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Die Taliban und Afghanistans Sicherheitsapparat

Das Geheimnis des Dawlat Waziri

Portrait
Die Taliban und Afghanistans Sicherheitsapparat

Er ist der Joseph Fouché Afghanistans. Der einstige Kommunist Dawlat Waziri diente den Regierungen Karzai, Ghani und heute unter den Taliban. Wie ist das möglich?

Dawlat Waziri gehörte einst zu den hochrangigsten Sicherheitsbeamten Afghanistans – und wie viele seiner Kollegen, setzte er sich kurz vor dem Fall von Kabul im August 2021 ins Ausland ab. Zehn Monate später ist der ehemalige Leiter der Abteilung für strategische und öffentliche Beziehungen des Verteidigungsministeriums aber erneut in Afghanistan.

 

Waziris Rückkehr ruft besonders unter den Gegnern der Taliban teils heftige Reaktionen hervor: Verrät der einstige Spitzenbeamte nicht die tausenden Soldaten, die unter der Führung seines früheren Arbeitgebers gegen die Taliban gekämpft haben und ihr Leben ließen? Andere halten Waziri für naiv: Denn nur weil er einem der einflussreichen Paschtunen-Clans angehöre, bedeute das noch lange nicht, vor der Willkür der Taliban sicher zu sein. Selbst wenn sich im ersten Jahr ihrer erneuten Herrschaft zeigte, dass Nicht-Paschtunen kaum am Taliban-Regime beteiligt werden.

 

Waziri wurde 1954 im Bezirk Khogyani in der Provinz Nangarhar geboren und gehört zum gleichnamigen Paschtunen-Clan – nach ihnen ist die heute zu Pakistan gehörende Region Waziristan benannt. Sein Vorname steht gewissermaßen für seinen Karriereweg: Dawlat bedeutet »Staat«, und tatsächlich verbrachte Waziri sein Berufsleben in Afghanistans Militär. Monarchie, Republik, Kommunismus, Bürgerkrieg: Afghanistans wechselvolle Geschichte spiegelt sich auch in der Biografie des Armeebeamten. Waziri war nicht nur Zeuge der politischen Umwälzungen, sondern zuweilen direkt beteiligt.

 

Als Generalmajor unterhielt Dawlat Waziri freundschaftliche Beziehungen zu zentralen Figuren der afghanischen Kommunisten

 

Als Generalmajor in Reihen des Militärs unterhielt Dawlat Waziri freundschaftliche Beziehungen zu zentralen Figuren der kommunistischen »Demokratischen Volkspartei Afghanistans«, die das Land eng an Moskau band, etwa zu Präsident Hafizullah Amin. Als der Staatschef in Ungnade fiel und mit Beginn der sowjetischen Invasion im Dezember 1979 ermordet wurde, konnte sich Waziri halten – und das, obwohl sein Vorgesetzter, Armeestabschef Yaqub Khan, für den er als Bürochef fungierte, ebenso zu den Opfern des Staatsstreichs zählte.

 

Als Fehlschlag endete hingegen der Putschversuch kurz nach Abzug der Sowjets. An der Spitze einer 8.000 Mann starken Infanteriedivision nördlich von Kabul unterstützte Waziri im März 1990 den kommunistischen Hardliner Shahnawaz Tanai gegen Präsident Mohammad Najibullah. Doch auch mit Gegnern der Kommunisten konnte Waziri sich freundlich stellen. So unterhielt er etwa gute Beziehungen zu Gulbuddin Hekmatyar, dem Führer der Hizb-e-Islami, eine der größten Fraktionen der Mudschaheddin im afghanischen Bürgerkrieg.

