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Debatte um Mesut Özil und das Erdoğan-Treffen

Özil ist kein Opfer

Kommentar
Debatte um Mesut Özil und das Erdogan-Treffen
Ein Bild aus fast vergessenen Zeiten: Mesut Özil und die deutsche Nationalmannschaft nach dem Titelgewinn 2014 in Brasilien. Agência Brasil / Creative Commons Attribution 3.0

Die rassistische Hasswelle gegen Mesut Özil und das doppelte Versagen des DFB stehen einer Aufarbeitung des Erdoğan -Treffens im Weg. Deswegen muss sich der Nationalspieler endlich aus der Deckung wagen.

»Man kann einem Präsidenten ein Trikot überreichen, wenn der für Frieden und Demokratie ist. Die ganze Welt aber weiß, dass Erdoğan das nicht ist.« Diese kritischen Worte richteten sich – es ist nicht schwer zu erraten – an die Fußballer Mesut Özil und İlkay Gündoğan. Wichtiger aber ist, von wem sie kommen: Deniz Naki. Der Fußballprofi, für einige Jahre beim FC St. Pauli aktiv, reihte sich in die vielen kritischen Stimmen ein, die das Treffen der beiden Nationalspieler Mitte Mai kommentiert hatten.

 

Hängengeblieben sind aber eher die sich ständig übertrumpfenden Geißelungen von Politikern, Ex-Fußballern, Funktionären – das gilt für den Zeitraum vor der Fußball-WM in Russland wie auch die katastrophal entglittene Nachbereitung, die fast unmittelbar dem Ausscheiden der deutschen Elf in Kasan folgte. Denn es macht einen Unterschied, wer in dieser Debatte Gehör findet und warum. Mithin ist es der Schlüssel, um endlich die Frage anzugehen, die trotz ihrer zentralen Stellung doch unterzugehen scheint: Was hat sich Mesut Özil eigentlich bei diesem Treffen gedacht und ist es angebracht, dass er sich dafür rechtfertigen muss?

 

Der DFB und allen voran Präsident Reinhard Grindel sowie Teammanager Oliver Bierhoff, haben sich in der Diskussion selbst ins Abseits geschossen – und zwar mehrmals: Über Monate, wenn nicht Jahre, haben sie zunächst das problematische Verhältnis zwischen einigen Nationalspielern mit türkischen Wurzeln und der AKP ignoriert. Das Krisenmanagement nach Bekanntwerden des Treffens wirkte demensprechend amateurhaft. Gravierender aber war die Entscheidung, sich nach Häufung rassistischer Hetze, nicht sofort schützend vor den Menschen Özil zu stellen, wie es etwa die Schweden nach ähnlichen Verbalattacken gegen ihren Spieler Jimmy Durmaz vorgemacht hatten.

 

Und so fiel vieles zusammen: Der plötzliche Druck, die verkorkste WM zu erklären, die Suche nach Schuldigen und die Frage nach Identitäten und Loyalitäten. Nicht davon hat im Kern wirklich mit dem zu tun, wofür man Mesut Özil gerechterweise kritisieren sollte – übrigens auch nicht das Thema Integration. Unter AKP-Anhängern in Deutschland finden sich auch Menschen, die keinerlei Sprachprobleme haben, erfolgreich im Arbeitsleben stehen und sich prächtig mit ihren »biodeutschen« Nachbarn verstehen.

 

Die entscheidenden Koordinaten in der Causa Özil/Gündoğan sind zum einen die Haltung zu den Entwicklungen in der Türkei in den vergangenen Jahren und zum anderen die spürbaren Folgen der AKP-Herrschaft für viele Menschen in Deutschland.

 

Die Türkei hat sich geändert

 

Mesut Özil hat sich schon oft mit Erdoğan getroffen. Aus seiner Sicht hat er sich nicht anders verhalten als zuvor. Was sich verändert hat, ist die Türkei. Insbesondere seit dem gescheiterten Putschversuch 2016 erlebt das Land eine beispiellose Säuberungswelle in nahezu allen Bereichen von Staat und Gesellschaft. Millionen Türken müssen allein ob ihrer Haltung zur AKP und Erdoğan um ihren Job und ihre Freiheit fürchten. Und auch die demokratischen Institutionen – hart erkämpft nach Jahrzehnten der Militärherrschaft – trägt die Regierungspartei um ihren »Rais« zu Grabe.

 

Aus diesem Grund war es auch nicht irgendein Wahlkampf, für den sich Özil und Gündoğan haben einspannen lassen: Der Präsident, mit dem sie sich haben ablichten lassen, hat für die Entmachtung der parlamentarischen Demokratie in der Türkei geworben, während einer seiner Gegenkandidaten, HDP-Chef Selahattin Demirtas, im Gefängnis saß.

 

Zu Erdoğans Ehrengästen bei der Amtseinführung am 9. Juli zählten unter anderen Viktor Orban und der Chef der russischen Rechtsnationalen, Wladimir Schirinowski. Der türkische Präsident sendet so auch unmissverständlich ein Signal aus, mit wem in Europa er auf einer Wellenlänge liegt: etwa mit Ungarn und Russland, Staaten, die Staat und Gesellschaft ähnlich autoritär umformen und seit Jahren jenen Kräften in Deutschland das Wort reden, die Özil und Gündoğan am übelsten angegangen haben.

