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Interview mit Lamya Kaddor

»Nicht in die Opferrolle drängen lassen«

Interview

Die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes Lamya Kaddor über die Instrumentalisierung des Sankt-Martin-Tages, den Nachteil einer selbststilisierten Opferrolle und ehemalige Schüler im syrischen Bürgerkrieg.

zenith: Frau Kaddor, zenith hat im gerade zu Ende gegangenen Fotopreis einen Einblick in die Lebenswelt der Muslime in Deutschland erhalten – viele der teilnehmenden Fotografen waren Muslime. Wie sehen Sie den Status der muslimischen Mitbürger hierzulande?

Lamya Kaddor: Schätzungen zufolge soll es vier Millionen Muslime geben. Die meisten von ihnen sind Deutschtürken. Ich würde sagen, dass der Status ihrer rechtlichen Gleichstellung in Deutschland auf jeden Fall weiter ist als vor 30 Jahren. Da fingen sie ja gerade damit an, ihre Rechte in Deutschland einzufordern. Als Beispiel sei hier die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts genannt. Es hat sage und schreibe rund 30 Jahre gedauert, bis sich auf diesem Gebiet etwas getan hat. Inzwischen ist die Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit prinzipiell dazu bereit, Moscheebauten zu tolerieren, gleichwohl man sagen, dass die Islamophobie in Deutschland so stark wie noch nie ist und es natürlich immer wieder Proteste gegen solchen Bauvorhaben gibt. Aber es werden repräsentative Gebäude errichtet, und letztlich akzeptiert. Auch werden endlich Fragen thematisiert und öffentlich diskutiert: islamische Seelsorge, islamische Theologie an deutschen Universitäten, Imam-Ausbildung in Deutschland. Die Frage nach der Betreuung muslimischer Berufssoldaten wird besprochen. Man sieht, wir sind definitiv weiter als vor 30 Jahren. Das heißt nicht, dass dies besonders zufriedenstellend ist, aber dennoch sind wir einige Schritte weiter.

 

Die Linkspartei hat jüngst vorgeschlagen, den Sankt-Martins-Tag abzuschaffen, um Muslimen nicht die christliche Tradition aufzudrängen – hilft so etwas der Integration?

Ich halte das für nicht nur unglücklich formuliert, sondern ich würde sogar so weit gehen, so etwas als frech und unverantwortlich einzuschätzen. Das hat auch nichts mehr mit einem vorauseilenden Gehorsam zu tun. Ich glaube, dass da jemand in die Schlagzeilen kommen wollte und es geschafft hat. Das war eine kalkulierte Geschichte. Muslime müssen ja inzwischen tatsächlich für bestimmte Rechte regelmäßig vor Gericht ziehen, und das hat Abgeordnete scheinbar inspiriert. Ganz nach dem Motto, da haben bestimmt auch einige Muslime etwas dagegen, wenn wir den Sankt-Martinszug immer noch so benennen und das unter der christlichen Kultur laufen lassen. Ich glaube aber, dass das gefährlich ist. Damit schürt man die Islamfeindlichkeit beziehungsweise die Vorurteile weiter.

 


Lamya Kaddor

ist Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. Die Deutsch-Syrerin hat mehrere Bücher über die Integration von Muslimen verfasst und ist Lehrerin im nordrhein-westfälischen Schulversuch »Islamkunde in deutscher Sprache«.


 

Was wäre denn der richtige Ansatz?

Richtig wäre erstens, dass man so etwas Muslimen nicht in den Mund legt, die das selbst so nicht gefordert haben. Und zweitens wäre es gut, das Thema nun ein Stück weit ruhen zu lassen. Ich glaube, wir tun uns keinen Gefallen damit, wenn wir ständig, quasi jeden Tag mehrfach in unterschiedlichen Foren, das Thema Muslime und Islam zu hören bekommen. Ich glaube, es tut auch Mal ganz gut, eine gewisse Zeit gar nichts darüber zu lesen. Inzwischen gibt es ein ganzes Ressort beziehungsweise einen ganzen Bereich, den man da bedienen muss. Jede Zeitung hat irgendwelche Islamexperten oder Journalisten, die in den Redaktionen sitzen, die ganz bewusst nur dieses Thema bearbeiten. Ich glaube, wir täten gut daran, Muslime häufiger als normale Menschen darzustellen und nicht immer nur als die, die Rechte einklagen und fordern und mit denen es im Zusammenleben ein Problem gibt. Sie sind nämlich auch völlig normale Bürgerinnen und Bürger, die sich zum Beispiel für Umweltschutz oder gegen Atomenergie einsetzen.

