Lesezeit: 12 Minuten
Journalismus in Afghanistan zwischen Taliban und korrupten Politikern

»Unsere Arbeit nützt auch den Taliban«

Interview
Journalismus in Afghanistan zwischen Taliban und korrupten Politikern
Foto: Florian Guckelsberger

Der afghanischen TV-Sender TOLOnews ist eine Erfolgsgeschichte. Direktor Lotfullah Najafizada steht auf der Todesliste der Taliban und will trotzdem mit ihnen ins Gespräch kommen – und mit seinem Sender mehr bieten als Schreckensmeldungen.

zenith: Der Nachrichtensender TOLO News feiert gerade sein 15-jähriges Bestehen. Ist Ihnen und Ihren Kollegen angesichts der Lage in Afghanistan denn nach Feiern zumute?

Lotfullah Najafizada: In den vergangenen Jahrzehnten haben wir Monarchie, Kommunismus, Bürgerkrieg und dann die Taliban erlebt. Erst seit 2001 garantiert die Verfassung Pressefreiheit – und die afghanische Medienlandschaft blüht seitdem auf. So betrachtet, haben wir allen Grund zum Feiern.

 

Was zeichnet Afghanistans Medienlandschaft denn aus?

Mittlerweile gibt es über 70 Fernsehsender, dazu hunderte Radiostationen und Zeitungen. Der Medienbetrieb beschäftigt landesweit über 10.000 Menschen. Ein Grund zur Freude und deshalb geht es mir nicht darum, mit TOLO News ein einzelnes Medium hervorzuheben. Was zählt, ist die neue Vielfalt.

 

Nicht jeder ist glücklich, sich kritischen Fragen stellen zu müssen.

Deshalb müssen wir die Bedeutung dieser Medienvielfalt würdigen! Es geht um die Zukunft unseres Landes, nicht um Arbeitsplätze. Wir müssen die Errungenschaften der gesellschaftlichen Revolution seit 2001 verteidigen. Heute schneidet Afghanistan mit Blick auf die Pressefreiheit besser ab, als die meisten Länder der Region. Darauf sind wir stolz. Und die Taliban müssen verstehen, dass diese Errungenschaft kein Import aus dem Westen ist. Das haben wir Afghanen uns selbst aufgebaut.

 

»Heute überlegen wir es uns zweimal, ob ein Vor-Ort-Bericht das Risiko tatsächlich wert ist.«

 

Wie lassen sich die Taliban in diese neue Gesellschaft einbinden?

Sie sind doch schon eingebunden. Ihre Vertreter sind zu Gast in unseren Fernsehsendungen, wir sind im permanenten Austausch. Die Taliban sind ein Teil Afghanistans, auch wenn wir andere Ansichten darüber haben, wie und in welche Zukunft dieses Land geführt werden soll.

 

Einerseits führen sie einen Dialog, andererseits töten Taliban gezielt Journalisten.

Ja, das stimmt. Sie töten uns. 2016 haben wir von TOLO bei einem Anschlag der Taliban sieben Kollegen verloren. Doch es sind nicht nur Kollegen, die sterben. Durch Selbstmordattacken, Autobomben und Artilleriebeschuss haben wir alle auch Freunde und Familienmitglieder verloren. Aber auch die Taliban haben Angehörige verloren.

Um weiter zu lesen, kaufen Sie den Artikel oder werden Sie zenith Clubmitglied

zenith-Club-Mitglied werden

Werden Sie zenith-Club-Mitglied und Sie erhalten nicht nur das Printmagazin von zenith sondern freien Zugang zu allen kostenpflichtigen Artikeln. Mit der zenith-Club-Mitgliedschaft fördern Sie zudem die gemeinnützigen Tätigkeiten der Candid-Foundation.
1,99 €
»Unsere Arbeit nützt auch den Taliban«
79,00 €
zenith-Clubmitglied werden
Von: 
Florian Guckelsberger

Banner ausblenden

20 Jahre zenith: Woher wir kommen. Wohin wir fliegen

Die neue zenith ist da!

In der Jubiläumsausgabe zu 20 Jahren zenith schildern aktive und ehemalige Mitarbeiter, wie sich die arabisch-muslimische Welt in dieser Zeit verändert hat. Aber auch unser Blick auf sie und unsere Art, darüber zu berichten.