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Interview zu Schiiten in Nigeria

»Immer mehr Nigerianer pilgern nach Kerbela«

Interview
Islamismus-Forscher Mukhtar Umar Bunza über den schiitischen Islam in Westafrika
Foto: Daniel Gerlach

Islamismus-Forscher Mukhtar Umar Bunza erklärt, wie der schiitische Islam binnen weniger Jahrzehnte Verbreitung in Westafrika fand – und warum sich Hassan Nasrallah in nigerianische Politik einmischt.

zenith: Die schiitische »Islamische Bewegung Nigerias« (IMN) wurde im Sommer 2019 auf die Terrorliste gesetzt und verboten. Ihr Gründer Ibrahim Zakzaky sitzt in Haft. Ist der schiitische Islam schon lange in Nigeria heimisch oder ist das eine relativ neue Erscheinung?

Mukhtar Umar Bunza: Die Verbreitung schiitischer Ideologie in Nigeria ist ein vergleichsweise neues Phänomen. Sein Ursprung liegt in der Islamischen Revolution 1979, die ja anfänglich in weiten Teilen der muslimischen Welt begrüßt wurde. Iran wurde damals als aufstrebende Macht und antiimperialistische Widerstandsbewegung zu den Staaten der westlichen Welt gesehen. Wer damals mit Iran sympathisierte, war nicht unbedingt Anhänger der schiitischen Ideologie, sondern eher auf der Suche nach neuen politischen Allianzen. Menschen unterschiedlicher politischer Couleur begannen, mit Iran zu sympathisieren und mit sich mit der Ideologie zu identifizieren.

 

Haben die Iraner über ihre diplomatischen Kanäle diese Entwicklung aktiv befördert?

Ja, Iran machte sich diese Gefühlslage zunutze und nahm insbesondere die Universitäten ins Visier. Dafür produzierte man extra eine Reihe von Publikationen, Bücher, Magazine, Newsletter, in englischer Sprache. Dieses Material war umsonst und wurde auf dem Campus verteilt. Das iranische Konsulat in Lagos organisierte diese Aktionen.

 

Was stand denn in solchen Schriften?

Ich erinnere mich noch gut daran, wie damals in den Achtzigern, als ich an der Universität studierte, ganze Ladungen mit iranischen Schriften eintrafen. Jeden Monat. So sollten die Studierenden indoktriniert werden. In diesen Pamphleten präsentierte sich Iran als Retter der muslimischen Welt, denn schließlich sei Saudi-Arabien ja mit den Amerikanern verbündet.

 

Versuchten diese Schriften auch mit religiösen Argumenten zu punkten?

Die Frage des Dschihads kam schon auf, ebenso priesen die Schriften die Vorzüge eines »islamischen« politischen Systems. Und stießen bei jungen Menschen wie dem damals 26-jährigen Ibrahim Zakzaky, dem späteren Gründer der IMN, wohl auf Gehör.

 

Wie entwickelte sich seitdem der Anteil der schiitischen Muslime an der nigerianischen Bevölkerung?

Von den 200 Millionen Nigerianern folgen 120 Millionen dem Islam. Ich schätze, dass inzwischen etwa fünf Millionen davon Schiiten sind.

 

Praktizierende Schiiten oder Anhänger der iranischen Auslegung des politischen Islams?

Genau das ist unser Problem bei der Erfassung des schiitischen Bevölkerungsanteils. Als die Bewegung von Ibrahim Zakzaky darauf drängte, sich ganz der schiitischen religiösen Doktrin zu verschreiben, lehnten viele Iran-Sympathisanten das ab. Sie argumentierten, dass sie weder Sunniten noch Schiiten seien, sondern lediglich die Wiederbelebung des Islams in Politik und Gesellschaft befürworteten. Aus dieser Spaltung ging dann die Bewegung »Tajdidi Islami – Islamische Erneuerung« hervor.

 

In welchen Regionen des Landes leben Nigerias Schiiten?

Ihr wichtigstes Zentrum ist Zaria, eine Stadt mit etwa 700.000 Einwohnern im nördlichen Bundesstaat Kaduna. Im Übrigen ist die Zugehörigkeit zur Schia dort nicht an ethnische Zugehörigkeit gebunden – es ist die Heimatstadt und Basis von Ibrahim Zakzaky.

 

Welche Verbindungen bestehen zwischen den praktizierenden Schiiten Nigerias und den Heiligen Stätten der Schiiten im Nahen Osten?

