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Lesezeit: 8 Minuten
40 Jahre Sadat-Besuch in Jerusalem

Unternehmen Zauberteppich

Essay
Unternehmen Zauberteppich
Anwar Al-Sadat und Menachem Begin im Jerusalemer König-David-Hotel. Yaakov Saar / Government Press Office

Am 20. November 1977 überraschte der ägyptische Präsident Anwar Al-Sadat mit einer Rede vor der Knesset. Als erstes arabisches Staatsoberhaupt bemühte er sich um politische Annäherung an Israel. Nie wieder kam der Nahe Osten dem Frieden so nahe.

Im Herbst 1977 sollte der Nahe Osten dem Frieden so nahekommen wie nie zuvor. Als der ägyptische Präsident Anwar Al-Sadat am 9. November 1977 zur Eröffnung der Nationalversammlung in Kairo erklärte, dass er selbst nach Jerusalem reisen würde, um zur Aussöhnung mit dem jüdischen Staat aufzurufen, glaubten internationale Beobachter noch an einen rhetorischen Winkelzug. Doch am Folgetag bot der israelische Ministerpräsident Menachem Begin in einer Rundfunkansprache seinerseits direkte Gespräche an.

 

Nur eine Woche später trat Sadat am 20. November 1977 unter minutenlangem Applaus vor das israelische Parlament und legte den Grundstein für den israelisch-arabischen Friedensprozess. Für ihren mutigen Annäherungskurs auf dem Weg zum Camp-David-Abkommen und den Abschluss des israelisch-ägyptischen Friedensvertrags wurden beide Staatsmänner 1978 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

 

In Ägypten sah man sich trotz der verheerenden militärischen Niederlage gegen Israel seit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 als siegreicher Feind auf Augenhöhe. Das Gefühl ewiger Demütigung schien abgelegt. Umso mehr war Sadats Besuch ein unerwarteter Anstoß zur Versöhnung. Bei aller Feindhysterie war das strategische Kalkül beider Seiten erkennbar. Mit friedlichen Beziehungen zwischen Jerusalem und Kairo könne es keinen weiteren großen israelisch-arabischen Krieg mehr geben.

 

Unwirkliche Szenen am Flughafen Tel Aviv

 

»Unternehmen Zauberteppich«, wie Sadats geschichtsträchtige Friedensmission in israelischen Sicherheitskreisen genannte wurde, war ein unwirklicher Tabubruch: Er stellte den antiisraelischen Konsens der arabischen Staatenwelt in Frage und deutete das israelisch-ägyptische Verhältnis neu. So spielten sich am Flughafen Tel Aviv unwirkliche Szenen ab. Die ägyptische Delegation wurde auf dem Vorfeld in euphorischer Atmosphäre empfangen, obwohl sich beide Staaten offiziell noch immer im Kriegszustand befanden. Israelische Soldaten spielten die Nationalhymne ihrer Feinde. Sadat war als Ehrengast des israelischen Ministerpräsidenten im legendären König-David-Hotel untergebracht, einem Relikt britischer Mandatsherrschaft im Herzen Jerusalems, das Begin selbst noch 1946 als Führer der »Irgun« im zionistischen Widerstandskampf sprengen ließ.

 

Sadat stand ein heikler Drahtseilakt bevor. Sein Besuchsplan umfasste Visiten auf dem Tempelberg, in der Grabeskirche und der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. So sollten alle in der Region vertretenen Weltreligionen gleichermaßen geehrt werden. Während die Welt ohnmächtig auf die Konflikte im Vorderen Orient blickte, entwarf Sadat vor der Knesset einen Fünf-Punkte-Plan für seine Friedensvision: Rückgabe der 1967 durch Israel besetzten Gebiete, eine Garantie für die Errichtung eines souveränen Palästinenserstaats, sichere Grenzen, Beziehungen entlang der Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen und Beendigung des Kriegszustands. Das war sein öffentlicher Brückenschlag, der die Tür für Verhandlungen öffnen sollte.

 

Bethlehems Bürgermeister Elias Fredsch umjubelte Sadats Vorstoß später als »Atombombe des Friedens«. Das New Yorker Magazin Newsweek beschrieb ihn 1972 als »Willy Brandt der arabischen Welt«. Boutros Boutros-Ghali, ägyptischer Außenminister unter Sadat und späterer Generalsekretär der Vereinten Nationen, sah in ihm sogar eine biblische Lichtgestalt. Ägyptische Flaggen schmückten die prachtvollen Jerusalemer Einkaufsstraßen.

