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Sexuelle Gewalt, Susanne Schröter, Silvesternacht, Ägypten

Es geht nicht um Hass

Kommentar
Geschlechterdiskriminierung und Intoleranz offen anzusprechen, kann Frauen das Selbstvertrauen geben, den Status quo in Ägypten infrage zu stellen.
Geschlechterdiskriminierung und Intoleranz offen anzusprechen kann Frauen das Selbstvertrauen geben, den Status quo in Ägypten infrage zu stellen. Foto: Goethe-Institut Kairo / Roger Anis

Die Anthropologin Susanne Schröter behauptet, von nahöstlichen Migranten gehe eine von Frauenhass motivierte sexuelle Gewaltwelle aus. Sie sei Teil ihrer »Kultur« und in Deutschland dürfte man nicht darüber sprechen. Das ist Unfug. Eine Replik.

Seit bald zwanzig Jahren forsche ich als Kulturanthropologe in Ägypten und anderswo im Nahen Osten, und einen beträchtlichen Teil meiner Forschung habe ich unter jungen Männern durchgeführt. Vor knapp zehn Jahren habe ich schon mal über sexuelle Übergriffe in Ägypten geschrieben. Deswegen habe ich die in Deutschland geführte Debatte seit den Übergriffen am Silvesterabend 2015 in Köln mit Interesse und einigem Befremden verfolgt.

 

Ich habe auch versucht, mich in die Diskussion einzumischen und war ernüchtert, wie schwierig es war, zwei Dinge gleichzeitig zu sagen. Erstens: Während sexuelle Gewalt ein leider weltweites Phänomen ist, sind die spezifischen Formen, die sie annimmt, oft kulturell und gesellschaftlich strukturiert – darunter auch diejenigen Formen, die einige junge Männer 2015 mit nach Deutschland gebracht haben. Sie haben Schrecken und Empörung hervorgerufen, weil sie in der Gestalt ungewohnt für die meisten Menschen in Deutschland waren. (Häusliche Gewalt hingegen ist altbekannt und verursacht keine vergleichbare gesellschaftliche Aufregung.)

 

Zweitens: Rassismus und Stigmatisierung funktionieren dadurch, dass tatsächliche oder angebliche Taten oder Charakterzüge von Mitgliedern einer Minderheit zur Grundlage und zum Vorwand für Vorurteile, Diskriminierung und Hass gegen sie werden. Das Thema Sexualität ist eine besonders fruchtbare Grundlage für die Ausgestaltung solcher Vorurteile.

 

Aber um das eine ernst zu nehmen, muss man das andere nicht klein reden.

 

Anthropologen, die mit ihrem Fachwissen verantwortlich umgehen, reden heute ungern über »Kultur«. Denn in öffentlichen Debatten spricht man heute von »Kulturen«, als wären sie Computerprogramme, die das Verhalten von Menschen determinieren: kollektivistisch oder individuell, frei oder autoritär. Anthropologen halten solche »Kulturen« schon lange für eine Fiktion – mitunter eine gefährliche Fiktion, die eine Grundlage für Rassismen und Vorurteile bietet.

 

Eine auf hierarchische Kontrolle der Versuchung gerichtete moralische Erziehung versagt, wenn die Kontrolle ausfällt und die Versuchung überwiegt.

 

Kulturen als kollektive Computerprogramme gibt es nicht. Was es hingegen sehr wohl gibt, ist Kultur im Sinne der Kultivierung: wie ich mir unterschiedliche Fähigkeiten und Empfindsamkeiten (und auch Unfähigkeiten und Mängel an Empfindsamkeit) im Laufe meines Lebens aneigne. Kultur ist ein lebenslanger Lernprozess, komplex und oft widersprüchlich, und meist im Wandel. Ein solcher Lernprozess ermöglicht es mir, spezifische Formen von Gewalt und Missbrauch für normal zu halten und auch auszuüben – bietet mir aber auch spezifische Möglichkeiten, sie zu überwinden.

