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Atheisten in der islamischen Welt

Wer nicht glaubt, macht sich verdächtig

Essay
Atheisten in der islamischen Welt
Die Al-Azhar in Kairo. Die wichtigste traditionelle religiöse Institution in Ägypten tut sich im Kampf gegen den Atheismus besonders hervor – und findet im Sisi-Regime einen willigen Partner. Foto: Mohamed Ouda / Wikimedia Commons

Autoritäre Regime und religiöse Institutionen in der islamischen Welt eint die Angst vor Kontrollverlust und der Wunsch nach Konformität. Doch auch in der Gesellschaft bleibt der Nichtglaube ein Makel. Müssen die Atheisten erst ihre Stimme finden?

Mit der steigenden Anzahl von Verfolgungs- und Straffällen als auch Diskriminierungskampagnen gegen Atheisten in mehrheitlich muslimischen Ländern im Nahen Osten und in Nordafrika, stellt sich die Frage, ob der Islam nun zur Diskriminierung von Atheisten aufruft oder es noch andere Faktoren gibt, die eine entscheidende Rolle spielen.

 

Seit März bereitet der parlamentarische Ausschuss für Religion in Ägypten eine Erläuterung zu einem Gesetzesentwurf vor, der Atheismus in Ägypten kriminalisieren soll. Dieser Schritt ist einer von vielen weitern, die Ägypten zur Bekämpfung des Atheismus kürzlich unternahm. Das besagte Gesetz besteht aus vier Artikeln. Der erste Artikel definiert, was der ägyptische Staat genau unter Atheismus versteht; der zweite kriminalisiert den Atheismus und erlegt den Atheisten strenge Strafen auf; der dritte sieht vor, dass die Strafen aufgehoben werden, wenn eine Person ihre atheistischen Überzeugungen ablegt, und der vierte besagt, dass die im Gesetz vorgeschriebenen Strafen für Atheismus »sehr streng« ausfallen sollen.

 

In der Tat gibt es im Koran Verse, die die Religionsfreiheit unterstreichen. Zum Beispiel, im Vers 2:256: »Es gibt keinen Zwang in der Religion«. Jedoch gibt es andere Verse im Koran, die das Gegenteil propagieren: »Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und nicht an den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und sein Gesandter verboten haben, und nicht die Religion der Wahrheit [d.h. den Islam] befolgen – von denjenigen, denen die Schrift [Juden und Christen]gegeben wurde« (9:29). Solche widersprüchlichen Verse befinden sich an verschiedenen Stellen im Koran. Mit anderen Worten gibt es hier Vorschriften für soziale Inklusion und Exklusion von Andersgläubigen. Die Frage ob, »der Islam« nun zur Diskriminierung von Atheisten aufruft, hängt jedoch von der Interpretation des Auslegenden ab.

 

Der Großimam der Al-Azhar geißelt den Atheismus als eine Krankheit, die sich unter den Jugendlichen ausbreitet.

 

Wie bei den anderen monotheistischen Religionen auch, ruft der Islam nicht zum Unglauben oder Atheismus auf. Von daher blieb der Atheismus nicht nur in der islamischen Religion ausgeschlossen, sondern auch in der islamischen Geschichte.

 

Die islamischen Interpretationen in der Gegenwart, ungeachtet dessen, was sie sein könnten, werden durch staatliche religiöse Institutionen und islamische Kleriker vermittelt. Jene konzentrieren sich eher auf konservative Traditionen in einer autoritären politischen Landschaft, in der sozio-politische Ausgrenzungen alltäglich sind. Das heißt, die Abgrenzungen der islamischen Interpretationen gegenüber Atheisten sind in erster Linie ein Produkt konservativer Traditionen sowie einer Machtallianz zwischen autoritären Staaten und religiösen Institutionen. Beide Parteien dieser Machtallianz ziehen die Konformität der Vielfalt vor.

