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Der Kampf gegen Polio in Afghanistan und Pakistan

»Niemand stoppt den Virus«

Interview
Polio in Afghanistan
Ein Junge wird an der afghanisch-pakistanischen Grenze gegen Polio geimpft Foto: Florian Guckelsberger

Wie rottet man einen Virus aus? Kaum jemand weiß das so genau, wie Mohammad Mohamidi. Ein Gespräch über seinen Kampf gegen Polio in Afghanistan, warum die Taliban als Ausrede herhalten müssen und welcher noch tödlichere Virus das Land im Griff hat.

Nach Ausrottung der Pocken in den 1980er Jahren könnte Polio der zweite Virus sein, den die Menschheit besiegt. Erkrankten damals jedes Jahr weltweit noch hunderttausende Kinder, ist der Wilde Poliovirus (WPV) heute nur noch in zwei Ländern endemisch: In Afghanistan und Pakistan, die entlang des paschtunischen Siedlungsgebiets einen epidemiologischen Block bilden.

 

Zuletzt steigen die Fallzahlen in beiden Ländern, im Dezember auf 22 in Afghanistan und 94 in Pakistan. Die Sorge: Der hochansteckende Virus könnte sich von Zentralasien erneut in den Rest der Welt ausbreiten. In Kandahar trifft zenith den neuen UNICEF Polio-Beauftragten Mohammad Mohamidi – ein Veteran im Kampf gegen den Virus. Afghanistan, so hofft er, könnte seine letzte Station sein.

 

zenith: Herr Mohamidi, Sie jagen den Polio-Virus seit Jahrzehnten und haben geholfen, dass die Kinderlähmung in Somalia, Jemen, Djibouti, Angola und Tschad als besiegt gilt. Heute sollen Sie für UNICEF das Gleiche in Afghanistan erreichen. Kann das gelingen?

Mohamidi: Von den 34 Provinzen Afghanistans sind sechs von Polio betroffen. Jetzt haben wir zwei wichtige Aufgaben: Sicherstellen, dass der Rest des Landes nicht erneut betroffen wird und den Virus dort, wo er noch zu finden ist, auszurotten. Das wird nicht einfach werden, aber es ist machbar. Wir können die Immunität innerhalb der Bevölkerung mit Impfungen aufrechthalten. Wenn uns das gelingt, können auch aus Pakistan eingeschleppte Viren die Situation in Afghanistan nicht weiter gefährden.

 

Die Zahl der Polio-Fälle in Afghanistan und Pakistan ist im Vergleich zum Vorjahr teils drastisch gestiegen. Warum gelingt hier nicht, was im Rest der Welt geglückt ist?
Die Menschen hier haben sich daran gewöhnt, zu versagen. Fast scheint es, als ob sie das auch noch genießen würden. Polio auszurotten ist nicht schwierig. Aber dazu muss man die Situation erst einmal akzeptieren, denn die Probleme heute sind nahezu identisch mit jenen, die wir hier schon vor zwei Jahrzehnten hatten. Ausreden gelten deshalb nicht. Niemand kann sagen, die Situation wäre ungewohnt. Neu ist nur, dass die Taliban internationale Impfhelfer für einige Monate nicht haben von Haus zu Haus gehen lassen. Sie sorgen sich, dass die Kampagne genutzt wird, ihre Kämpfer auszuspionieren. Das sind nachvollziehbare Ängste, an die sich das Polio-Programm hätte anpassen müssen.

 

Die Provinzhauptstadt Kandahar war aber auch während dieses Zeitraums zugänglich, hier hat die afghanische Regierung noch die Oberhand.
Exakt. Wir hatten Zugang zur Stadt und anderen Gebieten, in denen die Mehrzahl der Menschen wohnt. Der Bann der Taliban kann also auch nicht als Ausrede für unser Versagen herhalten.

 

Was ist ihre Erklärung für die schlechte Situation?
Wir kämpfen heute mit Problemen, die wirken, als hätten wir erst gestern angefangen hier zu arbeiten. Nehmen Sie zum Beispiel die Belastung der Impfhelfer: Jeder von ihnen hat pro Tag mehr als 90 Haushalte abzuklappern. Das bedeutet: Anklopfen, die Eltern von dem Impfstoff überzeugen und die Impfung durchführen. Das dauert mindestens sechs Minuten je Haus. Hochgerechnet auf den Tag ergibt das neun Stunden Arbeit. Ohne Pause. Das hält doch niemand aus, immerhin ist das körperlich anstrengende Arbeit. Und dann verdienen die Helfer weniger als vier US-Dollar am Tag, wollen sich also das Geld für das Mittagessen sparen.

