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Islamwissenschaft, Expertise und der rechte Rand

Wie rechts dürfen »Islam-Experten« sein?

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Islamwissenschaft, Expertise und der rechte Rand
Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber, mit dessen Konterfei hier auf einem Plakat in Kairo für seine Sendung beim ägyptischen Sender ONTV geworben wird, hat mit seinem Roman »Die Kandidatin« eine Kontroverse ausgelöst. Boekamp & Kriegsheim

Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber erntet mit seinem Roman »Die Kandidatin« Applaus von rechts. Arabisch sprechen und rechts blinken - ein Widerspruch?

Wer seinen Debütroman mit einer Anlehnung an Joseph Goebbels eröffnet, ist wahrscheinlich auf Krawall aus. Jedenfalls beginnt so Constantin Schreibers Roman »Die Kandidatin«. Die dystopische Geschichte des Tagesschau-Sprechers schildert den Weg einer zwielichtigen muslimischen Frau zur Macht. In Schreibers Deutschland der Zukunft herrscht die »absolute Diversität«, sogenannte Vielfältigkeitsmerkmale, Gender-Neutralität und Migrationshintergrund triumphieren. Was biodeutsch oder gar weiß und männlich ist, wird von der neuen herrschenden Klasse unterdrückt.

 

Einige Rezensenten erklärten, dass sie sich nur aufgrund der Prominenz des Autors mit dem Roman befassten, nicht wegen dessen literarischer Qualität, die mitunter als »platt« und »minderwertig« beurteilt wird. Sogar der rechte, notorisch islamkritische Blog »Achse des Guten« sprach von einem »schlechten Buch«. Stefan Weidner bezeichnet »Die Kandidatin« in seiner Besprechung für die Süddeutsche Zeitung als »rechtspopulistisches Pamphlet mit altbekannten Feindbildern«.

 

Der Journalist Stefan Buchen, freier Mitarbeiter beim NDR-Magazin »Panorama«, fühlt sich in seiner Rezension auf Qantara.de an »Schundromane der 20er- und 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts« erinnert, in denen »ebenfalls an die Ängste und den Hass des Publikums appelliert und vor der Übernahme unseres Landes« gewarnt werde – mit den bekannten Folgen für das politische Klima seinerzeit.

 

BILD, Emma oder der Autor Thomas Brussig im Tagesspiegel verteidigten Schreiber mit einer bemerkenswerten Argumentationslinie: Der Autor sei selbst ein Kenner der arabischen Welt und des Islams, spreche gut Arabisch und sei daher doch über den Verdacht erhaben, »dumpf rechts« oder von Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Muslimen getrieben zu sein.

 

Diese Logik wirft eine Frage auf: Können Menschen, die sich beruflich oder privat mit der muslimischen Welt befassen und womöglich sogar viel darüber wissen, nicht rechts, identitär oder islamfeindlich eingestellt sein?

 

Ulrike Freitag, Direktorin des Leibniz-Zentrums Moderner Orient und Professorin für Islamwissenschaft an der FU Berlin, glaubt, dass der Anteil von Rechten in der Islamwissenschaft nicht größer ist als in der Normalbevölkerung. »Aber es fällt natürlich besonders auf, weil es Leute sind, bei denen man denkt: Die müssten es ja eigentlich besser wissen.«

 

Tilman Nagel: der Islam als »Gegner unseres Gemeinwesens«

 

Tatsächlich hat die relativ kleine Szene der Islamwissenschaft in Deutschland einige prominente Rechtsausleger hervorgebracht. Tilman Nagel etwa war lange einer der einflussreichsten Orientalisten Deutschlands, Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und von 1981 bis 2007 Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Georg-Augusta-Universität Göttingen. Später schrieb er als Autor für die rechte Zeitung Junge Freiheit.

 

In seinem 2018 erschienenen Buch »Was ist der Islam?« fordert Nagel, »Voraussetzungen für eine Auseinandersetzung mit dem Islam zu schaffen, die diesen als einen Gegner unseres Gemeinwesens ernstnimmt.« Ein gewissenhafter Muslim, so Nagel weiter, könne kein loyaler Bürger eines freiheitlichen Rechtsstaates sein, »wo er doch beharrlich auf dessen Abschaffung hinzuarbeiten« habe. Der vom Verfassungsschutz als »erwiesen extremistisch« eingestufte Blog PI-News lobte sein Buch »Was ist der Islam?« und kommt zu dem Schluss, jeder könne etwas daraus lernen.

 

»Tilman Nagel ist eigentlich ein anerkannter Wissenschaftler. Allerdings hat er sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder in Kontroversen versteift«, sagt Kai Hafez. Der Politik- und Kommunikationswissenschaftler von der Universität Erfurt vermutet dahinter das Bedürfnis »eines klassischen Islamgelehrten, Gehör zu finden« in einer lauten medialen Debatte, die sich um den Elfenbeinturm wenig schert. Diese werde ohnehin vor allem von Figuren ohne wissenschaftliche Expertise dominiert.

