit mutmaßlichen Verbindungen zum sogenannten Islamischen Staat (IS) fest. Die vier Verhafteten sowie ein bereits in Haft sitzender weiterer Tatverdächtiger sollen ursprünglich Aktionen gegen die Regierung in Tadschikistan geplant haben, dann jedoch auf Deutschland als Zielland ausgewichen sein. Der Generalbundesanwalt wirft ihnen unter anderem vor, die Ermordung eines bisher noch nicht namentlich benannten Islamkritikers und Anschläge auf Einrichtungen der US-Streitkräfte in Deutschland geplant zu haben. Sie hätten in engem Austausch mit hochrangingen Mitgliedern des IS im Nahen Osten gestanden und scharfe Schusswaffen sowie Munition besessen.

 

Unklar ist bisher, wo sich die Tadschiken radikalisierten - in Deutschland oder in ihrer Heimat. Zudem liegen noch viele der Hintergründe im Dunkeln. »Die Verhaftungen im Rheinland sagen daher erst einmal gar nichts über den bewaffneten Islamismus in Tadschikistan aus«, sagt Andrea Schmitz, die bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu dem Land forscht. Grundsätzlich sei Tadschikistan, wie auch der Rest Zentralasiens, kein Zentrum des internationalen Dschihadismus. »Das Kernproblem im Land ist schlechte Regierungsführung, nicht der Islamismus«, so Schmitz.

 

Dennoch häuften sich zuletzt die Schlagzeilen mit Bezug auf den IS und die verarmte und mehrheitlich muslimische Ex-Sowjetrepublik im Pamir-Gebirge direkt an der Grenze zu Afghanistan:

 

  • Im Sommer 2018 ermordete eine Gruppe Islamisten vier Radfahrer aus den Vereinigten Staaten, den Niederlanden und der Schweiz nahe der Stadt Danghara im Süden des Landes. Die Täter hatten in sich in einer Videobotschaft zum Islamischen Staat bekannt. Der Anführer der Gruppe, Hussein Abdusamadov, starb erst Anfang dieses Jahres in Haft.
  • Im Herbst 2018 bestätigten tadschikische Sicherheitskräfte Berichte, wonach sie einen Anschlag auf eine bedeutende russische Militärbasis in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe durch Angehörige des IS verhindert hätten. Dabei seien mehrere Männer verhaftet worden. Die 201. Division der russischen Streitkräfte mit rund 7.000 Soldaten ist dauerhaft in Tadschikistan stationiert.
  • Im November 2018 brach in einem Hochsicherheitsgefängnis in der Stadt Khujand im Norden des Landes eine Revolte aus. Die Umstände sind bis heute in weiten Teilen ungeklärt. Der IS bekannte sich über die eigene Nachrichtenplattform Amaq dazu, dass IS-Kämpfer den Aufstand angezettelt hätten. Andere Quellen führen den Gefängnistaufstand stattdessen auf schwere Misshandlungen der Insassen durch die Sicherheitskräfte zurück. Laut offizieller Angaben starben bei dem Vorfall 21 Insassen, von denen zwölf vorher in Syrien und dem Irak gekämpft hatten. In unabhängigen regionalen Medien kursierten teilweise deutlich höhere Opferzahlen.
  • Im Herbst vergangenen Jahres kamen bei einer Attacke auf einen Grenzposten an der tadschikisch-usbekischen Grenze mindestens 17 Menschen ums Leben. Laut der tadschikischen Regierung waren die Täter Angehörige des IS. Die Islamisten waren nach Angaben der New York Times aus der Provinz Kunduz im benachbarten Afghanistan über die Grenze am Fluss Amudarja nach Tadschikistan eingereist. Die afghanische Regierung wies eine Verbindung nach Afghanistan zurück.

 

Die Meldungen legen nahe, dass sich die reale Gefährdungslage durch den IS vor Ort jüngst tatsächlich zugespitzt haben könnte. Doch Experten warnen davor, Schuldzuweisungen der tadschikischen Sicherheitsorgane ungeprüft für bare Münze zu nehmen. »Es gibt eine gewisse Tendenz der Regierung, den Fokus auf Gefahrendiskurse und Sicherheitsthemen zu lenken, um das eigene autokratische Regime zu legitimieren«, so Anna Kreikemeyer vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg.

