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Interview mit Michael Köhler über die europäisch-arabische Nachbarschaft

»Der Arabische Frühling ist noch nicht zu Ende«

Interview
Interview mit Michael Köhler über die europäisch-arabische Nachbarschaft
Friends of Europe / Flickr

Michael Köhler, Generaldirektor für europäischen Zivilschutz und humanitäre Hilfe, ist einer der wichtigsten EU-Beamten. Ein Gespräch über die europäisch-arabische Nachbarschaft und darüber, warum Kompromiss kein Schimpfwort ist.

zenith: Herr Köhler, als EU-Generaldirektor für humanitäre Hilfe haben Sie viel mit der arabisch-islamischen Welt zu tun. Zuvor waren Sie viele Jahre lang Direktor für europäische Nachbarschaftspolitik. Im dauerhaften Krisenmodus. Zudem sind Sie promovierter Historiker und Islamwissenschaftler. Haben Sie ihre Hinwendung zu dieser Weltregion niemals bereut?

Michael Köhler: Nein, im Gegenteil. Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Denn es hat mich nicht nur bei der Berufswahl geleitet, sondern es ist eine Art Grundkomponente meines Denkens geworden. Es ist mir eine persönliche Passion geworden, mich mit der islamischen Welt zu beschäftigen. Mich interessierte immer – und weiterhin – vor allem die Frage: Warum haben sich die Gesellschaftsordnungen im Norden und im Süden des Mittelmeers unterschiedlich entwickelt? Dies hat sich dann glücklicherweise auch als ein positives Momentum für meinen Berufsweg erwiesen.

 

Und warum haben sich die beiden »Welten« unterschiedlich entwickelt?

Formal nehmen sich rechtliche und institutionelle Strukturen in den Staaten rund um das Mittelmeer heute zunächst einmal recht wenig – überall gibt es Präsidenten oder konstitutionelle Monarchen, Parlamente, Parteien, Gerichte. In vielen arabisch-islamischen Ländern sehen die wahren Machtstrukturen unter der Oberfläche aber ganz anders aus als in Europa. Die Rolle der Zivilgesellschaft ist eine andere als bei uns. Vor allem finde ich das Zuordnungsverhältnis von Staat und Gesellschaft faszinierend. Besonders auffällig ist, dass es eigentlich kein Land in der Region gibt, in dem die Entstehung eines Privatsektors über die Jahrzehnte dazu geführt hätte, dass es so etwas wie politischen Liberalismus gäbe, also eine Emanzipation von staatlicher Obrigkeit. In den islamisch-arabischen Staaten ist das Wirtschaftsmodell immer noch von den Strukturen geprägt, die sich in der Periode der Tanzimat entwickelten.

 

Also der Reformen und Modernisierungsprozesse der Sultane des Osmanischen Reichs im 19. Jahrhundert.

Modernisierung geht immer vom Staat aus und ist darauf ausgelegt, dass der Staat gestärkt wird oder zumindest seine Vormachtstellung gegenüber den gesellschaftlichen Gruppen behaupten muss, das heißt die Ressourcen kontrollieren, den direkten Zugriff auf die Bevölkerung haben, militärisch schlagkräftiger werden muss. Das führt dazu, dass es zwar Parlamente in der arabischen Welt gibt, aber keinen Parlamentarismus, keine starken Parteien, keine politischen Bewegungen, die sich organisieren und auf Dauer von der Obrigkeit emanzipieren – in keinem der verschiedenen politischen Systeme in der arabisch-islamischen Welt, egal, wie sie im Detail strukturiert sind.

 

»Die Masse soll die Machthaber unterstützen, die Klientel wird alimentiert«

 

Worauf Sie hier anspielen, sind die klientelistischen Systeme, die so tief verankert sind, dass sich die Menschen kaum ein anderes vorstellen können.

