Lesezeit: 8 Minuten
Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Krieg gegen den Terror

Östliche Werte

Essay
Östliche Werte
Stabilität am Saronischen Golf? Leichter gesagt als getan. NASA

Über Fanatiker, eine Quotenfrau mit Migrationshintergrund und 2.500 Jahre Krieg gegen den Terror.

Bei aller Offenheit für fremde Kulturen, die ja Teil des eigenen Selbstverständnisses ist: Diese Leute scheinen doch ziemlich primitiv zu sein. Schon Kindern geben sie Waffen in die Hand und indoktrinieren sie mit einer Mischung aus militaristischer Ideologie und Märtyrerkult. Wird ihnen langweilig, fallen sie über andere Volksgruppen her, die sie für minderwertig halten, und versklaven sie.

 

Sie behandeln Frauen wie Eigentum, diskriminieren sie, sperren sie weg oder zwingen sie, sich zu verschleiern. Und dabei sind die meisten von ihnen noch höchstwahrscheinlich schwul. Ob es der Mutterkomplex ist, oder die patriarchalische Erziehung? Mit diesen Terroristen ist jedenfalls kein Kompromiss zu machen.

 

Die Mitglieder zweier diplomatischer Missionen, welche die vorherige Administration in guter Absicht zu ihnen entsandt hatte, sind kaltblütig ermordet worden. Entweder treten diese Leute das internationale Recht mit Füßen, oder sie haben noch nie davon gehört. Jedenfalls ist es Zeit, die Achse des Terrors zu durchbrechen.

 

Sie expandieren bereits halbmondförmig. Bald könnte es zu spät sein, ihr Projekt zu stoppen. Ihre transnationale Ideologie sowie ihre Methode, militärische Konflikte bevorzugt by proxy auszutragen, gefährden die staatliche Stabilität in der Region. Sie berufen sich auf eine geradezu mythische goldene Vergangenheit. Eine toxische Mischung aus hypermaskulinen, chauvinistischen und religiösen Vorstellungen scheint ihr Weltbild zu prägen. So fühlen sie sich anderen überlegen; dabei wird ihr Fanatismus eigentlich nur durch ihre Korruptheit übertroffen. Kaufen kannst du sie nicht, dafür aber mieten.

 

Wirtschaftssanktionen allein genügen nicht. Für den Weltmarkt sind sie unbedeutend. Um Öl geht es nicht, diesbezüglich hat man längst den Import diversifiziert. Eher darum, auch in der Peripherie Ordnung herzustellen und einen Dominoeffekt zu verhindern. Letztendlich muss auch der Wahrheit irgendwann zum Recht verholfen werden. Ohne Wahrheit gibt es keinen Frieden; um Werte geht es also auch.

 

Da man hier nicht nur militärisch, sondern auch politisch denken muss, wird General Marduniya mit der Angelegenheit betraut. »Der Sanfte«, so heißt er bei den Veteranen. Marduniya hat sich bereits als Fachmann für nachhaltige Aufstandsbekämpfung bewährt, denn er versteht etwas von winning hearts and minds. Bereits mehrere tyrannische Regime konnte er in Westasien zu Fall bringen und durch demokratische Regierungen ersetzen. Wirtschaftshilfe und Zugang zum Binnenmarkt werden in Aussicht gestellt – als Belohnung für good governance.

 

Marduniya plant für den großen Militärschlag gegen die Aufständischen eine komplexe amphibische Operation. Es gelingt ihm, eine ansehnliche Koalition der Willigen zu schmieden, an der sich verschiedene Nationen beteiligten. Manche versprechen sich davon politische oder wirtschaftliche Vorteile, andere sahen hier eindeutig den Bündnisfall vorliegen, wieder andere haben keine Wahl.

 

Besonders hohe Erwartungen richtet man an Kontingente aus Ägypten und dem Südlibanon. Wer aufgrund historischer und kultureller Sensibilitäten keine Kampftruppen zur Allianz besteuern kann, gibt Geld. Und teilt nachrichtendienstliche Informationen.

