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Syrer im Exil

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Feature
Neuanfang im Exil
Vom syrischen Flüchtling zur Vollzeitkraft beim Kopenhagener IT-Riesen IMS: Lilas Hatahet, 38, Mutter zweier Söhne im Zug nach Hause in Odsherred, Dänemark.

Viele Syrer, die vor dem Krieg nach Europa fliehen mussten, haben sich im Exil eine neue Existenz erarbeitet. Sie haben ihren Wiederaufbau längst gestartet, ohne auf ihr Land zu warten. Drei persönliche Erfolgsgeschichten über neue Syrer.

Eine Mutter und ihre Söhne. Sie toben auf den Betten der Jungs in ihrem Haus in Odsherred auf der dänischen Insel Seeland. Sie lachen, freuen sich, veranstalten eine Kissenschlacht. Sie leben. Das Bild von Lilas Hatahet, Ward (6) und dessen älteren Bruder, Wajd (9), es scheint so gewöhnlich, so alltäglich, doch es erzählt von einem Wunder: Im Juli 2012 erfährt die heute 38-jährige Journalistin, dass der syrische Geheimdienst sie zur Fahndung ausgeschrieben hat. Damals hatte sie in der Kommunikationsabteilung der Oper Damaskus gearbeitet – und sich im Internet offen zur friedlichen Opposition bekannt.

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Lilas jüngerer Sohn Ward (6) in Asnæs, DänemarkFoto: Carole Alfarah

Als sie vom Haftbefehl erfuhr, blieb ihr nicht einmal Zeit, die Koffer zu packen. Sie nahm nur ihre beiden Kinder mit – und viele, niemals verblassende Erinnerungen an ihr Leben in Damaskus. Zuerst flohen sie in den benachbarten Libanon. Von Beirut aus ging es dann mit dem Flugzeug nach Kairo – und saß dann erst einmal fest. Damals konnten Syrer noch ohne Visum nach Ägypten einreisen. Doch die syrische Botschaft in Kairo verweigerte ihr die Verlängerung ihres Ausweises – und ohne Pass bekam Lilas kein Visum für den EU-Raum. Die einzige Route, die ihr noch offenstand, war die illegale Einreise nach Europa über die griechische Grenze. Nach einer langen und gefahrvollen Flucht von Ägypten in die Türkei, dann von dort per Schiff nach Griechenland, kamen sie Ende 2014 schließlich nach Dänemark.

 

Vertreter von »Reporter ohne Grenzen« hatten sich ihres Falles angenommen, als sie Lilas in einem Flüchtlingslager in Griechenland getroffen hatten. Die NGO half ihr, einen Aufenthaltstitel als Flüchtling in Dänemark zu erhalten und einen Job bei IMS (International Media Support), in Kopenhagen zu finden. Für die NGO ist sie nun als Medienberaterin für arabische Startups tätig. Außerdem schreibt die 38-jährige als freiberufliche Journalistin über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Flüchtlingen in Dänemark sowie den Krieg in Syrien, etwa für die Tageszeitung Dagbladet Information.

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Auf der Fassade des Hauses steht auf Englisch das Wort »HOME«. Odsherred, DänemarkFoto: Carole Alfarah

»Wenn du die Chance bekommst, dir etwas Neues aufzubauen, hast du wieder das Gefühl, nicht nur ein Flüchtling zu sein, nicht nur eine Zahl in einer Statistik, nicht nur eine leere Bezeichnung, sondern du bist ein Mensch«, sagt Lilas. Sie ist dankbar, dass sie und ihrer Kinder überlebten und dass sie eine Zukunft haben.

 

Lilas führte ein gutes Leben in Damaskus. Sie hatte Arbeit und Stabilität, schickte ihre Kinder in die besten Schulen Syriens, tat alles dafür, ihren Kindern eine hohe Lebensqualität zu bieten. Da noch einmal bei Null anzufangen ist eine niederschmetternde Erfahrung, aber Lilas hat einen starken Willen, sie ist eine Kämpferin.

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Lilas Hatahet (2.v.l.) kam als Flüchtling in Dänemark an. In der Mittagspause unterhält sie sich hier mit ihren neuen Kolleginnen bei »International Media Support« (IMS).Foto: Carole Alfarah

 

Für sie »war dieser Moment der Anfang eines neuen Lebens, das Haus einzurichten, Möbel zu kaufen, alles gemütlich zu gestalten, und mir wurde bewusst, dass ich Möbel und Accessoires aussuchte, die denen in meinem Haus in Damaskus glichen.« Das Haus in Damaskus steht immer noch, an eine Rückkehr in ihre Heimat mag Lilas aber noch nicht denken – insbesondere wegen ihrer Kinder. »Ihre Heimat ist Dänemark«. Ganz ausschließen möchte sie die Option aber nicht. »Vielleicht, wenn die Kinder größer sind.«



In Görlitz fehlen Apotheker. Immer weniger junge Menschen wollen dort leben und arbeiten – deshalb schickte die deutsche Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen Hossam Jalouk und seine Frau Afraa, nach deren Flucht aus Syrien, dorthin – um in Görlitz zu leben. Und zu arbeiten.