In den vergangenen Jahren begeben sich immer mehr nigerianische Schiiten auf Pilgerreise in den Irak, etwa anlässlich von Festen wie Aschura. Zakzakys Anhänger haben zudem einige Praktiken und Konventionen von Schiiten im Nahen Osten übernommen. Die sogenannte Zeitehe zum Beispiel. Und die Versammlungsräume für Gebet und Rezitation werden mittlerweile fast überall als Husseiniya bezeichnet. In Kerbela im Irak finden sich unter den Märtyrerplakaten auch Porträts von nigerianischen Opfern antischiitischer Gewalt. Selbst Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah nahm darauf in einer seiner Reden Bezug und verurteilte die nigerianische Regierung aufs Schärfste. Im Dezember 2015 griffen Armeeeinheiten Zaria an und töteten etwa 350 Schiiten, Anhänger von Zakzakys IMN.

 

Was führte zu dieser blutigen Konfrontation?

Zakzakys Anhänger hatten der Regierung des gerade gewählten Präsidenten und früheren Militärmachthabers Muhammadu Buhari die Legitimität abgesprochen. Ein Vorfall brachte dann das Fass zum Überlaufen: IMN-Mitglieder hinderten Armeechef Tukur Buratai an einem ihrer Checkpoints an der Weiterfahrt. Das rief dann das Militär auf den Plan, das sich im Namen seines Vorgesetzten rächen wollte.

 

Spielte die libanesische Hizbullah bei dieser Aufrüstung eine Rolle?

Es ist sehr schwierig, eine direkte Unterstützung nachzuweisen. Doch da IMN-Mitglieder inzwischen recht häufig in den Libanon und nach Iran reisen, kann man nicht ausschließen, dass sie dort auch militärisch ausgebildet werden. Auslandsgemeinden libanesischer Schiiten finden sich in mehreren Staaten Westafrikas.

 

Wie verhält sich diese Diaspora in Nigeria gegenüber der IMN?

Ich denke, dass aus den Reihen dieser Gemeinschaft Finanzhilfen für die IMN kommen. In welcher Form? Unmittelbare finanzielle Unterstützung lässt sich auch in diesem Fall kaum nachweisen. Es gibt Hinweise auf ideologische Affinität: Im Bundesstaat Sokoto etwa haben libanesisch- nigerianische Investoren ein Wasseraufbereitungswerk auf den Namen »Ghadir« getauft« – eine Anspielung auf den Teich Ghadir Khumm, an dessen Ufern der Prophet Muhammad nach schiitischer Überlieferung einst seinem Vetter Ali Abi Ibn Talib die Nachfolge zugesichert haben soll. Zudem mischt die libanesisch-nigerianische Business-Community im Handel mit Tierfellen und -häuten mit. Und viele der Zwischenhändler in diesem Geschäft sind mit der IMN affiliiert.

 

Gerät die IMN als schiitische Gruppierung auch ins Visier von sunnitischen Extremisten wie Boko Haram?

Boko Haram nimmt vor allem sunnitische Autoritäten ins Visier, denn zu denen stehen sie ja in Konkurrenz. Der Großteil der Opfer des Boko-Haram-Terrors sind sunnitische Muslime.

 

Warum gründet die IMN keine politische Partei in Nigeria?

Sie erkennt die nigerianische Regierung nicht an. Das steht im Gegensatz zum Libanon, wo die Hizbullah in der Regierung sitzt und kein Problem hat, dort mit Nicht-Muslimen am Kabinettstisch zu sitzen.

 

Wie geht die nigerianische Regierung damit um?

Sie ist da in einer Zwickmühle: Auf der einen Seite will man nicht als intolerant gegenüber politischem Dissens erscheinen. Auf der anderen Seite hat die IMN die Grenzen der Meinungsfreiheit weit überschritten und sich mit der Bewaffnung aus dem zivilen Konsens verabschiedet.


Mukhtar Umar Bunza ist Professor für Social History an der Usmanu Danfodiyo University in Sokoto im gleichnamigen Bundesstaat im Nordwesten Nigerias. 2019/2020 ist er Fellow an der »Bayreuth Academy for Advanced African Studies« der Universität Bayreuth. Mukhtar Umar Bunza forscht über politischen Islam und islamistische Bewegungen in Zentral- und Westafrika.

Von: 
Daniel Gerlach

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