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Interview mit gambischen Tierarzt Dr. Kebba Daffeh

»Tierschutz ist auch Armutsbekämpfung«

Interview
Dr. Kebba Daffeh versteht sich als Anwalt der Tiere und Menschen
Dr. Kebba Daffeh versteht sich als Anwalt der Tiere und Menschen. Foto: Welttierschutzgesellschaft

Viehwirtschaft ist für das afrikanische Gambia zentral – und doch leiden viele der Tiere. Der Tierarzt Kebba Daffeh will die Bauern für das Thema sensibilisieren und setzt dazu auf den Propheten Mohammed.

zenith: In der Veterinärmedizin ist der Tierschutz von großer Bedeutung. Warum ist der artgerechte Umgang mit Tieren in Gambia aber über das Fachliche hinaus so wichtig?
Dr. Kebba Daffeh: Für 70 Prozent der Bevölkerung Gambias ist Landwirtschaft die Lebensgrundlage. Viehwirtschaft ist dabei zentral: Sie trägt beinahe ein Drittel zum landwirtschaftlichen Bruttoinlandsprodukt bei. Das bedeutet, Tierschutz ist auch immer Armutsbekämpfung. Ein Beispiel sind Pferde und Esel. Als Nutztiere sind sie absolut wichtig für die Landwirtschaft. Sind sie gesund, steigert das die Produktivität und am Ende müssen weniger Menschen hungern. Ich selbst begreife mich deshalb nicht nur als Anwalt der Tiere, sondern auch der Menschen.

 

Gesundheit steigert Produktivität – klingt einfach, ist es aber nicht. Warum?
Momentan sterben in Gambia jährlich beinahe 25 Prozent aller Schafe und Ziegen an Infektionen oder parasitären Krankheiten. Was Geflügel angeht, ist die Situation noch schlimmer: Die Sterberate der Tiere kann bis auf 70 Prozent pro Jahr steigen. Eigentlich kann man diese Krankheiten mit Impfungen leicht abwehren, es fehlt aber schlichtweg an Ressourcen. Am Ende ist Gambia auf Importe angewiesen, weil es sein Fleisch nicht selbst produzieren kann.

 

Tatsächlich hat Gambia 2014 beinahe zehn Tonnen Geflügel und vier Tonnen Eier importiert. Was muss passieren, damit der Import tierischer Produkte sinkt?
Gebt den Landwirten Zugang zu Impfstoffen und lehrt ihnen den richtigen Umgang mit Tieren. Es braucht keine großen Finanzmittel für die Aufzucht von Hühnern und die Nachfrage ist groß: Als vorwiegend muslimisches Land konsumiert Gambia Geflügel, sowie Schafe und Ziegen in großen Mengen. Es ist eines der Hauptziele von »Tierärzte Weltweit« die Tiere vor Krankheiten zu schützen. So kann kleinbäuerliche Produktion gewinnbringend werden. Auch andere afrikanische Länder wie Burkina Faso zeigen, dass das machbar ist.

 

Wie steht es um die Veterinärmedizin und Fachleute im Land?
Es gibt über zwei Millionen Tiere in Gambia, aber keine Fakultät für Tiermedizin und nur 15 Tierärzte im ganzen Land. Sie leben alle in der Hauptstadt Banjul, arbeiten für die Regierung oder behandeln ausschließlich Hunde und Katzen. In ländlichen Gebieten, also dort wo die Nutztiere tatsächlich leben, gibt es keinen einzigen Tierarzt.

 

In Deutschland gibt es ein ähnliches Problem: Auf dem Land herrscht Ärztemangel, weil besonders junge Ärzte lieber in den Städten bleiben. Gilt dasselbe für Tierärzte in Gambia?
Nein. In Gambia ist man gewillt zu gehen – auch die Jugend – aber es gibt einfach nicht genug ausgebildete Fachkräfte. Zwar arbeiten Tiergesundheitshelfer in den ländlichen Regionen, ihre Ausbildung ist aber nicht mit dem Studium eines Tierarztes zu vergleichen. Außerdem gibt es auch von ihnen zu wenige: Laut der Weltorganisation für Tiergesundheit braucht Gambia mindestens 128 solcher Helfer, im Moment gibt es nur 67.

 

»Wir nutzen islamische Überlieferungen, um sie von einem guten Umgang mit Tieren zu überzeugen.«

 

Wie reagiert die Regierung auf diesen Missstand?
Die Regierung Gambias fühlte sich in der Vergangenheit nicht verantwortlich für den Tierschutz. Wir sind abhängig von Geldgebern, die Impfungen und Weiterbildung sicherstellen. Mit dem Ende der 22 Jahre andauernden Diktatur im Dezember 2017 änderte sich aber einiges.

 

Wie wirken sich diese politischen Umbrüche auf den Tierschutz im Land aus?
Die Regierung ist in einer Übergangsphase. Das heißt, es gibt einen Prüfungsausschuss, der die Verfassung untersucht und das Volk nach ihren Ideen für eine neue Verfassung befragt. Im Namen der studentischen Vereinigung »Animal Welfare Advocates« habe ich dem Prüfungsausschuss ein Programm zum Tierschutz vorgelegt. Denn wir sind sicher: Sollte der Tierschutz in die neue Verfassung aufgenommen werden, ist die Regierung für das Wohlergehen der Tiere verantwortlich.

 

Geht es um Tierschutz in Europa, wird über Themen wie Massentierhaltung und Fleischkonsum diskutiert. Welchen alltäglichen Problemen begegnen Sie stattdessen?
Wir kämpfen vor allem gegen fehlendes Bewusstsein für den Schutz der Tiere. Landwirte nutzen beispielsweise schlechtes Zaumzeug für ihre Pferde und Esel, das den gesamten Mundraum der Tiere aufschneidet und verletzt. Der Eselkarren ist ein weiteres Beispiel. Selbst ohne Ladung ist er viel zu schwer für die Tiere, sie leiden unter dem immensen Druck. Die Landwirte lieben ihre Tiere, sind sich der Misshandlung aber nicht bewusst. Daher müssen wir weiter für diese Themen sensibilisieren.

 

Wie reagieren die Landwirte auf Ihre Überzeugungsarbeit?
Die meisten von ihnen sind konservativ und oftmals Analphabeten. Veränderungen heißen sie nicht gerne willkommen. Daher haben wir gemeinsam mit einer schwedischen NGO inzwischen 200 Menschen in einer Kommunikation-Strategie zur sozialen Verhaltensänderung trainiert. Wir wollen den Grund ihres Verhaltens verstehen und den Landwirten dann konkrete Neuerungen vorschlagen.

 

Und das sieht wie genau aus?
Wir nutzen beispielsweise islamische Überlieferungen, um sie von einem guten Umgang mit ihren Tieren zu überzeugen. Mit den Aussprüchen des Propheten sind die Landwirte vertraut, daher kann sich der Ansatz lohnen.

 


Dr. Kebba Daffeh ist Koordinator von »Tierärzte Weltweit« in Gambia, einem gemeinsamen Bildungsprogramm von der Welttierschutzgesellschaft und der Welttierschutzstiftung.

Von: 
Kebba Daffeh

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