 

Unter den wichtigen Fragen, die sich aus meiner Sicht stellen, sind: Wie kommen spezifische Formen sexueller Gewalt zu Stande? Und was hilft dagegen? In meiner Forschung habe ich erfahren, wie manche Menschen in Ägypten sowohl zu Hause als auch von moralischen Instanzen wie Lehrern und Predigern lernen, dass soziale Kontrolle und Hierarchien die besten Mittel gegen die gefährlichen Triebe der Sexualität und Gewalt sind. Männer lernen dabei einerseits, dass sie die Verantwortung über das Verhalten anderer – zum Beispiel von Kindern, Frauen, Gästen – innehaben. Andererseits lernen sie aber, dass sie selbst schwach sind gegen die Versuchung, die von Frauen ausgeht.

 

Dies hat aber zur Folge, dass manche Männer sich in der Abwesenheit von hierarchischer Kontrolle gehen lassen und sich unverantwortlich und aggressiv verhalten. Genau das ist bei einigen sexuellen Angriffen geschehen, deren Zeuge ich sein musste. Nicht Hass, sondern eine übertriebene, fast euphorische Aufregung war die vorherrschende Stimmung. Die Täter waren oft sehr jung. Insofern scheinen sexuelle Übergriffe der Art, wie ich sie in Ägypten gesehen habe, und was sich offenbar auch in der Silvesternacht in Köln abspielte, eine gesellschaftlich spezifische Form des moralischen Scheiterns: Eine auf hierarchische Kontrolle der Versuchung gerichtete moralische Erziehung versagt, wenn die Kontrolle ausfällt und die Versuchung überwiegt.

 

Die Täter können sich dabei wohl bewusst sein, dass sie falsch handeln. Aber sie können es sich umso mehr erlauben, je mehr sie gelernt haben, dass sie für das Verhalten anderer verantwortlich sind, selbst aber schwach sein dürfen – und keine Konsequenzen fürchten müssen.

 

Ein solches Muster des moralischen Scheiterns ist auch in Europa und Nordamerika zu finden – etwa in der Freiheit von mächtigen Männern, zu tun, was sie wollen, in einer Welt, die Erfolg vergöttert, was von der #MeToo-Kampagne endlich thematisiert wurde. Ein anderes Beispiel wären Einsamkeit und Selbstmord: Sie können das spezifische moralische Scheitern einer Gesellschaft sein, die das Glück in radikaler Individualität und Selbstverantwortung verspricht.

 

Nach meiner Forschungserfahrung besteht der Grund dafür, dass Männer sich erlauben, Frauen zu belästigen, vor allem darin, dass sie keine Sanktionen und Strafe erwarten.

 

Dies ist der Anthropologie gut bekannt. Nun aber meldete sich die Fachkollegin Susanne Schröter zu Wort und warnte im Juni in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor einem nicht genauer definierten, aber ihrer Aussage nach mächtigen Bestreben, alle zum Schweigen zu bringen, die den Frauenhass der Islamisten und der Patriarchen anprangern. Schröter richtet sich dabei offensichtlich auch gegen Autorinnen, die sich selbst stark und aktiv in Bewegungen gegen sexuelle Gewalt engagiert haben. Sie klagt an, richtet den erhobenen Zeigefinger auf das islamische Patriarchat und seine angeblichen Verbündeten, und sagt uns: Die sind nicht von uns, so etwas gehört nicht zu uns. Sie schreibt gegen das angebliche Verschweigen oder passive Gutheißen sexueller Gewalt durch muslimische Migranten an. Aber wer verschweigt das eigentlich? Und gibt es eigentlich jemanden, der sie gutheißt? Schröter nennt keine Namen und bietet keine Zitate.

 

Ja, nach der Silvesternacht 2015 in Köln gab es einen Moment, da es vielen unangenehm war, darüber zu sprechen, dass viele Migranten (und Migrantinnen) auch die destruktiven Seiten und die Widersprüche ihrer Gesellschaften und Lebenserfahrungen mitbringen. Aber seitdem wird in Deutschland durchaus auch eine differenzierte Diskussion in den Medien und der Politik darüber geführt, und in der Jugendarbeit werden lösungsorientiert konstruktive Ansätze gesucht und auch gefunden. Immer wieder sind Täter von sexueller Gewalt identifiziert, verklagt und verurteilt worden. Dies ist wichtig, denn nach meiner Forschungserfahrung besteht der wichtigste Grund dafür, dass Männer sich erlauben, Frauen zu belästigen und anzugreifen, einfach darin, dass sie keine Sanktionen und Strafe erwarten. Und das Bewusstsein, nicht ungestraft davonzukommen, hilft Männern, sich verantwortlicher zu verhalten.