 

Polio in Afghanistan
Ein Polio-Impfteam in der südafghanischen Stadt KandaharFoto: Florian Guckelsberger

 

Offenbar gibt es weitere Hürden für die Helfer. Immer wieder berichten sie, dass besorgte Eltern den Impfstoff verweigern. Ein Phänomen, dass auch aus Europa bekannt ist.
Unsere Impfhelfer müssen nicht nur die Impfung an sich beherrschen. Ein Medikament zu verabreichen ist ja einfach. Sie müssen auch darin geschult werden, mit den Eltern in der Nachbarschaft umzugehen und sie im Zweifel zu überzeugen. Man kann einen Esel zwar an den Brunnen führen, aber man kann ihn nicht zwingen, daraus zu trinken.

 

Die Taliban sind eine beliebte Ausrede

 

In Deutschland sorgen sich einige Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder und lehnen Impfungen deshalb ab. Wie argumentieren afghanische Impfgegner?
Teilweise geht es da um religiöse Vorbehalte. Aber die meisten lehnen das Programm ab, weil sie Vertreter der Regierung höchstens einmal in Monat zu sehen bekommen. Nämlich dann, wenn es um Polio geht. Die Menschen fragen sich: Warum bringen die uns nicht das, was wir wirklich brauchen? Eine anständige medizinische Versorgung, sauberes Trinkwasser und eine Schule, die nicht 15 Kilometer weit entfernt ist. Das sind legitime Forderungen, die Menschen hier fühlen sich im Stich gelassen. Erst langsam setzt sich der Gedanke durch, dass nur substanzielle Investments in die drei von Polio betroffenen Südprovinzen Abhilfe schaffen können. Gebt den Menschen wonach sie verlangen, stellt die Gemeinschaft und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt.

 

Vertreter der Regierung verweisen stets auf die fragile Sicherheitssituation im Land. Wie beeinträchtigt der Krieg den Kampf gegen Polio?
Die internationale Gemeinschaft hat den Virus in Ländern in den Griff bekommen, in denen die Sicherheitslage vergleichbar ist oder sogar noch schlimmer: Somalia, Sudan oder Nigeria. Einfach war es nirgendwo. Im Kongo gab es jahrzehntelang Krieg, überall waren Minen versteckt. Wenn ich die Situation in Afghanistan mit der in Somalia oder Sudan vergleiche, dann haben wir damals kaum Mittel zur Verfügung gehabt, nicht einmal richtige Unterkünfte. Geklappt hat es dennoch, weil wir hochmotiviert waren. Und Afghanistan hat eine kleine Bevölkerung, auch wenn es ein großes Land ist.

 

Dennoch: Die Taliban sind eine Realität, an der kein Hilfsprogramm im Land vorbeikommt.
Die Taliban sind eine beliebte Ausrede. Manchmal tun die Verantwortlichen so, als ob allein der zuweilen schwierige Zugang zu bestimmten Gebieten über das Wohl und Wehe des Programms entscheidet. Natürlich beeinflusst es unsere Arbeit, wenn die Taliban misstrauisch uns gegenüber sind. Aber man kann mit ihnen arbeiten, es gibt viele Entwicklungsprogramme in von ihnen kontrollierten Gebieten. So viel haben wir doch am Ende auch selbst in der Hand, etwa die Qualität unserer Impfkampagnen.

 

Was läuft schief?
Die Verantwortlichen haben das große Ziel aus den Augen verloren, die Leidenschaft ist weg. Was wir stattdessen haben: große Egos, die meinen, alles zu wissen. Niemand will sich an den Tisch setzen und grundsätzlich neu denken. Wir brauchen etwa mehr Krankenstationen, das ist nicht mal schwer umzusetzen. Man mietet einen Ort, stellt ein paar Leute ein und bezahlt sie anständig und rechtzeitig. Im Gegenzug kümmern die sich um die medizinischen Bedürfnisse der Gemeinschaft und impfen gleichzeitig gegen Polio.

 

Medizinische Versorgung in der Fläche ist nicht günstig und der afghanische Staat ist ohnehin von internationalen Hilfsgeldern abhängig. Ist Geld das Problem?
Es gibt zwei Gründe, warum Programme wie das unsere scheitern. Einer ist ein Mangel an Geld, der andere ein Überfluss. Ist zu viel Geld im Spiel, denken die Menschen nicht mehr nach, wofür sie es eigentlich ausgeben. Einfach, weil sie es sich ja leisten können. Wenn ein Projekt dann scheitert, scheint das halb so wild: Man kann es ja einfach erneut versuchen. Deshalb müssen die Geldgeber einen sinnvollen Einsatz ihrer Ressourcen einfordern. Nicht für jede Million, sondern für jeden einzelnen Dollar, den sie uns geben. Für jeden Cent sollten sie Rechenschaft verlangen. Am Ende müssen wir für jede der heute betroffenen Provinzen in Afghanistan ein individuelles Konzept vorlegen.

