Lesezeit: 11 Minuten
Tataren in Sachsen

Von der Krim nach Kleinbeucha

Feature

Schüler, Akademiker und Heimatforscher kümmern sich in Sachsen um Napoleon, muslimische Soldaten und ein Tatarengrab von 1813. Dabei dreht sich vieles, doch nicht alles, um die Frage: Für wen kämpfte Jussuf?

»Sehen die Leute immer so aus«, fragt die 14-jährige Khadja und zeigt möglichst unauffällig in Richtung eines Pärchens, das in ein grün rotes Filzgewand in Marketender-Tradition aus Napoleons Zeiten gekleidet ist. »Ja«, mischt sich ihre Freundin Isam ein, »warum sehen die so aus. Ist denen das nicht peinlich?« Historiker Stefan Theilig klärt die Mädchen aus Leipzig auf: »So waren die Leute zu Zeiten der Napoleonischen Kriege vor 200 Jahren gekleidet.« Die Farben rot, grün und weiß waren die sächsischen Herrscherfarben und spiegelten sich in den Trachten wieder.

 

Ähnlich wie die Fußballtrikots verschiedener Mannschaften heute waren sie ein Erkennungs- und Zuordnungsmerkmal. »Die Frau trägt das anlässlich der Veranstaltung an diesem Wochenende.« Der Krieg gegen Napoleons Grande Armée gipfelte in der Völkerschlacht, die mittlerweile 200 Jahre zurück liegt und an die das monumentale Denkmal in Leipzig erinnert. Doch es gibt auch andere, weniger protzige Zeugnisse, die die damalige Zeit widerspiegeln.

 

Eine Zeit, in der auf allen Seiten der Kombattanten muslimische Tataren und Baschkiren sowie buddhistische Kalmücken neben Preußen, Polen und Russen gegen die napoleonischen Truppen mit ihren sächsischen Verbündeten kämpften. Allein vier krimtatarische Reiterpulks, etwa 4.000 Kavalleristen, und über zehntausend Baschkiren und Wolga-Tataren nahmen an den Kämpfen teil. In Kleinbeucha bei Leipzig zeugt die Inschrift »Jussuf, der Sohn des Mustafa« auf dem so genannten Tatarengrab von dieser wenig beachteten Facette der Völkerschlacht. Seit 200 Jahren schon wird dieses Grab von Menschen in und um Kleinbeucha gepflegt und so regionale Geschichte lebendig erhalten.

 

Tausende Tataren und Baschkiren in den Divisionen Frankreichs, Russlands, Preußens und Polens

 

Wer aber war nun dieser Jussuf? Das herauszufinden war Anlass eines interdisziplinären Projekts mit Wissenschaftlern, engagierten sächsischen Nachbarn und Schülern unterschiedlichster Herkunftsländer und kultureller Hintergründe, die in und um Leipzig leben. Ein dutzend Wissenschaftler – Historiker, Turkologen, Pädagogen – aus Deutschland, Tatarstan, Litauen und der Ukraine waren im April 2013 in Borna bei Leipzig zusammen gekommen. Das gemeinsame Symposium war der Höhepunkt des dreimonatigen Projekts, das die Frage nach der Identität des muslimischen Offiziers aus dem Osten zu klären suchte.

 

Doch dies stellte sich komplizierter heraus als gedacht, denn auch in sogenannten Kosaken-Regimentern dienten Muslime und nicht jede Einheit war ethnisch homogen: Hilfsheere wurden nicht nach christlicher, buddhistischer oder muslimischer Herkunft akquiriert, sondern nach Bedarf und Region eingezogen, eingekauft oder erobert. Doch das vom Institut für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan Studien (ICATAT) und dem Heimatverein Bornaer Land e.V. initiierte Symposium hatte nicht nur zum Ziel, die näheren Umstände seines Todes zu klären.

 

Vielmehr war der 200. Todestag von Jussuf Anlass, sich generell mit deutsch-muslimischen Interkulturkontakten in Vergangenheit und Gegenwart zu beschäftigen. Neben der historischen Rolle der tausenden Tataren und Baschkiren, die auf den Seiten Frankreichs, Russlands, Preußens und Polens in den napoleonischen Kriegen kämpften, ging es um auch um die Erinnerungskultur der Tataren, die Rolle der Krimtataren als letzter europäisch-islamischer Großmacht oder xenophobe Tatarenstereotypen in Schulbüchern.

 

Auch für die Bevölkerung von Kleinbeucha, die seit Jahrzehnten zum Entspannen oder zum Rendezvous »zum Jussuf geht«, war das Zusammentreffen internationaler Wissenschaftler, lokaler Heimatforscher und Vertreter der polnisch-litauischen Tataren, der Wolga- und der Krim-Tataren ein besonderes Schauspiel.

 

In Leipzig wurden schon im 16. Jahrhundert tatarische Texte gedruckt

 

Die in Marketender-Tracht gekleidete Frau vom »Königlich-Sächsischen Chevauleger-Regiment Prinz Clement« legte nach dem Gebet in arabischer und krimtatarischer Sprache Blumen am Grab nieder, das so lange schon gepflegt, erneuert und in Erinnerung gehalten wird. Die beiden Schulmädchen nutzen die Gelegenheit und suchen das Gespräch mit der Frau, die aus heutiger Sicht ungewöhnliche Kleidung trägt, und die sie nun schon den zweiten Tag beobachten.

