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Türkische Truppen am Hindukusch

Erdoğans Afghanistan-Projekt

Analyse
Türkische Truppen am Hindukusch
ISAF Headquarters Public Affairs Office

Ausgerechnet in Afghanistan will Ankara verspieltes Vertrauen zurückgewinnen – und setzt dabei auf Erfahrungen aus Libyen und Bergkarabach.

Recep Tayyip Erdoğan gilt als machtversessen und geltungsbedürftig. Fortschreitender Autoritarismus und immer neue Manöver gegen die Opposition bestimmen die türkische Innenpolitik. In der Außenpolitik sieht sich der Präsident gerne als Herrscher einer aufstrebenden Regionalmacht, dem ein fester Platz am Tisch der Großmächte zusteht.

 

Wunschdenken und Wirklichkeit stehen nicht immer im Einklang miteinander. Vor allem der Machtwechsel in Washington sowie das Ende der Männerfreundschaft Trump-Erdoğan haben die außenpolitischen Handlungsspielräume Ankaras eingeschränkt.

 

Viel ist in den letzten Monaten von Erdoğans »Charme-Offensiven« die Rede. Dabei geht es den Türken darum, in den USA und in Europa verspieltes Vertrauen gutzumachen. Die Reparatur des angeschlagenen Verhältnisses zu Joe Biden, der Erdoğan nach seinem Amtsantritt lange demonstrativ die kalte Schulter gezeigt hat, liegt dem türkischen Präsidenten besonders am Herzen.

 

Mitte Juni klopften Biden und Erdoğan die Eckdaten fest

 

Wie kein anderes Thema belastet der Kauf des russischen Raketensystems S-400 das bilaterale Verhältnis. Washington hat mit Sanktionen auf Ankaras Waffendeal mit Moskau reagiert. Die Entfremdung reicht tief: Große Teile des Washingtoner Establishments hegen Zweifel an Erdoğans Bündnistreue. Zu Hochzeiten des Kalten Krieges galt die Türkei als unverzichtbares Bollwerk der freien Welt. Von dieser Aura ist heute wenig übriggeblieben.

 

Mit einem riskanten Angebot will Erdoğan strategisches Terrain zurückgewinnen. Der hektische Rückzug der westlichen Truppen aus Afghanistan bietet die Kulisse für das brisante Projekt. Beim Treffen am Rande des Brüsseler Nato-Gipfels Mitte Juni klopften Biden und Erdoğan die Eckdaten fest. Der angedachte Afghanistan-Deal war die einzige greifbare Vereinbarung der beiden Männer bei ihrem ersten Treffen seit dem Einzug Joe Bidens ins Weiße Haus.

 

Nach dem Abzug der Amerikaner und ihrer Verbündeten aus Afghanistan soll ein türkisches Militärkontingent zurückbleiben, um den Betrieb des internationalen Flughafens von Kabul sicherzustellen. Ankara ist seit Beginn der internationalen Mission vor zwanzig Jahren mit Truppen am Hindukusch präsent; die Absicherung des Hamid-Karzai-Airports gehört seither zu den wichtigen Aufgaben der Türken.

 

Erdoğans Hilfsangebot in Zeiten großer Unsicherheit über die Zukunft Afghanistans kommt im Westen gut an. »Ich bin dankbar, dass die Türkei bereit ist, eine wesentliche Rolle zu übernehmen«, sagt Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer.

 

Ankara stellt Washington drei Bedingungen

 

Noch ist das Projekt nicht unterschriftsreif, Medienberichten zufolge finden hinter den Kulissen Beratungen auf hoher Ebene vor allem zwischen Ankara und Washington statt. Gelegentlich meldet sich Erdoğan persönlich öffentlich zu Wort. Dabei geht es ihm vor allem darum, seine Konditionen für den türkischen Beitrag zu kommunizieren.

 

Ankara stellt drei Bedingungen: Zunächst erwarte man diplomatischen Beistand, sodann müsse Washington dem türkischen Militär bei der Logistik unter die Arme greifen. Und schließlich – so Erdoğan wörtlich – werde es »ernsthafte finanzielle Probleme« bei dem Projekt geben. Man erwarte, dass die Amerikaner sämtliche Kosten übernehmen, erst dann – so der türkische Präsident großherzig – »können wir eventuell darüber nachdenken, wie wir den Kabuler Flughafen betreiben können.«

 

Die eher unverbindliche Wortwahl mag Teil der Verhandlungstaktik sein. Womöglich ist Erdoğans Konjunktiv auch der Versuch, sich eine Hintertür offenzuhalten für den Fall, dass Ankara ohne großen Gesichtsverlust aus dem Projekt aussteigen möchte, sollte aus militärischen oder politischen Gründen das Projekt abgeblasen werden.

 

Denn: Es geht um einen militärischen Einsatz in Afghanistan, Sicherheitsexperten warnen allenthalben vor den lauernden Gefahren: »Sollte es kein Abkommen zwischen der Türkei und den Taliban geben, ist dies eine mission impossible mit kolossalen Sicherheitsrisiken«, mahnt Nihat Ali Ozcan von der Economic Policy Research Foundation in Ankara.

