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Iranische Mode, Nachhaltigkeit und kulturelle Identität

»Es gibt kein Copyright in der Mode«

Interview
von Leo Wigger
Die Kollektion ist von der Fotografie der Kadscharenzeit beeinflusst
Safran spielt eine wichtige Rolle in der Kollektion "Castle of Shirin" der Designerin Sepideh Ahadi. Zu sehen sind die Galleristin Anahita Sadighi und die Schauspielerin Susanna Abuldmajid. ©Sepideh Ahadi

Jahrhunderte lang wurde mit Safran gefärbt. Warum heute nicht mehr? Die Kollektion »Castle of Shirin« der iranischen Designerin Sepideh Ahadi antwortet mit traditioneller Technik auf die Wegwerf-Mentalität der Modeindustrie.

zenith: Frau Ahadi, warum zieht man als iranische Designerin vom Modemekka Italien ausgerechnet nach Berlin?

Sepideh Ahadi: Das ist gar nicht so kompliziert. Seit ich zehn Jahre alt war, wollte ich unbedingt Modedesignerin werden. Deswegen bin ich aus meiner Heimat Iran nach Italien gezogen - die Modeszene in Iran kam mir ziemlich begrenzt vor. In Italien habe ich dann studiert und immer mehr über Mode erfahren. Und dort bin ich auch zum ersten Mal mit dem Thema Nachhaltigkeit in Berührung gekommen. In Berlin gibt es für den Bereich eine richtig große Szene und Messen wie die NEONYT. Ich bin immer häufiger nach Berlin gekommen und schließlich mit meinem Mann hierhergezogen. Die Stadt ist die beste Adresse für nachhaltige Mode.

 

Was bedeutet denn für Sie »nachhaltige Mode«?

Bei nachhaltiger Mode geht es um Themen wie traditionelle Herstellungsformen und Produktionsweisen, Recycling und Abfallvermeidung. Die Modewelt ist in den letzten Jahren immer schnelllebiger und inhaltsleerer geworden. Das fühlt sich für mich nicht gut an. Es zählt nur noch der aktuelle Trend, Nachhaltigkeit spielt überhaupt keine Rolle. Deswegen inspirieren mich Designer wie Erika Cavallini, Yōji Yamamoto oder Hussein Chalayan (Anm. der Redaktion: Designer, die Nachhaltigkeit mit traditionellen Herstellungsmustern verknüpfen). In meiner neuen Kollektion greife ich zum Beispiel viel auf alte Techniken aus Iran zurück.

 

Inwiefern?

Zum Beispiel, indem ich Safran benutze. Safran ist ein iranisches Gewürz, das sehr vielseitig ist. Es wird zum Kochen benutzt, als Farbstoff, aber es hat auch eine soziale Bedeutung: Immer, wenn Gäste kommen, kocht man in Familien Reis mit Safran. Deswegen steht Safran für mich für Wärme und zwischenmenschliche Verbindungen. Ich habe für diese Kollektion mit zwei engen Freunden zusammengearbeitet, der Galeristin Anahita Sadighi und der Schauspielerin Susana Abdulmajid. So will ich dieses Gefühl von Vertrautheit und Zwischenmenschlichkeit widerspiegeln, das Safran in mir auslöst. Außerdem nutze ich Stoffreste und »Zero Waste Patterns« (Anm. der Redaktion: Schnitte, bei denen keine Stoffreste entstehen), um möglichst nachhaltig zu arbeiten. Ich hasse Abfall!

 

»Ich möchte das Schönheitsideal des Ostens zeigen.«

 

Die Fotos der Kollektion »Castle of Shirin« greifen Motive aus der Hoffotografie der späten Kadscharenzeit (1789-1925) auf und erinnern an die Bilder des Fotografen Antoin Sevruguin. Was macht die Fotografie von damals aus?

Das Schönheitsideal war ein völlig anderes. Frauen durften massig und haarig sein, buschige Augenbrauen haben und Tütüs tragen. Gleichzeitig lebten Frauen unter sich, Männer spielten nur eine nebensächliche Rolle. So entstanden enge Bindungen zwischen den Frauen. Und das ist auch heute noch so: Die Lebenswelten der Geschlechter sind getrennt, deswegen sind viele Frauenfreundschaften extrem stark. Das wollte ich aufgreifen und nicht nur mit europäischen Models arbeiten, sondern auch Schönheitsstandard abseits westlicher Normen präsentieren. Frauen, die nicht so groß, nicht so hell und nicht so mager sind. Ich möchte so etwas wie das Schönheitsideal des Ostens zeigen.