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Jemens wichtigster Hafen und der Krieg
Jemens wichtigster Hafen

Es ist sechs Uhr morgens, an einem heißen Sommertag Ende Juli 2019 in Hodeida. Radi Fuad Abdul Rasul und seine Familie liegen noch in den Betten, als die Rakete einschlägt. »Danach erinnere ich mich nur noch an Staub und Rauch. Meine Frau schrie die Namen unserer Kinder.« Auf den ersten Einschlag folgt ein weiterer, der das Haus nebenan trifft. Ein Mann ist auf der Stelle tot. Die dritte Bombe schlägt in einem Geschäft gegenüber ein und verwundet drei Passanten. Radi schafft es, seine Kinder aus den Trümmern zu befreien.

 

Während er mit leichten Gesichtsverletzungen davonkommt, sind seine Kinder bis heute von den Folgen des Bombenangriffs gezeichnet. Nuseiba ist 14 Jahre alt, ihr Körper ist übersät von Schrapnellwunden. »Sogar am Hals und am Rücken«, merkt ihr Vater an. Ihr sechsjähriger Bruder Hamza liegt auf derselben Station, ein paar Betten weiter.

 

Das Krankenhaus liegt ein paar Hundert Meter vom Zuhause der Familie entfernt, das nun teilweise in Schutt und Asche liegt – wie immer mehr Straßenzüge und Häuserzeilen. »Der Waffenstillstand in Hodeida hält nicht – Sie sehen ja, was meinen Kindern widerfährt«, sagt Radi und streichelt Hamzas Haar. »Wir trauen niemandem mehr, die Menschen fliehen. Wer bleibt, wird sterben.«

 

Jemens wichtigster Hafen
Der Körper der 14-jährigen Nuseiba ist von Schrapnellwunden übersät. Foto: Alessio Romenzi

 

Noch vor wenigen Jahren bestimmte das lebhafte Treiben auf den Märkten das Bild in Jemens viertgrößter Stadt. Hodeida liegt etwa hundert Kilometer westlich von Sana’a am Roten Meer. Ihre strategisch günstige Lage verhalf der Stadt insbesondere unter den Osmanen zum Aufstieg als Handelszentrum, nun wird sie ihr zum Verhängnis. Seit Ausbruch des Krieges im Jemen 2015 sind fast ein Drittel der vormals 600.000 Einwohner geflohen.

 

Die von Iran unterstützten Huthis kontrollieren mit Hodeida ein entscheidendes Glied ihrer Nachschubkette. Die von Saudi-Arabien angeführte Koalition sieht in der Einnahme von Hodeida einen Schlüssel, um den über fünf Jahre währenden Abnutzungskrieg noch zu den eigenen Gunsten zu wenden.

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Regierungsbildung in Israel
Netanyahu und die Wahlen zur Knesset in Israel

Israel ist im Krisenmodus – und das gleich auf mehreren Ebenen. So kommt es, dass Premierminister Benyamin Netanyahu, der nach drei Neuwahlen immer noch eine Übergangsregierung führt, wegen seiner selbst auferlegten Quarantäne auf sechs Meter Entfernung unter freiem Himmel Koalitionsverhandlungen mit seinem größten Widersacher Benny Gantz führt, der erst kürzlich das größte Versprechen seiner politischen Karriere über Bord geworfen hat. Zudem sollte der amtierende Premierminister eigentlich gerade vor Gericht stehen und der Sprecher der Knesset trat Ende März zurück.

 

Ex-Armeechef Gantz und Premierminister Netanyahu verhandeln in diesen Tagen im Angesicht der Corona-Krise über die Bildung einer »Notstandsregierung« für Israel. Innerhalb eines Jahres ging aus drei Neuwahlen bisher keine neue Regierung hervor. Das zentrale Wahlversprechen von Gantz hatte stets gelautet, auf keinen Fall in eine Regierung unter Netanyahu einzutreten. Der Grund: Dem Premier steht ein Gerichtsprozess wegen Bestechlichkeit, Betrug und Untreue bevor. Trotzdem ist jetzt eine Koalition in Planung, in der Netanyahu weitere 18 Monate Premierminister bleiben soll, bevor die Posten rotieren und Gantz an die Reihe kommt.

 

»Das Zusammenbrechen einer politischen Alternative zu Netanyahu«

 

Anscheinend ist es dem »Zauberer«, wie Netanyahu in Israel aufgrund seines beeindruckenden politischen Geschicks genannt wird, erneut gelungen, sich selbst unentbehrlich zu machen. »Wir erleben in Israel momentan das Zusammenbrechen einer politischen Alternative zu Benyamin Netanyahu«, konstatiert Johannes Becke im Gespräch mit zenith. »Wieder einmal ist es Netanyahu gelungen, alle politischen Alternativen zu ihm auseinanderzunehmen. Gantz ist letztlich eben kein Politiker, sondern ein Militär, der irgendwann angefangen hat, seinen Wahlkampfslogan ›Israel vor allem anderen‹ sehr ernst zu nehmen«, so der Juniorprofessor für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.