 

Außer den Präsidenten Somalias und des Sudans nahm kein arabisches Staatsoberhaupt an Sadats Beisetzung teil

 

Das politische Tauwetter stieß in einigen Lagern panarabischer Nationalisten jedoch auf rigorose Ablehnung. Rivalisierende Narrative innerhalb der arabischen Staatengemeinschaft prallten ungebremst aufeinander. Ismail Fahmy, ein langjähriger Weggefährte Sadats und stellvertretender Premierminister, sah die Führung Ägyptens in der arabischen Welt gefährdet und trat unter Protest zurück. Sein Nachfolger Mohammed Riad legte die Ämter nach nur wenigen Stunden nieder.

 

Der syrische Präsident Hafiz Al-Assad verweigerte Sadat trotz persönlicher Gespräche in Damaskus Tage vor dem Besuch seine politische Unterstützung. Eine »Front der Standhaftigkeit« formierte sich unter Führung des libyschen Machthabers Muammar Al-Gaddafi und erwirkte 1979 den Ausschluss Ägyptens aus der Arabischen Liga, deren Sitz von Kairo nach Tunis verlegt wurde. Vor den ägyptischen Botschaften in Beirut und Damaskus explodierten Bomben. PLO-Vertreter ächteten den Besuch als schändlichen Verrat an der antizionistischen Idee. Ihre lang gehegten Hoffnungen wurden schlagartig enttäuscht, aus Sadats Agenda der Re-Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft übermäßige Ambitionen für die palästinensische Sache lesen zu können. Seine Aussöhnungspolitik galt ihnen als Ehrverlust der islamischen Nation.

 

Sadat wurde am 6. Oktober 1981 während einer Militärparade in Kairo zum achten Jahrestag des Jom-Kippur-Kriegs von ägyptischen Islamisten erschossen. Außer den Präsidenten Somalias und des Sudans nahm kein arabisches Staatsoberhaupt an seiner Beisetzung teil. Erst 2004 haben iranische Behörden eine belebte Straße im Teheraner Stadtzentrum umbenannt, die zur Feier von Sadats Tod den Namen seines Attentäters trug.

 

Sadats unerwartete Geste hatte neue Aufbruchsstimmung in die israelisch-ägyptischen Beziehungen gebracht. Er sprach sich trotz innenpolitischer Legitimationszwänge und weitgehender Isolation in der arabischen Staatenwelt für friedliche Beziehungen mit seinen jüdischen Nachbarn aus. US-Präsident Jimmy Carter lud wenig später zu Gesprächen nach Camp David, wo schließlich der erste Friedensvertrag zwischen Israel und einem arabischen Land verhandelt wurde. Jordanien folgte dem Beispiel 1994.

 

Sadat riskierte für den Frieden mit Israel seine Glaubwürdigkeit in der arabischen Welt

 

Sadat setzte entgegen zahlreicher Zentrifugalkräfte und innerarabischem Konformitätsdruck ein Zeichen für Versöhnungsbereitschaft und politischen Aufbruch. Seine Mission in Israel rückte die unversöhnlichen Positionen beider Seiten im Nahostkonflikt näher aneinander. Der damalige Oppositionsführer in der Knesset und spätere israelische Staatspräsident Schimon Peres betonte schon 1977, dass es keine Verwerfungen zwischen Israel und Ägypten gäbe, die nicht durch Verhandlungen ausgeräumt werden könnten.

 

Dieser Zweckoptimismus ist heute einer weitgehenden Diskursverengung gewichen. Obwohl von arabischen Staatsoberhäuptern kein Legitimitätszuspruch durch öffentliche Solidarisierungen zu erwarten gewesen ist, hat Sadat für den Frieden mit Israel seine Glaubwürdigkeit in der arabischen Welt riskiert. Er stellte die Bereitschaft zur politischen Selbstopferung über den Fortbestand eingeübter Feinddefinitionen.

 

Diese pragmatische Hingabe zur Konfliktbewältigung scheint mittlerweile durch andere Zielvorgaben eingeebnet. Politische Vereinfacher neigen heute dazu, die Deutung des israelisch-arabischen Friedensprozesses auf persönliche Bekenntnisse zur Schuldfrage einzuengen. Ideologische Ränkespiele sind Fehlanreize, die Sadats mutige Friedensinitiative aus dem Gegenwartsbewusstsein vieler Praktiker verdrängt haben. Der Friedensprozess wirkt heute weitgehend zur politischen Begriffshülse verkommen.

 

40 Jahre später gibt Sadats Auftritt Anlass zur kritischen Bestandsaufnahme: Keines der Ziele aus seinem Fünf-Punkte-Plan wurde bis heute erreicht oder zum Gegenstand aktueller diplomatischer Initiativen erhoben. Der mutige Auftritt Sadats zeigte jedoch deutlich, wie unbeständig politische Feindbestimmung auf internationalem Parkett sein kann. Für ihn war sie eine überholte Begriffsutopie, die sich mit einem Besuch ablösen ließ – auch wenn es die bisher einzige Visite eines arabischen Staatsoberhaupts in Israel gewesen ist.

Von: 
Kevin Kälker

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