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Corona in Palästina

Quarantäne kennt man, Corona nicht

Kommentar
Corona in Palästina
Der Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem Gazastreifen Wikimedia Commons

In Palästina reagierten die Behörden früh und drastisch auf das Coronavirus. Aber in Gaza droht eine Katastrophe.

Bevor den Israelis die Decke auf den Kopf falle, könnten sie sich ja vertrauensvoll an eine Hotline mit palästinensischen Quarantäne-Experten aus Gaza wenden, hieß es noch vor wenigen Tagen in scherzhaft gemeinten politischen Kommentaren unter palästinensischen Social-Media-Nutzern. Denn wenn Palästinenser eines könnten, dann doch Quarantäne, verlautete das zynische, aber doch irgendwie stolze Urteil. Das war bevor der unter Blockade der Israelis stehende Küstenstreifen die ersten Covid-19-Fälle dokumentierte. Nun überwiegen die ernsthaften Appelle, die Aufmerksamkeit auf Gaza zu richten.

 

Der mit zwei Millionen Menschen bevölkerte Landstrich zählt zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt und verfügt über eine ohnehin unzureichende medizinische Infrastruktur. In Gaza stehen nur etwa 70 Krankenhausbetten für eine intensivmedizinische Betreuung bereit, und die sind bereits ohne die Corona-Fälle ausgelastet.

 

Wie soll soziale Distanz in den engen Gassen und Häusern der Flüchtlingslager im Gazastreifenerricht werden?

 

Zwei Rückkehrer aus Pakistan wurden an der Grenze mit Ägypten positiv auf Corona getestet und befinden sich in der Grenzstadt Rafah in Quarantäne. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass Menschen, die mit ihnen Kontakt hatten, den Virus in den Gazastreifen getragen haben.

 

Die Katastrophe, die droht, sollte sich das Virus in Gaza ausbreiten, dürfte die Szenen, die sich gerade in Italien abspielen, bei weitem übertreffen. Die im Gazastreifen regierende Hamas hat das öffentliche Leben bereits weitgehend eingeschränkt und tausende Bewohner unter Quarantäne gestellt. Allerdings ist die Frage, wie soziale Distanz und entsprechende Hygiene, vor allem in den engen Gassen und Häusern der Flüchtlingslager, erreicht werden soll. Israel müsste die Blockade des Gazastreifens sofort massiv lockern und entsprechendes Equipment zur Verfügung stellen, um eine drohende Versorgungskatastrophe abzuwenden.

 

Die amtierende israelische Regierung ist allerdings gerade selbst dabei, mit Notstandsdekreten und einer allgemeinen Ausgangssperre, die Krise unter Kontrolle zu bringen. Auch Israel ist mit 1,7 Krankenhausbetten je tausend Einwohner (In Deutschland sind es zwölf) und nur etwa zweitausend Betten für Intensivversorgungen nicht auf einen Ausbruch der Corona-Pandemie vorbereitet.

 

Für viele Palästinenser kommt es überraschend, wie professionell ihre Regierung mit der Situation umgeht.

 

Die gute Nachricht bisher war, dass alle Verantwortlichen die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, früh erkannt, und dementsprechend weitreichende Maßnahmen durchgesetzt haben. Israel begann bereits am 5. März damit, die Einreise aus europäischen Staaten stark einzuschränken. Mittlerweile gilt ein kompletter Einreisestopp für Ausländer ohne langfristige Aufenthaltsgenehmigung und alle Einreisenden müssen sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben.

 

Auch die Palästinensische Autonomiebehörde ergriff sehr schnell drastische Maßnahmen. Noch am Tag der ersten dokumentierten Fälle in Bethlehem, ebenfalls der 5. März, verhängte der palästinensische Präsident Mahmud Abbas den Ausnahmezustand und ließ alle Schulen, Unis und Kindergärten schließen. Bethlehem wurde in Koordination mit Israel komplett abgeriegelt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) lobte das entschlossene Handeln der Palästinensischen Autonomiebehörde ausdrücklich. Ein »Nationales Komitee«, bestehend aus Regierungsvertretern, NGOs, UN und WHO, hat das Krisenmanagement übernommen.

 

Für viele Palästinenser, die ein großes Mistrauen gegenüber der Autonomiebehörde hegen, kommt es überraschend, wie professionell die palästinensische Regierung mit der Situation umgeht. Die Zahl der Infizierten ist, Stand 23. März, auf 59 Fälle angestiegen – eine Zahl, mit der die Krankenhäuser noch umgehen können. Um die Zahlen weiterhin nicht unkontrolliert wachsen zu sehen, hat die palästinensische Regierung eine komplette Ausgangssperre für vierzehn Tage verhängt. Eine schwierige Situation, vor allem für die sozial Schwächsten in der Gesellschaft, die als Tagelöhner von der Hand in den Mund leben.

 

70.000 palästinensische Arbeiter standen vor einer Wahl.

 

Die etwa 70.000 palästinensischen Arbeiter, die legal in Israel arbeiten, stellte die israelische Regierung vergangene Woche vor die Wahl, bevor sie jeden Zugang für Palästinenser nach Israel verwehrte. Sie konnten sich einmalig entscheiden, ihr Zuhause und ihre Familien für zwei Monate am Stück zu verlassen, um in Israel zu arbeiten. Zu wichtig sind sie für das israelische Baugewerbe und in der Landwirtschaft. So fand der israelische Baugewerbeverband kurzfristig Unterkünfte für etwa 40.000 palästinensische Arbeiter in überwiegend im Bau befindlichen Wohnungen oder Hotels.

 

Die Kooperation zwischen Israelis und Palästinensern laufe sehr gut in der Corona-Krise, heißt es jetzt an vielen Stellen. Diese Aussagen kritisieren vor allem junge palästinensische Beobachter: Als würden sich Besatzer und Besetzte auf gleicher Ebene begegnen. Viel mehr seien die Palästinenser massiv von Israel abhängig und hätten gerade in einer solchen Krise gar keine andere Wahl als die bestmögliche Kooperation.

 

Dass der Konflikt keineswegs ruht, zeigt die Tatsache, dass Israel trotz Corona-Krise damit begonnen hat, die Vorbereitungen für ein höchstumstrittenes Siedlungsbauprojekt in der Zone E 1 im Osten von Jerusalem voranzutreiben. Auch schien die israelische Regierung bis zuletzt fest entschlossen, die Amtszeit von Donald Trump zu nutzen, um weite Teile des Westjordanlandes zu annektieren. Wenn die Palästinenser die Corona-Krise also einmal überstanden haben sollten, wartet auf sie bereits ein neues Desaster.


Hannes Alpen leitet das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in den Palästinensischen Gebieten.

Von: 
Hannes Alpen

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