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Corona und Krise im Libanon
Corona und Krise im Libanon

Trotz Wirtschaftskrise, Revolution, Währungsverfall, Staatsbankrott und zuletzt dem Beginn einer lebensgefährlichen Seuche: Einen Mangel an Toilettenpapier hat es in Beirut zu keinem Zeitpunkt gegeben.

 

Auch bildeten sich Mitte März, als die Regierung die Schließung des einzigen internationalen Flughafens und eine »allgemeine Mobilisierung« gegen die Epidemie ankündigte, keine langen Schlangen vor den Geschäften. Die Bürger hamsterten nicht.

 

Mit der Ausrufung einer landesweiten Quarantäne, die mit dem deutschen Modell der Kontaktsperren vergleichbar ist, leerten sich allerdings die Straßen. Und mit dem charakteristischen Lärm verzog sich auch die grau-braune Smogwolke, die sonst über der Stadt steht. Unter der Frühlingssonne wirkt die zerrupfte Metropole nun geradezu friedlich und frisch.

 

Das Runterschalten des Betriebs hatte schon Ende Februar begonnen, als die Regierung von Ministerpräsident Hassan Diab die Schließung von Universitäten, Schulen und Kindergärten verfügt hatte. Gut zwei Wochen bevor sich die deutschen Bundesländer nach langer Diskussion endlich zu ähnlichen Schritten entschließen, hatten sich die Libanesen mehr oder minder geräuschlos dieser Entscheidung untergeordnet.

 

Vielleicht war die in Aussicht stehende Pandemie zumindest zu Beginn auch eine willkommene Ablenkung vom libanesischen Schicksal, von der tiefen Zerstrittenheit. »Corona ist eine internationale Krise, die einen Moment lang den Blick auf die politischen Differenzen versperrt hat«, sagt die Psychologin Zeina Zerbé. Doch wahrscheinlich werde gerade diese Seuche dazu führen, dass viele Menschen wieder in die Arme der religiösen Gruppen und Parteien flüchten. »Genau dagegen haben wir während der Revolution ja gekämpft.«

 

Corona und Krise im Libanon
Psychologin Zeina Zerbé sieht schon die Folgen der komplexen Krise, bald rechnet sie mit Belastungsstörungen bei ihren Landsleuten.Foto: Thore Schröder

 

Zeina Zerbé hatte während des Oktoberaufstands traumatisierte Aktivisten in einem Zelt auf dem Märtyrerplatz betreut, spricht normalerweise in ihrer Praxis in Furn al-Shebbak im Osten der Hauptstadt mit ihren Patienten und hält die Sitzungen jetzt in ihrer Wohnung in Adlieyeh über Skype ab.

 

»Viele Menschen saßen schon vor Corona zu Hause«, erinnert sie an die Arbeitslosenquote von fast 40 Prozent, noch bevor die Krankheit das Land erreicht hatte. Der libanesische Ökonom Dschamal Saghir, 25 Jahre im Dienst der Weltbank, sagt: »Der Libanon steht vor einer fundamentalen ökonomischen, finanziellen und sozialen Krise, mit der er umgehen muss, während eine weitere verheerende Krise verläuft.« Den Preis dafür müssten sicher die Ärmsten bezahlen, »besonders die Ärmsten der Armen.«

 

Hoffnung macht dem Experten, der während des Bürgerkriegs noch in seiner Heimat gelebt hatte, die Widerstandskraft seiner Landsleute: »Sie haben die Fähigkeit, viel zu ertragen, etwas aus ihrer Lage zu machen.« Die Libanesen seien das Durchhalten gewöhnt.

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Corona und der Krieg um Libyen
Corona und der Krieg um Libyen

Wie für mittlerweile zwei Drittel aller Menschen weltweit gelten nun auch in Libyen ganztägige Ausgangssperren. In seltener Einigkeit verkündeten die verfeindeten Regierungen im Osten und Westen des Landes fast identische Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Bereits seit letzter Woche haben also nur noch Lebensmittelläden geöffnet, Cafés und Restaurants bleiben bis auf Weiteres geschlossen.

 

Doch während sich über viele Städte seit Beginn der Quarantänemaßnahmen eine fast verstörende Stille gelegt hat, schallt durch die Straßen der südlichen Bezirke von Tripolis das Echo von Granaten-Explosionen und Schüssen. Der Krieg geht trotz Virus weiter – vielleicht geht er sogar gerade wegen der Pandemie in eine entscheidende Phase.

