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Die Linke im Nahen Osten

Das revolutionäre Denken als Unglück der Arabischen Welt

Essay
Präsident Nasser zusammen mit Fidel Castro bei der UN
Der ägyptische Präsident zusammen mit Fidel Castro bei den Vereinten Nationen in New York Zeinab Mohamed (flickr)

Kann man Islamist, Sozialist und arabischer Nationalist zugleich sein? Die Geschichte der linken Ideologien im Nahen Osten und ihrer Folgen. Ein Essay.

Ist Ihnen dieses Narrativ schon einmal begegnet? Eine weitverbreitete Darstellung der modernen arabischen Geschichte geht in etwa so: Nach der arabischen Niederlage gegen Israel im Jahr 1967 gerieten die arabischen Gesellschaften durch den plötzlichen Niedergang des arabischen Nationalismus in eine tiefe politische, ideologische und spirituelle Krise. Demnach füllte in den 1970er-Jahren das Wiederaufleben des islamischen Fundamentalismus diese intellektuelle und ideologische Leere. Dieses Narrativ – zu finden unter anderem bei Bassam Tibi, Shadi Hamid oder im Magazin Foreign Policy – verdeckt und verzerrt jedoch mehr, als es die tatsächlichen Entwicklungen erklärt.

 

In den 1950er und 1960er Jahren erlangte die revolutionäre arabische Linke in den Zentren der arabischen Modernisierung, Ägypten und der Levante, eine – gemäß den Ideen des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci – gramscianische Hegemonie über alle kulturellen Institutionen. Sie verdrängte dabei ältere Intellektuelle, die noch unter dem liberalen britischen und französischen Einfluss aufgewachsen waren. In dieser Zeit schrieben Sayyid Qutb und andere Autoren einflussreiche islamistische Werke. Qutb selbst gehörte zu dieser dekolonisierenden revolutionären Generation und hätte ohne seinen Bruch mit Gamal Abdel-Nasser auch zur herrschenden Elite gehört.

 

Während dieser hegemonialen Phase entwickelten die Intellektuellen eine revolutionäre, antiwestliche und mitunter auch antisemitische Lesart des Islam. Zudem fällt diese Zeit mit den Gründungen der modernen arabischen Republiken zusammen: Schulsysteme, Schulbücher, Radio, Fernsehen, Filme und mehr vermittelten von nun an genau diese Lesart der islamischen Geschichte und vermischten dadurch letztlich das Religiöse im Marxismus einerseits und das gnostische und revolutionäre Gedankengut andererseits mit dem eigentlichen Islam.

 

Da der Marxismus das Fundament war, war eine vollständige Auflösung des religiösen in revolutionäres Denken die Folge. Erschwerend kam hinzu, dass die Nazi-Propaganda, die ein Jahrzehnt zuvor im Nahen Osten antijdüdische und antiamerikanische Propaganda mit islamischen Motiven und Symbolen vermischte, sehr einflussreich war.

 

Die Aufspaltung der arabischen Linken

 

Nach dem Schock über die Niederlage von 1967 spaltete sich die arabische Linke in verschiedene Lager. Das eine versuchte, die Schuld an der Niederlage nicht auf die gnostischen und religiösen Elemente des revolutionären Marxismus zu schieben – hierzu gehören etwa der metaphysische Glaube an die Revolution, die Unvermeidlichkeit der historischen Transzendenz oder die von den Schriften Frantz Fanons abgeleitete Aufwertung brutaler Gewalt –, sondern auf die volkstümliche arabische und muslimische Kultur.

 

Sie setzten umso mehr auf den Marxismus und das revolutionäre Gedankengut. Damit folgten sie dem Beispiel der europäischen Linken, die das revolutionäre Denken ebenfalls von der Annahme freisprach, dass auch Nazismus und Faschismus dessen Produkte waren. Stattdessen machten sie die »Reaktion des Spätkapitalismus« und die traditionelle Kultur verantwortlich.

 

Die größten Namen in diesem Lager sind Sadik Jalal Al-Azm, Hisham Sharabi, Yassine Al-Hafez und Mohamed Abed Al-Jabari. Insbesondere letzterer ist von großer Bedeutung, da sein Werk »Die Kritik der arabischen Vernunft« noch heute eine zentrale Rolle im arabischen Denken spielt. In seinem vierbändigen Hauptwerk behauptete Al-Jabari, dass das islamische Recht, der Glaube, das Denken, die Symbole, die Ideen und sogar die arabische Sprache reaktionär seien und im Widerspruch zu echter Vernunft und Rationalität stünden und damit die Ursache des arabischen Elends seien.

