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Interview mit Autorin Ronya Othmann über die Jesiden, Kurdistan und Umwelt

»Diese Verbrechen an der Archäologie faszinieren mich«

Interview
Interview mit Autorin Ronya Othmann über die Jesiden, Kurdistan und Umweltzerstörung

Die deutsch-jesidische Autorin Ronya Othmann erzählt, wie das Trauma des IS-Völkermords an den Jesiden Eingang in ihren Gedichtband genommen hat – und was sie an der Romantisierung Kurdistans stört.

zenith: Dem Genozid durch den so genannten »Islamischen Staat« in Sindschar fielen 5.000 Menschen zu Opfer, 300.000 mussten fliehen. Wie lebt die jesidische Gemeinde in Sindschar heute?

Ronya Othmann: Sindschar hat sich nicht erholt. Türkische Jets fliegen Bombenangriffe, pro-iranische Milizen der Volksmobilisierungseinheiten kontrollieren die Region, viele Gebiete sind vermint und es ist anzunehmen, dass IS-Zellen weiterhin aktiv sind. Viele Menschen wünschen sich momentan, dass man Waldimir Putin wegen dem Ukraine-Krieg vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag stellt. Schneller auf die Beine zu stellen wäre sicherlich derzeit aber eher ein Prozess gegen die Kriegsverbrecher des IS. Die EU könnte IS-Kämpfer aus dem Irak und Syrien vor ein Tribunal stellen. Doch Europa bleibt untätig.

 

Könnten solche Prozesse dabei helfen, die Gefängnisse in Kurdistan zu entlasten und Ausbruchsversuche von IS-Kämpfern wie in Hassakeh zu verhindern?

Natürlich. Hauptsächlich aber es geht in erster Linie darum, die Kriegsverbrecher und Völkermörder des IS vor Gericht zu stellen und den Opfern Gerechtigkeit zu ermöglichen.

 

In ihrem neuen Gedichtband »die verbrechen« widmen Sie sich auch einer ganzen Reihe weiterer Gräueltaten.

Ich schreibe zum Beispiel auch über die vielen Verbrechen des Assad-Regimes in Syrien. Da zieht sich eine rote Linie durch die Familiengeschichten vieler Menschen aus Kurdistan. Ein Sohn ist zum Beispiel im Kampf gegen den IS gefallen, der andere sitzt in der Türkei im Gefängnis.

 

Sie räumen auch der Zerstörung der Natur viel Platz in ihrem Buch ein.

Die Umsiedlungsprogramme des irakischen Diktators Saddam Hussein machten ganze kurdische Dörfer den Erdboden, gleichzeitig trieb er den Raubbau an der Natur voran. Er ließ den Mosul-Staudamm in einem Karst-Gebiet bauen, wo der Boden so bröcklig ist, dass man immer wieder Beton spritzen muss, um einen Durchbruch zu verhindern. Saddam Hussein wollte sich über die Natur stellen. Energiepolitisch machte der Damm ohnehin keinen Sinn. Ein anderes Beispiel: Die Türkei rodet im Kampf gegen die PKK im Irak große Waldflächen. Die Menschen dort können also etwa nicht mehr von Forstwirtschaft leben.

 

»Heimweh bedeutet für mich Sehnsucht nach einem Zuhause, in dem ich nicht aufgewachsen bin«

 

Im Klappentext ist vom »nie endenden Heimweh« die Rede. Sie sind selbst Halb-Jesidin. Wie sieht es bei Ihnen damit aus?

Heimweh bedeutet für mich Sehnsucht nach einem Zuhause, in dem ich nicht aufgewachsen bin. Mein Vater ist Jeside und meine Mutter Deutsche. Meine Kindheit verbrachte ich zu großen Teilen in Deutschland. Mit meinem Gedicht »Könntest du noch einmal zurückkehren, was würdest du mitnehmen?« versuche ich auch, diesen Zwiespalt zu ergründen: Es geht um die Dinge, die man nicht einpacken kann, wenn man einen Ort verlässt. Der Schatten im Schlafzimmer oder die Knochen des Bruders im Friedhof zum Beispiel. Man sehnt sich nach dem, was zurückbleibt.

 

Wie autobiografisch ist Ihr Buch?