 

Sehen Sie das häufig produzierte Medienbild – dass Muslime immer nur einfordern – als eine Projektionsfläche für die islamophoben Fanatiker?

Definitiv. Und auf der anderen Seite werden Muslime als potenziell gefährlich dargestellt, weil sie irgendwelche Anschläge auf wehrlose Menschen verüben. Damit wird ebenfalls ein Bild gezeichnet, das natürlich das Feindbild Islam stärkt und somit auch die Fanatiker auf der rechten Seite – oder auf welcher auch immer – im Grunde genommen füttert.

 

Stichwort Fanatiker am rechten Rand: Wie wird denn der NSU-Prozess von den Muslimen wahrgenommen?

Der NSU-Prozess wird schon verfolgt. Andererseits sind diese Morde nicht nur deshalb geschehen, weil die Opfer alle Muslime waren. Es gab auch ein griechischstämmiges Opfer. In erster Linie war es ein fremdenfeindliches, rassistisches Motiv. Vielleicht auch ein islamophobes Motiv. Ich glaube, wir Muslime tun uns keinen Gefallen damit, wenn wir das wieder an unserer Religion festmachen und uns jetzt aufgrund dessen noch weiter als Opfer dieser Gesellschaft stilisieren. Wir sind es definitiv, aber deswegen müssen wir uns ja nicht noch selbst weiter in diese Rolle drängen. So läuft man schnell Gefahr, gar nicht mehr ernst genommen zu werden.

 

»Wo sind die Verbandsfunktionäre, wenn Ehrenmorde verübt werden?«

 

Welche Schritte wären maßgeblich, um sich von dieser Opferrolle zu befreien?

Indem nicht jedes Ereignis dazu genutzt wird, diese Opferrolle zu festigen. Ich halte es für einen Fehler, dass beispielsweise Verbandsfunktionäre öffentlichkeitswirksam bei dem NSU-Prozess anwesend sind und sich ungefragt das Opfergewand überziehen, um es für die eigenen, möglicherweise durchaus legitimen Ziele, auszunutzen. Das ist einfach ein falsches Signal, das davon ausgeht. Andererseits machen sie es ja nicht zu ihrer Sache, wenn beispielsweise Ehrenmorde an irgendwelchen jungen Mädchen verübt werden. Wo sind sie da? Es muss wenigstens eine Ausgewogenheit da sein. Die sehe ich derzeit nicht. Wo sind denn die muslimischen Dachverbände, wenn ein Autor von explizit muslimischer Seite diffamiert wird? Nein, es wird immer nur in diese Opferrolle gezoomt. Man denke nur an den Mord an Marwa El-Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal 2009. Dem lag natürlich primär ein islamfeindliches Motiv zugrunde. Aber auch da fand ich es bezeichnend, dass man Fotos mit dem hinterbliebenen Ehemann im Krankenhaus macht, aber niemals Fotos macht oder Besuche abstattet, wenn Töchter von ihren Brüdern und Vätern ermordet werden. Oder wenn Muslime unter Berufung auf den Islam Terroranschläge planen.

 

Warum ist das Thema Ehrenmord kein Thema für die Verbände?

Es ist wahrscheinlich aus ihrer Sicht kein Thema, weil dem Ehrenmord an sich kein islamisches Motiv zugrunde liegt, sondern weil er eher ein kulturelles Problem ist. Das heißt, nicht der Islam ist der Grund für den Ehrenmord. Nichtsdestotrotz tritt er auch unter Muslimen auf. Für mich bedeutet das, dass ich da als Verbandsfunktionär dennoch aktiv werden muss, schon allein, wenn das Opfer Muslimin ist. Damit ist auch nicht sofort gesagt, dass es ein islamisches Phänomen ist. Mindestens das kann man doch von einem muslimischen Dachverband erwarten.

