Lesezeit: 8 Minuten
»Birthright«-Reisen

Israels wichtigste Touristen

Feature
»Birthright«-Reisen nach Israel
Blick auf die historische Altstadt von Jaffa: Das palästinensische Narrativ wird auf den »Birthright«-Reisen dezent ausgeblendet, selbst dann, wenn es sich aufdrängt. Andrew Shiva / Wikimedia Commons

Seit fast zwanzig Jahren wird jungen jüdischen Menschen aus der ganzen Welt eine kostenlose Bildungsreise nach Israel gespendet. Die Organisatoren verstehen sich als apolitische Kulturbotschafter – doch kann eine solche Reise frei von Ideologie sein?

Peter streckt seinen Arm in die Länge aus, reckt sich in die Höhe, um die Dramatik des Augenblicks besser zu vermitteln, und erklärt bedeutungsschwanger. »Wo ihr jetzt unser Tel Aviv seht, war vor 100 Jahren nur Meer, Sand und Leere. All die Wolkenkratzer, diese ganze Stadt, wurde aus dem Nichts von Juden aufgebaut!« Künstlerische Atempause.

 

Peters* Worte treffen auf Begeisterung bei seinen jungen Zuhörern aus Deutschland, die Gruppe lauscht aufmerksam. Dreißig Fußpaare stehen auf einer hügeligen Anhebung in der historischen Labyrinth-Stadt von Jaffa, für alle ist es ihr erstes Mal in Israel. Die Aussicht ist atemberaubend, die Blicke der Zuhörer richten sich nach Norden, auf das Tel Aviv der wilden Parties und Start-Ups.

 

Dass Peters Aussage aus stadthistorischer Sicht problematisch, gar falsch ist, scheint irrelevant. Der lizensierte Tour-Guide mit der gestrickten kleinen Kippa auf dem Kopf deutet seinen Zeigefinger gerade auf den Stadtteil, der vor exakt 100 Jahren den arabischen Namen »Manshiyya« trug und ein lebhaftes und dicht besiedeltes Wohnviertel der kulturellen und wirtschaftlichen Hauptstadt Palästinas war.

 

Nach eigenen Angaben ist das Ziel der »Birthright«-Reisen, »der Assimilation entgegenzuwirken«

 

Jaffa, »die Schöne«, wie die Stadt auf Arabisch und Hebräisch getauft wurde, im 19. und noch 20. Jahrhundert bekannt für ihre wirtschaftliche Blüte und das Zusammenleben von Christen, Muslimen und Juden. Jaffa, das auf 4.500 Jahre geschätzt wird und mit einem der ältesten Häfen der Welt seit jeher ein geschäftiges Handelszentrum der Region und Exporteur der weltbekannten Jaffa-Orange war. Im Vergleich dazu steckt Tel Aviv, das erst 1909 als periphere Verlängerung Jaffas gegründet wurde, noch in den Kinderschuhen. Nichts davon bekommen die Touristen heute zu hören.

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gruppe gehören »Taglit Birthright Israel« an. 1999 als Start-Up von jüdischen Philanthropen gegründet, beruht das Projekt auf der Idee, dass jeder junge jüdische Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren das Geburtsrecht haben soll, wenigstens einmal in seinem Leben Israel zu besuchen. Nach eigenen Angaben ist das Ziel, »der Assimilation entgegenzuwirken, indem man junge Juden ihrer jüdischen Identität, dem Staate Israel und ihren örtlichen jüdischen Gemeinden näherbringt. Diese Studienreise ist ein Geschenk des jüdischen Volkes an die junge Generation und daher für Teilnehmer vollständig gesponsert.«

 

Seit 1999 durften über 600.000 junge Erwachsene aus 67 Ländern an dem Programm teilnehmen, gegenwärtig hat sich die Zahl auf 40.000 Teilnehmer pro Jahr eingependelt. Eine Mehrzahl von ihnen kommt aus den USA und Kanada. In Deutschland hat der Zentralrat der Juden in Zusammenarbeit mit der Zentralwohlfahrtsstelle die Abwicklung der »Taglit Birthright Israel«-Reisen übernommen. Finanziert wird das Programm zur Hälfte von jüdischen Philanthropen, zu einem Viertel von der israelischen Regierung und von diversen Schirmorganisationen in Nordamerika.