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Das Ehepaar Hossam Jalouk (35) und seine Frau Afraa (34) hat einen gemeinsamen Sohn und einen akademischen Abschluss. Das junge Paar heiratete 2012 während des Krieges in ihrer Heimat.Foto: Carole Alfarah

 

Das Ehepaar, er 35, sie 34 Jahre alt, hat einen gemeinsamen Sohn und einen akademischen Abschluss. Das junge Paar heiratete 2012 während des Krieges in ihrer Heimat. Ihre Hochzeitsreise beschreiben sie mit den Worten: »Sie fand zwischen Panzern und Mörsergranaten statt.« Hossam gelang es, über private Kontakte im Libanon einen Job in einer Apotheke zu finden. Er mietete ein Haus, in dem er mit Afraa in Beirut lebte. Doch als am 25. Dezember 2012 ihr gemeinsamer Sohn Majed zur Welt kam, ließen sie sich im Libanon beim UNHCR als Flüchtlinge registrieren. Auf den libanesischen Standesämtern verweigerte man ihnen eine Geburtsurkunde, nur auf diesem Weg erhielt ihr Kind offizielle Dokumente.

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Das Paar hat unter anderem Deutschkurse besucht und die Familie beherrscht die deutsche Sprache inzwischen gut. Die Eltern jetzt haben nun eine Zulassung erhalten, sodass Hossam und Afraa ab 2018 als Apotheker in Görlitz arbeiten kann.Foto: Carole Alfarah

 

»Im Flugzeug von Beirut nach Hannover waren wir etwa 200 Flüchtlinge, die alle mithilfe des UNHCR Asyl in Deutschland erhalten hatten«, erzählt Hossam. Das junge syrische Paar hatte gemischte Gefühle, einerseits waren sie voller Sorge hinsichtlich der ungewissen Zukunft, andererseits froh, in einem sicheren Land sein zu dürfen. Sie bekommen in Görlitz neue Chancen auf eine bessere Zukunft – aber es wird ihnen nicht immer leichtgemacht.

 

Viele deutsche Frauen sprechen sie regelmäßig auf ihren Hidschab an. »Nehmen Sie das Kopftuch zum Duschen ab?«, fragen sie sie. Oder »Tragen Sie das Kopftuch auch nachts?« Afraa ist das sehr unangenehm, sie fühlt sich anders, fremd, wie eine Attraktion. »Die Menschen sehen nur mein Kopftuch, aber unsere Bildung, auch die reiche Geschichte unserer Kultur, kennen sie nicht«, sagte sie. »Am Anfang starrten sie uns an, als kämen wir von einem anderen Planeten!«

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Majed wird bald eine kleine Schwester haben. Und der Papa erzählt seinen beiden Kindern dann: »Deutschland ist unsere Heimat. Das Land, das uns aufgenommen hat, ohne uns überhaupt zu kennen.«Foto: Carole Alfarah

 

Das erste Jahr war schwer. Afraa, Hossam und ihr Sohn Majed sahen sich zu Beginn ihres neuen Lebens in Deutschland mit vielen Problemen konfrontiert, die sie aber eifrig zu meistern versuchten. Das Paar hat unter anderem Deutschkurse besucht und die Familie beherrscht die deutsche Sprache inzwischen gut. Daher haben die Eltern jetzt auch eine Zulassung erhalten, sodass Hossam und Afraa ab 2018 endlich als Apotheker in Görlitz arbeiten werden können.

 

Afraa ist außerdem wieder schwanger, Majed wird bald eine kleine Schwester haben. Und der Papa erzählt seinen beiden Kindern dann: »Deutschland ist unsere Heimat. Das Land, das uns aufgenommen hat, ohne uns überhaupt zu kennen – während viele arabische Staaten uns kennen, aber uns trotzdem nicht haben wollten.«

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Trotz des privaten Glücks steht das Paar vor einem Dilemma: Denn eigentlich wollen sie nach Ende des Krieges nach Syrien zurückkehren. »Es ist eine schwierige Entscheidung«, sagt Afraa.Foto: Carole Alfarah

 

Seit Sommer 2017 ist Afraa wieder schwanger. Trotz des privaten Glücks steht das Paar vor einem Dilemma: Denn eigentlich wollen sie nach Ende des Krieges nach Syrien zurückkehren. »Es ist eine schwierige Entscheidung«, sagt Afraa.