 

Das heißt nicht, dass man nicht über Patriarchat und Normen zu reden braucht. Eine der interessantesten Entwicklungen in der arabischen Welt seit der Jahrtausendwende ist die Entstehung eines neuen, alternativen Männlichkeitsideals, das auf kommunikative Fähigkeiten und partnerschaftliche Beziehung mit der Ehefrau (es ist ein überaus heteronormatives Ideal) statt Stärke und Autorität als wichtige männliche Eigenschaften setzt.

 

Dieses Ideal setzt freilich kulturelle und gesellschaftliche Ressourcen voraus. Nicht jeder kann es sich leisten. Es ist gewissermaßen ein Distinktionsmerkmal der mittleren und bürgerlichen Klassen. Es ist zudem ein durchaus patriarchales Ideal, denn es setzt nach wie vor den Mann als den Brotverdiener und die Frau als die Mutter in den Vordergrund. Auf jeden Fall bedeutet das aber, dass die Idee, man könne Männer in sympathische Gegner und gefährliche Anhänger des Patriarchats teilen, nicht weit trägt.

 

Schröters Thesen gelten in Fachkreisen als übertrieben zugespitzt, analytisch schwach, und zum Teil als sachlich falsch.

 

Patriarchat – die »Herrschaft der Väter« – ist eine intime gesellschaftliche Hierarchie, in der Männer über Frauen und Alte über Junge bestimmen. Wenn sie gut funktioniert, lernen alle, ihre eigene Rolle in der Hierarchie mehr oder weniger gut zu spielen. Solche Hierarchien wandeln sich am Ehesten dadurch, dass Menschen anfangen, ihre Rollen anders (oder auch schlechter) zu spielen. Es ist viel schwieriger und unwahrscheinlicher, die Rollen und Hierarchien in ihrer Gesamtheit einfach aufzuheben.

 

Was Susanne Schröter mit ihren alarmierenden Wortmeldungen jetzt beizutragen hat, scheint mir folglich sehr fragwürdig. Ganz offensichtlich ist ihre Stimme ja nicht zum Schweigen gebracht worden. Immerhin hat sie in kurzem Abstand Interviews und Essays in anerkannten Tageszeitungen, zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Neuen Zürcher Zeitung, veröffentlicht. Denjenigen Feministinnen, denen sie vorwirft, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, ist das seltener gelungen. Deswegen kann ich ihren Beitrag schwerlich als etwas anderes als Demagogie verstehen.

 

In einem Interview kürzlich in der NZZ sagte Schröter: »Kritik an meinen Aussagen kommt dabei nie von Fachkollegen, sondern aus linken Kreisen.« Das stimmt nicht. Ihre Thesen gelten in Fachkreisen als übertrieben zugespitzt, analytisch schwach, und zum Teil als sachlich falsch.

 

Ja, Gewalt gegen Frauen nimmt gesellschaftlich und kulturell spezifische Gestalten an. Die Kölner Silvesternacht war nicht dasselbe wie Harvey Weinstein oder die Incel-Bewegung. Gewalt bei Volksfesten ist nicht dasselbe wie Gewalt zu Hause. Schröters Analyse, wenn man von einer Analyse reden kann, ist allerdings schwach. Sie schreibt unterschiedlichste Formen von Gewalt gegen Frauen einer einzigen Ursache zu: Hass. Doch wenn wir uns konkrete Ausprägungen von Gewalt gegen Frauen anschauen – sei es im Nahen Osten, in Deutschland, oder anderswo – scheinen sexistische Geringschätzung, männlicher Selbstbestätigungsdrang und unkontrollierte Macht oft ausschlaggebender zu sein. Und auch gefährlicher.

 

Einiges, was Schröter über sexuelle Gewalt in Ägypten schreibt, ist sachlich falsch. Es gibt in Ägypten keine neuerliche Epidemie der sexuellen Angriffe, sondern ein seit langem bestehendes strukturelles Problem.