 

Um das Misstrauen der Taliban zu relativieren, spielt Erdoğan die religiöse Karte

 

Die Haltung der Taliban zu Erdoğan gehört somit zu den Schlüsselfragen bei diesem Projekt. Ungünstig für Ankara: Die Islamisten haben aus ihrer Ablehnung des türkischen Militäreinsatzes keinen Hehl gemacht: »Die Türkei war in den zurückliegenden zwanzig Jahren Teil der Nato-Truppen«, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters Suhail Shaheen, den Taliban-Sprecher in Katar. »Und darum« – so Shaheen – »sollten sie auf der Basis des Abkommens, das wir am 20. Februar 2020 mit den USA unterzeichnet haben, abziehen.«

 

Den Taliban ist vor allem die Nato-Mitgliedschaft der Türkei ein Dorn im Auge. Ankara reagiert mit einer Mischung aus Beschwichtigung und Anbiederung auf die Zurückweisungen der afghanischen Islamisten. Um das offenkundige Misstrauen der Taliban zu relativieren, spielt Erdoğan die religiöse Karte. Es bestünde kein Widerspruch zwischen dem Glauben der Taliban und dem der Türkei, es gebe in der Türkei »nichts, was ihrem Glauben widerspreche«.

 

Es ist nicht bekannt, wie die Taliban auf Erdoğans Anbiederungsversuch reagiert haben. In der Türkei, und dort vor allem bei säkularen Türkinnen und Türken, hat die Gleichstellung einen Sturm der Empörung ausgelöst. Auf Twitter entlud sich unter dem Hashtag #SensinTaliban (»Du bist der Taliban«) zu einem regelrechten Shitstorm gegen Erdoğan. Die Botschaft: Der Präsident irrt, beim Thema Religion bestehen keine Gemeinsamkeiten zwischen der Türkei und den Taliban.

 

Unterdessen zitiert das türkische Programm der BBC einen nicht identifizierten türkischen Sicherheitsvertreter, der die Warnungen der Taliban an Ankaras Adresse relativiert: »Ja, sie sehen die Amerikaner als Invasoren, wir aber haben Kontakte (zu den Taliban). Sie wissen, dass wir keine Invasion planen.«

 

Ankaras Wunschpartner für das Projekt am Hindukusch: Ungarn und Pakistan

 

Ganz auf sich allein gestellt wollen die Türken den Kabuler Flughafen nicht übernehmen. Nach seinem Treffen mit Präsident Biden sagte Erdoğan, seine Wunschpartner für das Projekt am Hindukusch seien Ungarn und Pakistan. Mit Ungarns Viktor Orban verbindet Erdoğan vor allem der Hang zur autoritären Politik.

 

Die Islamische Republik Pakistan ist seit Jahr und Tag ein Fixpunkt im Koordinatensystem der türkischen Außenpolitik. Im Nachbarland Afghanistan spielt Islamabad traditionell eine dominierende Rolle, wobei der einstige enge Verbündete der USA alles andere als ein Musterknabe an Zuverlässigkeit ist.

 

Der türkische Experte Metin Gurcan, der sich treffsicher regelmäßig zu Fragen der Militärpolitik Ankaras äußert, warnt denn auch vor dem unsicheren Kantonisten Pakistan: »Es fällt schwer, sich Pakistan als zuverlässigen Verbündeten der Türkei in Afghanistan vorzustellen… Islamabad würde lieber die Bändel zu einem Marionettenregime der Taliban in den eigenen Händen halten, als diese mit einer dritten Partei zu teilen.«

 

Inzwischen ist durchgesickert, dass Erdoğan das von Washington eingeforderte Geld vor allem als Sold für syrische Söldner benötigt, die – so die Nachrichtenlage – im Auftrag des türkischen Militärs und im Schulterschluss mit Ankaras Geheimdienst die gefährliche Mission in Kabul übernehmen sollen.

 

Mit Söldnern aus Syrien hat Ankara in Libyen und zuletzt auch in Bergkarabach gute Erfahrungen gemacht. Der Zugriff auf Söldner minimiert die Gefahr, dass türkische Soldaten bei den in der Heimat zusehends unpopulären Auslandseinsätzen ums Leben kommen.

 

Söldner-Einsatz in Afghanistan als wichtiger Faktor der ausgreifenden Außenpolitik Ankaras

 

Fehim Tastekin erkennt in dem geplanten Söldner-Einsatz in Afghanistan einen wichtigen Faktor der ausgreifenden Außenpolitik Ankaras: »Präsident Erdoğan ist daran interessiert, private türkische Sicherheitsfirmen zum Baukasten seiner expansiven Außenpolitik hinzuzufügen.« Dabei lasse er sich – so Tastekin bei Al-Monitor – »von den Beispielen der russischen Gruppe Wagner und des amerikanischen Dienstleisters Academi, vormals Blackwater, leiten.«

 

Als Bedingung für die heikle Mission pocht die türkische Regierung schließlich auf die politische Absicherung durch ein internationales Mandat, am besten seitens des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Es wird kein Kinderspiel werden, in diesem Gremium ein positives Votum für Ankaras Militärpläne zu bekommen, zumal Moskau seine Ablehnung bereits deutlich zu Protokoll gegeben hat.

 

Der Totalabzug der westlichen Truppen ist derweil beschlossene Sache, die Umsetzung steht kurz vor dem Abschluss. Ob Erdoğan am Ende eine Schlüsselrolle in dem von einem neuen massiven Ausbruch der Gewalt bedrohten Land übernehmen kann? Wie auch immer das diplomatische Ringen ausgehen wird, Erdoğan ist es gelungen, mit den Amerikanern ins Gespräch zu kommen. Und der türkische Präsident hat sich auf der Bühne der Weltpolitik in Szene setzen können.

Von: 
Ronald Meinardus

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