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Eine Sprachschule in Tripoli verbindet Europa und den Nahen Osten

Tausche Sprache gegen Chance

Reportage
Sprachunterricht im »Levantine Institute of Tripoli«
Sprachunterricht im »Levantine Institute of Tripoli« Foto: Thore Schröder

In einer neuartigen Sprachschule in Nordlibanon lernen Europäer Arabisch und bringen gleichzeitig Syrern Englisch bei. Nicht nur für die Geflüchteten bietet das Konzept eine einmalige Chance.

Ein wenig kennt David Labude das aus Berlin. Vor ihm viele fragende Gesichter, denen er eine ihnen fremde Sprache näherbringen muss. Und doch ist hier alles ganz anders: Der 36-Jährige steht nicht vor Erwachsenen, die aus Spaß und freien Stücken lernen, sondern vor Kindern, für die dieser Unterricht entscheidend sein kann für ihre Zukunft. In Berlin unterrichtet er in den schicken Zimmern der privaten GLS-Sprachschule in Prenzlauer Berg. In Tripoli, im Norden des Libanons, lehrt er in einem stickigen Zimmer der örtlichen Pfadfindergruppe, das zeitweise als Unterrichtsraum für syrische Flüchtlingskinder dient. Durch die vergitterten Fenster dröhnt das Hupen und Knattern von alten Mercedes-Dieseln, über den abblätternden Putz huschen Silberfische.

 

Zweimal in der Woche je 60 Minuten gibt David Labude syrischen Jungen und Mädchen Englischunterricht. Er selbst lernt ein paar Meter weiter Arabisch in einem Intensivkurs, einen Monat lang. Das Konzept ist relativ neu im Libanon: eine Sprachschule, die gleichzeitig auch ein Hilfsprojekt ist. Im April 2017 eröffnete im Stadtteil Zahrieh das »Levantine Institute of Tripoli«, das mit dem »Ma’an Center« kooperiert. Letzteres wurde bis Mitte 2017 von der »Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung« (OECD) unterstützt. Seitdem wird es einzig von den Kursgebühren der Sprachschüler finanziert. Etwa 30 Prozent der Einnahmen des »Levantine Institute« (kurz: Levit) werden dafür verwendet.

 

Die Geschwister Hiba, Ibrahim und Ahmed, die in Davids Klasse sitzen, kommen aus der Gegend von Idlib, einem von Rebellen gehaltenen Gebiet im Norden Syriens. Vor fünf Jahren sind sie mit ihrer Familie über die nahe Grenze nach Tripoli geflüchtet. Die nordlibanesische Stadt ist sunnitisch geprägt, war mit dem Nachbarland immer eng verbunden. Noch heute gehen mehrmals täglich Service-Minibusse ins nur 60 Kilometer entfernte Tartus, die Hafenstadt, die Assad-Hochburg und russischer Militärstützpunkt ist.

 

Professionelle Pädagogen und Seelsorger wären besser. Aber da es die in Tripoli und auch sonst im Libanon nicht annähernd genug gibt, ist die Arbeit der Sprachschüler wertvoll.

 

»Wir wollen zurück in unsere Heimat«, sagt Hiba. Doch das ist für sie auf absehbare Zeit nicht möglich. Und deshalb ist der Unterricht im »Ma’an Center« so wichtig. Weil die Kinder hier zumindest die Grundlagen von Französisch und Englisch lernen, die Unterrichtssprachen im libanesischen Schulsystem sind. »Die Syrer hängen häufig mehrere Jahre zurück, weil in Syrien nur auf Arabisch unterrichtet wurde«, sagt Sara. Die 29-jährige Libanesin beaufsichtigt den Betrieb im »Ma’an Center«. Sie ist keine ausgebildete Pädagogin, sondern Rechtsanwältin, doch weil sie in ihrem Beruf keinen Job gefunden hat, arbeitet sie nun hier als Honorarkraft.

 

In Davids Unterricht geht es gerade um Obst und Gemüse und um Farben. Die Kinder sollen Verbindungen herstellen. »Which color does a banana have?«, fragt David in die Runde. »Yellow“, platzt die 12-jährige Hiba hervor, ihren Arm weit in die Luft gestreckt. Die Kinder tragen die englischen Wörter in ihre Schreibhefte ab. Einige konzentriert, andere überdreht und abgelenkt. Es sind vier Mädchen und drei Jungen im Alter von zehn bis zwölf Jahren. Gleichzeitig wird nebenan noch in zwei anderen Klassenzimmern unterrichtet. Die Lehrer dort sind Mirko aus Belgrad und Olivia aus London. »Das Konzept für unsere Stunden haben Mirko und ich uns selbst ausgedacht«, sagt David. Es geht viel um Dialoge. Marktbesuche, Einkäufe, so etwas.

 

Aber was bringt das? Häufig wechselnde, ungelernte Lehrer (in Davids speziellem Fall ist das anders), die Kindern entscheidende Kenntnisse beibringen sollen? »Die Schüler reagieren ganz unterschiedlich«, sagt David, »manche von ihnen sind voll dabei, man merkt, dass sie etwas lernen. Andere bräuchten wohl eher erst mal psychologische Unterstützung, sie erscheinen mir traumatisiert.« So viel ist klar: professionelle Pädagogen und Seelsorger wären besser. Aber da es die in Tripoli und auch sonst im Libanon nicht annähernd genug gibt, ist die Arbeit der Sprachschüler wertvoll. Für beide Seiten.

