Lesezeit: 6 Minuten
Alan Posener, Sawsan Chebli und die Frage, wer sich Palästinenser nennen darf

Sawsan Chebli darf ihre Eltern »Palästinenser« nennen ...

Kommentar
Sawsan Chebli
Foto: privat

... und Alan Posener sollte sich für ein paar Wochen ein Twitter-Verbot auferlegen. Warum, erfährt, wer alte Zeitungen liest.

Man sollte nicht von Twitter auf andere schließen. Durchschnittlich kultivierte Menschen werden dort seltsam übergriffig. Sie werfen – im günstigsten Fall – mit Beschimpfungen um sich. Im ungünstigen mit historischen Tatsachenbehauptungen.

 

Neulich setzte die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli, Kind palästinensischer Flüchtlinge und bundesweit inzwischen wohl bekannter als ihr Chef, der Regierende Bürgermeister, mal wieder einen Tweet ab. Sie beklagte sich, dass sie fortwährend nach ihrer »ursprünglichen« Herkunft gefragt werde, und schloss die 280 Zeichen mit dem Satz »Meine Eltern sind Palästinenser«.

 

Woher soll dieses Mädchen, und woher sollen ihre ja bekanntlich bildungsfernen Eltern schon wissen, was sie sind? Das muss sich, so oder ähnlich, der Welt-Journalist Alan Posener gedacht haben. Er sah sich jedenfalls bemüßigt, Chebli umgehend zu schulmeistern. Ihre Eltern seien nur »Palästinenser, wenn sie – wie mein Vater – die palästinensische Staatsbürgerschaft gehabt hätten. ... So alt können sie gar nicht sein«, schrieb Posener.

 

Der Gestus einer solchen Äußerung mag an und für sich schon kleinlich und herablassend wirken, wenn es denn wenigstens stimmte. Besonders peinlich wird es allerdings, wenn nicht einmal davon auszugehen ist.

 

Posener äußert sich gern und regelmäßig zum Nahostkonflikt. Und er hat an anderer Stelle behauptet, dass die Palästinenser, oder das palästinensische Volk, lediglich Erfindungen des einstigen PLO-Präsidenten Yassir Arafat gewesen seien: ein Marketing-Instrument, um der Behauptung Nachdruck zu verleihen, dass man selbst, die arabische Bevölkerung Palästinas, schon lange vor den Juden dagewesen sei.

 

Dieses Narrativ gründet sich auf die vielfach vorgetragene Behauptung, dass sich die Araber im historischen Palästina – bis zur Staatsgründung Israels – nicht selbst als Palästinenser bezeichnet hätten und daher auch nicht glaubhaft machen könnten, sie seien ein Volk mit Anspruch auf einen eigenen Staat.

 

»Es ist schon komisch, dieses Palästina«

 

Nun ist die historische Forschung zum Nahostkonflikt mindestens so alt wie der Staat Israel und das britische Völkerbundmandat. Und eigentlich sollte man unter Menschen, die Forschung nicht nur als etwas Gutes, Sittliches, sondern in gewisser Weise auch Verbindliches ansehen, solche Diskussionen nicht mehr führen müssen. Aber es scheint, dass dieser Konsens auch unter seinen lautesten Verfechtern nicht Saison hat, wenn es um Israel und Palästina geht.

 

Der Begriff »Palästinenser« war in der Tat zur Zeit der britischen Mandatsherrschaft durchaus gebräuchlich unter der jüdischen Bevölkerung. Mit der »Palestinian Citizenship Order« erklärten die britischen Behörden im Jahr 1925 die bis dahin osmanischen Untertanen zu palästinensischen Staatsbürgern, ob Juden, Muslime, Christen oder Drusen. Sie waren damit keine gleichberechtigten britischen Bürger, aber Schutzbefohlene der Krone.

 

»Es ist schon komisch, dieses Palästina«, schrieb die südafrikanische Sozialdemokratin Rita Hinden am 24. Januar 1936. Nirgendwo auf der Welt habe sie so viel Unsicherheit, Selbstbetrachtung und soul searching erlebt wie unter den »Palestinians« – für sie offenbar die jüdischen Bewohner des Mandatsgebiets. Und die Zeitung, die Hindens Kommentar verbreitete, sollte sich erst 1950 von Palestine Post in Jerusalem Post umbenennen.