»die verbrechen« ist keine reine Autobiografie. Das Buch besteht aus ganz vielen Teilen. Manche Aspekte sind autobiografisch, andere kommen aus meinem Familienumfeld und wieder andere Geschichten habe ich bei meinen Recherchen aufgeschnappt. Und manche kommen sogar aus der Archäologie.

 

Der Archäologie?

Historische Schätze sind in der Erde geschützt, aber wenn sie ausgegraben werden, können sie Opfer von Plünderungen und Zerstörungen werden. Der IS vernichtete oder beschädigte zum Beispiel archäologisches Erbe, wie etwa die Löwenstatue inn Palmyra. Saddam Hussein ließ auf historischen Fundamenten Paläste mit billigem Mörtel gießen. Diese Verbrechen an der Archäologie faszinieren mich.

 

Ihr Vater ist einst von dem Assad-Regime geflohen. Wie lief seine Flucht damals ab?

Eine Flucht ist immer ein langwieriges Prozedere. Mein Vater musste jemanden bestechen, um über die türkische Grenze zu kommen, dort landete er nach einer Razzia ins Gefängnis. Jemand meldete ihn als seinen verschollenen Hirtensohn aus den Bergen an, dann musste wieder jemand bestochen werden. Für meinen Vater war das eine ziemliche Odyssee.

 

»Gerade in der politischen Linken herrscht ein verklärter Blick auf Kurdistan«

 

Sie bezeichnen sich als kurdisch-jesidisch. Manche Jesiden fühlen sich aber gar nicht als Kurden.

Darüber wird unter Jesiden teilweise heftig und erbittert gestritten. Ganz nüchtern betrachtet: Jesiden sprechen Kurdisch. Manche bezeichnen es als Jesidisch, oder Ezdiki, aber es handelt sich de facto um Kurmandschi. In Syrien zielte die Verfolgung gleichermaßen auf Kurden und Jesiden. Währenddessen wurden im Irak auch kurdische Sunniten als Instrument missbraucht, um Gewalt gegen Jesiden auszuüben. Das ist der Grund für die Vorbehalte, sich als Kurden zu bezeichnen. Identität ist auch immer etwas Künstliches, aber ich will sie niemandem absprechen. Wenn ein Jeside, sagt er, er ist Kurde oder eben nicht, muss man das akzeptieren.

 

Was bedeutet die Region Kurdistan für Sie?

Ich bin jedes Jahr zu meinen Großeltern in ein kurdisch-jesidisches Dorf in Syrien gefahren. Das war angesichts der Verfolgung der kurdischen Minderheit unter dem Assad-Regime kein klassischer Sommerurlaub. Positive Erinnerungen verbinde ich trotzdem mit dieser Zeit, trotz ständiger Stromausfälle. Heute ist der Ort nicht mehr so, wie ich ihn früher als Kind wahrgenommen habe. Der Bürgerkrieg, der IS und das Assad-Regime haben diesen Teil des Landes zerstört. Alle meine syrischen Verwandten sind inzwischen geflohen.

 

Wie ist es Ihren Angehörigen in der Region ergangen?

Sie wurden vertrieben. Im Irak leben noch Verwandte – Binnenflüchtlinge des Genozids durch den IS in Sindschar. Ich besuche meine Familie im Irak auch weiterhin. Die Situation ist aber so ungemütlich, dass ich eigentlich nicht dorthin fahren würde, wenn ich nicht für meine Texte recherchieren würde.

 

Sie haben einmal gefordert, wir sollten aufhören, Kurdistan zu romantisieren.

Gerade in der politischen Linken herrscht ein verklärter Blick auf Kurdistan. Die Perspektive ist losgelöst von jeglicher Realität. Man romantisiert »Rojava« als Utopie, während die wirtschaftliche Lage miserabel ist, Assad vor den Toren steht und im Norden türkische Bomben fallen. Es ist kein Zufall, dass der IS einen so großen Ausbruchsversuch wie in Hassakeh wagen konnte.


Ronya Othmann ist Autorin und Lyrikerin. Für die taz schreibt sie zusammen mit Cemile Sahin die Kolumne »Orient Express«. Ihr Gedichtband »die verbrechen« ist im Oktober 2021 im Carl Hanser Verlag erschienen.

Von: 
Raphael Bossniak

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