 

Der zeitliche Aufwand ist überschaubar und das Lehren im »Ma’an Center« hilft den Lernenden des Levit – die meisten sind Europäer, der Altersdurchschnitt liegt bei Mitte 20 – in die levantinische Kultur »einzutauchen«. Denn so wirbt das Institut auf Plakaten, die auch in Beirut hängen, auf Englisch: «Immerse yourself in the Levant«.

 

»Früher gingen die Leute nach Damaskus, um Arabisch zu lernen. Heute gehen viele nach Amman und auch nach Beirut, aber da hat man eben keine Praxis.«

 

Joachim aus Hannover hat eineinhalb Jahre für den DAAD, den Deutschen Akademischen Austauschdienst, in der libanesischen Hauptstadt gearbeitet. »Da habe ich auch Unterricht genommen. Aber auf der Straße haben die Leute mir immer wieder auf Englisch oder Französisch geantwortet«, erzählt er, »so kam ich nicht voran.« Diese Erfahrung machen die meisten Ausländer in Beirut. In der polyglott und europäisch geprägten Kapitale sind viele Bewohner zwei- oder sogar dreisprachig. Wer dort Arabisch lernen möchte, hat es schwer.

 

Nicht so in Tripoli, einer arabisch-sunnitisch geprägten Gemeinde. »Diese Stadt hatte keine Identitätskrise so wie Beirut«, sagt der 32-jährige Serge Harfouche, General Manager bei Levit. Die Idee, ein soziales Projekt in Tripoli aufzubauen, hatte sein Mitgründer Alexandre Khouri, als er in Paris für das Rote Kreuz Berichte über die Situation der Flüchtlinge schrieb. »Früher gingen die Leute nach Damaskus, um Arabisch zu lernen«, sagt Serge. »Heute gehen viele nach Amman und auch nach Beirut, aber da hat man eben keine Praxis.«

 

So kam die Idee, in ihre Heimatregion, nach Tripoli zurückzukehren. Obwohl oder gerade weil die Stadt »von der Regierung im Stich gelassen wurde«, wie Serge sagt. Immerhin sorgt eine massive Militärpräsenz nun für Frieden, nachdem es bis Anfang 2015 Kämpfe und Anschläge im Konflikt zwischen den örtlichen Alawiten und Sunniten gegeben hatte. Heute ist Tripoli sicher.

 

Doch überall prägt der Verfall das Stadtbild. Auf den Besucher wirkt die zweitgrößte Gemeinde des Libanons trotzdem wie ein orientalistischer Tagtraum, weil sie so viele Klischees einer nahöstlichen Metropole auf sich vereint. Eine Kreuzfahrerfestung, die auf einem Berg über den engen Gassen des Suks thront, Seifenmanufakturen, mamlukische Khans, Taubenschwärme über den Dächern.

 

Auch das Haus, in dessen zweitem Stock das »Levantine Institute« untergebracht ist, erzählt mit seinen typischen dreifachen Spitzarkardenfenstern und den hohen Räumen von der wohlhabenden Vergangenheit von Tripoli.

 

Tripoli – eine jahrtausendealte Siedlung – war bis ins 20. Jahrhundert eine reiche Handelsstadt, das ist an den Stadtpalästen im Zentrum noch erkennbar. Auch das Haus, in dessen zweitem Stock das »Levantine Institute« untergebracht ist, erzählt mit seinen typischen dreifachen Spitzarkardenfenstern und den hohen Räumen von der wohlhabenden Vergangenheit der Metropole.

 

Heute zersägt ein alter Mann im Garten unter der Levit-Terrasse Plastikfässer, während David in einem der drei Klassenräume nun selbst unterrichtet wird. Lehrerin Fatima fragt ihn und seine drei Mitschüler, was sie tags zuvor unternommen haben. »Wir waren Kaffee trinken«, antwortet David in der Amiya, dem levantinischen Arabischdialekt. Fusha, also Hocharabisch, Englisch und Französisch sind im Unterricht verboten. Bei Verstoß haut Fatima auf einen großen roten Knopf, der vor ihr auf dem Tisch steht. Olivia, die Londonerin, berichtet lachend: »Ich habe mich gestern in der Stadt mit einem Mädchen unterhalten. Nur auf Arabisch!«

 

Nach der Stunde sitzen die Schüler auf der Terrasse zusammen. Unter ihnen ist auch Candice, eine Französischlehrerin aus der Bretagne, die wegen ihres libanesischen Freunds ins Land gekommen ist. »In einem Monat hier habe ich mehr Fortschritte gemacht als vorher in drei Jahren in Beirut«, sagt sie. Doch das sei gar nicht das Wichtigste für sie, sagt Candice. »In erster Linie wollte ich lehren und helfen. Mein eigener Unterricht ist da bloß ein schöner Zusatz.«

Von: 
Thore Schröder

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