 

Der Begriff »Palestinians« schien sich länger zu halten. Noch im Januar 1947 tourte der Schweizer Abenteurer Hans deMeiss Teuffen, damals angeblich einziges nicht-jüdisches Mitglied der jüdischen Gewerkschaft Histadruth, über die Bühnen Palästinas mit einem Kabarettprogramm: Der Titel »As the Palestinian People See It, Jews and Arabs Alike«.

 

Es scheint, dass sich das »palästinensische Volk« mit der Zeit im allgemeinen Sprachgebrauch buchstäblich spaltete. Die Resolution 181 der UN-Vollversammlung vom November 1947 zum corpus separatum, der besonderen internationalen Stellung von Jerusalem, spricht in ihrer Präambel von »the two Palestinian peoples«.

 

Unter den jüdischen Bewohnern Palästinas vermehrte sich mit den Jahren die Kritik an der Selbstbezeichnung »Palästinenser«, wobei es in der dortigen – sehr lebhaften und diskursfreudigen – Presse bis Ende der 1930er Jahre üblich blieb.

 

In den Archiven aus der Zeit liest man Nachrichten über »palästinensische Truppen«, die einen Besuch in London abstatten und unter denen sich »auch Araber« befanden. Und ebenso gab es heftige Diskussionen zwischen arabischen und jüdischen Intellektuellen – vor allem, als der Begriff »Erez Yisroel« unter der zionistischen Bewegung immer mehr Anhänger fand und allmählich auch in den Nachrichten erschien.

 

Al-Yarmuk, eine der zahlreichen, in Kleinstauflagen verbreiteten arabischen Zeitungen Palästinas, die vom Pressespiegel der Mandatsbehörden ausgewertet wurde, forderte im März 1927 für das »palästinensische Volk« die vollständige Unabhängigkeit unter einer arabischen Regierung. Im März 1930 kritisierte ein Leserbriefschreiber aus Nablus einen arabischen Notabeln in der Zeitung Al-Salam mit den Worten: »Wer hat Dich eigentlich gewählt, das palästinensische Volk zu vertreten?«

 

Und Amin Rihani, libanesischer Fabrikantenerbe, Schriftsteller und Unterstützer der arabischen Sache Palästinas, ärgerte sich, ebenfalls im Frühjahr 1930, in Al-Jamia al-Arabiya sogar darüber, dass die Zionisten den Arabern angeblich eine eigene Volksidentität andichten wollten: »Die Zionisten erzählen den Amerikanern, die Palästinenser seien ein separates Volk und getrennt von allen Arabern zu betrachten.«

 

Am 2. Mai 1939 berichtete der Korrespondent der Palestine Post aus Kairo von einem Gipfeltreffen arabischer Politiker mit britischen Diplomaten, um einen Plan zur provisorischen Selbstverwaltung Palästinas nach Auslaufen des Völkerbundmandats zu diskutierten. Der Plan sah vor, eine Nationalregierung zu ernennen, die laut Post ausschließlich aus »palästinensischen« Ministern bestehen soll. Im Originalartikel ist von »Palestinian (read Arab) ministers« und »Palestinians (Arabs) as advisors« die Rede.

 

Wann und wo wurden die Cheblis eigentlich geboren?

 

Offenbar muss die Post ihrer – vornehmlich, aber nicht ausschließlich jüdischen – Leserschaft des Jahres 1939 noch erklären, was die arabischen Autoren des Plans mit »palästinensisch« meinten. Und sei es nur der journalistischen Korrektheit wegen. Yassir Arafat, der angebliche Erfinder des Begriffes »Palästinenser« für die arabische Bevölkerung Palästinas war damals übrigens zehn Jahre alt.