 

Die zahlreichen, seit Gaddafis Sturz aufflammenden Konflikte, haben die verbliebenen staatlichen Strukturen nicht völlig zerstören können. Zu dem Krieg um die libysche Hauptstadt, die anhaltende Blockade der Ölfelder des Landes und die vielen, unbezahlten Löhne kommt nun eine neue Herausforderung; ein mikroskopisch kleiner Feind, den viele Libyer aber als bislang größte Bedrohung sehen.

 

Die überall in Nordafrika verhängten rigiden Maßnahmen gegen die Virusausbreitung bieten den Kriegsparteien in Libyen einen strategischen Vorteil.

 

Bislang liegen erst zehn gemeldete Erkrankungen mit dem Coronavirus in dem Land mit seinen sechs Millionen Einwohnern vor. Doch das liegt auch daran, dass es kaum Möglichkeiten gibt, auf das Virus getestet zu werden. Das sei vielleicht besser so, witzeln einige Libyer, denn mit viel mehr Infizierten könne das Gesundheitssystem des Landes ohnehin nicht umgehen. 75 Millionen libysche Dinar, umgerechnet 47 Millionen Euro, hat die von der internationalen Gemeinschaft anerkannte Regierung in Tripolis dem Gemeinden in Ost- und Westlibyen bereitgestellt, darüber hinaus 500 Millionen Dinar (940 Millionen Euro) für präventive Corona-Maßnahmen. Die von General Khalifa Haftar geführte Parallel-Regierung in der Cyreneika kontrolliert die verhängte Ausgangsperre scharf und rüstet die Krankenhäuser auf.

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Ärzte ohne Grenzen und die Corona-Lage im Nahen Osten
Ärzte ohne Grenzen und die Corona-Lage im Nahen Osten

zenith: Viele der Länder im Nahen Osten, in denen Ärzte ohne Grenzen (MSF) arbeitet, sind bereits schwer gezeichnet von Krieg und Konflikt. Vor welche Herausforderung stellt das Ihre Organisation im Kampf gegen die Verbreitung des Coronavirus?

Caroline Seguin: Unser größtes Problem ist, dass die Flughäfen geschlossen sind und wir keine Verstärkung zu unseren Teams schicken können. Wir sitzen alle fest. Also müssen die, die bereits vor Ort sind, noch härter arbeiten – auch wenn es sich dabei in vielen Fällen nur um die Notbesatzung handelt. Die zweite große Herausforderung ist die Versorgung mit medizinisch notwendigem Material, allen voran Schutzmasken, Sauerstoff und so weiter. In den Ländern, in denen wir arbeiten, ist es unmöglich, diese Ausrüstung zu besorgen. Selbst in anderen Länder außerhalb der Region gelingt uns das kaum noch und dann stellt sich wiederum die Frage, wie wir das Material angesichts der geschlossenen Flughäfen einfliegen können.

 

In Ländern wie Jemen und Syrien kommt außerdem hinzu, dass jahrelange Konflikte wichtige Teile der Infrastruktur zerstört haben.

Natürlich, einige der Länder befinden sich im Krieg und in so einer Situation müssen wir mit unserer Arbeit besonders vorsichtig sein. Schon heute sehen wir, wie die Ausbreitung des Coronavirus die ohnehin angespannte Lage weiter verschärft.

 

Ausgangssperren, Einreiseverbote, steigende Fallzahlen: Wie koordinieren sich die Teams unter diesen Bedingungen?

Wir sind in gutem Kontakt zur Weltgesundheitsorganisation (WHO), um eine Antwort auf diese Krise zu finden. In einigen Ländern gelingt es uns aber nicht einmal, die Regierung oder die Verantwortlichen im nationalen Gesundheitsministerium zu erreichen – alle sind permanent beschäftigt und kaum erreichbar. Parallel versuchen wir Schutzkleidung zu besorgen, was nur bedingt möglich ist. Außerdem bieten wir Fortbildungen für medizinisches Personal an, um es auf den Umgang mit dem Virus vorzubereiten.

 

»Wegen der Ausgangssperre können unsere Mitarbeiter das medizinische Personal in den Krankenhäusern kaum noch erreichen«

 

Wie funktioniert das genau?

Wir bereiten Ärzte, Ärztinnen, Krankenpfleger und Krankenschwestern auf die spezifischen Herausforderungen vor, die Covid-19 mit sich bringt. Keine einfache Aufgabe, denn die Menschen haben große Angst vor dem Virus. Hinzu kommt, dass in vielen Ländern des Nahen Ostens mittlerweile Ausgangssperren gelten, weshalb unsere Mitarbeiter das medizinische Personal in den Krankenhäusern kaum noch erreichen können.

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