Richtig. In der arabischen Welt dominiert eine Herrschaftsordnung, die im Wesentlichen darauf beruht, dass es zwischen denen an der Spitze und der Bevölkerung – das heißt denen, die unten sind – eine Art Gesellschaftsvertrag gibt. Dieser Gesellschaftsvertrag bewirkt, dass die Masse der Bevölkerung die Machthaber an der Spitze unterstützt, solange die Leute an der Spitze die Klientelsysteme alimentieren.

 

Sie müssen dafür sorgen, dass irgendwann in der Klientelkette auch etwas nach unten durchtröpfelt – also Ressourcen von der Daseinsvorsorge bis zur Erwerbsmöglichkeit, Sicherheit, Entfaltungsmöglichkeiten. In diesem System können Menschen im Kleinen vielleicht Dinge mitbeeinflussen, wenn sie Zugang zu den richtigen Leuten haben, aber es kommt nicht zu einer systemischen Verbesserung in Richtung von mehr Partizipation, sozialer Gerechtigkeit, Rechenschaftslegung, Kontrolle und Verantwortlichkeit. In einem Klientelsystem kann man versuchen, seine persönliche Situation zu stabilisieren, dafür etwa sorgen, dass die eigenen Kinder einen Arbeitsplatz finden, aber das macht die Sache insgesamt nicht wirklich besser.

 

Was folgt daraus?

Die Frage ist, ob, wie lange und wie effektiv solche insgesamt überaus resilienten Systeme, die über Jahrhunderte entwickelt worden sind, auch heutzutage tatsächlich noch funktionieren können. Können diese Herrschaftsmechanismen auch in Zeiten durchtragen, wo die Bevölkerungszahl explodiert, angesichts des Einflusses moderner Medien, wo der Druck auf die knappe Ressourcenbasis beständig steigt? Das sind interessante Fragen. Ich bin zwar auch Orientalist, aber was mich eigentlich interessiert sind nicht nur die Entwicklungen in der MENA-Region, sondern immer auch der System- und der Kulturvergleich. Das macht es intellektuell spannend.

 

Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf die arabische Welt?

Unmittelbar sind vor allem die Staaten betroffen, die nicht oder nicht wesentlich von den steigenden Energiepreisen profitieren. Die arabischen Länder sind fast alle abhängig von Lebensmittelimporten. In erster Linie sind Libanon und Ägypten betroffen, die einen Großteil ihres Getreides aus der Ukraine und Russland beziehen. Die müssen sich nach neuen Lieferquellen umsehen und höhere Preise zahlen – in harter Währung. Aber auch viele andere Staaten der Region werden durch höhere Lebensmittel- und Energiepreise, aber auch die stark gestiegenen Düngemittelpreise unter wirtschaftlichen und möglicherweise sozialen Druck geraten. In manchen Ländern wie Jemen, Sudan oder Tunesien würden dadurch schon heute existierende Schieflagen gefährlich verschärft werden.

 

Indirekt aber reichen die Konsequenzen dieses Krieges noch wesentlich weiter: Abhängig davon, wie es letztlich ausgeht, könnte die gesamte regelbasierte Nachkriegsordnung von 1945 und 1991 zur Disposition stehen – mit einer nachhaltigen Schwächung multilateraler Organisationen von der UNO bis zur OSZE und einer Infragestellung zentraler völkerrechtlicher Normen wie der 4. Genfer Konvention. Wenn sich international wieder das Recht des Stärkeren durchsetzt und das Völkerrecht durch revanchistische Großmachtträumereien relativiert würde, kann dies für die internationale Ordnung und das Krisenmanagement nichts Gutes bedeuten. Die arabische Welt droht, dann noch weiter destabilisiert zu werden.

 

In Ihrer Position als Direktor für die südliche Nachbarschaft waren Sie quasi Schattendiplomat. Ist das nicht frustrierend, wenn man weiß, wie schlimm die Lage der Menschen oftmals ist, und dann mit Potentaten oder deren Ministern reden muss und nicht offen seine Meinung sagen darf?