 

Man könnte dem entgegenhalten, dass die arabischen Politiker in ihrer einhelligen Ablehnung eines jüdischen Staats Israel, den Begriff »Palästinenser« damals vereinnahmen wollten. Als Reaktion auf das zionistische Staatsbildungsprojekt. Aber für den »Palästinenser« als kollektive oder individuelle Selbstbezeichnung von Arabern und Muslimen in Palästina gibt es auch zahlreiche ältere Belege – aus einer Zeit, in der es weder das Völkerbundmandat noch eine Palestinian Citizenship Order gab.

 

In seiner 2017 unter dem Titel »The Invention of Palestine« in Princeton vorgelegten Dissertation hat Zachary J. Foster einige interessante Quellen zusammengetragen, unter anderem aus der Zeitung Filastin der Jahre 1911-1914, als Palästina unter osmanischer Herrschaft stand. Deren Herausgeber, die Vettern Al-’Isa aus Jaffa, verwendeten den Begriff »palästinensische Landsleute«, bezogen auf die arabische Bevölkerung, und zwar ziemlich programmatisch. Laut Foster verteilten die Isas 1914 in jedem arabischen Dorf Palästinas eine Ausgabe des Blattes. »Viele Menschen lasen Filastin und lernten nun, dass sie Palästinenser waren«, schreibt Foster.

 

In dieser Frage offenbar ganz Kinder ihrer Zeit, versuchten nach dem Ersten Weltkrieg einige arabische Denker sogar nachzuweisen, dass es eine palästinensische Ethnie oder Rasse gebe, die sich aus den verschiedenen durch das Heilige Land gezogenen Völkern zusammengemischt habe. Sie verfolgten diesen Pfad offenbar nicht weiter. Vielleicht ja, weil ein der Wissenschaft verpflichteter Palästinenser, der ernst genommen werden wollte, die historische Präsenz der Israeliten im antiken Palästina als Faktum anerkennen musste. Man spielte damals offenbar nicht ganz so befreit auf wie später die PLO – oder heute mancher Kolumnist auf Twitter.

 

Wie jemand sich selbst oder seine Landsleute bezeichnet, und mit welcher Absicht das geschieht, lässt sich am Beispiel des Begriffs Palästinenser eigentlich ganz gut belegen: Die jüdische Bevölkerung des Mandatsgebiets nahm allmählich davon Abstand, als sich die Staatsgründung Israels abzeichnete und die Spaltung der »zwei palästinensischen Völker« immer offenbarer wurde. Die arabischen Palästinenser hingegen nahmen diesen Begriff immer mehr für sich an.

 

Zum Schluss noch eine Frage, die hier kaum noch eine Rolle spielt. Wann und wo wurden Sawsan Cheblis eigentlich geboren? Laut Chebli 1935 und 1938 bei Haifa, zur Zeit des britischen Mandats Palästina. Aber woher, so wird sich Alan Posener nun denken, will dieses Mädchen, und wollen seine ja bekanntlich bildungsfernen Eltern, das so genau wissen.

Von: 
Daniel Gerlach

Banner ausblenden

20 Jahre zenith: Woher wir kommen. Wohin wir fliegen

Die neue zenith ist da!

In der Jubiläumsausgabe zu 20 Jahren zenith schildern aktive und ehemalige Mitarbeiter, wie sich die arabisch-muslimische Welt in dieser Zeit verändert hat. Aber auch unser Blick auf sie und unsere Art, darüber zu berichten.

Verreisen Sie mit zenith

01. - 10. November 2019
Der Oman ist weltweit bekannt für seine atemberaubenden Landschaften und historischen Stätten, die am Golf ihresgleichen suchen. Der Oman ist aber auch aus kultureller und gesellschaftlicher Perspektive einzigartig. Staatsreligion des Omans ist zwar der Islam, die sehr tolerante und auf Koexistenz basierende Rechtsschule der Ibadiyah lässt aber auch viele andere Religionsgemeinschaften, darunter Christen und Buddhisten, erblühen. Wir bringen Sie in Kontakt mit Vertretern der verschiedenen Glaubensgemeinschaften und der omanischen Regierung, um eine lebhafte Debatte über Religion und Freiheit zu führen.