 

Zudem beobachte Hafez häufig »das Phänomen, dass älterwerdende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu einer biografischen Radikalisierung neigen«, sagt Hafez. Manche könnten nur schwer damit umgehen, dass ihnen »die ursprüngliche Rolle, die sie einmal innehatten, entrinnt«.

 

Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, Professor Emeritus der Universität Bern, schätzt den Fall anders ein. Schulze erinnert sich an die gemeinsame Studien- und frühe Lehrzeit Nagels an der Universität Bonn in den 1970er Jahren. Es habe dort »ein bestimmtes politisches Milieu, das deutlich rechts ausgeprägt war« gegeben, erinnert sich Schulze. »Und in diesem Milieu war Nagel nicht allein.«

 

Auch Hans-Peter Raddatz, promoviert in Orientalistik und Volkswirtschaftslehre, kam aus dem Bonner Stall. Raddatz warnte besonders nachdrücklich vor der systematischen Unterwanderung Europas durch den Islam. Seine Sachbuchpublikationen tragen Titel wie »Von Allah zum Terror?« »Allahs Schleier«, »Allah und die Juden« oder »Allah im Wunderland: Geld, Sex und Machteliten«.

 

»Ein verschwörungstheoretischer Hintergrund strahlte schon damals so stark durch, dass es unerträglich war, sich das anzuhören«, erinnert sich Reinhard Schulze. »Raddatz war nicht mehr Teil von dem, was wir uns unter Wissenschaft vorgestellt haben.«

 

»Paradigmen, die weit ins 19. Jahrhundert zurückweisen«

 

Doch woher rührt die rechte Gesinnung bei einigen Islamwissenschaftlern? Sie stehen damit in gewisser Weise in der Tradition ihrer Disziplin, die auf einige dunkle Perioden zurückblickt: Die Orientalistik-Institute wurden in einigen Fällen während der Kolonialzeit eigens gegründet und dazu berufen, Theorien zum besseren Verständnis der »Anderen« zu erbringen. Deutlich wird das am Beispiel Hamburgs, wo am Kolonialinstitut eine Professur für Geschichte und Kultur des Orients eingerichtet wurde, um den Einfluss des Islams auf die einheimischen Bevölkerungen der deutschen Kolonien zu untersuchen.

 

Und auch der Nationalsozialismus hat tiefe Spuren im Fach hinterlassen. Orientalisten der älteren Generation erinnern sich noch an Bertold Spuler, SA- und NSDAP-Mitglied sowie Professor für Islamkunde an der Universität Hamburg. 1967 wurde Spuler vorübergehend vom Dienst entbunden, nachdem er Demonstranten im Hörsaal zugerufen hatte, dass sie ins Konzentrationslager gehörten.

 

Entscheidend für die Entwicklung sei aber, »dass die Wissenschaftskultur und -sprache, die sich in den 60ern und 70ern artikuliert hat, vielfach noch in Paradigmen beheimatet war, die weit ins 19. Jahrhundert zurückwiesen,« befindet Reinhard Schulze.

 

FU-Professorin Ulrike Freitag wiederum glaubt, das Phänomen der »rechten Islamwissenschaftler« sei nicht allein aus einer wissenschaftshistorischen Perspektive heraus erklärbar. »Persönliche Unsicherheiten und Enttäuschungen, die Projektion von eigenen schlechten Erfahrungen, manchmal auch dezidiert christliche Überzeugungen, wo die politische mit einer theologischen Sicht verbunden wird«, zählt die Islamwissenschaftlerin mögliche Faktoren auf.

 

Bei Einigen sei auch die eigene Frustrationen erkennbar, sowie eine Enttäuschung über die Entwicklung des Islam, der doch früher so eine »interessante Kultur« gewesen sei und heute eher mit gescheiterten Staaten und Terrorismus in Verbindung gebracht werde – »enttäuschte Liebe, sozusagen.«

 

Unter der Woche im Landtag, am Wochenende im Hörsaal

 

Der Orientalist Hans-Thomas Tillschneider ist selbst nach den Maßstäben der AfD im strammrechten Lager zu verorten. Tillschneider studierte unter anderem in Damaskus, wurde in Jena promoviert und war von 2010 bis 2016 Akademischer Rat am Lehrstuhl für Islamwissenschaft an der Universität Bayreuth.

 

Tillschneider half bei der Organisation des Leipziger »Pegida«-Ablegers und unterstützte Björn Höcke beim Aufbau des offiziell inzwischen aufgelösten »Flügel«. Er unterhält Kontakte zur »Identitären Bewegung« und wird seit 2020 vom Verfassungsschutz beobachtet. In einer Rede an »Kameraden« unterstellte Tillschneider dem Zentralrat der Juden in Deutschland, die Einwanderung von Muslimen zu befördern, um »multikulturelle Verhältnisse« zu schaffen. Seit 2016 sitzt er als Abgeordneter für die AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt.