Warum glauben Sie, dass wir nicht offen über Missstände reden können? Man kann natürlich in einer offiziellen Funktion nicht alles, was man weiß oder denkt, in einen formellen Text schreiben, weil das einfach mehr Schaden hervorrufen, als Nutzen generieren würde. In der geeigneten Form kann man dennoch Vieles ansprechen und vor allem an Verbesserungen arbeiten. Mir war immer klar: Du musst irgendwann in deinem Leben eine Grundsatzentscheidung treffen: Willst du im stillen Kämmerlein die Dinge analysieren, Recht haben und alles verstehen, aber leider wenig Einfluss auf den Gang der Dinge haben oder willst du tatsächlich gestalten und verbessern können?

 

Das geht ein bisschen in die Richtung der alten Aussage von Karl Marx: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.« Wenn man sie verändern, verbessern will, geht das fast immer nur im Weg des Kompromisses. Für mich ist Kompromiss überhaupt kein Schimpfwort. Ich weiß, in einigen Kulturen sind Kompromisse negativ belastet. Für mich gilt das nicht, für mich ist der Kompromiss die Kunst des Möglichen. Die Diplomatie ist ja nichts anderes der Versuch, gemeinsame Lösungen zu generieren, indem man Konflikte nach Möglichkeit vermeidet. Und meine Auffassung ist, dass 30 oder 50 Prozent Verbesserung im Rahmen eines Kompromisses meistens doch besser sind, als alles so zu lassen, wie es ist. Dann glaube ich, ist es die Mühe wert.

 

»Arbeitet man mit dem Teufel, wenn der lächelt?«

 

Wie bewerten sie denn die Lage der arabisch-islamischen Welt heute?

Sie ist kritisch. Die Bevölkerung, die nach wie vor extrem jung ist und immer zahlreicher wird, wird schlicht und einfach weder in ihren persönlichen Entfaltungs-, noch in ihren materiellen Interessen befriedigt. Dies führte schon zum Arabischen Frühling 2011. Man kann jetzt darüber diskutieren, dieser liege bereits in der Vergangenheit oder sei eben noch nicht zu Ende. In jedem Fall sind die gesellschaftlichen Umwälzungen nicht abgeschlossen, die zu ihm geführt haben. Es existieren weiterhin Länder, die zumindest in Bezug auf ihre sozioökonomischen Grundlagen versuchen, sich zu wandeln, sich anzupassen, und in bestimmter Hinsicht einen Modernisierungsschub durchzuziehen. Zum Beispiel Marokko. Allerdings, ohne einen grundlegenden Systemwandel zu durchlaufen. Es gibt andere Länder, die dies nicht tun und die immer noch im klassischen Sinn Rentierstaaten sind.

 

Was macht Ihnen die größten Sorgen?

Der Mangel eines nachhaltigen, zukunftsfähigen Wirtschaftsmodells. Einer weiter wachsenden Bevölkerungszahl steht nach wie vor ein Wirtschaftsmodell gegenüber, das in großen Teilen auf Rentenbasis fußt – und das kann auf Dauer nicht funktionieren. Die öffentliche Ordnung in einigen Ländern läuft Gefahr zu implodieren, sodass es zu einem Staatsverlust kommen kann – zu einer Situation, in der die Menschen dort nicht mehr leben können und massenweise emigrieren müssen. Dies ist Folge davon, dass der Gesellschaftsvertrag nicht mehr funktioniert. Die klassischen Mechanismen, um Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung zu artikulieren, greifen nicht mehr. Neue Mechanismen, die eingeführt wurden, wie Parteien und Parlamentarismus, scheinen keine wirkliche Glaubwürdigkeit unter der Bevölkerung zu gewinnen – in keinem der Länder. Das wird klar, wenn man sich die Wahlbeteiligung und das Vertrauen in gewählte Politiker anschaut. Selbst in Tunesien in den ersten Jahren nach der Revolution von 2011 war es nicht so, dass Parlamentarier oder auch nur Stadträte irgendwie von der Bevölkerung als die ihren angesehen wurden, als die wirklichen Repräsentanten und Interessenvertreter des Volkes.