 

Die meisten der jüdischen Teilnehmenden aus Deutschland sind in Ländern der ehemaligen Sowjetunion geboren und in Deutschland aufgewachsen

 

Auch die deutsche Bundesregierung ist mit Geldern an die »Conference on Jewish Material Claims Against Germany« (JCC) vertreten. Insgesamt kommt das Budget auf jährlich etwa 660 Millionen Dollar. Mittlerweile ist das Programm auch zu einer bedeutenden Einnahmequelle für die israelische Wirtschaft geworden: Nach eigenen Angaben habe Israel durch »Taglit Birthright« Gewinne von etwa zwei Milliarden Schekel, umgerechnet etwa eine halbe Milliarde Euro, verzeichnen können.

 

Die meisten der jüdischen Teilnehmenden aus Deutschland sind in Ländern der ehemaligen Sowjetunion geboren und in Deutschland aufgewachsen. In Peters Gruppe sprechen nur drei Leute kein Russisch. Jaffa lernen sie an ihrem letzten Tag in Israel kennen. Die Eindrücke von der Reise sind unterschiedlich, viele sind begeistert.

 

Auch kritische Stimmen werden laut. »Am Anfang haben wir ständig alle mit dem Kopf genickt und gelächelt. Irgendwann kam dann raus, dass viele von uns, gerade die Älteren in der Gruppe, den gleichen Gedanken haben: Teile von dem, was uns hier präsentiert wird, ist einfach zionistische Gehirnwäsche. Auch wenn die Reise an sich Spaß macht«, erzählt Daniel, ein Student aus Berlin. Eine andere Teilnehmerin widerspricht: »Unser Reiseführer Peter erzählt die Geschichten sehr ausgewogen. Er hat von Anfang an gesagt, dass er nicht Partei im Konflikt ergreifen will.«

 

Die Organisation »Taglit Birthright« selbst versteht sich als apolitisch und hat wiederholt ein Interesse an ausgewogener Faktendarstellung zum Ausdruck gebracht: Statt Ideologie sollen die jungen Menschen verschiedene Lebensstile innerhalb Israels und differenzierte Perspektiven kennenlernen. Doch wie könnte eine solche Realität tatsächlich aussehen? Kann eine jüdische Bildungsreise nach Israel, ein ideologisch und politisch tief gespaltenes Land, überhaupt neutral sein? Impliziert das Vorenthalten von Information und die selektive Präsentation von Narrativen auch schon eine politische Haltung?

 

»Taglit Birthright« steht auch wegen seinen Geldgebern in der Kritik, darunter etwa Milliardär und Siedlungsfinanzier Sheldon Adelson

 

Besonders kritisiert wurde »Taglit Birthright« für Spenden von über 100 Millionen Dollar, die vom Multimilliardär Sheldon Adelson angenommen wurden – einem Unterstützer der »Zionist Organisation of America« (ZOA) und prominenten Republikaner, der auch zu Donald Trumps Geldgebern zählt. Für eine Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israel und dem palästinensischen Volk habe Adelson laut der New York Times nur »Abscheu« übrig.

 

An der Oberfläche kratzend, scheint der fröhliche Alltag der Gruppe entkoppelt von Ideologie und Interessengruppen. Die jungen Menschen genießen die Sonne, hinter ihnen liegt ein intensives Touristenprogramm: Die Klagemauer in Jerusalem, die Knesset, Yad Vashem und der Militärfriedhof auf dem Herzlberg, Kamelreiten, Wandern am Toten Meer.

 

Dass ihr Aufenthalt am Strand vom Kibbutz Kalia jenseits der Grünen Linie von 1967, folglich im israelischen Siedlungsgebiet des Westjordanlandes stattfindet, bleibt unerwähnt. Das palästinensische Narrativ wird dezent ausgeblendet, selbst dann, wenn es sich aufdrängt. Trotz etwa 25 Prozent nicht-jüdischer Bevölkerung im Land trifft man während der Tour von »Taglit Birthright« nur jüdische Gesprächspartner an.

 

»Warum ausgerechnet Soldaten? Gibt es keine anderen jungen Leute in Israel, die hätten mitfahren können?«

 

Seit Beginn der Reise sind auch eine Handvoll israelischer Soldaten mit dabei, um den Besuchern eine authentische Begegnung mit Einheimischen zu ermöglichen. Man tauscht sich aus, diskutiert, feiert zusammen. »Was ich nicht verstehe – warum ausgerechnet Soldaten? Gibt es keine anderen jungen Leute in Israel, die hätten mitfahren können?«, hinterfragt die 23-Jährige Lisa aus Jena.

