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Interview mit Historiker Fred Donner über die Frühzeit des Islam

»Muhammad hätte sich nicht als Muslim im heutigen Sinn bezeichnet«

Interview
Interview mit Islamwissenschaftler Fred Donner über die Frühzeit des Islam
Foto: Sam Alrefaie

Kommen Muhammads Eltern in die Hölle? Fred Donner forscht zur Ursprungsgeschichte des Islam und scheut sich nicht vor kontroversen Fragen. Im Interview erklärt er außerdem, warum seine Forschung in Indonesien besser ankommt als in Saudi-Arabien.

zenith: Sie forschen unter anderem zur Entstehung des Islam. Wie kommt das in den muslimischen Ländern und gerade in den Golfstaaten an, auf denen das Augenmerk ihrer Forschung liegt?

Fred Donner: Einige Länder in der arabischen Welt nehmen eine sehr ablehnende Haltung gegenüber einer historischen Interpretation des frühen Islam ein. Saudi-Arabien etwa gründet seine gesamte Identität auf traditionellen Narrativen. Es ist daher schwer für die Saudis, irgendetwas zu akzeptieren, das nach revisionistischen Ansichten klingt. In anderen muslimischen Ländern sieht das anders aus: Indonesien zeigt großes Interesse an Forschungen über den Ursprung des Islam. Die Indonesier stehen seit langem in einem Identitätskonflikt: Sie fühlen sich als Muslime, aber nicht als Araber. Sie suchen nach einem Weg, in ihren eigenen sozialen Strukturen gute Muslime zu sein. Es mag auch in Saudi-Arabien einige Wissenschaftler geben, die an revisionistischen Interpretationen interessiert sind. Aber es ist schwer für sie, sich in ihrer Umgebung offen darüber zu äußern.

 

Falls Archäologen auf Artefakte stoßen würden, anhand derer neue Erkenntnisse über die Geschichte des Islam gewonnen werden können – wären solche Funde nicht aussagekräftig genug, um bisherige Annahmen zu erschüttern? Auch die der Saudis?

Es mangelt uns immer noch an Quellen aus dem siebten, also dem ersten islamischen Jahrhundert. Wir haben viele Berichte aus dem 8. Bis 10. Jahrhundert, die auch weitgehend von Orientalisten herangezogen wurden, um Aussagen über den Ursprung des Islam zu treffen. Das Problem ist, dass es sich dabei um Retrospektiven handelt, die möglicherweise die vorhergehenden Ereignisse idealisierten.

 

Was wäre denn eine konkrete archäologische Entdeckung, die Sie als Durchbruch in dieser Hinsicht bezeichnen würden?

Wir haben kein einziges Dokument, das vom Propheten Muhammad selbst kommt. Es gibt Briefe, von denen einige glauben, dass sie aus seiner Feder stammen. Aber dabei handelt es sich wahrscheinlich um Fälschungen. Ein Dokument von ihm persönlich zu finden, wäre somit ein Durchbruch. Alles, was wir bisher haben, sind Nachweise über Menschen, die ihn direkt kannten, wie etwa seine Eltern...

 

... die wohl zu der Gruppe der »Hanifas« gehörten. Auch darüber wird diskutiert. Kommen Muhammads Eltern in die Hölle, weil sie keine Muslime waren? Den Islam gab es ja erst nach Muhammad.

Die interessante Frage ist hier der Charakter der ersten Gemeinschaft, die Muhammad gründete. Und deren Verhältnis zu anderen Religionen. Viele Menschen nehmen heute an, dass Muhammad von einem religiösen Erlebnis motiviert war und Gott seinen berechtigten Platz in der Welt zuweisen wollte. Aber vielleicht hatte er gar nicht vor, eine neue Religion zu gründen. Er wollte bloß den Monotheismus wiederbeleben, der bereits existierte. Juden und Christen waren Monotheisten – er wollte aus ihnen bloß wahre Monotheisten machen.

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Von: 
Robert Chatterjee

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