 

Weinstein hat mit Missbrauch von Macht zu tun, Incel mit Hass. Auch im Nahen Osten gibt es leider viele mächtige Missbraucher und gekränkte Frauenhasser, auch hier bestehen viele gesellschaftliche Machthierarchien aufgrund der direkten Androhung von Gewalt (Gewalt innerhalb von Familien hat oft das direkte Ziel, solche Hierarchien aufrechtzuerhalten). Nach meiner wissenschaftlichen Kenntnis sind aber weder Hass noch Machterhalt der Beweggrund von Männern, die – von geradezu festlicher Freude angetrieben – gemeinsam Frauen begrapschen und angreifen.

 

Einiges, was Schröter über sexuelle Gewalt in Ägypten schreibt, ist sachlich falsch. Es gibt in Ägypten keine neuerliche Epidemie der sexuellen Gewalt, sondern ein seit langem bestehendes strukturelles Problem. Es kann sein, dass solche Attacken in den letzten Jahren schlimmer geworden sind, aber ich habe kollektive sexuelle Angriffe persönlich schon in den 1990er Jahren beobachtet und einen Pressebericht darüber aus dem Jahr 1929 gefunden. Die Anthropologin Arlene Macleod, die in den 1980ern über die damals neue Bewegung der Verschleierung von Frauen forschte, berichtete, dass Ägypterinnen, die außer Haus arbeiten gingen, das Kopftuch als einen Schutz gegen die schon damals allgegenwärtige sexuelle Belästigung ansahen. Geholfen hat es allerdings nicht.

 

Neu ist aber, dass Frauen sich wehren. Dass viele Menschen (Frauen wie Männer) wütend über sexuelle Gewalt sind und dies öffentlich artikulieren, und dass es Versuche gibt, etwas dagegen zu tun. Die schlechte Nachricht ist, dass das Problem noch lange nicht gelöst ist, und viele Männer nach wie vor ungestraft davonkommen. Eine gute Nachricht wiederum, dass es nicht mehr als normal gilt, und dass in der ägyptischen Gesellschaft unterschiedliche Strömungen zusammenkommen, um das Problem anzugehen. Das passt aber nicht in Schröters Erzählung von einem allgegenwärtigen Angriff, der seit kurzem gegen Geschlechtergleichheit und Frauen zugange sei.

 

Schröter hat am Ende auch keine Lösungen anzubieten, wie Männer lernen können, sich verantwortlich zu verhalten. Stattdessen scheint sie sich vor allem dagegen zu wehren, das Problem der Stigmatisierung von migrantischen und muslimischen Männern ernst zu nehmen. Ihr konkreter Vorschlag, sofern einer erkennbar ist, läuft auf eine aggressive Assimilationspolitik hinaus, die nach ihrer Ansicht muslimische Migranten aus ihrer kulturellen Isolation bringen soll. Mit so etwas kann man gut Wahlkampf machen, aber ich möchte doch daran erinnern, dass es in Frankreich, das schon seit Langem die aggressivste Assimilationspolitik Europas betreibt, trotzdem arg segregierte Wohnverhältnisse und viele aktive Dschihadisten gibt.

 

Solche Probleme dürften durch Schröters Vorschlag aber eher verschärft werden. Denn Stigmatisierung hilft nicht. Im Gegenteil: Sie hält Hierarchien aufrecht und zerstört Potenziale zur Verbesserung. Sie legitimiert institutionellen Rassismus, also eine Situation, in der Menschen trotz erfolgreicher Assimilation von Erfolgschancen ausgeschlossen werden. Das ist ein guter Nährboden für identitär-konservative Abschottungsideologien – und ebenso wie Rassismus wird auch identitäre Abschottung oft sexuell artikuliert. Wenn wir das Ziel haben, eine gespaltene und gettoisierte Gesellschaft zu verwirklichen, sollten wir Schröters Vorschlag folgen. Ansonsten gibt es in Deutschland aber zahlreiche und konstruktive Initiativen und Ansätze, die das Problem der Gewalt angehen, ohne dabei zu einer polarisierenden Panik beizutragen.


Der Sozial- und Kulturanthropologe Samuli Schielke, geboren in 1972 in Finnland, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin.

Von: 
Samuli Schielke

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