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Der in Syrien verschollene Pater Paolo dall’Oglio

Paulus der Syrer

Portrait
Kolumne Daniel Gerlach

Was der bis heute verschwundene Jesuitenpater offenbarte, bevor er seine Heimat verlassen musste.

Wenn mich die Erinnerung nicht trübt, hatten wir Pater Paolo dall’Oglio damals versprochen, dass wir ihn noch einmal zu Rate ziehen würden, bevor wir das Gespräch veröffentlichen. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Gemeinsam mit Marcel Mettelsiefen, zenith-Kollege und Dokumentarfilmer, war ich im März 2012 ins syrische Kloster Deir Mar Musa Al-Habashi gereist, um den Jesuiten zu seinen Ansichten über den Krieg in Syrien zu befragen.

 

Paolo war damals Vorsteher einer der weltweit bekanntesten spirituellen Begegnungsstätten des Nahen Ostens. Malerisch gelegen in einem schroffen Berghang des Anti-Libanon, im Grenzgebiet der Provinzen Homs und Rif Damaskus, benannt nach dem heiligen Moses von Abessinien – ein Asket, der vor seiner Bekehrung zum Christentum ein berüchtigter Wegelagerer gewesen sein soll und daher auch den Beinamen »der Räuber« trägt.

 

Paolo klebte buchstäblich an seinem Fernseher und versuchte, sich aus den Nachrichten einen Reim zu machen – und aus der Art und Weise, wie die Konfliktparteien die Bilder der Toten des Krieges instrumentalisierten. »Von einer unschuldigen Verwirrung kann keine Rede sein«, wetterte er. Alle Seiten spielten den Medienkrieg meisterhaft in ihrem Sinne. Als ich ihn fragte, inwiefern er fürchte, dass angesichts der eskalierenden Gewalt ein offener Konfessionskrieg zwischen den Volksgemeinschaften ausbrechen und den Aufstand gegen ein despotisches Regime überlagern werde, sagte er: »Da sind wir bereits mittendrin«.

 

In Damaskus galt er als Störenfried

 

Auf die Frage, ob ihn ein solches Ausmaß an Gewalt überrasche, schaute er mich an, als müsse man an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln. »Dieses System ist auf Gewalt gebaut. Und sie schämen sich auch nicht dafür«. Paolos Kritik an der unerbittlichen Brutalität, mit der das Regime und seine Streitkräfte operierten, war damals bereits weithin zu vernehmen. Dennoch wählte er seine Worte mit Bedacht und gab sich Mühe, keine Schuldzuweisungen zu äußern, die er nicht zweifelsfrei belegen konnte – etwa als er von einer Razzia vermummter Paramilitärs berichtete, die im Kloster die Sicherheitskameras zerschlagen, die Bewohner eingeschüchtert hatten. Angeblich waren sie im Kloster auf der Suche nach Waffen.

 

In Damaskus, bei Vertretern des Regimes, aber auch bei Bischöfen und Priestern verschiedener christlicher Kirchen, galt der italienische Jesuit, der sich selbst als Syrer fühlte, seit 1982 in Syrien lebte und sich selbst nicht einbezog, wenn er »Ihr, der Westen« sagte, längst als unerwünschter Störenfried. Aber er war eben auch weltweit bekannt als eines der Gesichter, die dem Land bis 2011 den Ruf eines interreligiösen Schmelztiegels verliehen hatten.

 

Würdenträger christlicher Kirchen in Syrien, die zum Großteil für das Regime Partei ergriffen hatten und von denen einige sogar die Vernichtung der Aufständischen verlangten, betitelte Jesuit Paolo hin und wieder als »Stammesführer«. Sie seien vielleicht Christen im sozialen und politischen Sinne, aber gewiss keine Jünger Jesu von Nazareth. »Sie glauben, sie könnten ihre Gläubigen mit Propaganda für Assad vor der Auslöschung schützen«, erklärte Paolo mir damals.

 

Einige Wochen zuvor, am Weihnachtsfest 2011 waren zwei ungewöhnliche Besucher an der Pforte des festungsgleichen Klosters vorstellig geworden. Sie waren Muslime, baten aber den christlichen Gottesmann nun um seinen Segen, was diesem einerseits schmeichelte, ihn aber andererseits in eine missliche Lage brachte: Die beiden planten, auf Seiten der Aufständischen in Homs in die Schlacht zu ziehen. Paolo hielt sie nicht ab, sondern ermahnte sie, Barmherzigkeit zu üben und in jedem Menschen ein Geschöpf Gottes zu erkennen.