»Wir waren sechs Tage lang auf dem Meer«, erzählt Jihad Eshmawi, 26, palästinensisch-syrischer Student, geboren und aufgewachsen in Damaskus. »Das Boot, das vor uns abgelegt hatte, war gesunken, genau wie das Boot, das nach uns losgefahren war. Wir versuchten, uns durch ständiges Singen von dem Gedanken abzulenken, dass unser eigenes Boot jeden Moment kentern könnte.«

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Jihad war während des Krieges mehrfach dem Tod knapp entronnen. Schließlich musste er fliehen, als sein Stadtviertel durch Kampfhandlungen vollkommen zerstört wurde. Foto: Carole Alfarah

 

Jihad war während des Krieges mehrfach dem Tod knapp entronnen. Schließlich musste er fliehen, als sein Stadtviertel durch Kampfhandlungen vollkommen zerstört wurde. Gemeinsam mit seinen zwei jüngeren Brüdern floh er nach Ägypten, wo sie an Bord eines Bootes die gefahrvolle Überfahrt über das Mittelmeer antraten, die sie nach sechs Tagen von Alexandria ins italienische Rimini führte. Ein Patrouillenboot der Nato rettete sie schließlich. Wieder hatte Jihad überlebt. ‚Isthmus’, ein Begriff, der meist eine schmale Landzunge meint er diese Erfahrung selbst, was übersetzte einen Zeitraum zwischen Tod und Auferstehung beschreibt.

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Gemeinsam mit seinen zwei jüngeren Brüdern floh er nach Ägypten, wo sie an Bord eines Bootes die gefahrvolle Überfahrt über das Mittelmeer antraten, die sie nach sechs Tagen von Alexandria ins italienische Rimini führte. Foto: Carole Alfarah

 

Gemeinsam mit 77 weiteren Flüchtlingen aus Syrien ging es dann mit dem Bus nach Malmö in Schweden. Jihad bekommt Asyl, zieht nach Göteborg, lernt schnell Schwedisch und findet einen neuen Freundeskreis, das erleichtert ihm die Integration. Seine Mutter kommt im Rahmen des Familiennachzugs ebenfalls nach Schweden und lebt mittlerweile gemeinam mit seinen beiden Brüdern ebenfalls in Göteborg.

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Gemeinsam mit 77 weiteren Flüchtlingen aus Syrien ging es dann mit dem Bus nach Malmö in Schweden. Jihad bekommt Asyl, zieht nach Göteborg, lernt schnell Schwedisch und findet einen neuen Freundeskreis, das erleichtert ihm die Integration. Foto: Carole Alfarah

 

In Syrien hatte Jihad an der Universität Damaskus BWL studiert und für internationale Menschenrechtsorganisationen als Buchhalter gearbeitet, – NGOs in Schweden freuten sich bald über seine Erfahrungen und seine Mitarbeit. Arbeit ist sehr wichtig für Jihad, sie bedeutet Unabhängigkeit und Freiheit, sagt er. Und erklärt: »Seit ich für das Schwedische Rote Kreuz arbeite, fühle ich mich als Teil der schwedischen Gesellschaft, insbesondere da meine Arbeit es mir ermöglicht, eine Brücke zwischen Neuankömmlingen in Schweden und den Ortsansässigen zu schlagen. Das half mir, ein Gefühl von Stabilität zu erreichen. Ich bin jetzt nicht mehr derjenige, der Hilfe benötigt, sondern ich bin der, der hilft.«

 

Seit Frühjahr 2017 ist Jihad schwedischer Staatsbürger. Eine Rückkehr kommt für ihn nicht mehr in Frage. »Höchstens zum Urlaub«, sagt er. »Und nur wenn wieder Frieden in Syrien eingekehrt ist.«

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Seit Frühjahr 2017 ist Jihad schwedischer Staatsbürger. Eine Rückkehr kommt für ihn nicht mehr in Frage. »Höchstens zum Urlaub«, sagt er. »Und nur wenn wieder Frieden in Syrien eingekehrt ist.«Foto: Carole Alfarah
Von: 
Carole Alfarah
Fotografien von: 
Carole Alfarah

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Der »Wiederaufbau« soll diejenigen belohnen, die mit Mut zum Risiko in den Erhalt des Assad-Regimes investierten. Ein zenith-Dossier über Mächte und Menschen, die Syriens Zukunft nicht nur anderen überlassen wollen.