 

Noch schwerwiegender für die Beurteilung des Fototermins der beiden Nationalspieler ist aber der Kontext des AKP-Politik in Deutschland. Und auch hier hat sich die Lage in den letzten Jahren erheblich zugespitzt: Der türkische Staat missbraucht etwa nachweislich das Netzwerk der DITIB-Moscheen – nicht nur, um mögliche Wähler zu gewinnen, sondern um gegen vermeintliche Widersacher vorzugehen. Auch in den sozialen Netzwerken haben die türkischen Behörden – darunter wohl auch der Geheimdienst – eine Kultur des Denunziantentums etabliert, die in erster Linie auf Deutschtürken abzielt, die sich nicht zu Erdoğan und seiner AKP bekennen.

 

Deniz Naki, einer der Kritiker Özils und Gündoğan, hat die Folgen dieser Politik am eigenen Leib erfahren: Der kurdischstämmige Fußballer spielte seit 2015 für Amed SK, einen Klub im türkischen Diyarbakir. »Wir haben keine andere Wahl, als zum Frieden aufzurufen«, erklärte Naki damals öffentlich und setzte sich für ein Ende des Krieges in der Osttürkei ein. Mit drastischen Folgen.

 

Anfang 2018 sperrte ihn der türkische Verband lebenslang, gegen den 29-Jährigen liefen mehrere Verfahren wegen »Terrorpropaganda«. Auch in Deutschland fand der Fußballer keine Ruhe: Noch im Januar dieses Jahres feuerten Unbekannte auf der Autobahn Schüsse auf sein Auto ab. Dazu kommt eine ganze Reihe von Einschränkungen, denen Naki unterliegt – und von denen auch zehntausende Deutschtürken betroffen sind. Der sonst selbstverständliche Besuch in der Türkei wird für Erdoğan -Gegner ebenso zur Sicherheitsgefahr wie für Angehörige inhaftierter oder vom Geheimdienst beobachteter Menschen in der Türkei.

 

Natürlich, der Fototermin von Özil und Gündoğan hat die Wahlen in der Türkei nicht entschieden. Doch der Auftritt signalisierte eine Positionierung zweier Personen des öffentlichen Lebens, die nicht den Repressionen ausgesetzt sind, denen sich so viele Deutschtürken gegenübersehen. Kann man erwarten, dass Özil und Gündoğan sich dieser spürbaren Veränderung innerhalb der deutschtürkischen Gemeinschaft(en) bewusst sind? Beispiele wie jenes von Deniz Naki lassen darauf schließen.

 

Wer 59 Millionen Follower hat, muss um die Macht der Bilder wissen

 

Haben sie ihr Verhältnis zu Erdoğan und der AKP in den vergangenen Jahren überdacht? Immerhin haben sich prominente AKP-Unterstützer in den vergangenen Jahren abgewandt oder sind in Ungnade gefallen, beides geht teils Hand in Hand. So etwa Hakan Şükür, unbestritten der populärste türkische Fußballer der letzten Jahrzehnte, der mittlerweile im kalifornischen Exil lebt. Oder der NBA-Basketballer Enes Kanter, dessen Vater erst im Juni de facto in Sippenhaft genommen wurde.

 

Und dies sind nur die öffentlichkeitswirksamen Fälle. Ebenso stellt sich die Frage, ob beide Fußballer nicht auch in ihrem persönlichen Umfeld mitbekommen, dass in der Türkei etwas im Argen liegt, wie sehr die AKP nach Deutschland ausgreift und warum ein Treffen mit Erdoğan zu diesem Zeitpunkt problematisch ist.

 

Beide Fußballer betonten damals, dass sie bewusst keine Fotos über ihre offiziellen Accounts verbreitet hätten – angesichts der vielen sichtbaren Kameras im Raum ein schwaches Argument, zumal auch die anwesenden Social-Media-Redakteure der AKP keinen Hehl daraus machten, die Bilder umgehend zu veröffentlichen. Und ob Social-Media-Präsenz bedeutet, dass man der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldet, mag umstritten sein. Doch ein Mesut Özil mit 59 Millionen Followern muss einfach um die Dynamik sozialer Medien und die Wirkung von Bildsprache wissen.

 

All das führt zu drängenden Fragen, auf deren Beantwortung viele Menschen in Deutschland und der Türkei ein Recht haben – insbesondere jene, die die Folgen der AKP-Politik in den letzten zwei Jahren zu spüren bekommen haben. Wenn sich der Rauch legt, werden diese Fragen bleiben. Und Mesut Özil wäre gut beraten, sich ihnen zu stellen. Es würde ihm die Möglichkeit geben, das Narrativ wieder mitzubestimmen. Und es würde die Chance eröffnen, eine offene, ehrliche Debatte über die Folgen der AKP-Herrschaft für Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland zu führen.

 

Lesen Sie hier eine Erwiderung von Leo Wigger: »Lasst ihn spielen«

Von: 
Robert Chatterjee

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