 

Ein weiterer wichtiger Name ist Mohamed Arkoun, der durch die Anwendung von Foucault und Derrida versuchte, die nihilistische postmoderne Wende herbeizuführen, um aus Muslimen gute, atheistische Linke zu machen. Auch sein Werk ist für aktuelle intellektuelle Debatten in der arabischen Welt von großer Bedeutung.

 

Das andere Lager entschied sich dafür, noch stärker auf die religiösen Elemente im Marxismus und das Gnostische im Revolutionären zu setzen. Mit dem Ziel eines Volkskrieges und einer Massenrevolution wendeten sie sich zuerst dem Maoismus zu, den sie auf den Islam anwendeten. Ihr Zentrum war der Libanon, den sie in ein arabisches Hanoi als Zentrum der Weltrevolution verwandeln wollten. Daher tragen sie schlussendlich auch eine Mitschuld am libanesischen Bürgerkrieg ab 1975. Hier zu nennen sind Hussein Murwwa, Hadi Al-Alwi, Munir Morkos, Adel Hussein und Mohamed Emara. Unter ihnen befanden sich interessanterweise einige aus dem Christentum kommende Konvertiten.

 

In Ägypten wurden junge marxistische Intellektuelle wie Abdel Wahab El-Messiri plötzlich zu islamischen Denkern. Er überarbeitete Karl Mannheims Wissenssoziologie zu einer Kritik am Westen, dem Zionismus, Israel und dem Judentum. Gleichzeitig bestätigte er den Islam als die einzig wahre Ideologie.

 

Die Leistung dieser Fraktion bestand darin, den Islam mit den von Natur aus atheistischen westlichen Philosophien in Einklang zu bringen, so wie Ali Shariati es in Iran tat. Wenn der Islam wie eine atheistische, totalitäre und gewalttätige Ideologie erscheint, hat das seinen Grund. Genau das war nämlich der Kontext für die Revolution in Iran, den Aufstieg der Muslimbruderschaft und die Ermordung Sadats in Ägypten, die marxistische Gewalt in Afghanistan, die links-islamische Wende in Pakistan unter Zia-ul-Haq und mehr. Es ging nicht um Gott, sondern um den Islam als revolutionäre Heilsbewegung.

 

Darüber hinaus gibt es auch noch eine dritte Gruppe der ursprünglichen arabischen Linken. Diese entschied sich dafür, weiterhin mit den Einparteienstaaten der Baath-Regierungen in Syrien und Irak sowie anderen arabischen nationalistischen Regimen zusammenzuarbeiten. Sie waren in den Staatsmedien präsent. In Ägypten versuchte Sadat, den Staat von ihnen zu säubern, nachdem sie gegen die strategische Neuausrichtung vom sowjetischen ins amerikanische Lager und den Frieden mit Israel gehetzt hatten. Kurz vor seiner Ermordung 1981 ordnete Sadat sogar die Verhaftung von über Tausend Intellektuellen an.

 

Sein Nachfolger Hosni Mubarak ließ die Intellektuellen sofort aus dem Gefängnis frei. Er traf stattdessen eine unausgesprochene Abmachung mit ihnen: Der Staat würde mit den USA und Israel verhandeln, aber die Intellektuellen würden die Kontrolle über die antiamerikanische und antiisraelische Haltung in der nationalen Kultur behalten. Auf diese Weise entstand der ägyptisch-israelische kalte Frieden.

 

Die Linke, die Regime und der Islamismus

 

Die konservativen und traditionelleren Golfstaaten, die sich in dieser Zeit intellektuell nicht modernisiert haben, sind deshalb auch nicht so stark betroffen. Sie mussten sich eher mit religiösem Fundamentalismus auseinandersetzen, waren aber nicht Teil der globalen Welle spontaner revolutionärer Eruptionen, die nach und nach das soziale und kulturelle Gefüge des Irak, Syriens, des Libanon, der Palästinenser, Ägyptens und Libyens erodierten.

 

Die interne Spaltung des linken Milieus legte den Grundstein für brutale Regime, große Konflikte, den Islamismus und viele der späteren Bürgerkriege. Die Intensivierung des Antisemitismus und der Verschwörungstheorien seit den frühen 1970er-Jahren waren Versuche der Gesellschaft, durch den klassischen Mechanismus des Sündenbocks einen gewissen Zusammenhalt und eine gewisse Stabilität der politischen Ordnung aufrechtzuerhalten.

