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Gefechte im Südsudan

»Putschversuch« und »Propheten der Verdammnis« in Juba

Analyse

Am Sonntagabend sind in der südsudanesischen Hauptstadt Juba schwere Gefechte ausgebrochen. Die meisten Beobachter bezweifeln die offizielle Version eines versuchten Coups.

Die Spannungen im jüngsten Staat der Welt waren schon vor einem Jahr mehr als deutlich zu spüren. Die Volkswirtschaft des Südsudans, der sich im Juli 2011 vom Sudan abgespalten hatte, befand sich in einer existenziellen Krise, nachdem die Regierung die Erdölproduktion wegen eines Streites mit dem Regime in Khartum eingestellt hatte. Anfang Dezember 2012 wurde in Juba der Kolumnist Isaiah Abraham ermordet, offenkundig aus politischen Gründen.

 

Wenige Tage später töteten »Sicherheitskräfte« in der zweitgrößten Stadt Wau mehrere unbewaffnete Demonstranten. Risse innerhalb der Regierung traten dann im Frühjahr 2013 offen zutage, als Vizepräsident  Riak Machar öffentliche Kritik äußerte und andeutete, bei den für 2015 vorgesehenen Wahlen gegen Amtsinhaber Salva Kiir zu kandidieren. Nach einer schrittweisen Entmachtung Machars wartete Kiir dann im Juli mit einem Paukenschlag auf: Er entließ nicht nur Machar, sondern auch sein gesamtes Kabinett und den Generalsekretär der Regierungspartei »Sudan People’s Liberation Movement« (SPLM), Pagan Amum.

 

Um seine Nominierungen für eine loyale Riege von Nachfolgern durchzusetzen, drohte der Präsident nach einer wochenlangen Hängepartie dem Parlament unverhohlen mit der Auflösung. Und im November erklärte er kurzerhand die gesamte Führungsstruktur des SPLM für aufgelöst.

 

Das erste Opfer des Krieges

 

Der Hergang der jetzigen Eskalation ist unklar, eine Überprüfung der wilden Gerüchte in den sozialen Netzwerken des Internets kaum möglich. Von westlichen Diplomaten ist zu hören, dass Präsident Kiir nach einem gescheiterten Treffen mit seinen innerparteilichen Gegnern am vergangenen Samstag diese habe verhaften lassen wollen. Der Stabschef der Regierungsarmee, SPLA-General James Hoth, habe jedoch den Befehl verweigert, offenbar aufgrund der militärischen Einschätzung der Risiken.

 

Dennoch habe es Versuche gegeben, Elitetruppen aus Machars Lager zu entwaffnen. Dabei seien am Sonntagabend die ersten Schusswechsel ausgebrochen, die sich im Laufe der Nacht auf mehrere Kasernen und umliegende Viertel in der Hauptstadt ausgeweitet haben. Kiir setzte bei einer Pressekonferenz am Montagmittag bereits mit seiner Kleiderwahl ein klares Zeichen: Während der Staatschef sonst dafür bekannt ist, bei jeder Gelegenheit einen Cowboy-Hut zum zivilen Anzug zu tragen, trat er nun erstmals seit Jahren in voller Generalsuniform auf.

 

Dabei erklärte er, mit Machar verbündete SPLA-Einheiten hätten einen Angriff auf das Verteidigungsministerium und damit einen Putschversuch unternommen. Dieser sei zurückgeschlagen worden und die Situation unter Kontrolle und ruhig. Dem stehen zahlreiche Berichte von Mitarbeitern internationaler Organisationen entgegen, die auf Twitter anhaltende Gefechte schildern. Schätzungen über Todesopfer variieren zwischen Dutzenden und Hunderten.

 

Nach Angaben der Vereinten Nationen haben über 13.000 (!) Zivilisten mittlerweile Schutz auf dem UN-Gelände gesucht, die wenigen Krankenhäuser sind offenbar überfüllt. Darüber hinaus machte Kiir, der einen rein soldatischen Hintergrund hat und kein großer Rhetoriker ist, seinen langjährigen Stellvertreter direkt verantwortlich und nannte ihn einen »Propheten der Verdammnis«, der die Spaltung von 1991 wiederholen wolle.