 

Um den Kampf gegen Polio aufzunehmen, müssen wir den Geldhahn zudrehen

 

Es passiert nicht oft, dass ein UN-Verantwortlicher die Finanzierung des ihm übertragenen Projekts kritisiert, weil sie zu großzügig ist.
Ich habe das auch Bill Gates persönlich gesagt, der mit seiner Stiftung ja den globalen Kampf gegen Polio mitfinanziert: Bitte besorg uns nicht noch mehr Geld. Wenn ich an all die verschwendeten Dollar denke. Hunderte Millionen, mit denen wir hier solide, regionale Gesundheitssysteme hätten aufbauen könnten. Weltbank, USAID, Kanada ... alle Geldgeber sollten die Finanzierung stoppen. Es muss ein Schock durch das System gehen. Und sobald es um ihr Gehalt geht, werden die Verantwortlichen zusammenkommen und ein effizientes Programm entwickeln. Um den Kampf gegen Polio aufzunehmen, müssen wir den Geldhahn zudrehen, bis ein Plan auf den Tisch kommt. Kein Geld mehr, wortwörtlich.

 

Sie fordern maßgeschneiderte Lösungen für Afghanistans Südprovinzen. Was macht die Arbeit hier zu einer Herausforderung?
Die Gegend wurde sowohl von den Mujahideen als auch den Taliban vernachlässigt. Es ist ja nicht so, dass es einfach nur Pech ist, dass der Polio-Virus sich hier ausbreitet. Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal, das Wasser schmutzig, grundlegende staatliche Dienstleistungen funktionieren nicht.

 

Polio in Afghanistan
Ein UNICEF-Mitarbeiter in Kandahar vor sowjetischen PanzerwracksFoto: Florian Guckelsberger

 

Hinzu kommt die geografische Nähe zur pakistanischen Grenze und eine paschtunisch dominierte Bevölkerung, die auf beiden Seiten der Grenze lebt.
Genau, wir impfen deshalb auch am Grenzübergang. Aber hier, am sogenannten Freundschaftstor ist die Impfung nicht verpflichtend. Immerhin werden wir von den pakistanischen Kollegen unterstützt. Und auch wenn viele Menschen am Anfang gemurrt haben, wird unsere Arbeit dort jetzt weitgehend akzeptiert.

 

Trotzdessen ist die Zahl der Polio-Fälle in Afghanistan zuletzt angestiegen. Lässt sich erkennen, von wo der Virus sich ausbreitet?
Die in den Südprovinzen Uruzgan, Helmand und Kandahar zirkulierenden Erreger lassen sich alle zu einem Ort zurückführen: Kandahar-Stadt. Deshalb ist dieser Ort unsere absolute Priorität. Und wie sollen wir dieses Problem angehen? Ich sage: Wir sollten uns um Kandahar nicht kümmern, als ginge es um Polio – sondern um Ebola. So schlimm ist es. Wir haben die Menschen hier im Stich gelassen.

 

Was passiert, wenn Polio in Kandahar nicht unter Kontrolle gebracht wird?
Der Virus wird sich verbreiten, andere Provinzen werden leiden. Das wäre ein Desaster und ein Rückschlag für das gesamte Polio-Programm. (Anm. d. Redaktion: Seitdem das Gespräch geführt wurde, wurden Polio-Fälle in den zwei bislang nicht betroffenen Provinzen Paktika und Nangarhar gemeldet). Wir torpedieren so ja nicht nur unsere eigenen Bemühungen, wir lassen auch die Afghanen hängen. Niemand hat die Menschen gefragt, ob sie wollen, dass die Vereinten Nationen hier hunderte Millionen Dollar für den Kampf gegen Polio ausgeben oder doch für etwas anderes. Es gibt so viele Probleme hier, Kinder sterben etwa an Durchfall.

 

Dabei ist es zunächst Aufgabe der afghanischen Regierung, eine Gesundheitsversorgung in der Fläche zu etablieren.
Korruption ist ein großes Problem. Sowohl in von der Regierung als auch in den von Taliban kontrollierten Gebieten. Korruption gibt es überall und sie ist extrem schwer zu bekämpfen. Jedes Programm ist davon betroffen, nicht nur unseres. Ich denke, dass nichts so viele Menschen tötet, wie Bestechlichkeit. Man sieht den Zusammenhang oft nur nicht auf den ersten Blick. Da verschwindet dann Geld, das für medizinische Einrichtungen oder Medikamente vorgesehen war. Manche Menschen bezahlen dafür mit ihrem Leben. Korruption ist ein tödlicher Virus.

 

Wie kann es weitergehen?
Wenn wir es ernst meinen mit dem Kampf gegen Polio, sollten wir uns sechs bis zwölf Monate Zeit nehmen und das Programm gründlich durchleuchten. Nicht vom Schreibtisch aus, sondern vor Ort mit den Menschen. Aber wenn ich Afghanistan und Pakistan heute ansehe, erwarte ich keine guten Nachrichten. Niemand tut, was nötig wäre. Niemand stoppt den Virus. Dabei müssen wir den Dinosaurier namens UNICEF wachrütteln. Heute ist der Kampf gegen Polio zu einem bloßen Job verkommen. Dabei ist er alles, nur das nicht.

 


Die Recherche des Autoren in Afghanistan wurde unterstützt mit einem Stipendium vom European Journalism Centre.

Von: 
Florian Guckelsberger

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