 

In den 1970er-Jahren wurde das gesamte moderne Erbe des arabischen revolutionären Denkens islamisiert, sowohl in faschistischen als auch in linken Varianten. Dieser Prozess der Selbstzerstörung fand unter der Ägide der internationalen, insbesondere der französischen, Linken statt, die diese »Befreiungsbewegung« bejubelte und die Intellektuellen der Dritten Welt aktiv und bewusst gegen den Westen und speziell die USA mobilisierte und indoktrinierte.

 

Es waren der algerische Dschihad und die Schriften von Fanon und Sartre, auf denen palästinensische Gruppierungen ihre Gewalttheorien aufbauten; so nutzte die Fatah in ihrem ersten Rundschreiben nach der Terrorattacke auf die Olympischen Spiele 1972 in München ein Zitat von Fanon auf dem Titelblatt. Es war wiederum dann diese Gewalt, die später als Inspiration für den internationalen islamistischen Terrorismus diente.

 

In den späten 1990er und frühen 2000er Jahren sollte die Antiglobalisierungs- und Antikriegsbewegung der Linken in einer Zeit zunehmender Radikalisierung und zunehmenden sozialen Zusammenbruchs noch mehr ideologische Unterstützung bieten. Eine der wichtigsten Entwicklungen war die Entstehung eines neuen muslimischen Identitätsgefühls. Die Atmosphäre des Kampfes und Widerstands, die in der marxistischen Dialektik und nationalen Befreiungsideologien von zentraler Bedeutung ist, wurde nun auch zum Kern des muslimischen Geschichtsbildes.

 

Anfangs richtete sich dieser Kampf gegen Juden und den Imperialismus. Die fortschreitende ideologische und gesellschaftliche Radikalisierung und Islamisierung führten schließlich zu einer Ausweitung auf alle »Ungläubigen«. Die »palästinensische Frage« nimmt hierbei eine wesentliche Rolle ein, denn sie bündelt alle Phasen dieses Kampfes.

 

Die Gemeinsamkeiten zwischen dem arabischen Nationalismus und dem Zionismus

 

Der arabische Nationalismus und der Zionismus hatten einen sehr ähnlichen Ausgangspunkt: eine Mischung aus Sozialismus und Nationalismus, kombiniert mit einigen Grundpfeilern des marxistischen Denkens und basierend auf dem radikalen Atheismus, den Marx brachte. Damals war das die stärkste ideologische Mischung, die wahre politische Avantgarde. Jeder, ob Jude oder Araber, wollte ein sozialistischer Nationalist nach europäischem Vorbild sein und eine neue Gesellschaft schaffen. Die meisten Intellektuellen glaubten, dass dies die letzte Stufe der Geschichte sei. Der frühe starke zionistische Antijudaismus war eine Folge davon.

 

Was danach geschah, war eine Divergenz: Während die Israelis sich entradikalisierten und den Zionismus weiterentwickelten und das Judentum wiederentdeckten, geschah mit den Arabern und Muslimen das Gegenteil: Sie radikalisierten sich zunehmend und landeten schließlich im Nihilismus. So verloren sie das Selbstverständnis für sich und ihre Traditionen noch mehr als zuvor. Aus diesem Grund wurde Israel Ende der 1970er Jahre immer jüdischer und die Araber wurden immer mehr zu einem Nichts.

 

Um diese Entwicklung zu verstehen, muss man eine historische Perspektive einnehmen und berücksichtigen, dass beispielsweise in den 1940er Jahren ein junger gebildeter Mensch gleichzeitig Sozialist, Islamist, arabischer Nationalist etc. sein konnte. Unterschiedliche Ideologien sind das Ergebnis eines historischen Prozesses, der erst später einsetzte. Die Menschen, die später zu den Gründern der Baath-Partei, des arabischen Nationalismus, der Muslimbruderschaft, des syrischen Nationalismus und des palästinensischen Nationalismus gehörten, stammten aus ein- und demselben Milieu. Damals gab es keine klaren Trennlinien zwischen all diesen Gruppierungen.

 

Das am Anfang dargestellte Narrativ, demnach die Niederlage im Sechstagekrieg eine große Trennlinie im ideologischen Denken darstellt, ist daher falsch. Die Niederlage von 1967 ist nicht als Zeitenwende zu verstehen, sondern der danach entstandene Islamismus ist lediglich eine Fortführung der gewaltbereiten Ideologie der sogenannten säkularen arabischen Linken.

 


Hussein Aboubakr Mansour (32) ist ehemaliger Aktivist und politischer Häftling aus Ägypten. Seit 2012 lebt er als Exilant in den USA und arbeitet dort mit jüdischen Organisationen beim Kampf gegen Antisemitismus zusammen.

Von: 
Hussein Aboubakr Mansour

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