 


Die Kollektion ist von der Hoffotografie der Kadscharenzeit beeinflusst.
Die Kollektion ist stark von der Fotografie der Kadscharenzeit beeinflusst.Foto: ©Kimia Foundation

Ist dieser Gegensatz zwischen westlichem und östlichem Schönheitsstandard nicht etwas einfach? Die Ikonen der Pahlavi-Zeit (1925-1979), Prinzessin Soraya oder Farah Diba, entsprachen doch auch dem westlichen Schönheitsideal der Zeit.

Gut, Soraya war auch halb-deutsch, die zählt nicht (lacht). Aber darum geht es nicht. Unter den Schahs der Pahlavis des 20. Jahrhunderts europäisierte sich Iran immer mehr, das spiegelte sich auch im Schönheitsideal wider. Farah Diba hätte wie eine Kadscharin aussehen können, aber sie trug stattdessen Make-Up im westlichen Stil. Und diese Linie zieht sich bis heute durch: Viele iranische Frauen wollen europäisch aussehen, tragen blaue Kontaktlinsen und färben sich ihre Haare blond, in kaum einem anderen Land gibt es so viele Nasen-OPs. Ich will stattdessen unsere wahre Schönheit zeigen.

 

Welche Rolle spielt diese Hybridität in Ihrem Design?

Wenn man im Ausland lebt, baut man eine kulturelle Verbindung zur dortigen Gesellschaft auf. Ich knüpfe an die deutsche Kultur an und das verändert, wer ich bin. Im Design will ich genau das zeigen, wenn ich klassische und neue Formen zu etwas ganz Anderem verbinde. Mir war es wichtig, dass auch meine Models eine ähnlich hybride Lebenserfahrung hatten.

 

Viele dieser Themenkomplexe scheinen ziemlich angesagt. Die niederländisch-iranische Sängerin Sevdaliza füllt mit avantgardistischen Songs über die Komplexität von Weiblichkeit und hybride Identitäten weltweit die Hallen. Auch Einflüsse aus der Kadscharen-Zeit klingen in ihrem Werk durch. Das wichtige Zürcher Kunstmuseum Rietberg zeigt aktuell eine große Ausstellung zur Eleganz iranischer Textilien zur Zeitenwende des 19. zum 20. Jahrhunderts. Selbst auf der Berliner Fashion Week sorgte zuletzt die junge Modedesignerin Atafeh Farzandi mit einem eklektischen Mix aus traditionellen Mustern und modernen Materialien für Furore. Woher kommt dieses Interesse?

Ich glaube, alles Iranische ist gerade einfach heiß. Iran ist jeden Tag in den Nachrichten, das Land entwickelt sich. Und trotzdem ist es immer noch nicht durchglobalisiert. Gerade für die internationale Modeindustrie sind iranische Muster deswegen neu und aufregend.

 

Dabei sind iranische und westliche Mode doch eigentlich seit Jahrhunderten eng miteinander verflochten, man denke nur an Kaftane, Khakhi-Hosen oder Paisleymuster. Das Wort Pijama (Pay-jameh) kommt ursprünglich aus dem Dari, einem persischen Dialekt. Wie macht sich dieser Kulturaustausch in Ihrer Arbeit bemerkbar?

Mir fällt da zunächst der Mantel ein (Anmerkung der Redaktion: persisch Manto). Als Iranerin muss man ihn immer tragen, wenn man aus dem Haus geht – er ist so etwas wie die Basis iranischer Mode. Diese Erfahrung prägt mich als Designerin. Wenn man aus Iran kommt, weiß man einfach, wie man praktische und trotzdem schöne Mäntel entwirft (lacht). Mit praktisch meine ich übrigens nicht diese deutsche »Jack Wolfskin«-Art (Anm. der Redaktion: eine deutsche Outdoor-Marke) von praktisch. Ich versuche, Eleganz und Tragbarkeit zu verbinden. Nichts gegen den deutschen Weg, aber mir fehlt da die ästhetische Komponente.

 

In der Vergangenheit haben sich viele westliche Designer iranischer Muster auf eine Art bedient, die den Vorwurf der kulturellen Aneignung laut werden ließ. Die Pariser Edelmarke Hermès präsentierte zum Beispiel im Jahr 2013 eine Tabriz-Kollektion – benannt nach der gleichnamigen Stadt im Norden von Iran. Geht es Ihnen auch darum, das Copyright für iranische Textiltraditionen wieder zurückzugewinnen?

Nein, es gibt kein Copyright in der Mode. Ich könnte mich doch auch von afrikanischer Kunst beeinflussen lassen. Einfach weil mir die Muster gefallen. Wenn europäischen Designern iranische Muster gefallen, dann ist das eine gegenseitige Chance. Mir geht es um Selbstermächtigung und Nachhaltigkeit. Ich will das volle Potential sichtbar machen. Immer und überall. Von mir, von meinen Mitmenschen, aber auch von den Materialien, die ich nutze - das treibt mich an.

Von: 
Leo Wigger

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