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Iranische Künstlerin Samira Hodaei im Interview

»Es ist zu früh, sich über Ruhani ein Bild zu machen«

Interview

Die iranische Künstlerin Samira Hodaei über Männer, Frauen, sexuelle Tabus und die Suche nach dem heiligen Gral.

zenith: Sie leben und arbeiten in Teheran, dort entsteht auch der Großteil Ihrer Kunst. »L’art pour l’art« scheint dabei nicht gerade Ihr Motto zu sein.

Samira Hodaei: Für mich hat Kunst immer eine politische Bedeutung. Eigentlich ist alles politisch, auch der Alltag der Menschen – das gilt besonders für das Leben im Nahen Osten. Sich für Politik nicht zu interessieren, können sich die Leute im Iran nicht leisten. Für mich ist dieses Desinteresse eher ein westliches Phänomen: Man kann sich auf gewisse Grundvoraussetzungen und Standards verlassen. Bei uns dagegen ist alles im Fluss, in Unsicherheit. Selbst die essentiellsten Dinge. Die Zeichen der Zeit können sich täglich ändern.

 

Am 4. August wurde Hassan Rouhani als neuer Präsident der Islamischen Republik vereidigt – hat sich seither für die Teheraner Kunstszene etwas geändert? Im Vergleich zu seinen Vorgängern gilt er ja als moderat.

Ich weiß, dass viele meiner Freunde und Bekannten große Hoffnungen hegen, dass der Iran sich nun öffnet. Auch ich hoffe das. Wenn meine Eltern von der Zeit vor der Revolution sprechen, kann ich mir diese Freiheiten gar nicht vorstellen – so weit sind wir heute davon entfernt. Für mich ist es im Moment definitiv zu früh, mir über Rouhani ein Bild zu machen. Die Wahl war ja erst vor einigen Wochen. Man darf den Iran aber auch nicht isoliert betrachten. Wenn in Syrien ein Krieg ausbricht, wird unsere Situation sich verschärfen, da bin ich mir sicher. Es wird noch härter zensiert werden. Innen- und Außenpolitik gehören immer zusammen.


Samira Hodaei

ist Malerin, lebt und arbeitet in Teheran. Am 6. September 2013 wird die Ausstellung »Born in Iran« in Berlin eröffnet. Bis zum 22. September ist dort ihre Reihe »Harem of the Heart« zu sehen. Ihre persisch inspirierte Technik, mit Glasfarbe auf Leinwand kleine Punkte zu malen, die schließlich ein Bild ergeben, wird durch Installationsarbeiten ergänzt.


 
Hatten Sie selbst bereits mit der Zensur zu kämpfen?

Nein. Das liegt aber wohl nur daran, dass ich meine Kunst im Iran nicht zeige. Ich stelle bisher nur in Europa aus. Natürlich würde ich meine Bilder gerne in der Heimat zeigen und ich denke auch immer wieder darüber nach. Nur habe ich kein gesteigertes Interesse daran, mich selbst zu zensieren.

 

Sie haben aber doch in Teheran studiert. Haben Sie an der Universität nicht gemalt?

Doch, natürlich. Nur öffentlich wurde nichts davon gezeigt. Ich wollte eigentlich nur meinen Abschluss machen. Außerdem hatte ich mit Reza Derakhshani einen sehr bekannten und einflussreichen Mentor – das hat mir einen gewissen Schutz verliehen.

 

Sie sprechen in der Vergangenheit. Genießen Sie diesen Schutz heute nicht mehr?

Vor einigen Jahren hat mein Lehrer den Iran verlassen. Das kann man seiner Kunst auf den ersten Blick ansehen. Sie ist seitdem viel politischer.

 

»Ich muss keine Feministin sein, um offen reden zu wollen«

 

Ihnen selbst liegen besonders die Frauenrechte am Herzen. Die Reihe »Stones and Mute Birds« beschäftigt sich sehr plakativ mit dem Thema Repressionen. Die öffentliche Steinigung kommt als Motiv häufig vor. Würden Sie sich als Feministin beschreiben?

Eigentlich versuche ich immer, das zu malen, was ich fühle. Weil ich eine Frau bin, fühle ich auch wie eine Frau. Das bildet sich in meiner Kunst ab. Im Iran liegen die Erfahrungen, die Männer und Frauen machen, sehr weit auseinander. In Teheran kämpfen wir Frauen um grundsätzliche Freiheiten – etwa darum, offen reden zu dürfen. Ich glaube, ich muss keine Feministin sein, um das zu wollen. Von solchem Gedankengut fühle ich mich auch viel zu weit entfernt. Der Ansatz der Gruppe Femen überzeugt mich zum Beispiel überhaupt nicht. Ich habe nichts gegen Männer und ich bin auch davon überzeugt, dass Mann und Frau eine unterschiedliche Natur haben: Es gibt das Männliche und das Weibliche und das darf man auch zeigen.