 

2014 verurteilte der Großimam der Al-Azhar, Ahmed El Tayeb, den Atheismus als eine Krankheit, die sich unter den Jugendlichen ausbreitet. Er sagte: »Der Atheismus ist die Abweichung vom Rechten zum Falschen, von der Führung zur Irreführung und von der Integrität zur Desintegrität und von den Religionen zur Häresie, Untreue und Materialismus«. Um seine Verurteilung gegen Atheisten zu unterstützen, zitierte er den folgenden Koranvers: »Diejenigen, die mit unseren Zeichen abwegig umgehen, sind uns nicht verborgen« (41:40). Obwohl es in diesem Koranvers keine Hinweise darauf gibt, dass Atheisten von Theisten bestraft werden sollten, interpretiert der Imam sie als eine Art Krankheit, die von der Gesellschaft beseitigt werden müssten.

 

Die islamischen Narrative gegen Atheisten lassen sich in autoritären Staaten in drei Hauptströmungen unterteilen.

 

Die islamischen Narrative gegen Atheisten lassen sich in autoritären Staaten in drei Hauptströmungen unterteilen. Obwohl diese drei Strömungen zunehmend konkurrieren, stimmen sie in Bezug auf das Thema des Ungläubigen überein.

 

Das erste Narrativ ist durch die staatlich angegliederten Erzählungen islamischer Institutionen geleitet. Diese Erzählungen konzentrieren sich auf die Beseitigung jeder Rivalität zur Staatsmacht, wie zum Beispiel auf die Beseitigung der linken oder kommunistischen Parteien, die als atheistisch bezeichnet wurden.

 

Das zweite ist durch eine fundamentalistische Auslegung des Islams, auch bekannt als Salafismus, geprägt. Diese Auslegung versucht die ultra-konservativen Traditionen aus dem Leben des Propheten nachzueifern und zu erhalten. Diese Auslegung betont religiöse Konformität.

 

Das dritte ist durch Islamismus, also die Politisierung des Islams, verbreitet. Die Anhänger dieser Strömung sind in den meisten Fällen in der politischen Opposition tätig, insbesondere in Ländern wie Ägypten, Syrien, Jordanien, Algerien und Marokko.

 

In ultrakonservativen Ländern wie Saudi-Arabien werden Atheisten gesetzlich auch als Terroristen betrachtet.

 

In diesem Kontext ist der entscheidende Unterschied zwischen den Salafisten und den Islamisten, dass die Salafisten nur in ihren Familien nach einem ultra-konservativen Verhaltenskodex leben. Die Islamisten hingegen versuchen diesen ultra-konservativen Verhaltenskodex der gesamten Gesellschaft aufzuerlegen. In den Auslegungen der Salafisten als auch der Islamisten wird der Atheismus allerdings zu einem der verabscheuungswürdigsten Tabus unter vielen Muslimen (Islamisten oder Nicht-Islamisten) herabgesetzt. Mit anderen Worten gibt es ein Stigma gegenüber Atheisten unter Muslimen im Allgemeinen. Dieses Stigma erreicht seinen kritischen Höhepunkt, wenn ein Familienmitglied einer muslimischen Familie aus dem Islam austritt und so zum Atheist wird.

 

In den vergangenen Jahrzehnten haben es die staatlich angegliederten Religionsinstitutionen in den autoritären, mehrheitlich muslimischen Ländern geschafft, in Form von Gesetzen gegen Atheisten vorzugehen. Daher sind Gesetze gegen Blasphemie (die Beleidigung einer Gottheit oder etwas Heiligem) und Apostasie (freiwillige und öffentliche Aufgabe des Islam) in diesen Ländern üblich. Laut einem Bericht des »Pew Research Center« aus dem Jahr 2014 sind Gesetze zur Bestrafung von Apostasie und Blasphemie am häufigsten in Ländern des Nahen Osten und Nordafrikas zu finden. In 18 der 20 Länder dieser Region wird Blasphemie als Straftat angesehen. In 14 dieser 20 Länder wird ebenfalls Apostasie kriminalisiert. Tatsächlich werden Atheisten in ultrakonservativen Ländern wie Saudi-Arabien gesetzlich auch als Terroristen betrachtet.