 

Nach seiner Rückkehr wenden sich nun auch langjährige Weggefährten von Waziri ab

 

So geschickt sich Waziri auch durch die Wirren der afghanischen Machtkämpfe schlängelt, so fraglich sind seine tatsächlichen Kompetenzen als Militär. Ich habe das selber erlebt, als ich ihm auf einer Pressekonferenz eine einfache Frage stellte. Thema war – wie so oft – der Stand des Konflikts mit den Taliban. Und wie gefühlt jedes Jahr konstatierte Waziri in seiner Funktion als Armeesprecher, dass man mit einem Abflauen der Kämpfe im Winter und einer Frühlingsoffensive der Islamisten rechne.

 

So wie andere Kollegen wollte ich in Erfahrung bringen, warum Afghanistans Streitkräfte so defensiv ausgerichtet seien. Warum gibt man den Taliban-Kämpfern die Möglichkeit, im Winter zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu sammeln? Außer ein paar Allgemeinplätze hatte Waziri keine überzeugende Antwort zu bieten. Überhaupt bleiben die damals Verantwortlichen bis heute eine Antwort auf die Frage schuldig, wie eine gut bewaffnete und ausgebildete Armee gegen die Taliban derart versagen konnte.

 

Tatsächlich machte Waziri nicht den Anschein, dass ihm der Schutz von Afghanistans junger Demokratie irgendetwas bedeuten würde. Unter Afghanistans Nicht-Paschtunen ist ohnehin die Ansicht verbreitet, dass die Paschtunen bereit seien, ihre politischen Überzeugungen beiseitezuschieben, um die Vorherrschaft der Volksgruppe über die Nicht-Paschtunen aufrechtzuerhalten – ganz egal unter welchem System. Als ihm in der Polit-Talkshow »Kaktus« im März 2021 wortwörtlich die Systemfrage gestellt wurde – Emirat oder Republik – erwiderte Waziri lapidar: »Das spielt keine Rolle«. Erst als der der Moderator etwas bestimmter nachhakte, schob Waziri etwas pflichtschuldig hinterher: »Die Republik ist schon ganz gut«.

 

Nach seiner Rückkehr in das Islamische Emirat Afghanistan wenden sich nun auch langjährige Weggefährten vom mutmaßlichen Wendehals ab. Hanif Rezaei, einst einer der engsten Mitarbeiter Waziris in der Armeeführung und weiterhin im Exil, geht in einem Facebook-Post hart mit seinem ehemaligen Vorgesetzten ins Gericht: »Ich hätte nie gedacht, dass er es in sich hat, mit Terroristen zu verhandeln. Da habe ich mich getäuscht. … Er hat unter Beweis gestellt, dass er in jedem Regime, in jeder Organisation, nur auf ein Ziel hinarbeitet: die Hegemonie des Paschtunismus.«

 

»Ist es eine Sünde, in seiner Heimat leben zu wollen?«

 

Dawlat Waziri weist derlei Anschuldigungen von sich. »Ist es eine Sünde, in seiner Heimat leben zu wollen?«, schrieb er auf seinem Twitter-Account. Auch von Verrat will er nichts wissen – stattdessen ruft der Mann, der die Taliban im vergangenen Jahr noch als Terroristen bezeichnete, dazu auf, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Er wolle seinem Land dienen, und nun sei es an der Zeit, sich dem Wideraufbau zu widmen.

 

Afghanistans früherer Präsident Hamid Karzai hatte die Taliban als »Brüder« bezeichnet, während diese Tag für Tag Soldaten töteten und die Armee als »Hund der Besatzer« verunglimpften. Ex-Präsident Aschraf Ghani wandte sich mit der Anrede »Sahib« an die Taliban-Führer – ein Zeichen großen Respekts in Afghanistan.

 

Waziri geht es vielleicht nur darum, dass er mit 68 Jahren Frieden sucht, aber was bringt den Taliban seine Rückkehr? Tatsächlich könnte sie den Machthabern helfen, weitere geflohene Mitglieder des früheren afghanischen Sicherheitsapparat zur Rückkehr zu bewegen.

Von: 
Zainab Farahmand

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