 

An der Uni Bayreuth bietet der Privatdozent Tillschneider im laufenden Sommersemester ein Blockseminar an – Titel: »Der Muḫtaṣar al-Qudūrī: eine kompakte Einführung in das islamische Recht«. Dass er Gegenwind nicht nur von anderen Wissenschaftlern, sondern auch von Studierenden bekommt, dafür hat er auf Anfrage von zenith eine recht einfache Erklärung parat: »Das ist so, weil heute eine Studentengeneration die Unis beherrscht, die so unkritisch, so konformistisch und schlicht so verblödet ist wie keine andere Generation zuvor.«

 

Seit 1998 beschäftigt sich Hans-Thomas Tillschneider akademisch mit dem Islam. Während er noch 2014 in der FAZ die Hoffnung äußerte, dass ein »deutscher Islam« entstehen könne, »ein kulturelles Angebot, das Einwanderern aus islamischen Ländern erlaubt, reibungslos Deutsche zu werden und Muslime zu bleiben«, verglich er 2017 bei einer Veranstaltung des »Flügels« die Religion mit »Baumpilz«, der den »Stamm der deutschen Eiche« befalle.

 

Warum er Islamwissenschaft studiert hat, beantwortet Tillschneider zenith so: Aus »Neugier auf das Fremde!« Der Orientalist, so führt er aus, sei der Fachmann für das Fremde. »Seine Tätigkeit setzt deshalb voraus, dass es das bleibt, was es ist: fremd. Der Orientalist erforscht und erkennt das Fremde in seiner Fremdheit. Dadurch macht er die Differenz zwischen dem Eigenen und dem Fremden stark«. Was aktuell als Islamwissenschaft bezeichnet werde, so Tillschneider, sei der Versuch, »dem Islam seine Fremdheit zu nehmen und ihn in die abendländische Tradition einzubauen.«

 

Ein Satz, der wie ein Leitgedanke für die handelnden Personen in Constantin Schreibers Roman »Die Kandidatin« wirkt. Wohl deshalb lobt auch der extremistische Blog PI-News das Werk. »Constantin Schreiber ist einer der wenigen deutschen Journalisten im Mainstream, die sich wirklich auskennen mit der islamischen Lebenswelt« – er lasse sich nicht einlullen, heißt es dort.

 

Inwiefern der Roman tatsächlich ein identitäres Weltbild abbildet, sei dahingestellt. Ebenso, ob Schreiber ein Islam-Experte ist (Für ein Gespräch dazu stand Schreiber zenith nicht zur Verfügung). Der 42-Jährige hat Jura studiert und war bei einer Bank sowie als Medienberater, Journalist und Moderator tätig. Er spricht Arabisch und hat nach eigenem Bekunden viel Zeit in arabischen Ländern verbracht.

 

Für seine Sendung »Marhaba – Ankommen in Deutschland«, in der er Geflüchteten auf Arabisch »Deutschland erklärt«, erhielt er den Grimme-Preis. Schreiber verfasste zwei Sachbücher über Muslime in Deutschland mit den Titeln »Kinder des Korans« und »Inside Islam«: Es ging darin unter anderem um demokratiefeindliche und antisemitische Tendenzen in Schulbüchern aus der muslimisch geprägten Welt sowie in Freitagspredigten deutscher Islam-Gemeinden.

 

»Die Botschaft: Der Islam und die Muslime sind nicht unschuldig«

 

Islamwissenschaftlich fundierte Kritiken warfen Schreiber damals vor, »ungenau, verzerrend und bisweilen faktisch falsch« gearbeitet zu haben sowie sowie eine »einseitige Fokussierung auf radikale, militante und abgrenzende Prediger«, die Existenzen bedrohen könne. Schreibers jüngstes Projekt heißt »Moscheepedia«: Er ruft zur digitalen Erfassung der Gebetshäuser auf, damit Deutschland mehr über die muslimischen Gemeinden und ihre Hinterhofmoscheen erfährt.

 

Die Wiener Journalistin Melisa Erkurt zieht in der taz eine Parallele zur umstrittenen österreichischen »Islamlandkarte« und wirft den Projekten vor, muslimische Organisationen und Moscheen unter Generalverdacht zu stellen: »Völlig harmlose Vereine werden mit problematischen vermischt.«

 

Reinhard Schulze, einer der für »Inside Islam« herangezogenen Islamwissenschaftler, teilt auf Anfrage seinen Eindruck von den Gesprächen mit Schreiber. »Der Tenor, den er in diesem Buch zum Ausdruck bringt, war immer schon erkennbar. Ich habe schwer den Eindruck, dass eine Botschaft mitgeteilt werden soll, und die lautet: Der Islam und die Muslime sind nicht unschuldig.«

 

Vergleicht man Schreiber mit den Kolleginnen und Kollegen bei der Tagesschau, die Neutralität und Sachlichkeit verkörpern, so ist bei ihm zumindest ein gewisser missionarischer Eifer zu erkennen. Oder sind dies schon die frühen Anfänge einer »biografischen Radikalisierung«?

Von: 
Lisa Genzken

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