 

Blasphemie-Gesetze treffen auch Muslime, die sich nach einer Veränderung außerhalb des Rahmens der erlaubten Konformität sehnen.

 

Die gesetzlichen Regelungen für Apostasie und Blasphemie variieren von Geld- bis hin zu Todesstrafen. Obwohl das Konzept der Apostasie aus der christlichen Tradition, besonders der römisch-katholischen Kirche, stammte, wird es heutzutage unter dem Islam immer häufiger verwendet.

 

»Wenn es im Islam keine Apostasie-Gesetze gäbe [d.h. keine Gesetze, die den Tod vorschreiben, wenn jemand aus der Religion austritt], dann würde der Islam heute nicht mehr existieren«, sagte der ägyptische TV-Gelehrte Yusuf Al-Qaradawi im Jahr 2013. Dies ist eine außergewöhnliche Aussage für einen muslimischen Kleriker, die in den Vordergrund stellt, dass Atheismus in modernen islamischen Interpretationen als Bedrohung wahrgenommen wird.

 

In Bezug auf Blasphemie-Gesetze stehen nicht nur Atheisten im Rampenlicht, sondern auch Muslime, die sich nach einer Veränderung außerhalb des Rahmens der erlaubten religiösen, sozialen und politischen Konformität des autoritären Staates sehnen.

 

Darüber hinaus etablierten sich im Großen und Ganzen zwei Kategorien von Atheisten im modernen islamischen Narrativ: Die erste Kategorie sind Atheisten, die von nicht-muslimischen Eltern abstammen, die zweite Kategorie umfasst Atheisten, die von muslimischen Eltern abstammen und später aus der Religion ausgetreten sind.

 

Die drei Ebenen der Konformität verbreiten ausschließende soziale Normen gegenüber Atheisten.

 

Während sich die islamischen Interpretationen nicht primär auf die erste Kategorie konzentrieren, betrifft es die zweite umso mehr. Der Grund hierfür ist, dass diejenigen, die sich von ihrer Religion abwenden als eine Bedrohung und ein direkter Angriff auf die sogenannte muslimische Identität wahrgenommen werden. Außerdem betreffen die Apostasie-Strafgesetze nur Atheisten beziehungsweise Ex-Muslime. In der Tat gehören ehemalige Muslime, die sich in Ländern mit muslimischer Mehrheit als Atheisten bekennen, zu den am meisten verfolgten Minderheiten überhaupt.

 

In der Mehrzahl dieser Länder ist es tatsächlich gesetzlich erlaubt, nur eine der monotheistischen Religionen zu wählen – Judentum, Christentum und Islam. Wenn wir diese Aussage umkehren, kann man behaupten, dass nicht alle Individuen, die sich in diesen Ländern als Muslime registrieren, auch tatsächlich Muslime sind.

 

Der Anti-Atheismus hat mit den muslimischen und christlichen Lehren und den Traditionen der Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas zu tun. Allerdings sind die Allianzen zwischen politischen Eliten und religiösen Eliten in autoritären Staaten besonders wichtig, weil sie eine religiöse, soziale und auch politische Konformität durchsetzen. Diese drei Ebenen der Konformität verbreiten schließlich ausschließende soziale Normen gegenüber Atheisten.

 

Die negative Konnotation des Worts »Atheismus« wurde nicht von den Diktatoren erfundenDie Anti-Atheisten-Kampagnen in den Ländern mit muslimischer Mehrheit sind nicht nur durch die Politik motiviert, sondern auch durch die konservativen religiösen Eliten, die seit den 1950er Jahren mit den Diktaturen in der Region zu einem Konsens gefunden haben.

