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Zum Tod des iranischen Tenor Mohammad Reza Shajarian

»Ich muss mir wirklich keine Sorgen machen«

Nachruf
Mohammad-Reza Shajarian, 2011
Mohammad-Reza Shajarian, 2011 Foto: Ninara Ninara, cc-by-2.0.

Der iranische Tenor Mohammad Reza Shajarian starb am 8. Oktober 2020. In Gedenken an ihn veröffentlichen wir ein Interview aus dem Jahr 2011 – ein Gespräch über Musik und Sprache.

zenith: Herr Shajarian, Sie dürfen seit einigen Jahren nicht im Iran mit Ihrer Musik auftreten.
Mohammad Shajarian: Das hat schon früher angefangen. Ich habe mit fünf Jahren Musik gemacht, und mit 20 bin ich in einem Radiosender unter dem Pseudonym Siavash Bidekani aufgetreten, weil ich meinen Vater schützen wollte – und in meiner heiligen Heimatstadt Mashhad sind die Leute besonders konservativ.

 

Dieses Umfeld verleitet einen ja eher nicht, Musik zu machen. Sie mussten lügen, um dies auszuüben.
Selbst vor der Islamischen Revolution war es nicht selbstverständlich, Musiker zu werden. Es war satanisch und nicht gern gesehen oder gehört. Ich würde nicht sagen, dass ich gelogen habe, wir mussten es eher im Verborgenen tun.

 

Vor wem mussten Sie sich verstecken?
Vor allem vor meinem Vater, er war Koranrezitator. Sein offizieller Titel lautete »Haj Mehdi Shajarian Ostadol Ghara«, und er wollte, dass ich irgendwann diesen Titel übernehme. Aber ich wollte das nie, eher wollte ich immer – wenn man so will – das Gegenteil. Das war nicht leicht, ich war in meinen Anfängen auf mich alleine gestellt.

 

Mit dieser Situation sind Sie in Iran nicht alleine.
Ja, viele junge Künstler müssen sich – wie ich damals – verstecken. Es ist einfach nicht leicht gewesen, die persische Kultur mit dem islamischen Umfeld in Einklang zu bringen. Es ist so geendet, dass viele Dinge in der Öffentlichkeit nicht mehr möglich sind. Wir haben uns an die islamischen Regeln, die im Iran aufgestellt wurden, angepasst. Das macht uns alle ein bisschen scheinheilig.

 

Und das hängt alles am Islam?
Ja, er wurde uns aufgezwungen.

 

Auch Ihnen?
Nein, er spielt in meinem Leben eher keine Rolle.

 

Das Universum geht schon seinen Weg und wir sind die einzigen, die Liebe empfinden können

 

Lassen Sie uns über Ihre Musik reden. Wie würden Sie die iranische Klassik beschreiben?
Es ist wie eine Sprache, die aus Worten und Sätzen gebildet wird. Wir kommunizieren damit. Die Musik, die ich spiele, setzt sich aus Motiven und Elementen zusammen, die ich mir merken muss, und die ich dann beliebig anordnen kann. Es ist wirklich so wie die Sprache, die ich gerade in diesem Augenblick nutze. Anstatt Noten haben wir den Maqam, der aus vier oder fünf dieser Motive zusammengesetzt ist.

 

Sehr simpel, oder?
Ja, aber gleichzeitig muss der Satz zu Ende gesprochen werden. Schon seit tausenden von Jahren wird das so gespielt.

 

Engt es Sie aber nicht ein wenig ein, indem Sie sich strikt an die alte Tradition halten?
Nein, ich kann doch kein Wort, kein Element der alten Gedichte einfach so ändern. Es würde den ganzen Sinn verfälschen. Musik und Sprache haben unseren Respekt verdient, weil Sie die Gedanken unserer Vorfahren transportieren, da können wir nicht einfach so dran drehen.

 

Geben Sie uns doch bitte eine kleine Kostprobe.
Hier ein Vers über die Liebe vom großen Dichter Hafiz: »Sei der Liebhaber, wenn nicht die Welt zu Ende geht. Du hast sowieso keine Weisheit oder nur einen Anhaltspunkt über den Zweck dieser Erde.« Ich lese das so, dass Hafiz uns sagen möchte, dass wir uns um die Liebe kümmern sollen. Das Universum geht schon seinen Weg und wir sind die einzigen, die Liebe empfinden können. Ein Gefühl, das uns auf unserem Weg leitet.

 

Sie haben keine Sorge, dass dies vergessen wird?
Ich hatte große Sorge, aber jetzt nicht mehr. Ich lebe im Iran, seit drei Jahren darf ich dort aber offiziell nicht auftreten. Aber ich habe nun 70 Schüler, einige davon sind so gut, dass ich mir wirklich keine Sorgen machen muss.

 

Illustration: Vereint mit den Großen der persischen Dichtung – Shajarian mit den Dichtern Hafiz, Saadi, Firdowsi, und Omar Khayyam

 

Mohammad Reza Shajarian war iranischer Tenor. Er durfte in seiner Heimat nicht mehr auftreten, dafür reist er durch Europa und die USA und begegnet dem Jubel der Exiliraner dort. Dieses Interview wurde zuerst am 1. November 2011 veröffentlicht.

Von: 
Raha Namvar und Mohamed Amjahid

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