 

Ich fürchte, es gibt derzeit kaum ein Land in der Region, in dem die Bevölkerung von einer Demokratisierung erwarten würde, dass ihre Interessen besser gewahrt würden als unter der bisherigen Ordnung. Weder die politischen noch die wirtschaftlichen Interessen. Man hat das Gefühl, dass alle Modelle bereits ausprobiert worden seien: vom arabischen Sozialismus über marktwirtschaftliche Modelle, der Demokratisierung im Arabischen Frühling bis hin zu islamistischen Modellen. Keines führte allerdings zu einer überzeugenden Performance im sozioökonomischen Bereich oder auch zu mehr Gerechtigkeit und weniger Korruption. Dies führt zu einer Lage, in der sich weite Teile der Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben verabschieden, zumindest so lange, wie sie irgendwie durchkommen. Ein weiteres, großes Problem besteht darin, dass kein einziges Land der Region ein hinreichendes Niveau an Rechtsstaatlichkeit besitzt.

 

Gerade in Ägypten oder Tunesien gibt es weiterhin eine wachsende Mittelschicht. Diese braucht der Staat, um wirtschaftliches Wachstum zu schaffen, aber auch zum Regieren. Doch diese Mittelschicht kann sich doch nicht auf immer und ewig mit den herrschenden Zuständen zufriedengeben. Wie lange kann das denn weitergehen?

Ja, das sehe ich grundsätzlich auch so. Deswegen vertrete ich auch immer die Auffassung, der Arabische Frühling sei noch gar nicht zu Ende. Die Frage ist nur, kommt es dann irgendwann zu einem zukunftsfähigeren, neuen Modell oder sehen wir Systemzerfall und innergesellschaftlichen Konflikt, ohne dass sich eine geeignetere soziale und politische Ordnung durchsetzt? Im Libanon oder in Syrien dominiert zum Beispiel der Konflikt. In allen Ländern gibt es Machtapparate, die sehr genau auf ein Staatsoberhaupt, den Chef des Generalstabs oder die Machtinteressen eines Oligopols zugeschnitten sind. Wenn man an zentraler Stelle kraftvolle Persönlichkeiten findet, kann das schon eine gewisse Zeit lang funktionieren, sofern materielle Grundlagen, sofern Geld da ist, um den Apparat und die Klientelstrukturen zu alimentieren. Wenn irgendwann die materielle Grundlage nicht mehr gegeben ist – das ist zum Beispiel im Libanon im Moment der Fall – oder wenn die kraftvolle Persönlichkeit an der Spitze nicht mehr vorhanden ist, implodiert das System.

 

»So viel an Unterstützung von europäischen oder internationalen Werten zu mobilisieren, wie überhaupt möglich ist«

 

Heißt das, es ist gar nicht so schlecht, diese kraftvollen Führungskräfte, sprich Diktatoren, zu haben?

Die internationalen Akteure haben immer ein grundsätzliches Problem, übrigens ganz gleich, ob es sich um die EU handelt, die Bundesrepublik, Frankreich oder welches Land auch immer. Auf der einen Seite möchte man in einen strukturierten Wandel investieren, der den Menschen mehr Möglichkeiten gibt. Von Rechtsstaatlichkeit über Demokratie bis hin zu ihrem materiellen Wohlstand. Auf der anderen Seite will man natürlich Stabilität in der Region sichern, weil Instabilität schlicht und einfach auch den eigenen Werten und Interessen schadet. Das haben wir in den letzten zehn Jahren immer wieder gesehen. Was aber bedeutet dies für Kooperation? Sagt man, wir gehen weg aus der Region, wenn Regierungssysteme und Werte nicht den unseren entsprechen, oder engagieren wir uns dann erst recht? Arbeitet man auch mit dem Teufel zusammen, Hauptsache der Teufel ist nett und lächelt dich an?