 

Nimmt die Öffentlichkeit die gewaltbereiten Islamisten mehr wahr als die friedliche Mehrheit?

Die gewaltbereiten Islamisten sind das interessantere Thema für die Medien. Das ist keine böse Unterstellung. Mir geht es auch nicht um Medienschelte. Aber ein Redakteur, der die Auswahl hat zwischen einem Salafi-Muslim, der eine sehr radikale oder extreme Meinung, vielleicht auch eine politische Meinung vertritt, und einem friedlichen Muslim, der morgens seine Tochter in den Kindergarten bringt und den Sankt-Martinszug mitfeiert, der nimmt den radikalen, extremen Salafi. Er hat für ihn die interessantere Geschichte. Natürlich treffen Redakteure und Journalisten eine Auswahl dessen, worüber sie dann berichten. Natürlich erfolgt die subjektiv. Das muss der Leser nur wissen, dann kann er das besser einordnen. Das Problem ist nur, dass der Leser das regelmäßig vergisst oder gar nicht weiß, dass Medien so funktionieren. Dann muss man darauf hinweisen – wie wir es hier in diesem Gespräch zum Beispiel machen.

 

»Wir müssen noch eine ganze Zeit lang mit dem Feindbild Islam leben«

 

Sollte man also lieber auf mediale Arbeitsweisen hinweisen, anstatt den so entstehenden Bildern entgegenzuwirken?

Ich glaube wirklich, dass die friedliebenden, gemäßigten Muslime dem gar nicht beikommen können. Das ist ja ein Feindbild, das nicht aufgrund eines Geschehnisses aufgebaut worden ist. Da spielen ja zig Ereignisse eine Rolle. Der 11. September, der 11. März in Madrid, die Anschläge von London, irgendwelche Geschichten in Afghanistan, das sind ja so viele Ereignisse, die quasi alle aufeinander aufgetürmt sind, die dann zu dem Gesamtfeindbild führen. Was wir gemäßigte Muslime aber durchaus machen müssen: In unserer unmittelbaren Nähe dafür sorgen, die andere Facette des Islams zu zeigen: Wie rede ich mit meinem Nachbarn, dass der mich anders wahrnimmt, als diese Muslime in den Medien? Es ist nicht wirklich so, dass alle denken, die Muslime sind furchtbar böse, und dass sie nichts mit Muslimen zu tun haben wollen.

 

Das bedeutet für die Zukunft?

Das bedeutet, dass wir noch eine ganze Zeit lang mit dem Feindbild Islam leben müssen. Feindbilder kommen und gehen. Die überleben vermutlich 30 Jahre oder so und werden dann durch neue Feindbilder abgelöst. Wie lange hat es gedauert, die Angst vor dem bösen schwarzen Mann in Amerika zu überwinden? Ist es ja bis heute nicht. Den Rassismus haben wir immer noch. Aber das wird auch auf den Islam zutreffen. Der Antisemitismus ist nicht einmal in einem Land wie Deutschland überwunden. Diese Feindbilder gehören leider zum Selbstverständnis einer Gesellschaft dazu – und wir müssen sie ununterbrochen bekämpfen.

 

Sie sind die Vorreiterin des Islamunterrichts in Deutschland. Kann ein solches Angebot zu einem Abbau des Feindbildes oder zu einer Annäherung führen?

Ich denke schon, weil er direkten Einfluss auf die muslimischen Jugendlichen nimmt. Der islamische Religionsunterricht ist hauptsächlich dafür da, jungen Muslimen die Möglichkeit zu geben, jenseits vom Elternhaus und jenseits von der Gemeinde Antworten auf ihre theologisch-religiösen Fragen zu bekommen. Das hat direkten Einfluss in die muslimische Community hinein, zum anderen geht davon eine Signalkraft nach außen aus. Der islamische Religionsunterricht, wenn er denn mal deutschlandweit vollständig etabliert ist, wird auch ein Zeichen der Normalität in die Gesellschaft setzen, so dass sich irgendwann niemand mehr wundert, wenn erzählt wird, dass der Freund von Annika in den islamischen Religionsunterricht geht, während sie selbst den evangelischen Religionsunterricht besucht. Bis es soweit ist, wird es vermutlich noch Jahre dauern. Auf Dauer gesehen leistet der islamische Religionsunterricht einen sehr großen Beitrag zum Zusammenleben.