 

Damals hatte Machar, der einen Doktortitel in Philosophie von einer britischen Universität hat und als talentierter Redner bekannt ist, gegen den SPLA/M-Gründer John Garang revoltiert und die Fraktion »SPLA-Nasir« beziehungsweise »SPLA-United« gegründet. In den folgenden Jahren fanden die schwersten Kämpfe zwischen diesen Milizen statt. Im Gegensatz zum offiziellen Geschichtsmythos vom gemeinsamen Krieg des Südens gegen die nordsudanesische Regierungsarmee forderte dieser Bruderkampf die meisten Opfer, auch wenn Khartum die SPLA-Renegaten tatkräftig unterstützte.

 

Westliche Beobachter wie Annette Weber von der Stiftung Wissenschaft und Politik bezweifeln freilich die These vom versuchten Coup. Grant Brooke, Südsudan-Experte von der Universität Oxford, argumentiert, dass ein solcher Schritt zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn mache, nachdem Machar lange an seiner politischen Rehabilitierung und diplomatischen Strategie gearbeitet hat. Auch wäre das militärische Vorgehen für Machar unüblich schlecht vorbereitet gewesen.

 

Die Washingtoner Analystin Lesley Anne Warner weist – cui bono? – darauf hin, dass das Narrativ vom gescheiterten Putsch vor allem Kiir nütze. Machars Aufenthaltsort bleibt unterdessen unklar. Angeblich hat er sich in eine ausländische Botschaft beziehungsweise auf das UN-Gelände geflüchtet, während andere Ex-Minister bereits verhaftet worden sind.

 

Wi(e)der die »Stammeskonflikte«

 

Westliche Medien führen derweil wieder einmal »ethnische Konflikte« und »die alte Rivalität der beiden größten Ethnien in Südsudan, Dinka und Nuer« als Erklärungsmuster ins Feld. Selbst die BBC spricht von »ethnischer Gewalt«. Bei näherer Betrachtung erweist sich dies jedoch als stereotype Vereinfachung, denn bei den Auseinandersetzungen handelt es sich mitnichten um »Stammeskriege«. Solch klischeehafte Semantik suggeriert Ethnizität als Ursache der Konflikte, die im Kern ein rein politischer Machtkampf sind.

 

Für diesen wird zwar die Herkunft zur Mobilisierung der jeweiligen Lager genutzt und so der politische Prozess ethnisiert, aber selbst dies nicht entlang klarer Grenzen. So verläuft eine Konfliktlinie zwischen Kiirs Gruppe von Gogrial-Dinka und Kreisen von Bor-Dinka um Garangs Witwe Rebecca. Machar wiederum repräsentiert keineswegs »die« Nuer. Schließlich greift auch der Nord-Süd-Antagonismus nicht mehr.

 

Die amtliche Nachrichtenagentur SUNA in Khartum meldete, Präsident Kiir habe gleich am Montagmorgen seinen Amtskollegen und »Bruder« Omal Al-Baschir angerufen, der selber in der vergangenen Woche eine tiefgreifende Regierungsumbildung vorgenommen hat. Sudanesische Regierungsvertreter, die nicht namentlich genannt werden wollen, heben das Interesse an Stabilität in Juba hervor. Sie müssen befürchten, dass bei einer Machtübernahme von Hardlinern wie dem geschassten SPLM-Generalsekretär Amum die mühsam ausgehandelten Sicherheits- und Ölabkommen hinfällig werden.

 

Der sudanesische Analyst Magdi Elgizouli, Fellow des renommierten »Rift Valley Institute« und als Mitglied der Kommunistischen Partei der Regimenähe unverdächtig, betont daher ein Paradox: Dass bisher kein zwischenstaatlicher Krieg zwischen den beiden Sudanen voll ausgebrochen ist, sei ausgerechnet dem autoritären Regierungsstil von Kiir und Baschir zu verdanken. Die entscheidende Frage ist nun, wie sich Armeeverbände außerhalb von Juba verhalten. Weitere Eskalationen der Gewalt sind nicht auszuschließen.

 

Ironie der Geschichte: 1997 war es just Machar gewesen, der im Abkommen von Khartum das Selbstbestimmungsrecht des Südsudans durchsetzte – gegen den Widerstand des damaligen SPLA-Anführers Garang, der für sein »New Sudan«-Konzept eines vereinten Landes kämpfte, in dem statt einer Sezession die marginalisierten Peripherien die Macht in Khartum übernehmen sollte. Entsprechend sah das Umfassende Friedensabkommen von 2005 ein Referendum über die Unabhängigkeit des Südens vor. Nach Garangs Tod bei einem Hubschrauberunfall unter noch immer ungeklärten Umständen profitierte von Machars Strategie vor allem einer: der Separatist Kiir.

Von: 
Roman Deckert und Tobias Simon

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