 

Was kann Europa denn dann überhaupt machen?

Ich denke, wir sollten weiter für unsere politischen Werte eintreten und sie zu verbreiten versuchen. Dazu gehört Förderung von Demokratie, Zivilgesellschaft, der freien Presse, der Rechtsstaatlichkeit, der Rechte von Frauen und Minderheiten. Man sollte immer versuchen, so viel an Unterstützung von europäischen oder internationalen Werten zu mobilisieren, wie überhaupt möglich ist.

 

Und wenn das nicht funktioniert?

Wo dies nicht oder nur in geringem Maße möglich ist, da sollte das nicht heißen, dass man die Kooperation automatisch beendet. Wenn wir die Länder im Mittelmeerraum betrachten, so haben wir nur mit Syrien die Kooperation eingestellt. Und zwar deswegen, weil wir schlicht und einfach mit der Regierung in Damaskus nicht kooperieren wollen, solange es keine glaubwürdige politische Transition gibt. Das heißt allerdings nicht, dass wir in Syrien nicht arbeiten würden. Finanziell geben wir heutzutage in Syrien etwa vier bis fünf Mal mehr Geld aus als noch im Jahr 2010. Nur dass dieses Geld über NGOs oder als humanitäre Hilfe, für die Versorgung von Flüchtlingen, für Berufsausbildung, Ernährung, Wasser und für das Gesundheitssystem aufgewendet wird, und zwar in ganz Syrien, gleich wer dort genau die politische Kontrolle hat. Alles Dinge, die den Menschen an der Basis direkt zugutekommen. Auch in Ägypten finanzieren wir eine ganze Reihe von Projekten, die im gemeinsamen Interesse der ägyptischen Regierung und der europäischen Institutionen liegen, etwa Vorhaben im Bereich der Energieversorgung wie Windfarmen und Solarparks, der Wasserversorgung, der Abwassersysteme und Brauchwassernutzung, Umweltprojekte oder Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich.

 

»Es gibt viel Geld auf dem Markt. Und die Golfstaaten stellen weniger Reformbedingungen aus die EU«

 

Sollte man Hilfe gegenüber autoritären Regimen an härtere Bedingungen knüpfen?

Ja, das ist natürlich ein wichtiger Aspekt. Allerdings es ist nun einmal so, dass kein einziges Land in der Region von Europa oder auch von Amerika in einem solchen Maße abhängen würde, dass negative Konditionalität als Druckmittel für Reformen große Wirkung entfalten würde. Es gab vor einigen Jahre eine interessante Szene im tunesischen Parlament, einem frei gewählten Parlament. Damals war der Staat Katar dabei, im Maghreb in großem Maße zu investieren. Katar wurde binnen kurzer Zeit in Ländern wie Marokko oder Tunesien zum größten Entwicklungsfinancier, größer als die EU, als Deutschland, Frankreich und andere Geber. Die Reaktion im Parlament darauf war, dass der damalige tunesische Planungsminister sagte: Wunderbar, jetzt brauchen wir uns nicht mehr um die Konditionalität der Europäer zu kümmern. Jetzt bekommen wir das Geld vom Golf, und die stellen nicht so starke Bedingungen in Bezug auf Reformmaßnahmen.

 

Aber wir sind ja als EU gesamt natürlich viel reicher als Katar.

Ja, und dennoch, es geht ja meistens erstmal darum, ob ein Finanzminister XY in einem Land der Region sein Zahlungsbilanzdefizit abdecken oder die Liquidität des Haushalts gewährleisten kann. Dazu versucht er, Gelder entweder aus der arabischen Welt, aus China, aus Europa oder vom internationalen Währungsfonds oder aus anderen Quellen zu mobilisieren. Dabei stellt er fest, dass wenn er zum IWF geht, sehr harte makroökonomische Konditionalitäten auf den Weg gebracht werden, vermutlich aber weniger gesellschafts- oder demokratiepolitische.