 

Die Anti-Atheisten-Kampagnen sind nicht wegen, sondern trotz der autoritären Diktatoren entstanden. Die säkularen Diktatoren lassen jedoch die Anti-Atheisten-Kampagnen zu, um diese glaubwürdig gegenüber den konservativen, religiösen Eliten zu bleiben. In diesem Sinne geht es um Machtgewinn, da ein politischer Akteur automatisch von der politischen Partizipation ausgeschlossen wird, sobald er mit Atheismus assoziiert wird.

 

Mit anderen Worten, wird das Wort Atheismus von säkularen Diktatoren benutzt, um an der Macht zu bleiben und um politische Gegenspieler zu beseitigen. Die negative Konnotation des Worts »Atheismus« in diesen Ländern wurde also nicht von den Diktatoren erfunden, sondern es war schon seit jeher ein Tabu-Wort in der Gesellschaft.

 

Durch die diktatorischen Praktiken und Aussagen ist die Diskriminierung von Atheisten nicht nur im religiösen Diskurs, der die politischen Despotien zu legitimieren versucht, alltäglich geworden, sondern auch in den Mediendiskursen in der ganzen Region. In diesen Diskursen bleibt Atheismus ein Tabuthema, das oft als unpassend oder als schädlich angesehen wird.

 

Es fehlt eine ausgewogene Kommunikationsstrategie ex-muslimischer Atheisten.

 

Es mangelt noch an einer ausgewogenen Kommunikationsstrategie ex-muslimischer Atheisten, um ihre Gegenerzählungen konstruieren zu können. Derjenige, der zum Atheisten oder ein Ex-Muslim wird, wird nicht automatisch ein liberaler Demokrat sein. Tatsächlich gibt es unter den Atheisten in sozialen Medien eher Aussagen gegen Muslime, die sich oft als radikal bezeichnen lassen.

 

Analog zu den erklärten »Kriegen« gegen Terrorismus oder Korruption nach den arabischen Aufständen im Jahr 2011, leiteten politische und religiöse Institutionen in Ländern wie Tunesien, Ägypten und Saudi-Arabien einen neuen »Krieg gegen den Atheismus und Extremismus« ein. Diese Verfolgungskampagnen sind in Saudi-Arabien und Ägypten vehementer geworden, da viele Stimmen in den sozialen Medien offen ihren Atheismus erklären. Viele dieser Social-Media-Atheisten haben mit ihren Aussagen den falschen Weg genommen, als sie einfach undifferenziert gegen Muslimen geschimpft hatten.

 

Dieser Trend, der meiner Beobachtung nach als Nebenprodukt der Reaktion auf das Gefühl der Täuschung aufgrund früherer religiöser Indoktrination und kontinuierlicher Unterdrückung entsteht, hat zu einer weiteren Diffamierung von Atheisten auf zwei Ebenen geführt.

 

Erstens gibt es laut den drei oben erwähnten Erzählungen radikale Atheisten, die sich zunehmend einer giftigen Form anti-muslimischer Bigotterie verschrieben haben, getarnt als rationaler Atheismus. Dies wurde in den Medien als Beweis dafür herangezogen, dass Atheismus tatsächlich mit Extremismus gleichzusetzen sei. Das macht die Atheisten für sozial gerechtfertigte Ausgrenzung anfällig.

 

Zweitens ist Atheismus im Islam, laut den drei oben erwähnten Erzählungen, absolut verboten, was Atheisten für eine religiös begründete Unterdrückung und Verfolgung anfällig macht. Allerdings bleibt es noch umstritten, ob diese Praktiken der sozialen Exklusion von Atheisten eine solide Grundlage in der islamischen Religion finden werden.

 

Hakim Khatib wurde an der Universität Duisburg- Essen im Fachbereich Politikwissenschaft zum Thema »Staat und Religion in Nordafrika und Westasien« promoviert. Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer ist er ebenfalls der Gründer und Chefredakteur des »Mashreq Politics and Culture Journal«.

Von: 
Hakim Khatib

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