 

»Tragen sie das immer?« »Nein, damit zeige ich, wie die Frauen einst aussahen, wie die Leute lebten, was sie kochten, arbeiteten und eben wie sie sich kleideten.« Diese Uniform zeichnete sie als Marketenderin aus und berechtigte die damaligen Trägerinnen, sich im Kriegslager aufzuhalten, um Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände zu verkaufen. Denn die hunderttausenden einfachen Soldaten mussten verpflegt werden.   

 

Auch über die orientalische Kleidung der anderen Muslime in den damaligen Armeen wurde angeregt diskutiert, zum Beispiel über Rüstäm, den kaukasisch-ägyptischen Leibmameluken Napoleons. Neben diesen mamlukisch-muslimischen Soldaten dienten auch Tataren aus Polen-Litauen in der Napoleonischen Kaisergarde. Die Jugendlichen, die in Leipzig, Kitzscher und Borna zur Schule gehen, sind moderne Pfadfinder auf historischen Pfaden. »Das hatten wir im Geschichtsunterricht gar nicht«, sagt die 16-jährige Julia.

 

Den Alltag dieser bunten Schar von Kämpfern mit unterschiedlichen Religionen, Herkunftsländern, Sitten und Bräuchen nahezubringen, darum geht es auch Adas Jakubauskas aus Vilnius, Historiker und Vorsitzender der islamisch-tatarischen Gemeinden Litauens. Er berichtet den Mädchen und Jungs von seinen Erfahrungen auf der Pilgerreise nach Mekka und von den Begräbnisritualen in seiner Heimat: Auch bei den Tataren Polens und Litauens werde Wasser verspritzt und Almosen an die Kinder vergeben, genau wie bei Jussuf hier in Sachsen vor 200 Jahren.

 

Interkulturelle Geschichte in einen regionalen Kontext zu setzen, dafür sei das Tatarengrab von Kleinbeucha wie geschaffen, findet Marat Gibatdinov. Als Historiker an der tatarischen Akademie der Wissenschaften in Kasan kenne er das Grab schon seit Langem und versucht auch in seiner Heimat ein Bewusstsein für das tatarische Erbe in Mitteleuropa zu schaffen. Doch dies nicht allein mit militärhistorischen Fakten, schließlich sei der erste tatarische Text außerhalb tatarischer Siedlungsgebiete bereits 1593 gedruckt worden: Vom späteren Leipziger Universitätsprofessor Hieronymus Megiser.

 

Kulturkontakte seit den 1430er Jahren

 

In vergleichenden Studien zur Begräbniskultur und zur verwendeten Lexik auf dem Grabstein von Jussuf kamen die Konferenzteilnehmer zum Schluss, dass der Offizier ein Lipka-Tatare, also ein Tatare aus Polen-Litauen gewesen sein muss. Sowohl das polnische Wort »roku« für Todesjahr als auch das Begräbnisritual stünden für eine baltische Abkunft, so Prof. Jakubauskas. Aber auch der Hinweis in sächsischen Quellen, dass das Grab noch 25 Jahre lang von Verwandten gepflegt wurde, sei ein Indiz hierfür: Aus dem Wolga-Ural-Gebiet wäre wohl kaum Verwandtschaft oder der Krim zur Pflege angereist, aus Trakai, Vilnius oder den Masuren schon eher. Um diese Fragen abschließend zu untersuchen, wurde als Ergebnis der Tagung eine internationale Forschungsgruppe »Interkulturgeschichte Germaniae Tatarica« gegründet.

 

Nach der endgültigen Erforschung der Tatarengrab-Geschichte solle sich diese Akademiker-Gruppe weiteren deutsch-tatarischen Themen und deren Verwendung in Bildungsprojekten zuwenden, so Stephan Theilig vom ICATAT Berlin. Denn bereits lange vorher, seit den 1430er Jahren bis in das 21. Jahrhundert hinein, habe es tatarisch-deutsche Kontakte in Diplomatie, Wissenschaft und Kultur gegeben. Welche Bedeutung auch die Alltagsgeschichte für die jugendlichen Projektteilnehmer hat, wurde am Beispiel der Kleidung und der Essgewohnheiten diskutiert. Auffällig seien damals die Filzbekleidung der Baschkiren und die selbstgefertigten Pfeile, Lanzen und Bögen der Tataren gewesen.

 

Im Tross der zehntausenden Kämpfer liefen auch Frauen und Knappen mit, die kochten, wuschen und Verwundete versorgten. Energiereiches Essen wie Schischlik (unser Schaschlik stammt daher), Brühe und Hammelpilav (Reistopf) war unerlässlich. Eine tatarische Spezialität konnte auch in Borna probiert werden: Die Gäste hatten »Tschäk-Tschäk« mitgebracht, in Honig eingelegte Mürbeteigkringel, denn auch heute gehe nicht nur Liebe sondern auch Völkerverständigung durch den Magen, ist Timur Kurshutov überzeugt.

Von: 
Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke

Banner ausblenden

zenith 2020-2 Arabischer Frühling

Das arabische Jahrzehnt

Was 2011 begann, ist noch längst nicht vorbei. Der Arabische Frühling geht einher mit Zerwürfnissen und dem Ruf nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Bestellen Sie jetzt die neue zenith, mit großem Dossier zum zehnten Jahrestag der Umbrüche.