 

Und wenn er mit den Europäern spricht?

Dann kommen die auch schon einmal mit bestimmten demokratiepolitischen, aber auch mit vielen fachpolitischen Konditionalitäten. Zum Beispiel werden Gelder nicht einfach so zur Verfügung gestellt, sondern gebunden an einen bestimmten gesetzgeberischen oder administrativen Reformprozess, etwa im Gesundheitssektor. Diese Haushaltsbeihilfen werden in Tranchen ausgezahlt, also in Raten, je nachdem, wie weit die vereinbarte Reformagenda umgesetzt wird. Da kann es passieren, dass ein Land sagt: »Ja wunderbar, wir wollen diese Reform, wir machen das, toll.« Es kann zweitens aber auch sein, dass ein Land anders reagiert und »nein« sagt. Vor allem bei Reformthemen aus den Bereichen der Menschenrechte oder der Rechtsstaatlichkeit sagen viele: »Wir nehmen das Geld lieber von jemand anderem, der keine entsprechenden Konditionalitäten geltend macht.« Und es gibt inzwischen Geld auf dem Markt von einer ganzen Reihe denkbarer Partner.

 

Im Endeffekt ist es daher meistens so, dass negative Konditionalität in der Praxis kaum wirkt. Anders als positive Konditionalität, also der Prozess, bei dem international Partner einen schon gegebenen Reformwillen im Land dadurch unterstützen, anreizen und verstärken, indem sie die für den Reformprozess benötigten Gelder zur Verfügungen stellen und fachliche Expertise anbieten.

 

»Für einen Abbruch der Kooperation müssen ganz außerordentliche Menschenrechtsverletzungen vorliegen. Wie in Syrien.«

 

Gibt es noch eine andere Option?

Die dritte Möglichkeit in der Zusammenarbeit ist eine eher transaktionelle Beziehung. Verschiedene Länder in der Region sagen: »Naja, einiges von dem, was da aus Europa kommt, gefällt uns nicht, aber beispielsweise im Bereich der der Reform des Energiesektors oder der Sicherheitskräfte, da arbeiten wir gerne mit Europa zusammen.« In solchen Fällen gibt es zwar keine Grundlage für eine umfassende Reformpartnerschaft, aber wir können in einigen Bereichen gegenseitigen Interesses zusammenarbeiten. Dies ist auch aus europäischer Sicht sinnvoll.

 

Die Beziehungen einzelner Länder der Region zur EU und die Strukturen der Länder in der arabischen Welt sind also durchaus unterschiedlich geartet. Es gibt Länder, die eine Modernisierungsagenda haben und sagen: »Wir wollen uns modernisieren, unter anderem durch eine Annäherung an den europäischen Binnenmarkt.« Und es gibt Länder, die sich anderen sozioökonomischen oder politischen Modellen zuneigen, und sich daher eher von Europa wegbewegen. Es gibt viertens leider auch Länder, in denen die staatlich Ordnung implodiert oder die sich im Bürgerkrieg befinden. Dort ist an eine geordnete Zusammenarbeit im Sinne einer Reformpartnerschaft zumindest im Augenblick gar nicht zu denken, sondern es kann derzeit nur darum gehen, Menschen zu helfen und vorm Verhungern, vorm Sterben zu retten, Flüchtlinge zu versorgen und die Lage, wo es geht, zu stabilisieren. Dies sind vier verschiedene Szenarien in der Region, auf die Kooperation und Diplomatie jeweils individuell eingehen müssen.

 

Wo liegen unsere roten Linien für den Abbruch der Kooperation?