 

In einem Promo-Video, das »Taglit Birthright« vor einigen Jahren veröffentlichte, kommen israelische Soldaten, die an einer solchen Reise teilgenommen haben, zu Wort. Die damals 25-Jährige Offizierin Ofri Eliyahu erzählt, dass sie während des Gaza-Krieges vor einigen Jahren ihre neu gewonnenen jüdischen Freunde von »Taglit Birthright« darüber informiert habe, »was hier passiert. Ich schickte ihnen Material darüber, was in Wahrheit vor sich geht. Ich bat sie darum, diese Wahrheit auf Facebook und darüber hinaus in ihrem Land zu verbreiten und das haben sie getan. Für mich als Offizierin der israelischen Armee ist das eine große Sache – das Gefühl, dass ich nicht nur meine israelische Familie hier beschütze, sondern auch meine neu gewonnene Familie in der Welt.«

 

Auch Premierminister Benjamin Netanyahu, der im vergangenen Jahr vor Tausenden »Taglit«-Teilnehmern eine Rede hielt, forderte die jungen Jüdinnen und Juden auf, alles, was sie hier zu sehen bekommen, weiterzutragen. Die Welt solle »von dem Wunder erfahren, das Israel ist, dieser seltenen und blühenden Demokratie im Nahen Osten.«

 

2013 wurden auf einer Konferenz der Hebräischen Universität in Jerusalem die Ergebnisse einer Studie zu Taglit-Teilnehmern präsentiert, die unter Leitung des Sozialpsychologen Leonard Saxe von der amerikanischen Brandeis University durchgeführt wurden: Laut der Studie heiraten junge Juden, die an einer Taglit-Reise teilgenommen haben, erheblich später. Der Grund ist das Bedürfnis, einen jüdischen Partner zu finden. Außerdem zeigt die Studie, dass einer von vier jungen Menschen, die an »Taglit Birthright« teilgenommen haben, einen anderen »Birthright«-Teilnehmer heiratet.

 

Kann das größte jüdische Bildungsprogramm der Welt neben Einfluss auf private Lebensentscheidungen auch politische Implikationen für die jüdische Diaspora zeitigen?

 

Im Hinblick auf die Rolle des Diaspora-Judentums für den Staat Israel und im Gesamtkontext der politischen Lage im Nahen Osten wirft das Phänomen »Taglit Birthright« größere Fragen auf. Kann das größte jüdische Bildungsprogramm der Welt neben einem Einfluss auf private Lebensentscheidungen – etwa die, jüdisch zu heiraten – auch politische Implikationen für die jüdische Diaspora zeitigen?

 

Trotz wiederholter Vorwürfe einer verzerrten Präsentation von Israel zeigen die Ergebnisse von Saxes jahrelanger Forschung nur einen schwachen Zusammenhang zwischen der Teilnahme an »Taglit Birthright« und rechter politischer Gesinnung, etwa der Zustimmung zum Siedlungsbau.

 

Der Zusammenhang zwischen einer Taglit-Reise und positiven Gefühlen zum »historischen Heimatland« ist hingegen sehr stark – ein Zusammenhang, der für jüdische Menschen durchaus seine Legitimation hat. »Die Millenial-Generation hat eine viel stärkere Bindung zum Land als noch ihre Eltern«, äußerte sich Saxe gegenüber der israelischen Zeitung The Times of Israel. »Birthright-Teilnehmer kommen nach Hause und bringen ihre Eltern dazu, sich mehr mit dem Judentum und Israel auseinanderzusetzen.« Was sie ihnen dann wohl erzählen? Historische Fakten zu Jaffas Altstadt wohl eher nicht.

 

*Die Namen wurden geändert.

Von: 
Marina Klimchuk

Banner ausblenden

zenith417

Die neue zenith ist da!

Die neue zenith-Ausgabe 1/2018 mit einer Neuauflage des Formats Hintergrundgespräch. Im Gespräch mit zenith will Iraks langjähriger Premier Nuri Al-Maliki einiges geraderücken. Er sieht sich als Opfer einer Verschwörung.