Lesezeit: 12 Minuten
Die Gelbe Flotte in Ägypten

»Auf einem Schiff spielten wir sogar Fußball«

Interview
Die Gelbe Flotte in Ägypten
Einfahrt der »Nordwind« und »Münsterland« in den Hamburger Hafen im Mai 1975

Im Mai 1975 erreichten die Schiffe »Nordwind« und »Münsterland« den Hamburger Hafen – nachdem sie acht Jahre im Suezkanal festgesessen hatten. Zeitzeuge Jürgen Katzler berichtet im Interview von seiner Zeit als Kapitän im Großen Bittersee.

Im Jahr 1967, während des Sechs-Tage-Krieges gegen Israel, ließ Ägypten den Suezkanal von beiden Seiten mit versenkten Booten blockieren. Doch zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch Schiffe im Kanal – und saßen dort bis 1975 fest. Die beiden deutschen Frachter »Nordwind« und »Münsterland« lagen gemeinsam mit zwölf weiteren Schiffen acht Jahre lang im Großen Bittersee, der breitesten Stelle des Kanals. Am 24. Mai 1975 erreichten sie schlussendlich den Hafen von Hamburg – das Ende einer äußerst ungewöhnlichen Seefahrt.

 

zenith: Herr Katzler, Sie waren ein halbes Jahr lang einer der Kapitäne der »Gelben Flotte«. Wie kamen Sie damals auf ein Schiff, das im Kriegsgebiet feststeckte?

Jürgen Katzler: Als junger Kapitän mit damals 33 Jahren bin ich am 16. Juni 1969 auf der »Münsterland« eingetroffen. Doch bevor wir auf unser Schiff durften, hatten wir zehn Tage Aufenthalt in Kairo, da die Straße zum Großen Bittersee unter israelischem Beschuss stand. Als sich die Situation ein wenig entspannte, wurden wir von unserem ägyptischen Agenten mit dem Bus zum See gefahren – ein Boot brachte uns die restlichen zwei Meilen zum Schiff. An Bord angekommen wurden wir erstmal herzlich begrüßt, auch von den anderen Schiffsbesatzungen. Die Übergabe von Kapitän zu Kapitän dauerte dann gerade einmal 20 Minuten – und schon war ich der neue Kapitän der »Münsterland«.

 

Warum sprechen wir heute eigentlich von der »Gelben Flotte«?

Wegen der Wüstenstürme – durch den ganzen Sand wurde auf den Schiffen immer alles gelb. Unser Lieblingssong war deshalb natürlich »Yellow Submarine« von den Beatles – das haben alle aus voller Kehle gesungen.

 

Wie viele Schiffe lagen zu dieser Zeit denn im Suezkanal?

Insgesamt ankerten damals 14 Schiffe im Großen Bittersee, außerdem ein amerikanischer Tanker, etwas weiter nördlich im Krokodil-See – zu dem Schiff hatten wir allerdings keinen Kontakt. Neben den beiden deutschen Schiffen (»Münsterland«, »Nordwind«) lagen dort vier englische (»Agapenor«, »Melampus«, »Scottish Star«, »Port Invercargill«), ein französisches (»Sindh«), eines aus der Tschechoslowakei (»Lednice«), eines aus Bulgarien (»Vasil Levsky«), sowie zwei polnische (»Djakarta«, »Boleslaw Bierut«), zwei schwedische (»Nippon«, »Killara«) und ein US-amerikanisches Schiff (»African Glen«) – letzteres wurde allerdings im Krieg 1973 versenkt. Mit einer Besatzung von 12-14 Personen pro Schiff lebten zu dieser Zeit also etwa 200 Leute im Bittersee – alles Männer, wir hatten keine einzige Frau an Bord.

 

»Da der Große Bittersee im Niemandsland zwischen dem von Israel besetzten Sinai und Ägypten lag, konnten wir nicht an Land – und auch über Funk war alles versiegelt«

 

Ankerten diese Schiffe alle Bug an Bug oder jeweils einzeln im See?

Unser Schiff lag damals noch allein. Doch die polnischen und jeweils zwei der englischen Schiffe waren bereits zu »Paketen« geschnürt – sie wurden also zusammengelegt, bekamen einen Paketnamen und wurden mit nur einem Kapitän und reduzierter Besatzung bemannt. Später fügten wir dann auch die »Münsterland« zu einem solchen Paket hinzu – das war schlicht billiger für die Reedereien.

 

Wie reagierten die Reedereien auf die Situation?

1969 sah es nicht so aus, als würden sich die Konfliktparteien schnell wieder einigen. Für die Reedereien bedeuteten die Ausfälle der Schiffe und der Ladungen einen enormen Verlust. Zusätzlich mussten die Schiffe in Stand gehalten werden. Wir waren verantwortlich, dass kein Öl auslief oder anderer Unrat von Bord ging. Die dadurch entstehenden laufenden Kosten waren eine große Bürde für die Reedereien.

Um weiter zu lesen, kaufen Sie den Artikel oder werden Sie zenith Clubmitglied

zenith-Club-Mitglied werden

Werden Sie zenith-Club-Mitglied und Sie erhalten nicht nur das Printmagazin von zenith sondern freien Zugang zu allen kostenpflichtigen Artikeln. Mit der zenith-Club-Mitgliedschaft fördern Sie zudem die gemeinnützigen Tätigkeiten der Candid-Foundation.
1,99 €
»Auf einem Schiff spielten wir sogar Fußball«
79,00 €
zenith-Clubmitglied werden
Von: 
Magdolin Harmina

Banner ausblenden

zenith 2020-2 Arabischer Frühling

Das arabische Jahrzehnt

Was 2011 begann, ist noch längst nicht vorbei. Der Arabische Frühling geht einher mit Zerwürfnissen und dem Ruf nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Bestellen Sie jetzt die neue zenith, mit großem Dossier zum zehnten Jahrestag der Umbrüche.