Für einen Abbruch müssten schon ganz außerordentliche Menschenrechtsverletzungen vorliegen, wie das in Syrien der Fall war. Was wir eher tun, ist graduell zu arbeiten. Das heißt, wir fahren die Zusammenarbeit hoch oder wir fahren sie auf ein niedrigeres Niveau herunter. Wir arbeiten mehr mit Regierungen und oder mit Regionen zusammen, die sich einer Reformagenda öffnen, oder reduzieren die Zusammenarbeit, wo dies nicht der Fall ist. Und das erkennt man auch an den Finanzleistungen. Um ein Beispiel zu geben: In den letzten fünf Jahren hat Tunesien von der EU im Schnitt zehnmal mehr Geld bekommen als Algerien. Gleichzeitig hat Algerien aber eine viermal größere Bevölkerung als Tunesien. Diese Konzentration europäischer Hilfen zugunsten von Tunesien war eine Folge des Demokratisierungsprozesses seit 2011.

 

Hilft manchmal Druck?

Druck kann natürlich gelegentlich ein Mittel der Wahl in der Zusammenarbeit sein, aber nur als eines von verschiedenen Werkzeugen im Instrumentenkasten. Meistens sind Anreize, also positive Konditionalitäten, erfolgreicher in der Kooperation. Um einen Reformprozess erfolgreich zu begleiten, braucht es sehr viel dauerhaftes, konsistentes Engagement, politische Energie, partnerschaftlichen Dialog und sehr viel Geld. Wenn wir uns die Finanzmittel anschauen, die über die Jahre mobilisiert worden sind, so waren das namhafte Beträge, aber war es wirklich genug, um den gewaltigen Reformbedarf in der arabischen Welt zu begleiten?

 

»Gaza und Ägypten sind besonders verletzlich durch den Klimawandel«

 

zenith hat kürzlich mit dem Thema Klimawandel in Nahost und Nordafrika aufgemacht. Reden wir nicht viel zu selten über die ökologische Katastrophe in der Region?

Das ist richtig. Vielleicht wird die Tatsache, dass die COP27 ...

 

... die UN-Konferenz zum Klimawandel ...

... dieses Jahr in Ägypten stattfindet, die ökologischen Herausforderungen ja mehr in den Mittelpunkt rücken. Der Klimawandel führt in allen Ländern der Region zu einer weiteren Verknappung der ohnehin schon unzureichenden natürlichen Ressourcen. Für mich ist das wichtigste Problem das Ansteigen des Meeresspiegels. Wir wissen ja: Wenn das grönländische Festlandeis abschmilzt, was zu 80 Prozent in diesem Jahrhundert passieren wird, dann wird weltweit der Meeresspiegel um etwa sieben Meter steigen. Wir wissen auch, dass sich der Klimawandel in keiner Region so stark auswirken wird wie im Mittelmeerraum. Und wenn wir uns Bedingungen in den Mittelmeerländern ansehen, dann sind zwei Regionen ganz besonders verletzlich. Das eine ist Ägypten mit dem Nildelta, das andere ist Gaza, Palästina. Hier lebt ein Großteil der Bevölkerung praktisch auf Meeresniveau. Wenn der Meeresspiegel deutlich ansteigt, wird das Meer ins Land eindringen. Es wird fruchtbaren Boden wegreißen und Salzwasser in die Süßwasseraquifere hineindrücken, die für Landwirtschaft und die menschliche Nutzung nötig sind. Das ist nicht eine Frage der fernen Zukunft, sondern der nächsten zwanzig, dreißig Jahre. Es geht alles sehr schnell und betrifft mit Ägypten mit seinen über hundert Millionen Einwohnern, die schon jetzt von Nahrungsmittelimporten abhängig sind, einen Großteil der Bevölkerung, die im Delta lebt.