 

 

»Priester Al-Qaidas« nannte die regimetreue syrische Presse den gebürtigen Lombarden später. Im Frühsommer 2012 musste er als persona non grata Syrien verlassen, wobei sein Ordensgeneral ihn angeblich drängen musste, der Ausweisung Folge zu leisten.

 

Wäre der Begriff nicht anderweitig aufgeladen, könnte man sagen, dass Paolo sich danach radikalisierte. Während er vorher auf striktem Gewaltverzicht bestand, verlangt er Luftabwehrwaffen für einige Rebellen, um damit Bombardements auf die Zivilbevölkerung zu stoppen. Er tat dies, während er durch Europa reiste, auf zahlreichen Konferenzen über den Krieg in Syrien berichtete und dabei oft anderen Kirchenleuten widersprach. Bedauerlicherweise verpasste ich damals die Gelegenheit, mit ihm das Interview-Material zu sichten oder gar die Dreharbeiten mit ihm fortzusetzen.

 

Paolo leugnete nicht den wachsenden Einfluss dschihadistischer Kräfte unter den Aufständischen, warnte aber gerade darum: Jeder Tag des Krieges und jedes zivile Opfer vermehre die Macht der Radikalen. Paolo hatte sein Lager gewählt und schien sich eine Weisheit seines jesuitischen Ordensgründers zu Herzen nehmen: »Man kann in der Klugheit auch zu weit gehen. Allzu kluge Leute führen selten große Werke aus«, sagte einst der Heilige Ignatius von Loyola.

 

Ein Gefangener von solcher Redekunst, Beständigkeit und Körpergröße hätte für jeden Geiselnehmer ein Risiko bedeutet

 

Der studierte Islamwissenschaftler Paolo galt seinen Bewunderern als Idealtyp eines Jesuiten, der fremde Völker und Kulturen studiert, mit ihnen lebt und deren Sprache bravourös beherrscht. Das Vertrauen auf diese Fertigkeiten bestärkte in wohl der Überzeugung, dass einer wie er auch mit den dschihadistischen Banden verhandeln könne, die damals ihren Einfluss im Rebellengebiet ausweiteten. Ob das ein schwerer Fehler war oder ein lohnenswertes Wagnis, vermag heute niemand wirklich zu beurteilen.

 

Im Juli 2013 reiste er über das Umland von Aleppo nach Rakka, eine Provinzhauptstadt am Euphrat, die sich damals vollständig in Händen dschihadistischer Aufständischer lag und später von der Organisation »Islamischer Staat« zu ihrer syrischen Hauptstadt erklärt wurde. Dort verlor sich seine Spur. Immer wieder tauchten unbestätigte Berichte über das Schicksal Pater Paolos auf. Kontaktleute berichteten, dass er zum Gouverneurs-Palast aufbrach, um einen dschihadistischen Kommandeur im Range eines Emirs aufzusuchen, und von dort nicht wiederkehrte.

 

Kämpfer des »IS« brüsteten sich hernach, sie hätten den Jesuiten hingerichtet. Ein Dschihadist, der bis heute angeblich im Schutze eines arabischen Stammes in Rakka lebt und nach der Eroberung der Stadt durch die mehrheitlich kurdischen »Demokratischen Kräfte« SDF im Jahr 2017 in Haft saß, wird des Mordes am Paolo bezichtigt. Oppositionelle beschuldigten auch das Regime, das bei den Dschihadisten zahlreiche V-Leute beschäftigte und mit ihnen Geschäfte machte, habe den Pater auf dem Gewissen. Sein Leichnam wurde nicht gefunden. So wie die Leichname vieler Verschwundener im Syrien-Krieg.

 

Paolos Freunde nährten Hoffnung, er könne nach fünf Jahren – nicht fleischlich, aber doch nachrichtlich – von den Toten auferstehen. Eine Flucht hätte man ihm zutrauen können. Unerkannt untergetaucht wäre der 1,90-Mann, der vor kurzen sein 65. Lebensjahr vollendet hätte, allerdings nicht.

 

Ein Gefangener, der über Paolos Redekunst, Beständigkeit im Glauben und eine derart mächtige Statur verfügt, hätte für jeden Geiselnehmer ein nicht geringes Risiko bedeutet. Aber eben auch ein Pfund, mit dem man wuchern konnte. Die Hoffnung, seine Häscher würden Paolo am Leben lassen, war also nicht ganz unbegründet. Allein sie bestätigte sich nicht.

 

In ihrer Weihnachtsgrußkarte erinnerte die Verwaltung von Deir Mar Musa an ihren einstigen Vorsteher und erklärte, dessen Schicksal sei bis heute ungewiss. Das hat Paolo wohl mit seinem geliebten Syrien gemein.

Von: 
Daniel Gerlach

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