 

Mit der Weiblichkeit spielen viele Ihrer Bilder: Feminine Symbole und Farben, Frauenfiguren als Motive. Die Harmonie, die Sie damit vermitteln, passt so gar nicht zu den harten Themen, die dabei angegangen werden. Eines Ihrer Bilder zeigt eine Steinigung. Können Sie diesen Widerspruch auflösen?

Gerne, es ist nämlich gar kein Widerspruch. Ich liebe mein Land, seine Menschen, seine Kultur. Ich bringe so viel Positives damit in Verbindung. Auf der anderen Seite sehe ich die Probleme, die es gibt. Das macht mich oft hilflos und wütend. All diese Gefühle sind gleichzeitig in mir. Als ich die ersten Bilder für »Stones and Mute Birds« gemalt habe, war ich voller Emotionen. Sie brauchten dringend ein Ventil. Und daher kamen sie auch alle gleichzeitig auf die Leinwand. Einige Monate später habe ich mir gedacht, dass ich meine Kunst nicht so offensichtlich haben möchte. Die aktuelle Ausstellung spielt viel mehr mit dem Visuellen. Ich mag es lieber, wenn es mehr Interpretationsspielraum für den Betrachter gibt. In der Ausstellung »Harem of the Heart« ist mir das ganz gut gelungen, glaube ich.

 

Die Installation arbeitet mit religiösen Symbolen. Man sieht Kuppeln und Minarette. Entfernen Sie sich damit von der Frau als Thema?

Ganz im Gegenteil: Das Minarett ist traditionell Ausdruck der Männlichkeit, die Kuppel steht für das Weibliche. In »Harem of the Heart« geht es um die Liebe, auch um die Liebe zwischen Mann und Frau. Für mich sind die irdische und die göttliche Liebe zwei Seiten derselben Medaille. Im Islam wird das sehr strikt getrennt, was sehr schade ist. In den Moscheen wird konkrete Bildlichkeit vermieden. Abstrakt kann man meiner Meinung nach aber das Göttliche nicht verstehen. Man muss es immer im Zusammenhang mit dem Diesseits sehen. Ich erinnere mich an ein Zitat des großen Hafiz: »Über Jahre suchte das Herz nach Jam-e Jam (der heilige Gral der persischen Mythologie, Anm.d.Rd.). Es suchte und fragte Fremde nach dem, was bereits in ihm selbst lag.«

 

»Für viele ist das Beten ein Ritual wie Schlafen und Essen«

 

Sie sprachen über den abstrakten Charakter der Liebe im Islam. Das gilt insbesondere für die körperliche Komponente.

Ja, das ist richtig. Alles Sexuelle ist unkonkret: Es ist ein Tabu, darüber zu reden, seine Sexualität offen zu zeigen. Für mich gehört sie aber zum Leben dazu. Die Leute sollten mehr darüber Bescheid wissen und aufgeklärt werden, damit sie besser damit umgehen. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: In meiner Kunst steht die Farbe Rot oftmals für Blut. Die Monatsblutung der Frau gilt als unrein. Ein Mann sollte in diesem Zeitraum nicht mit seiner Frau schlafen. Frauen dürfen dann auch nicht in die Moschee gehen, sagen die religiösen Autoritäten. Ich weiß, dass es exakt dieselbe Vorstellung auch im Christentum gab. Aber das ist Jahrhunderte her. Wir müssen also konkret über solche Dinge sprechen können, damit wir uns weiterentwickeln. Ähnlich ist es auch mit dem Glauben. Durch das Ungefähre, das Abstrakte, erinnern sich viele gar nicht mehr daran, warum sie in die Moschee gehen und beten. Es ist ein Ritual wie Schlafen und Essen geworden. Ich will die Leute mit meiner Kunst daran erinnern, wo ihre Wurzeln liegen. Was die wahre Bedeutung des Glaubens und der Liebe ist. Die findet man nicht in einem Gebäude.

 

Ihre kulturellen Wurzeln wollen Sie nicht abschneiden – können Sie sich vorstellen, Ihre Heimat Iran zu verlassen und in einem anderen Land zu leben?

Ich weiß nicht. Wenn ich auf Reisen bin, fühle ich mich oft leer. Meine künstlerische Inspiration kommt aus der persischen Kultur, aus meinem Land. Es ist mein Zuhause, dort fühle ich mich wohl. Manchmal wünsche ich mir, dass es eine andere Wahrnehmung gäbe. Dass die Leute uns nicht nur über die Medienberichte wahrnehmen. Dort sieht man meist nur harte Politik, Krieg, Gewalt. Viele sind überrascht, wenn sie zum ersten Mal in den Iran fliegen, dass es so eine freundliche Kultur ist. Und ja, ich kann nur sagen: Wir sind ganz normale Menschen da. Und wir haben die Gewalt nicht verdient.

Von: 
Kristina Milz

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