 

Klimawandelanpassung müsste daher ein ganz großes Thema der Landes- und Raumplanung sein und neben Fragen der effizienten und nachhaltigen Nutzung der natürlichen Lebensgrundlagen in den Mittelpunkt der Entwicklungsbemühungen und Kooperationspolitik rücken. Es geschieht hier einiges, aber ich habe nicht den Eindruck, dass die Zeichen der Zeit schon wirklich erkannt worden wären und die Länder sich darauf ausrichten, den ökologischen Herausforderungen Herr zu werden.

 

»Zur Vorspeise Pstilla, zum Hauptgericht Sardinen-Tajine«

 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Woher kam Ihr Interesse für die islamisch-arabische Welt?

Ich wusste immer nur, was ich nicht studieren wollte. Irgendwie kam ich dazu, dass es dann Geschichte sein sollte. Für den Magister gab es an der Universität Bonn, wo ich beginnen wollte, eine lange Liste von möglichen Nebenfächern und dann sah ich da etwas, das Arabistik hieß. Das sprach mich instinktiv an. Ich machte deswegen eine Studienberatung bei einem libanesischen Lektor. Es war schon Oktober, Wintersemester, und ich dachte mir, ich versuche das einfach mal so bis Neujahr und wenn mir das nicht gefällt, kann ich ja nochmal wechseln. Als ich anfing mit der Islamwissenschaft gab es eigentlich nur zwei Arten von Studenten: Diplomatenkinder, die in der Region gelebt hatten, und die anderen, die Karl May gelesen hatten – und zwar die Orient-Bücher. Ich hatte als Jugendlicher zwar auch viel Karl May gelesen, aber nur die Indianerbücher. Doch die drei Monate Arabisch und Islamwissenschaft haben völlig ausgereicht, um mich für den Rest meines Lebens Blut lecken zu lassen. Ich war hin und weg und wollte nichts anderes mehr machen.

 

Was war denn in den drei Monaten so spannend?

Es war die Entdeckung der anderen Kultur. Ich hatte vorher noch nie eigene Erfahrungen mit der islamischen Welt gemacht. Ich war noch nie dorthin gereist und hatte auch kaum Bücher darüber gelesen. Ich nahm das Islamwissenschaftsstudium aus instinktivem Interesse auf, und dann hat mich der Kulturvergleich interessiert: sich den Spiegel vorhalten zu lassen als Deutscher in Europa, indem man sich eine andere Kultur, die doch aus gleichen Wurzeln gespeist wird, anschaut. Und zum Zweiten war ich bald völlig fasziniert von der arabischen Sprache, von der Strukturiertheit der arabischen Grammatik.

 

Was mögen Sie denn am liebsten in der Region?

Die Gemeinschaft mit Menschen, gemeinsam Tee trinken, gemeinsam mit Leuten Kat kauen, zusammensitzen, sich gegenseitig zu entdecken. Ich liebe die Architektur in den islamischen Ländern: Die klassische arabische Medina, die Geformtheit einer schönen Umayyaden-Moschee, die Harmonie der Strukturen. Und ich mag die klassische arabische Musik der Laute oder der Kastenzither. Für die arabische Popmusik habe ich mich dagegen nie so richtig erwärmen können. Ich bin großer Fan der marokkanischen Küche. Als Vorspeise eine marokkanische Pstilla und als Hauptspeise eine Sardinen-Tajine.

 

Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Mitarbeit: Lina Weber


Michael Köhler, 63, ist Generaldirektor für europäischen Zivilschutz und humanitäre Hilfe in der Europäischen Kommission, wo insbesondere die Koordination der weltweiten Nothilfe der Europäischen Union zu seinen Aufgaben gehört. Köhler studierte Mittlere und Neuere Geschichte, Islamwissenschaft, Vergleichende Religionswissenschaft, evangelische Theologie und Völkerrecht in Bonn, Tübingen und Hamburg. Er promovierte 1987 am Fachbereich Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg. 

Von: 
Asiem El Difraoui

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