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Bassam Helou über den Krieg in Syrien

Die Lügen des angeblichen Beschützers

Kommentar

Tobt in Syrien ein Konfessionskrieg? Und machen die Rebellen Jagd auf Christen? Unfug, sagt Bassam Helou. Das Regime habe die Christen benutzt, drangsaliert und längst in die Emigration getrieben.

Viele westliche Medien berichten mit Sorge über das Schicksal der Christen in Syrien. Insbesondere nach dem furchtbaren Bombenanschlag, der am vergangenen Wochenende das christliche Altstadtviertel Bab Touma in Damaskus erschütterte, ist immer wieder zu lesen: Die Christen sind Opfer einer von Islamisten unterwanderten Rebellion.

 

Auch Vertreter der christlichen Kirchen in Syrien haben der Weltöffentlichkeit diese Version verkauft und damit dem Regime den Rücken gestärkt. Tatsache ist: Als die Assad-Clique 1966 durch einen Putsch an die Macht kam und sich das Land Schritt für Schritt untertan machte, lebten in Syrien rund 3 Millionen Christen. Kurz vor der Revolution im März 2011 gab es nur noch geschätzte 1,5 Millionen Christen in Syrien.

 

Das Assad-Regime galt als Schutzpatron der religiösen Minderheiten. Aber hätte sich die Statistik so entwickelt, wenn das Land den Christen wirklich eine Heimat geboten hätte? Das Regime hat die Christen vertrieben, auch wenn es stets das Gegenteil von sich behauptete.

 

Minderheiten, Palästina, oder Ost-West-Konflikt: für die Assads war das alles ein Geschäft

 

Das Assad-Regime hat brutal und auf sehr intelligente Weise versucht, die verschiedenen ethnischen Gruppierungen gegeneinander auszuspielen, um seine Macht zu festigen. Es ist diesem Regime gelungen, einen kleinen Teil der Bevölkerung an sich zu binden, unabhängig von ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Diese Gruppe ist an der Ausbeutung des Landes beteiligt, sie wurde sehr reich, blieb aber abhängig vom Regime.

 

Zu ihnen gehören Alawiten, Christen, Sunniten und Schiiten, sogar Kirchenpatriarchen und Muftis. Politische Auseinandersetzungen wie die Palästina-Frage, die nationale Frage oder die Ost-West-Frage waren für Assad nur ein Business. Und auch mit Terror machte er überregional Geschäfte. Seine Freunde und Verwandten sind in Geldwäsche, Waffenhandel und Drogentransaktionen verwickelt.

 

Man könnte Seiten füllen mit den Namen der vielen Opfer in Syrien, Libanon, Palästina und Irak, die eine Folge dieser Politik wurden. Diese Opfer gehörten nie einer einzigen ethnischen Gruppierung an. Zur Zeit versucht das Regime, eine schiitische Achse – Iran, Irak, Südlibanon – als mit Syrien verbündete Widerstandsallianz gegen Israel darzustellen, um seine Macht zu festigen. Die Folgen erleben wir gerade. Ähnlich sieht es mit der chinesisch-russischen Karte aus – ein angeblicher Pakt gegen westlichen Imperialismus und Zionismus. Wir kennen diese Rhetorik gut.

 

Noch immer fallen Kommentatoren auf Assads Tricks herein

 

Ich bin sehr überrascht, dass noch immer viele Schriftsteller, Journalisten, Politiker auf diese Tricks hereinfallen und glauben, Assad schütze die Minderheiten, und das Land befinde sich in einem Konfessionskrieg. In Syrien haben wir einen Aufstand der breiten Bevölkerung, der sich durch alle Schichten und Gruppierungen erstreckt, und keine Schlacht der Minderheiten.

 

Auch Männer mit Kreuzen um den Hals demonstrierten gegen Assad und kämpfen heute unter den Aufständischen; Christen haben Angehörige anderer Konfessionen vor der Verfolgung durch das Regime versteckt. Die Bevölkerung hat sechs Monate lang friedlich protestiert, musste jedoch, angesichts der brutalen Vorgehensweise der Assad-Truppen und der Schabiha- Milizen, gemeinsam mit den Deserteuren der Freien Syrischen Armee zu den Waffen greifen.

 

Die Folgen kann man nun täglich der Presse entnehmen. Bei dieser mörderischen Zerstörung und Vertreibung der Bevölkerung durch das Regime ist es kein Wunder, dass nun Terroristen versuchen, die Situation auszunutzen und in Syrien Fuß zu fassen. Assad bekämpft das nicht: Es ist ihm nämlich hochwillkommen, um sich und seine Gewalt rechtfertigen zu können.

 

Die Mehrheit der Bevölkerung hat das Spiel durchschaut, ist aber zurzeit ohne Unterstützung von außen nicht in der Lage, sich erfolgreich dagegen zu wehren.


Bassam Helou, geboren 1946 in Syrien, ist Christ, Arzt, Unternehmer und Vorstandsmitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG).
Von: 
Bassam Helou

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