 

Besonderes Medieninteresse wird nun einem weiblichen Mitglied der Admiralität zuteil. Die in Bodrum geborene alleinerziehende Mutter gilt als bestens integriert und illustres Beispiel dafür, dass man es als Frau mit Migrationshintergrund weit bringen kann – in diesem Reich der unbegrenzten Möglichkeiten. Auch wenn das zugegebenermaßen selten vorkommt, ist sie doch eine Ausnahme zur Bestätigung der Regel.

 

In jedem Fall genießt sie die Wertschätzung des Staatschefs. Auch General Marduniya profitiert von ihrer interkulturellen Kompetenz. Sie kennt die Mentalität der Aufständischen aufgrund ihrer eigenen familiären Prägung.

 

Beim Angriff auf die Hochburgen des Terrors soll historische Bausubstanz beschädigt worden sein

 

Dann kommt die Woche der Entscheidung. Man hat die Aufständischen schon aus ihren Hochburgen zurückgedrängt. Vielmehr haben sie sich taktisch zurückgezogen, um von den überlegenen Koalitionstruppen nicht in den eigenen vier Wänden aufgerieben zu werden. Man muss zugeben, dass es bei der Befreiung der Terror-Metropole zu nichtsoldatischen Verhaltensweisen kam. Die muss man kritisieren.

 

Kultstätten und historische Bausubstanz wurden mitunter schwer in Mitleidenschaft gezogen. Manche Experten werden dieses Vorgehen der Streitkräfte später als »systematisch« bezeichnen und eine Untersuchung fordern.

 

Man muss der Generalität allerdings folgendes zugutehalten: Ein Krieg gegen den Terror kann nur dann erfolgreich sein, wenn man auch die Propaganda wirkungsvoll bekämpft – etwa dadurch, dass man die Hotspots religiöser Radikalisierung neutralisiert. Und ohnehin ist davon auszugehen, dass die Geschichten von Kriegsgräueln und Entweihungen überzogen dargestellt werden, um sie propagandistisch auszuschlachten. Zu Mobilisierungszwecken.

 

In jedem Fall sieht sich Marduniyas Armada bald den Verbänden der zahlenmäßig unterlegenen Aufständischen gegenüber. Die Erfahrung der letzten Tage hat diese offenbar zusätzlich radikalisiert. Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte befiehlt nun, dass der alliierte Flottenverband in den Golf einläuft und die Meerenge abriegelt. Seine Kriegsschiffe sind größer als die der Aufständischen und ihnen technisch überlegen. Bei Wind und engem Fahrwasser allerdings auch nicht sehr wendig.

 

Beim Treffen des Vereinigten Generalstabs erweist sich die einzige Frau mal wieder als Bedenkenträgerin. Sie empfiehlt, die Sache abzublasen. Die andere Seite sei bereits hinreichend bestraft. Man solle das Schicksal nicht herausfordern, indem man versucht, sie vollends zu vernichten. Vor allem nicht auf einem Schlachtfeld, dessen Untiefen die Aufständischen besser kennen.

 

So in etwa soll Artemisia gesprochen haben, die Dynastin von Halikarnassos und Kommandantin einer Flottille der Koalition. Vergebens. Großkönig Xerxes, Schah der Schahs, Sohn des Dareios und eigentlich kein großer Macho, bedankte sich freundlich für den Rat, ließ dann aber doch zum Angriff blasen. Persiens Sicherheit musste eben auch am Peleponnes verteidigt werden. Und so verloren sie um das Jahr 480 vor unserer Zeitrechnung mehr als 200 Schiffe und, im Sund von Salamis, eine große Schlacht.

Von: 
Daniel Gerlach

Banner ausblenden

zenith 2020-2 Arabischer Frühling

Das arabische Jahrzehnt

Was 2011 begann, ist noch längst nicht vorbei. Der Arabische Frühling geht einher mit Zerwürfnissen und dem Ruf nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. Bestellen Sie jetzt die neue zenith, mit großem Dossier zum zehnten Jahrestag der Umbrüche.