 

»Die radikalislamische Propaganda ist auch ein deutsches Problem geworden«

 

Und wo steht der Islamunterrichts heute, Stand Ende 2013?

Er wird von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Die Einführung des Islamunterrichts beziehungsweise des islamischen Religionsunterrichts ist dem Bildungsressort unterstellt und das bedeutet, sie ist ländergebunden. In Nordrhein-Westfalen ist es jetzt so, dass wir seit 1999 den Islamkundeunterricht in deutscher Sprache anbieten, also, da wo es um reine Wissensvermittlung geht, nicht um die Erziehung zum Glauben hin. Seit dem letzten Schuljahr, also seit dem Schuljahr 2012/13, hat man zunächst begonnen, an einigen Grundschulen in Nordrhein-Westfalen den islamischen Religionsunterricht einzuführen. Seit diesem Schuljahr wird er an ausgewählten weiterführenden Schulen angeboten. Die flächendeckende Einführung wird noch brauchen, weil es nicht genügend Lehrer gibt.

 

Erwarten Sie da von politischer Seite mehr Unterstützung?

Wenn weiter islamische Beiräte als Ansprechpartner des Staates beim Religionsunterricht und der islamischen Theologie an Universitäten fungieren, dann muss man endlich den Rahmen weiter stecken. Es reicht nicht, nur die vier etablierten Dachverbände für die Muslime sprechen zu lassen, das zeigen nicht zuletzt die Querelen, die es derzeit bei diesen Beiratsmodellen gibt. Man muss das Spektrum wesentlich erweitern, beispielsweise auch um liberale Stimmen. Das wäre mein Hauptanliegen. Dass ein Großteil der Abgeordneten die Rechte von Muslimen im Blick hat, ist ja nun der Fall – auch wenn es hier und da kontraproduktiv ist. Im Groben stimmt die Stoßrichtung, allerdings bin ich mit dem Wie nicht immer ganz zufrieden.

 

Einige Ihrer ehemaligen Schüler sind als radikale Salafisten nach Syrien aufgebrochen, um dort zu kämpfen. Hat der Islamunterricht damit nicht sein Ziel verfehlt?

Nein, sie sind nach ihrer Schulzeit, zum Teil lange nach ihrer Schulzeit, erst so radikalisiert worden. Darauf hatte ich als Lehrerin gar keinen Einfluss mehr. Den Schuh kann ich mir in diesem Fall nicht anziehen. Trotzdem schmerzt es. Es ist nicht so, dass ich sage, ich kann nichts dafür, also interessiert es mich nicht. Ich finde, jeder junge Mann, der sich von dieser Propaganda manipulieren und missbrauchen lässt, ist einer zu viel. Das darf nicht passieren. Es ist kein rein islamisches Problem mehr, es ist auch ein deutsches Problem geworden. Es reicht nicht, dass nur die Sicherheitsbehörden alarmiert sind, sondern man muss es endlich einmal als gesamtgesellschaftliches Problem begreifen. Wir alle sozialisieren die Kinder mit.

 

Der Verfassungsschutz schätzt den Salafismus als eine der am schnellsten wachsenden extremistischen Bewegungen ein. Welche Gefahr geht vom Salafismus aus?

Der Salafismus an sich muss nicht gefährlich sein. Er ist erst dann gefährlich, wenn er zum Agitieren aufruft. Wenn er dazu aufruft, nur sein eigenes Verständnis vom Islam für richtig zu erklären und andere zu bekämpfen. Brandgefährlich ist er, wenn er zur Teilnahme an einem vermeintlichen »Heiligen Krieg« aufruft. Natürlich ist auch der grundlegende Ansatz heikel, dass man heilige Schriften, vor allem den Koran, aber auch die Sunna, wortwörtlich lesen, verstehen und damit auch leben will. Wenn man wie Muhammad, der Prophet, oder auch wie seine Gefährten der ersten zwei bis drei Generationen leben will, weil deren Vorbild für Salafisten auf immer gültig und nie abänderbar ist, dann kommt man natürlich in Konflikte mit einer Gesellschaft, die 1.400 Jahre später lebt.

Von: 
Tobias Simon

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